Ein fingierter Lexikonartikel, auch Nihilartikel (von ) oder U-Boot genannt, ist ein frei erfundener Eintrag in einem Lexikon zu Personen oder Dingen, die außerhalb des Lexikons nicht bzw. nur als Fiktion existieren. Er soll als solcher vom Leser möglichst nicht erkannt werden. Auch frei erfundene Details in ansonsten zutreffenden Artikeln können in diesem Sinne als U-Boote bezeichnet werden.
Dabei entsteht eine paradoxe Kommunikationssituation: Um etwas im Lexikon nachzuschlagen, benötigt man normalerweise eine Referenz aus anderen Kontexten, die ihren Ursprung außerhalb des Lexikons haben. Bei einem erfundenen Lemma können derartige Referenzen nicht existieren. Der Artikel wird also im Idealfall nur nach dem Zufallsprinzip (Serendipität) gefunden. Es gibt allerdings einfacher zu findende fingierte Artikel, die entstehen, wenn zu einem plausiblen Lemma ein abweichender Eintrag gestellt ist. Ein Sonderfall derartiger Artikel ist die Übernahme oder Umwidmung von fiktiven Begriffen oder Namen aus fiktionaler Literatur in das (nicht-fiktionale) Lexikon, z. B. Morgensterns bekanntes Nasobēm oder die Steinlaus von Loriot, die 1983 in der 255. Auflage des medizinischen Wörterbuchs Pschyrembel einen Artikel erhielt, der bei verschiedenen Neuauflagen mehrfach erweitert und ergänzt wurde. Dies wiederum führte zu weiteren Artikeln und Ausführungen in diversen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Publikationen und Einlassungen.
Art und Wesen fingierter Artikel Wenn ein fingierter Artikel in mehreren Lexika erscheint oder weitergeführt wird, kann dies die Authentizität der Eintragung stützen und vortäuschen, dass es den beschriebenen Gegenstand tatsächlich gibt.
Das Aufdecken von fingierten Artikeln gehört oft auch zum publizistischen Spiel der Lexikonredaktionen und -verlage, das je nachdem auch in weiteren Publikationen – etwa auch Lexika – als Wissenschaftsparodie oder -satire weitergeführt werden kann.
Über unentdeckte fingierte Artikel – insbesondere auch in älteren Werken – lässt sich nur spekulieren. „Insider vermuten, dass jedes Lexikon falsche Stichwörter enthält.“
Die (stilistische) Spannweite der in ihrem Erscheinungsbild uneinheitlichen Texte bewegt sich zwischen Parodie und dem imitativen Pastiche, das unter Umständen gar nicht durchschaut wird. Der Anteil von erkennbaren Elementen parodistischer Schreibweise kann sehr unterschiedlich sein, demzufolge auch die Differenz zu üblichen, ernstgemeinten Lexikoneinträgen. Ein fingierter Artikel lässt den Schematismus der Textsorte Lexikoneintrag in der Regel unangetastet.
In Lexikoneinträgen ähneln biographische Artikel am ehesten literarischen Texten. Sie sind wohl deshalb unter den bekannten fingierten Artikeln besonders häufig vertreten, etwa in Appletons’ Cyclopædia of American Biography.
Da beim illegalen Abschreiben ganzer Lexika, die dann unter einem anderen Titel und in anderer Sprache publiziert werden, auch die fingierten Artikel mitkopiert werden, können diese auch als Plagiatsfallen dienen, um Verletzungen des Urheberrechts nachzuweisen („“).
Einordnung in literarische Textgattungen Für eine weiterreichende Einordnung von fingierten Artikeln kann Umberto Ecos Vortrag Für eine semiologische Guerilla (New York 1967) als Ausgangspunkt genommen werden. Dabei könnte ein Zusammenhang hergestellt werden zu den Luther-Blissett-Fälschungen.Handbuch der Kommunikationsguerilla. Verlag Libertäre Assoziation, Hamburg o. J. .
Die Definition solcher Fälschungen ist auch für fingierte Artikel charakteristisch. Allerdings gehen die Intentionen in fingierten Artikeln kaum über die Stufe von (Insider-)Scherzen (etwa in den Lexikonredaktionen und bei einem Teil der Leser) hinaus:
Verwandte Textarten Bei Jorge Luis Borges gibt es auch literarische Lexikon-Fiktionen, beispielsweise den Eintrag „Uqbar“ in The Anglo-American Cyclopaedia (New York, 1917), der zugleich vorhanden und nicht vorhanden ist, sowie A First Encyclopaedia of Tlön, Vol. XI, Hlaer to Jangr, die für den Erzähler etwas weit Kostbareres und Schwierigeres darstellen als „die zusammenfassende Beschreibung eines falschen Landes“, die er „in einem Band einer gewissen Raubdruck-Enzyklopädie“ „entdeckt“ hatte.Tlön, Uqbar, Orbis Tertius . In: Jorge Luis Borges: Fiktionen (Ficciones). Erzählungen 1939–1944. Übersetzt von Karl August Horst, Wolfgang Luchting und Gisbert Haefs. Frankfurt 1992. Werke in 20 Bänden, Bd. 5 = Fischer Taschenbuch 10581.
