mini|Das ehemalige Rothsche Kaplaneihaus von Nordost, 2014 Das ehemalige Rothsche Kaplaneihaus war ein Barockhaus für einen Kleriker des Klosters Urspring in der Stadt Schelklingen im Alb-Donau-Kreis in Baden-Württemberg.
Lage Das Haus steht in der Mitte der Stadtschreibereistraße auf der westlichen Straßenseite (Stadtschreibereistraße 1). Im Süden grenzt es an das Neue Haus, im Norden an ein bürgerliches Wohngebäude. Im Osten liegt das Haus an der Stadtschreibereistraße, im Westen befinden sich Gärten, welche an die Mohrengasse grenzen. Vor der Erweiterung des Hauses nach Süden befand sich ein Garten zwischen der nördlichen Hofmauer des Neuen Hauses und dem Rothschen Kaplaneihaus. mini|Links oben Darstellung der ehemaligen Fassade des Rothschen Kaplaneihauses anlässlich der Erstellung eines Zwischenbaus an der Südseite durch Wilhelm Hack, 1929
Baugeschichte Das Rothsche Kaplaneihaus wurde wohl in der Mitte des 18. Jahrhunderts im Barockstil neu errichtet. Vermutlich stand an dieser Stelle auch ein Vorgängerbau. Es ist möglich, dass der Vorgängerbau im Dreißigjährigen Krieg zerstört wurde oder stark gelitten hatte. Die Begutachtung von 1788 schätzt das Gebäude im Vergleich zu dem einzutauschenden Gebäude 300 fl geringer und bemängelt die geringere Größe und den mangelnden Bauunterhalt.
Eine Bauaufnahme aus dem Jahre 1871 verdeutlicht noch die alte Bau- und Raumstruktur. Der barocke Neubau hatte einen quadratischen und symmetrischen Grundriss, war zweistöckig und hatte ein Walmdach. Das Erdgeschoss bestand aus Mauerwerk, der erste Stock aus geriegeltem Fachwerk, welches nicht als Sichtfachwerk angelegt war, und wie im 18. Jahrhundert üblich verputzt wurde. Im Erdgeschoss befanden sich 1871 drei Räume: links des Öhrn zur Straßenseite eine Eisenhandlung, rechts eine Wohnstube und dahinter die Küche. Die Wohnstube besaß einen Ofen, welcher von der Küche aus beheizt werden konnte. Links hinten befand sich das geräumige Treppenhaus in den ersten Stock. Von hier aus gab es eine Türe in die hinten links an das Haus angebaute einstöckige Holzremise. Diese war nach Ausweis der Flurkarte schon 1821 vorhanden. Die Flurkarte von 1821 zeigt außerdem einen Abtrittanbau an der Hinterseite der Küche. Im ersten Stock nahm der Öhrn dieselbe Fläche wie im Erdgeschoss ein, mit einer Treppe in das Dachgeschoss. Linker Hand befand sich ein Wohnzimmer, auf der rechten Gebäudeseite drei Kammern hintereinander. Das Gebäude wurde gut mit Licht versorgt, und die Anordnung der Fenster war, wenn möglich, symmetrisch. Im Erdgeschoss hatten alle drei Hausseiten mit Ausnahme der Rückseite zwei Fenster. Im ersten Stock waren auf der Straßen- und Südseite jeweils zwei Fenster, auf der Nord- und Rückseite jeweils drei Fenster vorhanden. Der Bauplan von 1871 zeigt nicht die Heiligennische über der Eingangstüre, welche heute noch vorhanden ist. Auch wird der gewölbte Keller nicht gezeigt, welcher 1846 erstmals erwähnt wird.Rothenbacher 2015, S. 339. 1846 wird erstmals erwähnt, dass das Dach mit Dachplatten gedeckt warRothenbacher 2015, S. 339.. Beides war schon beim Neubau des Gebäudes vorhanden.
Die Flurkarte von 1821 zeigt die ursprüngliche Umgebung des Hauses: Im Süden befand sich bis zur nördlichen Hofmauer des Neuen Hauses ein kleiner Hofraum. An der Nordseite war sich lediglich ein schmaler Streifen zur Zufahrt des NachbarnStadtschreibereistraße 3; Rothenbacher 2015, Nr. 88 S. 341–344. vorhanden. Hinter dem Haus bis zur Mohrengasse hatte das Haus einen sehr großen Baum- und Grasgarten. Der Lageplan von März 1871 von Geometer Schick zeigt die Nachbarn und die Größenverhältnisse in Zoll und Fuß. Das Neue Haus war zu dieser Zeit in Besitz des Kaufmanns Benedikt Blöd. Die westliche und nördliche Hofmauer wird dargestellt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Stadtschreibereistraße befand sich südlich das Wohnhaus der Witwe des Bauern Konrad BumüllerStadtschreibereistraße 4, Rothenbacher 2015, Nr. 86 S. 332–336., weiter nördlich das Haus des Hutmachers Johannes Kneer.Stadtschreibereistraße 6, Rothenbacher 2015, Nr. 89 S. 332.
