Das Lessing-Gymnasium ist ein altsprachliches Gymnasium mit musikalischem Schwerpunkt und eine der traditionsreichsten Schulen in Frankfurt am Main, benannt nach Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781). Gemeinsam mit dem Goethe-Gymnasium geht es auf die städtische Lateinschule zurück, die der Rat der Reichsstadt Frankfurt 1520 zur Erziehung der Patriziersöhne gründete. 1897 wurde die Schule in zwei selbständige Gymnasien geteilt. Bis heute beruft sich das Lessing-Gymnasium auf seine humanistische Tradition, so dass die erste Fremdsprache Latein ist und in der achten Klasse als dritte Fremdsprache Altgriechisch gewählt werden kann. Im Schuljahr 2008/2009 besuchten ungefähr 940 Schüler das Lessing-Gymnasium.

Schulprofil und Schulleben heute Das Lessing-Gymnasium ist der Tradition des humanistischen Gymnasiums verpflichtet. Zu den pädagogischen Zielen gehören eine breite Grundbildung, Werte- und Methodenorientierung, Wissenschaftsorientierung, Handlungs- und Berufsorientierung mit dem Ziel, die Persönlichkeit der Schüler umfassend zu bilden.Schulinfo für Eltern von Grundschulkindern, Jahrgang 2008/2009 Es ist eine der beiden Schulen in Frankfurt, die mit Latein als erster Fremdsprache beginnen. Englisch wird als zweite Fremdsprache ebenfalls bereits ab der Sexta (fünfte Klasse) unterrichtet. Bis Ende des 20. Jahrhunderts war Altgriechisch Pflichtfach, seitdem wird es neben Französisch als dritte Fremdsprache ab der Untertertia (achte Klasse) angeboten. In der Unter- (zwölfte Klasse) und Oberprima (dreizehnte Klasse) belegten im Schuljahr 2006/2007 insgesamt fünf Schüler einen Griechischkurs, im Schuljahr 2007/2008 zwölf Schüler.

Das Lessing-Gymnasium zeichnet sich besonders durch seine Orchester und Chöre aus und führt damit seine musische Tradition fort. So gibt es jeweils für die Unterstufe, die Mittelstufe und die Oberstufe ein Orchester. Daneben existieren noch drei Chöre, einer für die Sexta, einer für Quinta (sechste Klasse) und Quarta (siebte Klasse) und einer für die Mittel- und Oberstufe. Neben den traditionellen symphonischen Schulkonzerten, die in der Aula der Schule stattfinden, treten die Chöre auch gelegentlich auf öffentlichen Bühnen auf, so etwa an der Oper Frankfurt 2002 bei der Uraufführung der Kinderoper Dr. Popels fiese Falle von Moritz Eggert.Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Juni 2002 Eine Theater-AG, an der sich Schüler aus allen Klassenstufen beteiligen können, rundet das kulturelle Angebot der Schule ab.

Traditionell findet jährlich seit 1967 während der Weihnachtsferien eine Ski-Freizeit nach Niederau (Gemeinde Wildschönau, Tirol) statt, an der über 200 Schüler teilnehmen. Eltern und Ehemalige bilden das Team der Betreuer und Skilehrer auf ehrenamtlicher Basis.

Das Lessing-Gymnasium unterhält eine Schulpartnerschaft mit der Duluti Secondary School in Arusha, Tansania. Seit etwa 50 Jahren besteht ein regelmäßiger Schüleraustausch mit dem Lycée du Parc in der Frankfurter Partnerstadt Lyon.

Am 14. September 2020 fand in der Frankfurter Paulskirche ein Festakt zum 500. Jahrestag der Gründung der Lateinschule statt. Die übrigen zum Jubiläum geplanten Festlichkeiten wurden wegen der COVID-19-Pandemie in Deutschland auf 2022 verschoben.

Gründung der Lateinschule Rektoren der Lateinschule Zeitraum Rektor 1520–1523 Wilhelm Nesen 1523–1524 Ludwig Carinus 1524–1533 Jakob Micyllus (1533–1537) Johann Moser 1537–1547 Jakob Micyllus 1547–1550 Eobaldus Sylvius 1550–1562 Johann Knipius 1562–1563 Georg Dimpelius 1563–1568 Jeremias Homberger 1568–1576 Philipp Lonicer 1576–1580 Henricus Petreus 1581–1582 Theobald Müller 1583 Johannes Raschius 1584–1598 Matthäus Bader 1599–1615 Adelarius Cravelius

