mini|Positano in der Provinz Kampanien, Zufluchtsort des Autors Der Taubenturm ist der Titel eines 1966bei R. Piper & Co München publizierten Romans mit autobiographischen Bezügen von Stefan Andres. Die Handlung spielt im Herbst 1943 in einer Zeit des politisch-militärischen Umbruchs in Italien. Erzählt wird der Überlebenskampf einer deutschen Familie, die 1933 einen Zufluchtsort in der Nähe Neapels gefunden hat. Ihre Situation erinnert an die des Autors, der im Roman seine Entscheidung für ein Exil in einem Staat mit faschistischer Regierung thematisiert.

Überblick Die Haupthandlung, die im Wechsel aus der Perspektive Odilos und aus der kindlichen Sichtweise seiner Tochter Felizitas erzählt wird, spielt vom 30. August bis zum 8. Oktober 1943 in einem kampanischen Städtchen, das die Familie 1933 als Exilort gewählt hat. In der Endphase des Zweiten Weltkriegs ändern sich in Italien die politisch-militärischen Verhältnisse und verunsichern das Leben der Protagonisten, obwohl die Menschen der Stadt, in der es kaum Faschisten gibt, auf den Systemwechsel und die militärischen Operationen in ihrem Gebiet zwar mit Freude, jedoch ohne öffentliche Auseinandersetzungen reagieren und Odilos Familie unabhängig von der politischen Situation immer freundlich und verständnisvoll behandeln.

Die durch den Tod der ältesten Tochter Madleen verursachte Ehekrise überlagert die schwierige finanzielle Situation. Die Unterstützungen aus Deutschland haben sich auf gelegentliche Nahrungsmittelakte von Susannes Eltern reduziert. Die Familie lebt in Armut, kauft auf Kredit oder im Austausch mit Wertgegenständen sparsam Lebensmittel, die gerade für das Überleben ausreichen. Die Entscheidung Odilos für die Sonderform des Exils in einem Staat mit faschistischer Regierung thematisiert der Autor in Diskussionen des Protagonisten mit seiner Frau.

In der Geschichte gibt es zwei Einschnitte: Konnte Odilo vor der Besetzung durch deutsche Truppen in relativer Sicherheit leben, so ist er nach der kuriosen Einquartierung seines Schwagers Wilhelm, Kompaniechef einer auf den Bergen über der Stadt stationierten Einheit, in seinem Haus in ständiger Gefahr, bei Durchsuchungen verhaftet zu werden. Nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten und deren Landung in Neapel und dem Rückzug der deutschen Truppen verändert sich erneut die Situation. Jetzt wird Odilo von den Besatzern als ein potentieller deutscher Spion behandelt und soll sich, damit er nicht den Schiffsverkehr auf dem Meer beobachten kann, auf einen 15 km von der Küste entfernten Ort zurückziehen. Durch die Beziehungen der amerikanischen Freundin Nell kann dies verhindert werden, und so bleibt die Familie zusammen und Odilo und Susanne versuchen, nach der Verarbeitung der schweren Zeit ihre Beziehung neu zu beleben.