Fingierte Artikel unterscheiden sich von ihrer Form als Wörterbuch- oder Lexikonartikel mit satirischer Schreibweise gegenüber anderen Medien eher durch ihren Charakter als Konterbande. Allerdings können auch Enzyklopädien, Lexika oder Wörterbücher als satirische Großformen dienen. Ein Beispiel dafür ist Ambrose Bierce, dessen pointierte Lexikon- und Wörterbuchdefinitionen seit 1881 in der satirischen Wochenschrift The Wasp (San Francisco) erschienen, später auch in anderen Zeitungen und schließlich gesammelt als The Cynic’s Word Book (1906) bzw. The Devil’s Dictionary (1911). Bierce definiert die Autoren von Wörterbüchern und Lexika wie folgt: „Lexikograph, subst.masc. Ein Schädling, […]“Ambrose Bierce: Aus dem Wörterbuch des Teufels. Auswahl, Übersetzung und Nachwort von Dieter E. Zimmer. Frankfurt 1966 (= Insel-Bücherei. Nr. 890).
Der polnische Science-Fiction-Autor Stanisław Lem verfasste eine Sammlung von Vorworten künftiger, noch ungeschriebener Bücher. Verfasst schon im Jahre 1973, beschreibt der Band Imaginäre Größe Bücher, die angeblich im Jahr 2009 bis 2029 erschienen sind (zur Zeit der Drucklegung, also 38–58 Jahre vorher). Am bemerkenswertesten ist das Vorwort zu Vestrands Extelopädie in 44 Magnetbänden aus dem Jahre 2011. In Zeiten lange vor PC und Public Internet ersonnen, werden heutige Online-Lexika mit regelmäßigen Aktualisierungen, der weltweiten Verbreitung und beständigen Verbesserungen schon recht treffend vorweggenommen, zudem wird eine Textprobe der Seiten 871–880 mit Stichworten von „Proffertine“ bis „Prolepsie“ zum „Nachweis“ der Ernsthaftigkeit inklusive einiger Grafiken vorgelegt.
Der Philosoph Andreas Urs Sommer stellte 2012 für sein Lexikon der imaginären philosophischen Werke eine große Reihe philosophischer Bücher zusammen, die hätten geschrieben werden sollen, aber nie geschrieben worden sind, und erfand entsprechende Lexikon-Artikel über sie. Andererseits enthält das Buch auch Artikel über echte philosophische Werke, die wiederum als fingiert ausgegeben werden.Andreas Urs Sommer: Lexikon der imaginären philosophischen Werke. Berlin 2012 (= Die andere Bibliothek). Vgl. die Besprechungen bei Perlentaucher.
Beispiele Fingierte Lexikonartikel zu Gegenständen, die nicht existieren, oder zu existierenden, aber fachfremden Themen in realen Nachschlagewerken:
Apopudobalia In: Hubert Cancik, Helmuth Schneider (Hrsg.): Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Altertum Band I. Stuttgart 1996, Sp. 895. Kommentar von Dirk Liesemer (2010): „Es war ein spontaner Einfall“, sagt der Autor Mischa Meier. Ende der neunziger Jahre arbeitete er am Neuen Pauly mit und verfasste für seinen Professor zahlreiche Artikel. Den Eintrag Apopudobalia nickte dieser wissend ab und faxte ihn an die Redaktion. Erst als das Lexikon gedruckt war, fiel dem Verlag der Scherz auf. Ein italienischer Gelehrter hatte sich über die fehlerhafte Wortbildung mokiert, ohne die Ironie im Text zu bemerken. Der Verlag habe daraufhin gedroht, erzählt Meier, das Werk komplett einzustampfen – auf seine Kosten. Ihn retteten all die Historiker, die den Text amüsiert lasen. Inzwischen ist der Artikel berühmt und der Verlag stolz darauf. Mischa Meier ist heute Professor für Alte Geschichte an der Universität Tübingen. Bach, P. D. Q.
