Der Mörser „Karl“, das Gerät 040 (60cm) / Gerät 041 (54cm) oder Karl-Gerät war eine überschwere Artillerie-Selbstfahrlafette, deren Entwicklung für die Wehrmacht vor dem Zweiten Weltkrieg begann und welche dann im Krieg eingesetzt wurde. Das erste Geschütz wurde 1940 fertiggestellt.

Namensgebung An der Entwicklung war der General der Artillerie Karl Becker maßgeblich beteiligt.Forty: WW II AFVs & Self-Propelled 1996, S. 107. Hierdurch wurde sein Vorname Teil der Bezeichnung des Gerätes.Pawlas: 60-cm-Mörser Thor (Gerät 040) Teil II in WR 21 1976, S. 3275.

Vorgeschichte

Rheinmetall-Borsig hatte 1935 erste Konzepte für den Bau eines überschweren Minenwerfers erstellt, welcher der Wehrmacht die Möglichkeit verschaffen sollte, die modernsten und stark geschützten gegnerischen Festungsanlagen, wie die Maginot-Linie, zu bekämpfen. Diese wurden dem Heereswaffenamt im März 1936 vorgelegt. Der Ausgangsgedanke war ein Vorderlader-Bettungsgeschütz für ein Geschosskaliber von 80 cm, welches 4-Tonnen-Geschosse über 1.000 m und 2-Tonnen-Geschosse über 2.000 m verfeuern können sollte. Schon zu diesem Zeitpunkt wurde erstmals über ein Raupenfahrwerk nachgedacht.Pawlas: 60-cm-Mörser Thor (Gerät 040) Teil II in WR 21 1976, S. 3277–3278.

Entwicklung mini|links|Karl-Gerät im Panzermuseum Kubinka mini|60-cm-Mörser Karl auf einem Tragschnabelwagen mini|Abfeuern des 60-cm-Mörsers Karl mini|60-cm-Granate mini|60-cm-Granate in der Wehrtechnischen Studiensammlung Koblenz mini|Transport eines Karl-Geräts auf einem Culemeyer-Straßenroller „R80“

Entwicklungsauftrag Im Oktober 1936 erhielt Rheinmetall einen Entwicklungsauftrag in dem bestimmte Anforderungsparameter skizziert waren. So musste die Reichweite 3000 m betragen, Aufbau und Einsatzvorbereitung durften im Feld nicht länger als 6 Stunden dauern, das Geschoss sollte zunächst ein Gewicht von 2.000 kg haben, um sowohl Eindringtiefe als auch große Sprengwirkung nutzen zu können. Der Transport sollte als Einzellast auf Gleiskettenfahrzeugen und die Montage mittels Spezialfahrzeugen mit Hebevorrichtungen erfolgen. Das Geschütz sollte als Vorderlader ausgeführt werden und nur ein Höhenrichtfeld in der oberen Winkelgruppe (wie beim Mörser üblich) benötigen.Pawlas: 60-cm-Mörser Thor (Gerät 040) Teil II in WR 21 1976, S. 3279.

Erstentwurf Im Januar 1937 legte Rheinmetall der Abteilung WaPrüf 4 des Heereswaffenamtes erste Entwurfszeichnungen gemäß den im Herbst 1936 gemachten Vorgaben vor. Die wichtigsten Parameter des Entwurfs waren das vorgeschlagene Kaliber von 60 cm, das gewünschte Geschossgewicht von 2.000 kg, eine von 200 m/s, eine Schussweite von 3.000 m, ein Höhenrichtfeld von 125° und ein Seitenrichtfeld von 120°. Dabei hätte das Bettungsgeschütz ein Gewicht von ca. 55 t gehabt und wäre in Lasten zu ca. 9 t mit etwa sieben bis acht Transportfahrzeugen beweglich gemacht worden. Klar wurde jedoch, dass die gewünschte Aufbauzeit von bis zu 6 Stunden bei einer solchen Lösung völlig unrealistisch war. Aus diesem Grund schlug Rheinmetall eine Selbstfahrlafetten-Lösung vor, für die auch Entwurfszeichnungen vorgelegt wurden. Mit diesem Entwurf stieg das Gewicht auf ca. 70 t und der Seitenrichtbereich reduzierte sich auf 5°. Schon bei diesem Entwurf wurde vorgeschlagen, das Fahrzeug abzusenken und den Wagenkasten zur Bettung zu machen. Für das Instellunggehen wären bei dieser Lösung nur ca. 30 Minuten erforderlich. Durch die Ergänzung eines Lafettenrücklaufs könnten die Rückstoßkräfte verringert werden.Pawlas: 60-cm-Mörser Thor (Gerät 040) Teil II in WR 21 1976, S. 3282.