Inhalt Vorgeschichte Der Sinologe Odilo und Susanne heirateten 1930 in Peking. Zu dieser Zeit arbeitete er im Auftrag des Auswärtigen Dienstes an einer neuen Umschrift der chinesischen Zeichen. Als Kritiker des Nationalsozialismus quittierte er 1933 den Staatsdienst und zog sich mit seiner Frau, die seine Einstellung unterstützte und ihre Kontakte zu ihrer nationalistisch orientierten Familie einschränkte, in ein abgelegenes italienisches Städtchen bei Sorrent zurück. Aber man blieb im Einflussbereich der italienischen Faschisten. Ausschlaggebend für diesen Kompromiss waren devisenrechtliche Überlegungen. Sie mussten ihr Leben mit ihren Vermögensresten finanzieren. Odilo verdiente anfangs etwas Geld durch Übersetzungen und literarische Arbeiten, und das musste aus Deutschland überwiesen werden. Diese Abhängigkeit wirkte sich auch auf seine Publikationen aus, in denen er politische Themen vermied. Kritische Gedanken notierte er in chinesischer Umschrift. Odilos Selbstwertgefühl litt an dieser Einschränkung. Dagegen kam er, im Gegensatz zu seiner Frau, mit den täglichen Provisorien zurecht. Susanne, die an Wohlstand gewöhnte Weltreisende, tat sich schwer mit dem einfachen Leben im hoch am steilen Hang gelegenen Häuschen ohne elektrischen Strom und fließendes Wasser. Obwohl sie Nahrungsmittel auf Kredit kaufen musste, ließ es ihr Stolz nicht zu, sich und den Kindern gegenüber ihre Armut einzugestehen.

Odilo und Susanne Odilo Seit der Besetzung Italiens durch deutsche Truppen ist die Situation des 50-jährigen Odilo lebensgefährlich geworden. Konnte er sich vorher im Städtchen frei bewegen, fürchtet er jetzt seine Verhaftung, weil er sich der Wehrpflicht entzog, und verlässt kaum das Grundstück. Nach dem Tod der Tochter Madleen, die 12-jährig an einer Typhus-Infektion starb, streute er das Gerücht, er habe in einem Zustand seelischer Verwirrung die Familie verlassen und sei verschwunden. Wenn Besuch kommt, versteckt er sich in einer Zisterne. Er fürchtet Durchsuchungen seines Hauses und schreibt seine Gedanken in seiner von ihm erfundenen chinesischen Umschrift auf. An praktischen, handwerklichen Dingen ist er uninteressiert. Er lebt als Wissenschaftler und Literat in seiner geistigen Welt der Bücher, beobachtet die Stadt und die Küste mit seinem Teleskop, informiert sich durch sein Radiogerät über die politische Entwicklung und hofft auf die Realisierung seiner Utopie einer friedlichen Gesellschaft nach dem Krieg. Die Organisation des Alltags überlässt er seiner 17 Jahre jüngeren Frau Susanne (Susi).

Inzwischen hat Odilo Zweifel an der Richtigkeit seiner Ortswahl. Die italienische faschistische Regierung unterstützt den deutschen Krieg, und die Zeitungen verschweigen die Gräueltaten der SS in Polen und der Sowjetunion und in den Konzentrationslagern. Odilo reflektiert, was er nach seiner Rückkehr nach Deutschland zu erwarten hat. Er wird als Emigrant zu den „schwarzen Schafen […] aus denen man später nach Bedarf die Sündenböcke auswählt“ gerechnet werden: „Unser Name bleibt auf eine nicht feststellbare Weise wie eine Spielkarte gezinkt. Der Nachfolgestaat wird uns nicht vorwerfen, dass wir seinen Vorgänger bekämpften, aber dass wir weggingen – ohne Grund! Wird man in meinem Fall sagen – das vergisst man uns nicht. Wir haben uns, so wird es heißen, von unserem Schicksal dispensiert, und darum gelten wir als unzuverlässig, unbrauchbar. Und wenn unsere Richter uns auch viel nachsehen, dies nicht, dass wir nicht mit-geirrt haben…“Kap. 4. September …

Susanne Susanne hätte es lieber gesehen, wenn Odilo bei Kriegsbeginn nach Deutschland gegangen wäre und sich als Sanitäter oder Dolmetscher zur Verfügung gestellt hätte. Sie wäre mit den Kindern bei ihren Eltern untergekommen und dort gut versorgt worden. Das ärmliche Leben in Italien ertrug sie anfangs hoffnungsvoll und stark, doch nach dem Tod Madleens vor 2 Monaten zeigt sich ihre latente Unzufriedenheit. Sie wirft ihrem Mann vor, nicht beim Generalkonsulat in Neapel um finanzielle Unterstützung gebeten zu haben, um die Tochter in einem Krankenhaus behandeln zu lassen. Sein „ethischer Rigorismus“Kap. 7. September… habe ihn daran gehindert, eine Institution, die er bekämpfte, um Hilfe zu bitten. Dieser Vorwurf erweitert sich auf seine Idee eines Refugiums in Italien und außerdem auf seinen Druck, einen Schwangerschaftsabbruch unter schlechten hygienischen Bedingungen auf dem Küchentisch vornehmen zu lassen.wie sie es im Kap. Klug wie die Schlangen dem deutschen Leutnant Dr. Maier und indirekt ihrem zuhörenden Bruder mitteilt. Seit dem Tod Madleens ist die Ehe in einer Krise und die sexuelle Beziehung der beiden ist gestört. Nach dem Besuch ihres Bruders Wilhelm verstärken sich diese Spannungen, v. a. nachdem Odilo den Schwager zweimal daran hindert, zu seiner Einheit zurückzukehren, und Susanne dies als neue Beweise für seinen „ethischen Rigorismus“ und seine doktrinäre Pädagogik ansieht.Kap. 7. September… Die Situation eskaliert, als Odilo in seiner verzweifelten Wut seine Frau und seine Kinder schlägt, ins Städtchen verschwindet und nach der Landung der Alliierten am 8. September an Befreiungsfeiern der Bevölkerung bei der „Chiesa nuova“ teilnimmt, wo ihn Franzisca entdeckt und zur Familie und zur Versöhnung mit seiner Frau zurückholt.

Obwohl sich Susanne ihrer finanziellen Lage bewusst ist und nur auf Kredit einkaufen kann, ist es für ihren Stolz schmerzhaft, von Felizitas zu hören, dass sie in der Stadt als arme Flüchtlinge gelten, mit denen man Mitleid hat, und sie verbietet der Tochter, zu betteln, obwohl sie im Prinzip das gleiche bei den Contessen macht. Schließlich sieht sie keine Möglichkeit mehr, auf dieser Basis die Familie zu ernähren und sucht einen Ausweg. Nach der Landung der Alliierten hat sie bei den Contessen einen englischen Brigadier kennengelernt, und dieser hat ihr eine Stelle als Dolmetscherin angeboten. Damit setzt sie ihren Mann unter Druck: Wenn er nicht die Familie ernähren könne und sich nur mit seinen Studien und seinem Traum von einer Professur nach dem Ende des Krieges befasse, werde sie mit den Kindern nach Neapel ziehen und als Dolmetscherin arbeiten. Aus Angst, sie zu verlieren, rafft er sich auf und schlägt vor, sein Zeichentalent zu nutzen und aquarellierte Postkarten an die alliierten Soldaten zu verkaufen. „Sahnige Sentimentalitäten, Himbeereis am Abendhimmel, grottengrünes, grottenblaues Meer und das keusche Weiß einer Welle, die schlafengeht. Hoffentlich finde ich, wenn ich kühn tauche, die wärmliche Kitschquelle drunten im Meer meiner Möglichkeiten. Avanti ich opfere der Juno moneta!“Kap. 15. September

Neuanfang Die Postkarten verkaufen sich gut, und die Begegnung mit der unglücklichen reichen Amerikanerin Nell, die Felicitas und Urban täglich zum Essen einlädt, gibt ihnen neuen Lebensmut. Nell ist nach Italien gekommen, um sich das Pflegerechts für ihre beiden Kinder Pierluigi und Kathrin nach der Scheidung von ihrem italienischen Mann gerichtlich zu erstreiten. Im Vergleich mit ihr kommt Odilo und Susanne ihre familiäre Situation nicht mehr so ausweglos vor wie zuvor: „Wieviel Brutalität steckt doch in dem heiligen Wort »Leben«, gerade wenn es sich erneuert, wieder zu Kräften kommt.“Kap. Es muss der 19. oder 20. sein…

Wilhelm