mini|Sir Hugh Dowding um 1935 Hugh Caswell Tremenheere Dowding, 1. Baron Dowding GCB, GCVO, CMG (* 24. April 1882 in Moffat, Dumfriesshire; † 15. Februar 1970 in Tunbridge Wells, Kent) war Offizier in der Royal Air Force (RAF) und während der Luftschlacht um England Kommandant des RAF Fighter Command (Jagdwaffe).
Mit dem so genannten „Dowding-System“, einem Luftverteidigungskonzept basierend auf Radar, zentraler Informationsverarbeitung und mittels Sprechfunk geführter Abfangjäger, schuf Dowding die Voraussetzungen für die Verteidigung Englands im Zweiten Weltkrieg.
Leben Schule und Erster Weltkrieg Dowding war das älteste von vier Kindern des Schulleiters Arthur John Caswall Dowding (um 1855–1932) aus dessen Ehe mit Maud Caroline (um 1855–1934), Tochter des Lieutenant-General Charles William Tremenheere (1813–1898), Chefingenieur des Public Works Department der Präsidentschaft Bombay in Britisch-Indien. In seiner schottischen Heimatstadt Moffat besuchte Hugh Dowding die St. Ninian's Preparatory School, die von seinem Vater Arthur Dowding und dessen Studienkollegen, Rev. William Churchill 1879 gegründet worden war. In seinem 15. Lebensjahr wurde er auf Empfehlung seines Vaters am renommierten südenglischen Winchester College aufgenommen. Da sein Desinteresse an Griechisch und Latein seinen schulischen Erfolg dort verhinderte, verließ er das Institut schon zwei Jahre später wieder. Er bewarb sich mit Erfolg an der Royal Military Academy in Woolwich. Aufgrund seiner Abneigung gegenüber Mathematik wurde er jedoch nicht zum Ingenieursstudium zugelassen.
Dem Rat seiner Familie folgend, trat er im August 1900 zunächst als Second Lieutenant der Royal Garrison Artillery in die British Army ein. Als Artillerist erwartete Dowding, nach Südafrika entsandt zu werden, da Großbritannien sich seit 1899 im Krieg mit den Buren befand. Er wurde jedoch nicht dort, sondern nacheinander in Ceylon, Gibraltar, Hongkong und Indien stationiert, wo er bei der Gebirgsartillerie diente.
1912 kehrte er nach England zurück und besuchte das Staff College der British Army in Camberley. Während seiner Zeit dort erwarb er privat die Fluglizenz (Royal Aero Club pilot's certificate No. 711), die er am 20. Dezember 1913 erhielt, seinem letzten Tag am Staff College. Daraufhin trat er gegen den Willen seines Vaters als Reserveoffizier in das neu gegründete Royal Flying Corps ein.
Im Ersten Weltkrieg kämpfte Dowding zunächst bei der No. 6 und der No. 9 Squadron. Sein frühes Interesse für die drahtlose Telegraphie ließ ihn vorübergehend nach England zurückkehren und das Wireless Experimental Establishment in Brookland gründen. Wieder an der Front in Frankreich, wurde er zum Führer der No. 16 Squadron ernannt. Auf einen Vorfall während dieser Zeit soll sein späterer Spitzname Stuffy zurückgehen. Angeblich beschwerte sich Dowding bei einem Vorgesetzten darüber, dass junge, unzureichend ausgebildete Piloten seiner Staffel gegen die erfahrenen Deutschen eingesetzt wurden und dabei oft den Tod fanden. Die legendäre Antwort war: „Don’t be stuffy, Dowding!“ (deutsch: „Sei nicht umständlich, Dowding!“)
Während der Schlacht an der Somme im Jahr 1916 führte er mehrere Staffeln als einen großen Verband (headquarters wing) an. Meinungsverschiedenheiten mit Autoritäten wie Oberbefehlshaber Hugh Trenchard führten jedoch zu seiner Abberufung von der Front bis zum Kriegsende. Dowding beendete den Ersten Weltkrieg im temporären Rang eines Brigadier-General und substantiellen Rang eines Lieutenant-Colonel. Am 1. Januar 1919 wurde er als Companion des Order of St. Michael and St. George (CMG) ausgezeichnet.
Zwischenkriegszeit
Im Februar 1918 heiratete Dowding Clarice Maude Vancourt (geborene Williams, † 1920). Sie war die Cousine eines Staffelkameraden der No. 6 Squadron, der sie einander bekannt gemacht hatte. Clarice Maude brachte ihre Tochter Marjorie Brenda (1911–2003) aus erster Ehe mit in die Familie und Dowding nahm sie als Stieftochter an.