Nach der Begutachtung der unterschiedlichen Entwürfe entschied sich das Heereswaffenamt am 11. Februar 1937 für die Selbstfahrlafetten-Lösung.

Wechsel zum Hinterlader-Entwurf Die weitere Entwicklung löste ein Problem nach dem anderen. Die Treffsicherheit wurde verbessert, indem man zu einem Hinterlader-Konzept überging. Auch die Reichweite konnte nochmals auf 4.000 m gesteigert werden. Die Fahrrichtung wurde entgegen der Schussrichtung gewählt, um im Notfall bei Artilleriebeschuss der eigenen Stellung möglichst schnell vorwärts aus der Stellung herausfahren zu können. Mit der anderen Waffenkonstruktion war eine größere von 243 m/s möglich geworden. Der Höhenrichtbereich ging von −10° bis +75°, wobei jedoch nur im Bereich von 55° bis 75° geschossen werden konnte. Das Gewicht der Waffe lag bei 64,5 t und des Fahrzeugentwurfs bei 32,5 t, so dass man nun 97 t Gesamtgewicht erreichte.

Fahrzeugmodelle und Anschießanlage Rheinmetall hatte zwei unterschiedliche Aufgabenstellungen zu erledigen. Es musste ein Fahrwerkskonzept entwickelt und das Geschütz erprobt werden. Für die Erprobung der Fahrwerkstechnik wurde ein elektrisch angetriebenes Modell im Maßstab 1:10 gebaut und erprobt. Für die Erprobung der Waffe und zur Gewinnung von realen Werten schlug Rheinmetall den Bau einer Anschießlafette vor. Der verantwortliche General der Artillerie Karl Becker stimmte dem Plan zu und auf dem Schießplatz Hillersleben wurde diese gebaut, um noch vor der Fertigstellung des ersten fahrbaren Mörsers Munition erproben und entwickeln zu können.Pawlas: 60-cm-Mörser Thor (Gerät 040) Teil II in WR 21 1976, S. 3287. Die Pläne für die Anlage wurden am 9. März 1938 von General Becker und Oberst Wulz genehmigt. Da es sich um ein Geheimprojekt handelte, wurde zu Tarnungszwecken ein zerlegbares Schutzhaus über die Anschießlafette gebaut, das nur für Schießversuche demontiert wurde und danach umgehend wieder darüber gebaut wurde. Nach Ansicht von General Becker war es aus taktischen Gründen erforderlich, bei der Bekämpfung von gegnerischen Befestigungen mehrere Geschütze gleichzeitig einzusetzen. Deshalb wurde bestimmt, dass neben dem Versuchsfahrgestell sofort auch weitere 6 Geräte gebaut werden sollten.Pawlas: 60-cm-Mörser Thor (Gerät 040) Teil II in WR 21 1976, S. 3288.

Die Anschießanlage wurde vom 23. bis zum 25. Juni 1939 erstmalig verwendet und die Messung ergab einen Rohrrücklauf von 1000 mm und einen Bremsdruck von 450 t.Pawlas: 60-cm-Mörser Thor (Gerät 040) Teil II in WR 21 1976, S. 3290.