Im ausgehenden Mittelalter hatte Frankfurt noch keine öffentlichen Schulen. An den drei Kollegiatstiften St. Bartholomäus, St. Leonhard und Zu unserer Lieben Frau auf dem Berge gab es Stiftsschulen, die jedoch vorwiegend der Ausbildung ihres geistlichen Nachwuchses dienten. Das aufstrebende Bürgertum war für die Erziehung seiner Söhne auf Privatlehrer angewiesen. Anfang des 16. Jahrhunderts begannen daher einflussreiche Patrizier, vor allem Hamman von Holzhausen, Claus Stalburg und Philipp Fürstenberger, die städtische Obrigkeit zur Einrichtung einer Lateinschule zu bewegen. Am 23. Dezember 1519 beschloss der Rat der Stadt Frankfurt schließlich, daß man nach einem redlichen, gelehrten und von mores geschickten Gesellen trachten solle, der die jungen Kinder in der Lehre anhalteRudolf Jung, Archivalische Findlinge – Cochlaeus als Bewerber um das Rektorat der Frankfurter Lateinschule 1520, in: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst (AFGK) 25, 1899, S. 335 und beauftragte Fürstenberger entsprechende Verhandlungen aufzunehmen. Zur Finanzierung der Rektorenstelle sollte künftig ein Reisiger Knecht weniger unterhalten werden, sofern die Stelle nicht mit Hilfe testamentarischer Vermächtnisse unterhalten werden konnte.

Am 2. Juni 1520 bewarb sich Johannes Cochläus, seit Anfang des Jahres Dechant des Liebfrauenstiftes, bei Fürstenberger, allerdings vergeblich, denn der Rat berief am 14. September 1520, wahrscheinlich auf Empfehlung Stalburgs, den Poet und Erfarnen in lateinischer und griechischer Sprach Wilhelm Nesen zum ersten Rektor; dieser Tag gilt daher als Gründungsdatum der Lateinschule. Am 11. Oktober 1520 fertigte der Rat die Bestallungsurkunde aus.

Nesen hatte schon seit dem Frühjahr 1520 in Frankfurt die Söhne einiger prominenter Patrizier privat unterrichtet, unter ihnen Justinian von Holzhausen. Nesen erhielt ein Jahresgehalt von 50 Gulden sowie ein Schulgeld von zwei Gulden pro Schüler und Jahr. Neben dem Unterricht für die Lateinschüler verpflichtete er sich auch, täglich eine Stunde Vorlesung für ehrbare Hörer zu halten und sich dem Rat für weitere Verwendungen, zum Beispiel als Verfasser von Prunkreden, bereitzuhalten.

Die Schule war zunächst im Haus Zum Goldstein untergebracht (in der Buchgasse, etwa dort, wo heute der Rathausturm Langer Franz steht). Schräg gegenüber lag der Gasthof Zum Strauß, wo Martin Luther auf seiner Reise zum Wormser Reichstag am Sonntag, dem 14. April 1521, sowie bei seiner Rückkehr am Samstag, dem 27. April 1521, abstieg.Ernst Nebhut, Ferry Ahrlé: Frankfurter Straßen und Plätze. Erstausgabe. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 1974, ISBN 3-7973-0261-4, Seite 20.Achim Mittler: Martin-Luther-Straße. frankfurt-nordend.de

Am Tag nach seiner Ankunft besichtigte Luther die neugegründete Lateinschule und lernte dabei auch Nesen kennen. Nesen wurde zum intellektuellen Kopf der Anhänger Luthers in Frankfurt, seine Auseinandersetzung mit seinem unterlegenen Konkurrenten und radikalen Luther-Gegner Cochläus war einer der ersten Schritte zur Einführung der Reformation in Frankfurt.Georg Eduard Steitz: Der Humanist Wilhelm Nesen, der Begründer des Gymnasiums und erste Anreger der Reformation in der alten Reichsstadt Frankfurt a. M. Lebensbild, auf Grund der Urkunden dargestellt. In: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst (AFGK) 14, 1877, S. 36–160 Im April 1523 wurde er an die Universität Wittenberg berufen. Nachfolger als Rektor der Lateinschule wurde sein Freund Ludwig Carinus aus Luzern. mini|Kopf der Melanchthon-Statue an der Schule In Wittenberg lernte Nesen Philipp Melanchthon kennen, der für die weitere Entwicklung der Lateinschule prägend wurde. Im Sommer 1524 reisten Nesen, Melanchthon und Camerarius gemeinsam durch Frankfurt. Da Carinus in seinem Rektorenamt unzufrieden war, empfahl Melanchthon einen seiner Schüler, den erst 21 Jahre alten Jakob Micyllus, als Nachfolger. In seinem Empfehlungsschreiben an Hamman von Holzhausen schrieb er:

Micyll wurde daraufhin zum Rektor berufen. Zu seinen ersten Schülern zählten Johann Fichard und Hartmann Beyer. Micyll blieb zunächst Rektor bis 1534 und nahm dann eine Professur in Heidelberg an. Dieses Amt war zwar schlechter bezahlt, doch hatte er in Frankfurt unter zunehmenden Angriffen der radikalen reformierten Prädikanten zu leiden. Nach seinem Weggang blieb das Rektorenamt zunächst vakant – der in einigen Chroniken als Nachfolger genannte Johann Moser war nicht durch den Rat berufen, sondern amtierte als Privatmann. In den Folgejahren suchte Frankfurt Anschluss an den lutherischen Flügel der Reformation. Nach dem Beitritt zum Schmalkaldischen Bund und der Unterzeichnung der Wittenberger Konkordie 1536 erreichten die Frankfurter Patrizier Justinian von Holzhausen, Johann Fichard und Johann von Glauburg, dass Micyll einen erneuten Ruf nach Frankfurt erhielt, verbunden mit einer Erhöhung seines Jahresgehalts auf 150 Gulden.

Während seiner zweiten Amtszeit von 1537 bis 1547 etablierte sich das Gymnasium Francofurtanum endgültig. Es erhielt 1537 seine erste Schulordnung und bezog 1542 ein renoviertes Gebäude im Kreuzgang des ehemaligen Barfüßerklosters, wo es bis 1838 ansässig blieb. Die Schüler und Lehrer waren auch für den Chorgesang an der Barfüßerkirche (der heutigen Paulskirche), der evangelischen Hauptkirche von Frankfurt, zuständig. 1549 war die Schule in vier Klassen eingeteilt.

Mit der Niederlage des Schmalkaldischen Bundes im Schmalkaldischen Krieg 1547 und der erzwungenen Annahme des Augsburger Interims 1548 begann für die lutherische Reichsstadt Frankfurt eine Zeit der außenpolitischen und wirtschaftlichen Bedrängnis, die sich auch auf das Gymnasium auswirkte. Eine fortschreitende Geldentwertung und vor allem gegen Ende des 16. Jahrhunderts spürbare Münzverschlechterung bewirkte, dass die Lehrer trotz nominell steigender Gehälter erhebliche Verluste an Kaufkraft hinnehmen mussten. Auch der soziale Status der Collaboranten, die den Rektor unterstützten, war gering. Lersner erwähnte das Gymnasium in seiner Chronik hauptsächlich im Zusammenhang mit Gehaltsforderungen und Bittgesuchen von Lehrern. Unter dem 28. Mai 1555 schrieb er beispielsweise, dass Johannes Acontius und Johannes Latomus, beide Collaboranten in der Schul zu den Barfüßer, gebeten, sie des Fronens, Hütens und Wachens frei zu lassen: Soll man ihnen ihr Begehren abschlagen.Achilles Augustus von Lersner, Der Weit-berühmten Freyen Reichs-, Wahl- und Handels-Stadt Franckfurt am Mayn Chronica: Oder Ordentliche Beschreibung der Stadt Franckfurt. 2 Bände, Frankfurt 1706–1734, , Kap. XXV-XXVI, S. 107–114 Die Collaboranten waren somit nicht als Angehörige des Gelehrtenstandes anerkannt, im Gegensatz zu den Predigern und den Syndici des Rates. 1563 gelang es immerhin dem neu berufenen Rektor Jeremias Homberger, seine Befreiung vom Wachen und Hüten beim Rat durchzusetzen.

Um ihren Lebensunterhalt zu fristen, waren vor allem die älteren Lehrer, die Familien zu ernähren hatten, auf Nebeneinkünfte angewiesen, zum Beispiel durch die Aufnahme von Privatschülern und Tischgästen im eigenen Haushalt, oder durch die Vermietung von Räumen während der Messen oder Kaiserkrönungen. Dabei finden sich in dieser Zeit immer wieder Klagen über unangemessene Nebentätigkeiten. 1561 entlässt der Rat den Sohn des Rektors Johannes Cnipius, der als Collaborant seines Vaters an der Schule arbeitet, weil er nebenher in der Egenolffschen Druckerei arbeitet. 1604 beantragt der Lehrer der Quinta, Laurentius Bulla, zu Messezeiten als Schreiber an der Stadtwaage arbeiten zu dürfen.