Anbau einer Schlosserwerkstätte 1871 mini|Lageplan 1871: Anbau einer Schlosserwerkstätte an das ehemalige Rothsche Kaplaneihaus durch Gabriel Jone (Juny) 1871 erweiterte der Schlosser Gabriel Jone das Haus nach Süden hin durch eine einstöckige Schlosserwerkstätte. Den Bauplan entwarf Zimmermeister Braun. Als Südmauer wurde die ziemlich starke Hofmauer des Neuen Hauses benutzt. Zur Straßenseite hin hatte der Anbau eine Türe und ein Fenster. An der Rückseite befand sich ebenfalls eine Türe. Offensichtlich sollte der Anbau ein Flachdach erhalten. Die Schmiedeesse kam an die Südwand des Wohnhauses. Besondere Bauvorschriften widmeten sich der Feuergefährlichkeit der Esse und des Kamins.
Anbau eines Magazins 1889 1889 erbaute Gabriel Jone einen bedeckten Gang von seinem Wohnhaus zu seinem Magazin. Leider hat sich von dieser Baumaßnahme lediglich der Situationsplan erhalten; die Baurisse fehlen. So lässt sich ein nur unvollständiges Bild des Baus machen. Die ehemalige Holzremise hinten am Haus muss mittlerweile zu einem Magazin eingerichtet worden sein. Der bedeckte Gang schloss an die Hinterseite des Hauses und die Nordseite der ehemaligen Holzremise an und ging bis zur Südwand des Nachbarhauses Stadtschreibereistraße 3.Rothenbacher 2015, Nr. 88 S. 331‒344.
1929 erwarb Wilhelm Hack das Gebäude von den Erben des Gabriel Jone: Er wollte den einstöckigen Anbau an der Südwand zu einem Wohnbereich umbauen und zwei Fenster anbringen. Die Schlosserwerkstatt sollte so umgebaut werden, dass sie Laden, Zimmer und Küche enthielt. Auch im Innern des Wohnhauses wurden Veränderungen vorgenommen: der große Flur im Erdgeschoss in seinem hinteren Teil wurde auf die Treppe reduziert durch den Einbau eines Zimmers. Das Magazin (die ehemalige Holzremise) wurde zu einem Zimmer umgebaut, an dessen Westseite ein Abort errichtet wurde.
Aus diesem Jahre 1929 ist ein Fassadenaufriss erhalten, welcher die einstige barocke Schmuckfassade zeigt. Über der Haustüre befindet sich noch heute die Nische für ein flaches Heiligenbild, welches allerdings fehlt. mini|Die Madonnennische über dem Hauseingang des ehemaligen Rothschen Kaplaneihauses, 2014 Baugeschichtlich wertvoll ist die einzige getreue Ansicht der Straßenfassade, welche noch völlig den barocken Charakter des ehemaligen Kaplaneihauses verdeutlicht. Die Eingangstüre war oben rundbogig abgeschlossen und hatte oberhalb einen Sims. Auch die Erdgeschossfenster auf der Straßenseite zeigen neben Sprossenfenstern und Holzläden einen solchen Sims. Die Figurennische für ein flaches Heiligenbild wird ebenfalls dargestellt; heute fehlt diese Heiligenfigur oder -tafel allerdings.
Nach 1929, vermutlich erst nach 1945, wurde auf diesen einstöckigen Anbau an der Südmauer ein zweiter Stock aufgesetzt und das Walmdach am Süd- und Nordgiebel in ein Satteldach umgebaut. Das Haus verlor damit seinen ehemals klaren symmetrischen Grundriss. Heute vermittelt das ehemalige Barockhaus einen stark modernisierten Eindruck, nachdem so gut wie allen barocken Bauelemente entfernt sind.