Bodendruck Weder die Panzertruppe noch irgendjemand sonst konnte Erfahrungen mit extrem hohem Bodendruck einbringen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man mit Werten von 0,7 bis 0,8 kg/cm² gearbeitet. Man führte deshalb zwischen März und April 1938 Fahrversuche mit dem Neubaufahrzeug Nr. 1 in Unterlüß und Chemnitz-Ebersdorf durch, bei denen durch zusätzliche Gewichte der Bodendruck auf 1,1 bis zu 1,43 kg/cm² gesteigert wurde. Die Erkenntnisse waren sicher auch für die weitere Panzerentwicklung von Relevanz, denn sie zeigten, dass Kettenfahrzeuge im Gelände auch bei 1,43 kg/cm² Bodendruck noch ausreichend beweglich blieben.

Technische Beschreibung Das Geschütz wog etwa 124 Tonnen und konnte auf seiner Vollketten-Selbstfahrlafette etwa 10 km/h erreichen. Die Selbstfahrlafette gab es in zwei Ausführungen: Die erste hatte acht Lauf- und acht Stützrollen, während die zweite elf Lauf- und sechs Stützrollen hatte. Die Ketten waren bei beiden Ausführungen 50 cm breit und hatten eine Auflagefläche von 7 m². Die Spurweite betrug 2,65 m und die Bodenfreiheit 35 cm. Das Gerät entwickelte einen hohen Bodendruck und konnte daher nur auf festem Untergrund eingesetzt werden. Es wurden sechs Stück der Baureihe 040 und eines der modifizierten Baureihe 041 gebaut. Die sieben Geschütze erhielten die folgenden Namen: I = „Adam“ (später „Baldur“), II = „Eva“ (später „Wotan“), III = „Odin“, IV = „Thor“, V = „Loki“, VI = „Ziu“ und VII = „Fenrir“.

Im Februar 1941 wurde eine höhere Schussweite der Mörser verlangt, was durch eine Verringerung des Kalibers auf 54 cm (Gerät 041) umgesetzt wurde. Waren die 60-cm-Rohre aufgebraucht, sollten sie durch die kleinere Version ersetzt werden. Sechs dieser neuen Rohre wurden bestellt und standen ab dem 31. Mai 1944 zur Verfügung. Der siebte Mörser, der bereits ab Werk mit dem 54-cm-Rohr der Baureihe 041 ausgeliefert worden war, kam nicht mehr zum Einsatz.

Als Antriebsmotor war der Benzinmotor Daimler-Benz MB 503A vorgesehen. Allerdings wurde nach Testläufen der Dieselmotor MB 507C empfohlen. Beide Motoren wurden beschafft, wovon fünf Stück Benzin- und fünf Stück Dieselmotoren waren.

Für den Transport konnten die Mörser in drei Lasten zerlegt und mit Hilfe von Culemeyer-Straßenrollern transportiert werden. Für den Transport per Eisenbahn gab es einen speziellen Tragschnabelwagen. Zu jedem Mörser gehörten zwei Munitionsschlepper (Panzer-IV-Fahrgestell) mit je einem 2,5-t-Kran.

Die Bedienung bestand aus 16 Kanonieren. Zum Laden musste das Rohr waagerecht gestellt werden; die maximale Rohrerhöhung betrug 70°. Das Seitenrichtfeld betrug 2,5° nach links und rechts, so dass das gesamte Geschütz grob auf das Ziel ausgerichtet werden musste. Zum Schießen musste die Fahrzeugwanne per Hydraulik auf den Boden abgesenkt werden, um die enormen Kräfte während des Schusses besser zu verteilen.