Am 9. Januar 1919 kam ihr gemeinsamer Sohn Derek Hugh Tremenheere Dowding (1919–1992) zur Welt. Als Clarice Maud Dowding 1920 nach nur zwei Jahren Ehe unerwartet starb, übersiedelte Hugh ins Haus seines Vaters nach Wimbledon. Seine Schwester Hilda übernahm für Dowding vermutlich die Sorge um seinen Sohn und repräsentative Pflichten, als seine Karriere bei der RAF fortschritt. Derek besuchte das Winchester College und später das RAF Elite-College in Cranwell, wo auch der populäre Jagdflieger Douglas Bader ausgebildet wurde. Dowding war ein ausgezeichneter Skiläufer, Slalomchampion und Präsident des englischen Skiklubs von 1924 bis 1925.
Am 1. August 1919 trat Dowding in die neue Royal Air Force (RAF) ein und erhielt den Rang eines Group Captain (siehe auch: Royal Air Force#Dienstgrade). Im Januar 1928 wurde er als Companion des Order of the Bath (CB) ausgezeichnet und im Januar 1929 zum Air Vice-Marshal befördert. Darauf folgte im Januar 1933 die Beförderung zum Air Marshal und im Juni 1933 wurde er als Knight Commander der Order of the Bath (KCB) geadelt.
In den 1930er Jahren war er Mitglied der Abteilung für Forschung und Entwicklung innerhalb der RAF und setzte sich für die Umstellung von Doppeldeckern auf Eindecker in Ganzmetallbauweise ein. Damit forcierte er eine Modernisierung des Flugzeugbestandes auf die Modelle Hawker Hurricane und Supermarine Spitfire. Dowding war in dieser Funktion auch Zeuge eines Versuches zur Ortung von Flugzeugen, durchgeführt von dem schottischen Techniker Robert Watson-Watt, am 26. Februar 1935. Das Ergebnis dieser Tests überzeugte Stuffy Dowding, der auch für seine Steifheit und Humorlosigkeit bekannt war, derart, dass er Steuergelder für die Weiterentwicklung dieser Technik bereitstellen ließ. Er förderte damit die Entwicklung der Funkortung, die später ein wesentlicher Bestandteil des Dowding-Systems war. Mehrere Versuche der Deutschen, die Bedeutung der an der Südküste Englands errichteten stählernen Masten herauszufinden, darunter mit dem Luftschiff "LZ 130 Graf Zeppelin 2" noch wenige Tage vor Kriegsausbruch im Sommer 1939, schlugen fehl.Ronald D. Gerste: Wie Technik Geschichte macht: Von Gutenberg bis zum Smartphone. Klett-Cotta, Stuttgart 2025, ISBN 978-3608988017, S. 180–181.
Anders als er erwartet hatte, wurde 1936 nicht er, sondern Cyril Newall in den Stab der Royal Air Force berufen. Stattdessen wurde er nur zum Oberkommandeur der neu aufgestellten Jägerverbände, des Fighter Command, ernannt.
Auch sein Sohn Derek wurde Kampfpilot und diente während der Luftschlacht um England bei der No. 74 Squadron. Das väterliche Verhältnis zu seinen fighter boys, wie er die Piloten gelegentlich nannte, hatte also auch einen familiären Hintergrund.
Im Januar 1937 wurde er zum Air Chief Marshal befördert und als Knight Grand Cross des Royal Victorian Order (GCVO) ausgezeichnet.
Zweiter Weltkrieg Politik Dowdings Aufmerksamkeit galt angesichts der unübersehbaren deutschen Rüstungsanstrengungen und der militärischen Erfolge der Wehrmacht dem raschen Aufbau einer starken Jagdwaffe. Um dafür Zeit zu gewinnen, bestärkte er den britischen Premierminister Arthur Neville Chamberlain in seiner Appeasement-Politik.
Dowding war bereits 1939 für die altersbedingte Pensionierung vorgesehen. Der als Nachfolger bestellte Christopher Courtney verunglückte jedoch bei einem Flugunfall zusammen mit anderen hohen Offizieren der RAF und verletzte sich schwer. Dowding stimmte einer Verlängerung seiner Dienstzeit bis März 1940, und dann weiter bis Oktober 1940 zu.
Während der Schlacht um Frankreich wurden immer mehr Staffeln auf das Festland überstellt und in den Kämpfen gegen eine schnell vorrückende deutsche Wehrmacht aufgerieben. Der energische Winston Churchill, der nach dem Rücktritt Chamberlains Premierminister war, wollte den Forderungen der Franzosen nach weiteren Jagdstaffeln der RAF nachgeben, damit die Franzosen den Krieg gegen Deutschland fortführten.