Besitzer und Nutzung Das Haus war ursprünglich in bürgerlichem und adeligem Besitz. Vor 1475 hatte es Albrecht Ruch inneRothenbacher 2015, Nr. 87 S. 337.. 1475 war Burkhart von Freyberg von der Linie der Familie von Freyberg auf Schloss Neusteußlingen im Schmiechtal Hauseigentümervon Freyberg-Eisenberg 1884, Nr. 242.. Burkhart war ein Sohn des Egloff von Freyberg zu Neusteußlingen und der Maria von Venningen. Seine Schwester Kunigunde von Freyberg wurde 1496 zur Meisterin des Klosters Urspring gewählt. Burkhart war mit einer geborenen von Ellerbach vermählt; diese Ehe verweist bereits in den geographischen Raum von Laupheim, wo die Familien von Ellerbach und die Roth (Rodt) von Bußmannshausen ansässig waren. Burkhart nahm u. a. als Soldat an den Feldzügen Karls des Kühnen von Burgund teil und wurde zum Ritter geschlagen. Herrschaft und Schloss Neusteußlingen übernahm er offenbar nicht, sondern erwarb einen Teil von Burg und Ort Klingenstein, saß auch „ zu Bach“. Hausbesitz des Adels in Städten, wie etwa Burkhards von Freyberg in Schelklingen, war häufig, hing in diesem Fall aber auch mit den engen Beziehungen zum nahen Kloster Urspring zusammen. Seine Lebensdaten sind unbekannt; erstmals wird er 1467 genannt; er lebte noch 1486. mini|Anbau einer Schlosserwerkstätte an das ehemalige Rothsche Kaplaneihaus durch Gabriel Jone (Juny), Draufsicht der Straßenfront, 1871 mini|Anbau einer Schlosserwerkstätte an das ehemalige Rothsche Kaplaneihaus durch Gabriel Jone (Juny), Grundriss des Erdgeschosses und des ersten Stockwerks, 1871
Dass das Haus zwischen vor 1475 und nach 1502 der Familie von Freyberg gehörte, geht insbesondere aus dem Urspringer Lagerbuch von 1486 hervor, welches als späten Nachtrag zu dem Besitzereintrag von 1486 („die von fryberg“) den Kaplan „Herr Galli“ [Schleicher] aufführt. Gallus Schleicher war ein gutes Jahrhundert später Kaplan dieser Kaplanei. Das Lagerbuch von 1502 bezeichnet das Haus ebenfalls noch als das „Freybergische“Hauptstaatsarchiv Stuttgart H 234 Bd. 8 Lagerbuch Urspring von 1502.. Das nächstfolgende Lagerbuch von 1575 beschreibt die Rothsche Kaplanei erstmals ausführlich: „Herr Galli Schleicher, dern von Roth Capelon“ zinste „Auß seinem Pfundthauß vnd Garten zwischen Hanß Haugen Stadel, vnd Jerg Wagners Hauß gelegen, vff die Gassen, vnd Ellerbachisch Pfrundthofle stossendt“ 10 Schilling Heller. Weitere Lehengüter des Klosters waren: „Item vß ainem Garten In der Baind an der Millegassen, zwischen Matheus Strauben, stosst vff Hannßen Herrman, Meßmer, vnd Ine Strauben, gibt er“ 8 Schilling Heller. „Gib auch den Zehenden wans nit, mit Kraut, Ins Closter“.Hauptstaatsarchiv Stuttgart H 234 Bd. 15 fol. 32v (Lagerbuch Urspring von 1575).
Im Jahre 1507 wurde die „Rodtische oder Sim(m)etingische Kaplanei“ von Dorothea von Roth (Rodt) zu Bußmannshausen, Schwester des Hans von Rodt, der Ehefrau Alwigs (Albigers) von Sulmetingen gestiftetBeth 1979, S. 406; Kindler von Knobloch u. Freiherr von Stotzingen 1919 Bd. 3: Art. „Freiherren von Rodt zu Bußmannshausen und Orsenhausen“, S. 547, 550‒551.. Die Ehe blieb kinderlos und es war wohl zu befürchten, dass die Herren von Sulmetingen im Mannesstamme aussterben würden. Dies dürfte einer der Hauptgründe für die Stiftung der Kaplanei gewesen sein. Enge Beziehungen pflegte Familie von Sulmetingen zum Kloster Urspring, in welches im 14. und 15. Jahrhundert drei weibliche Mitglieder der Familie als Nonnen eintraten. Auch war das Kloster seit etwa Mitte des 14. Jahrhunderts Hauskloster und Begräbnisplatz der Familie von Sulmetingen. Alwig von Sulmetingen verstarb um das Jahr 1508. Seine Witwe Dorothea heiratete Georg von Sulmetingen, Sohn Jacobs von Sulmetingen-Schemmerberg, aber auch diese Ehe blieb ohne Nachkommen. Mit dem Tod Jörgs von Sulmetingen 1528 erlosch das Haus Sulmetingen. Um das Jahr 1533 verstarb die Witwe Dorothea in Wildbad.
In Schelklingen wurde ein Wohnhaus für einen Kaplan dotiert.Eberl 1978a, S. 401. Das Haus dürfte also Anfang des 16. Jahrhunderts durch die Familie von Roth (Rodt)/von Sulmetingen von der Familie von Freyberg zum Zwecke der Dotierung als Wohnung des zukünftigen Kaplans erworben worden sein. Doch der erste Rothsche Kaplan wird erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts namentlich genannt: Es war dies Gallus Schleicher, genannt am 31. Januar 1584, dann wieder im Lagerbuch von 1595, am 31. März 1624, und auch im Urspringer Lagerbuch über Schelklingen aus den Jahren ca. 1622 bis ca. 1627; gestorben ist er vor dem 2. August 1627.