Dieses Geschütz war in zehn Minuten feuerbereit und verschoss sechs bis zwölf Granaten pro Stunde. Zum Einsatz kamen eine leichte und eine schwere Betongranate mit einem Gewicht von 1700 kg (davon 280 kg Sprengstoff) und 2180 kg (davon 348 kg Sprengstoff) sowie eine Sprenggranate mit 1250 kg (davon 460 kg Sprengstoff), die je nach der gewünschten Reichweite und Wirkung ausgewählt wurden. Als Treibladung wurden eine bis neun Treibladungen (je 32 bis 36 kg Schießpulver) eingelegt. Das über fünf Meter lange Rohr schoss bei einem Schusswinkel von 50 bis 60 Grad und je nach Granate etwa 4,3 km bis 6,5 km weit (die später umgerüstete 54-cm-Ausführung 041 hatte eine Reichweite von bis zu 10,5 km). Eine Granate konnte 2,50 m Beton oder 35 cm Panzerstahl durchschlagen. Tests waren unter anderem auf dem Schießplatz Rügenwalde-Bad in Hinterpommern durchgeführt worden.

Wie alle Waffen dieses Typs mit schweren und langsam fliegenden Geschossen (192–179 m/s, Flugzeit bis zu 49 Sekunden) weist der Mörser eine hohe Streuung auf. Seine Wirkung auf die beschossenen Festungsbesatzungen bestand eher in einer demoralisierenden Wirkung als in der direkten Treffereinwirkung, da mit ihm vermeintlich sichere Festungsanlagen zerstört werden konnten.

Technische Daten Bezeichnung des Fahrzeugs: Gerät 040 / 041 Typ: Selbstfahrlafette Hersteller: Rheinmetall Baujahr: 1940 bis 1944 Motor: Daimler-Benz MB 503A (Benzin) / MB 507C (Diesel) Zylinderzahl, Anordnung: 12 Zylinder, V-Anordnung Hubraum: 44.500 cm³ (MB 503A) Drehzahl: 1850/min (MB 503A) Höchstleistung: 426 kW (580 PS) MB 503A Höchstgeschwindigkeit: 10 km/h Getriebe: 4 Schaltgänge Bodenfreiheit: 350 mm Spurweite: 2650 mm Kettenbreite: 500 mm Kettenauflagefläche: 7 m² Gefechtsgewicht: 124 t (Gerät 040) / 126 t (Gerät 041) Bodendruck: 1,77 kg/cm² Kraftstoffvorrat: 1200 l Materialstärke: bis zu 10 mm Bewaffnung: 60-cm-Mörser L 8,45 (Gerät 040) / 54-cm-Mörser L/13 (Gerät 041) Munition: Sprenggranate/Betongranate Höchstschussweite Sprenggranate: 6,6 km Höchstschussweite Betongranate: 4,3 km Produktionszahlen: 7 Stück

Einsatz Die schweren Geschütze waren in unabhängigen Heeresbatterien oder Heeresartillerieabteilungen organisiert, welche Großverbänden für spezielle Operationen zur Verfügung gestellt wurden.

3. Januar 1941: Aufstellung der s.Heeresbatterie (mot.) 833 auf dem Truppenübungsplatz Bergen für die ersten beiden verfügbaren Geräte (einsatzbereit am 15. Februar 1941). 2. April 1941: Aufstellung der schweren Heeresartillerieabteilung (mot.) 833 mit Unterstellung der bisherigen s.Heeresbatterie (mot.) 833 im Wehrkreis III (einsatzbereit am 1. Mai 1941). Dabei bildeten „Adam“ und „Eva“ die Ausrüstung der 1. Batterie und „Thor“ und „Odin“ die Ausrüstung der 2. Batterie.

ab Juni 1941: Deutsch-Sowjetischer Krieg. Es wurden die Geschütze „Adam“, „Eva“, „Thor“ und „Odin“ beim Angriff eingesetzt. - 14. Juni 1941: 2. Batterie / Unterstellung beim XII. Armee-Korps, Panzergruppe 2, Heeresgruppe Mitte