Dowdings Ansinnen war es jedoch, die Reserven der RAF zu schonen und für die Heimatverteidigung vorzubereiten. Da erhielt Dowding die Gelegenheit, bei einer Besprechung am 15. Mai 1940 dem Kriegskabinett und Winston Churchill seine Sicht zu erläutern. Er beschrieb anschaulich, dass bei konstanter Verlustrate in Kürze keine einzige Hurricane mehr zur Verteidigung vorhanden sein würde. Churchill betonte, dass er persönlich der französischen Regierung Unterstützung versprochen habe, und dass sie dringend nach Jägerstaffeln verlange. Dowding gab sich demonstrativ unbeteiligt und verwies darauf, dass seine Aufgabe die Vorbereitung des Fighter Command auf die Verteidigung Englands sei.
Am nächsten Tag schrieb Dowding an Churchill, dass er unverzüglich eine Stellungnahme des Luftfahrtministeriums fordere, die zuvor die Mindeststärke des Fighter Command zur Landesverteidigung auf 52 Staffeln festgelegt habe. Eine voll ausgerüstete Staffel des Fighter Command verfügte über durchschnittlich je 20 Flugzeuge mit Mannschaft und Wartung, was in etwa einer Staffel der deutschen Luftwaffe entsprach. Gegenwärtig wären noch 36 Staffeln einsatzbereit, erläuterte Dowding. Man solle ihm von Seiten der Politik eine Mindeststärke nennen, die in keinem Fall unterschritten werden würde. Er vermied sorgfältig, die genannten 52 Staffeln als seine persönliche Mindestforderung zu nennen und spielte geschickt den Ball der Politik zu. Danach genehmigte das Kriegskabinett unter dem Druck der schwer in Bedrängnis geratenen französischen Führung noch ein letztes Mal vier (statt der geforderten zehn) Staffeln für das britische Expeditionskorps in Frankreich.
In Folge wollte niemand mehr die Verantwortung für eine Schwächung der Heimatverteidigung übernehmen. Alle weiteren verzweifelten Gesuche der Franzosen wurden abgewiesen. Winston Churchill erklärte später, Dowding hätte ihm gegenüber im Vertrauen zugesichert, er benötige lediglich 25 Staffeln zur Heimatverteidigung, was Dowding stets bestritt und als Beweis dafür seinen Brief vom 16. Mai vorlegte.
Als Dowding von der Unterzeichnung des Waffenstillstands zwischen Frankreich und Deutschland erfuhr, bemerkte er lapidar: „Finally alone“ (deutsch: „Schließlich [sind wir] alleine“).
Im Mai war das Fighter Command auf 32 Staffeln reduziert. Unmittelbar nach dem Ende der Kämpfe in Frankreich begann zunächst über dem Ärmelkanal, dann zunehmend über der Insel die Luftschlacht um England. Am Vorabend des 18. August, an jenem Tag, da beide Seiten die schwersten Verluste hinnehmen mussten, standen bereits 62 Staffeln des Fighter Command zur Verteidigung bereit. Davon waren 53 mit Hurricanes und Spitfires ausgerüstet, alle einsatzbereiten Maschinen zusammengenommen 1065 Stück. Zusätzlich verfügte die RAF über 373 moderne und technisch einsatzbereite Maschinen in Wartungsbetrieben und Ausbildungseinheiten, die mit kurzer Vorwarnzeit zu den Staffeln gebracht werden konnten. Bis zum 31. Oktober nahmen 58 Staffeln des Fighter Command aktiv an der Luftschlacht teil.
Ein wesentlicher Aspekt von Dowdings Strategie war der wirtschaftliche Umgang mit den zur Verfügung stehenden Reserven. Dies wurde zusätzlich von abgefangenen deutschen Funksprüchen unterstützt, aus denen hervorging, dass die Luftwaffenführung die RAF in einer großen Luftschlacht dezimieren wolle. Dowding ließ seinen Gruppenkommandeuren bei der Erfüllung ihrer Aufgaben weitgehend freie Hand. Es wurde aber auch kritisiert, dass er einer Rivalität zweier Gruppenkommandeure, nämlich Park und Leigh-Mallory, dadurch Raum für einen Disput über den Einsatz großer Verbände bot. Diese so genannte Big-Wing-Kontroverse wurde noch lange nach dem Krieg diskutiert. Aus heutiger Sicht wird das Vorgehen von Park, auf das Formieren großer und dadurch schwerfälliger Verbände in der kritischen Phase zu verzichten, als das richtige angesehen.
Dünkirchen