Baldini, Guglielmo In: Riemann Musiklexikon. Mainz 1959 sowie Ergänzungsband 1, Mainz 1972, als Parodie auf den Herausgeber Wilibald Gurlitt, übernommen in Propyläen Welt der Musik Berlin 1989 sowie Grove Dictionary of Music and Musicians 1980. Binomi, Alessandro In: Otto Forster: Analysis 1. Vieweg-Verlag, Braunschweig 1992, S. 204. Dadophorus von Salamis In: Lexikon der antiken christlichen Literatur (LACL). 3. erweiterte Auflage. Freiburg/Basel/Wien 2002, S. 183. Mit Bezugnahme auf das LACL gibt es einen Eintrag Dadophoros von Salamis auch im Metzler Lexikon Antike, 2. Auflage, 2006, S. 126. (noch nicht in der 1. Aufl. von 2000). Duz- vs. Siez-Jacke Titanic-Artikel verpackt als wissenschaftliche Studie In: Lexikon der Psychologie von Thomas Städtler, Kröner, Sonderausgabe 2003 Duck, Donald als reale Person In: dtv-Lexikon, Ausgabe 1997 Elchtest In: Hartmut O. Häcker, Kurt-H. Stapf (Hrsg.): Dorsch. Psychologisches Wörterbuch. 14. Aufl. Bern 2004, S. 238. Ethnozentrista In: Barmeyer, Christoph: Taschenlexikon Interkulturalität. V&R, Göttingen, 2012, S. 55f. Hingerl, Alois (Engel Aloisius) In: Brockhaus Enzyklopädie. Bd. 12, 21. Aufl. Mannheim 2006, S. 485 (Abbildung auf S. 487). Idiopathische maligne pampiniforme Pachygyrie (IMPP) In: Buchta et al. (Hrsg.): Das Zweite STEX: Basiswissen klinische Medizin für Examen und Praxis. 1. + 2. Auflage. Springer, Heidelberg / Berlin 2002/2004, ISBN 3-540-41847-4, S. 683/684.Mark Buchta: Das zweite StEx. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-642-18569-4, S. 684 (). Jägermeier, Otto
KKK-Regel (als Kinder, Küche, Kirche-Regel) In: Jürgen Falbe, Manfred Regitz (Hrsg.): Römpp-Chemie-Lexikon. 9. Aufl. Stuttgart 1990. Kurschatten In: Pschyrembel Wörterbuch Naturheilkunde und alternative Heilverfahren. Bearbeitet von der Wörterbuch-Redaktion des Verlages unter der Leitung von Helmut Hildebrandt. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1996, S. 167. Lexikokratie In: Werner Fuchs-Heinritz et al.: Lexikon zur Soziologie [ab EA 1973]. 4. Aufl. VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, S. 397 Murphys Gesetz In: Thomas Städtler: Lexikon der Psychologie. Wörterbuch, Handbuch, Studienbuch (= Kröners Taschenausgabe. Band 357). Kröner, Stuttgart 1998, ISBN 3-520-35701-1, S. 710. Nenndorf (Autohersteller) In: Halwart Schrader, Die große Automobil-Enzyklopädie, BLV, München 1985, ISBN 3-405-12974-5 Norbert Nolte In: Bernd Moeller, Bruno Jahn: Deutsche Biographische Enzyklopädie der Theologie und der Kirchen. München 2005, ISBN 3-598-11666-7, S. 994.Artikel in der Deutschen Biographische Enzyklopädie der Theologie und der Kirchen S. 994. Oranjegevoel In: Klaus Schubert, Martina Klein: Das Politiklexikon. Begriffe, Fakten, Zusammenhänge. Bonn 2011. S. 215 f. Pasta Theobromae In: Max Wichtl: (Hrsg.) Teedrogen und Phytopharmaka, mehrere Auflagen seit 1984. 6. Auflage, 2015. S. 479 ff. Pilzbarth, Jakob In: Gereon Wolters: Pilzbarth, Jakob. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 3. Metzler, Stuttgart/Weimar 1995, ISBN 3-476-01352-9, S. 251 f. (2. Aufl. 2016: Band 6. S. 326–328);
Rhetograph In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 7. Tübingen 2005 [anhand eines griechischen Vasenbildes wird behauptet, die Antike verfüge bereits über elektronische Laptops] Salzdahlum, Karl Otto von In: Lexikon zur Geschichte und Gegenwart der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Wiesbaden: Otto Harrassowitz 1992, S. 90 f. Steinlaus In: Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch mit klinischen Syndromen und Nomina Anatomica. Bearbeitet von der Wörterbuchredaktion des Verlages Walter de Gruyter. 256. Aufl. Berlin / New York 1990, S. 1583. [Zuerst in der 255. Aufl. von 1986, dann erweitert, nicht in der 257. Aufl., erneut verändert und erweitert in der 258., 259., 260. und 261. Aufl.] In vielen weiteren Artikeln und Ausführungen in diversen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Publikationen und Einlassungen, siehe: Steinlaus-Dokumentationen Steuer-Zecke, siehe Zecken Unzufriedenheitssatz In: