mini|hochkant|Wilhelm Waßmuß in persischer Tracht (1915) Wilhelm Waßmuß (* 14. Februar 1880 in Ohlendorf; † 29. November 1931 in Berlin) war ein deutscher Konsul und Revolutionsagent in Persien.
Leben und berufliche Entwicklung Wilhelm Waßmuß wurde als ältester Sohn eines Landwirtes auf einem mittelgroßen Betrieb im nördlichen Harzvorland geboren. Seine Eltern entstammten einem alteingesessenen „Freibauerngeschlecht“. Nach dem Besuch der Grundschule ging er 1893 auf das nahegelegene Ratsgymnasium in Goslar. Er war ein fleißiger Schüler mit vielseitigen Interessen, aufgeschlossen und hilfsbereit, sportlich und abenteuerlich. Eine besondere Faszination für ihn hatten fremde Sprachen und Länder. So lernte er bereits in der Schulzeit Latein, Griechisch, Hebräisch und Italienisch. Darüber hinaus konnte er sich in Englisch und Französisch verständigen. Das Abitur bestand er 1900.
Mehr durch den Druck der Eltern begann Wilhelm Waßmuß nach dem Schulabschluss ein Studium der Rechtswissenschaften in Marburg. Noch im gleichen Jahr wechselte er an die Universität nach Berlin. Sein Ziel dabei war, etwas aus seinem Leben zu machen, eine angesehene gesellschaftliche Position zu erreichen. Als er erfuhr, dass das Auswärtige Amt im Bereich der Dolmetscherdienste Nachwuchsprobleme hatte, schrieb er sich in Berlin am Seminar für Orientalische Sprachen ein und studierte parallel zu den Rechtswissenschaften Arabisch und Marokkanisch. Im Wintersemester 1902 wechselte er an die Universität in Göttingen, wo er auch sein Jurastudium abschloss. Seine erste juristische Staatsprüfung legte er am Oberlandesgericht in Celle ab und begann zum Jahresanfang 1904 als Rechtsreferendar am Königlichen Amtsgericht in Zellerfeld. Noch im gleichen Jahr ließ er sich nach Berlin versetzen, bestand dort im August seine Diplomprüfung für Arabisch und Marokkanisch. Im Oktober 1904 trat er seinen Einjährigen-Freiwilligendienst bei der III. Matrosen-Artillerie-Abteilung in Lehe an. Diese Truppe war hauptsächlich für den Überseeeinsatz aufgebaut worden. Noch während seiner Militärdienstzeit erkundigte er sich im Auswärtigen Amt, ob ein Einsatz im Bereich der Dolmetscherdienste möglich ist und welche Voraussetzungen daran gebunden wären. Noch während des Personalgesprächs bot man Wilhelm Waßmuß eine Anstellung im Konsulat in Sansibar an, die er auch annahm. Seine erste Auslandsstation war Madagaskar.
Am 8. Januar 1906 trat er in Sansibar seinen Dienst an. Zu dieser Zeit waren die Transformationen des Deutschen Reiches als mögliche „Hoffnungsmacht“ für afrikanische Eingeborenen-Stämme bereits im Gange, und die Landessprache Swahili eignete er sich recht schnell an. Seine Vorgesetzten waren mit seinem Engagement zufrieden und als 1909 für ein Jahr eine Vertretung als Vize-Konsul in Buschehr am Persischen Golf gesucht wurde, erklärte er sich bereit, den dort amtierenden Konsul Helmuth Listemann (1872–1924) zu vertreten. Nach seiner Rückkehr 1910 auf Madagaskar übernahm er ab 31. Oktober 1910 das Vize-Konsulat in der Hafenstadt Tanga in Ostafrika. Doch bereits am 18. Mai 1913 wurde er abermals nach Buschehr entsandt, wo er die kommissarische Leitung des Vize-Konsulats übernahm. Hier herrschte inzwischen eine schwierige politische Lage, die noch dadurch verschärft wurde, dass Russland und England diese Region für ihre kolonialen Bestrebungen entdeckt hatten. Immer wieder kam es zu Erhebungen und offenen Feindschaften der Landesbewohner gegen die britische Präsenz. Die erwachenden entmachteten Eliten dieser Region suchten in Deutschland einen Verbündeten gegen die Engländer. Waßmuß unternahm zahlreiche Reisen ins Landesinnere und lernte dabei die wichtigsten Khane kennen. Doch das brachte ihm mehrfach Verdächtigungen auf britischer Seite in Richtung Spionage oder Aufwiegelung der Einheimischen Stämme ein.
Anfang 1914 wurde er in die „etatmäßige Stelle des Dragomans“ an die deutsche Botschaft in Kairo versetzt. Auf dem Weg dorthin erfuhr Wilhelm Waßmuß vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges und der damit verbundenen Kriegserklärung der Engländer. Daraufhin änderte er seine Reiseroute und eilte über Kairo und Alexandria nach Berlin, wo er am 31. August 1914 eintraf.
Persien-Mission mini|hochkant|Waßmuß’ Tropenhelm von ca. 1910 (Exponat des Braunschweigischen Landesmuseums). Pflichtgemäß meldete sich Wilhelm Waßmuß bei seinen Dienstvorgesetzten im Auswärtigen Amt, um daraufhin seine angestammte Marineeinheit in Lehe aufsuchen zu können. Doch in der Berliner Wilhelmstraße waren unter der Führung von Max von Oppenheim (1860–1946) bereits die Planungen für die geheime Insurrektionsstrategie – hier speziell zur „Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde“Max von Oppenheim, Denkschrift vom August 1914 in: Marc Hanisch, Max von Oppenheim und die Revolutionierung der islamischen Welt als anti-imperiale Befreiung von oben, Oldenbourg Verlag München 2014, S. 14ff – im Gange. Diese umfasste in den Interessensphären Russlands, Englands und Frankreichs eine Einflussnahme auf die regionale Bevölkerung und die ansässigen Führungsschichten durch Propagandamaterial, das Schüren von Widersprüchen und Disharmonien gegenüber den Besatzern, machte aber auch nicht vor Waffenlieferungen, Geldübergaben und militärischem Direktbeistand Halt. Dabei handelte es sich um eine, durch den Kaiser Wilhelm II. gebilligte und geforderte Methode der allgemeinen Kriegsführung, die sich dabei auch nichtmilitärischer Werkzeuge bediente.Randbemerkungen des Kaisers vom 30. Juli 1914 zu einem Telegramm vom gleichen Tag in: Max Montgelas, Walter Schücking (Hrsg.) Deutsche Dokumente zum Kriegsausbruch in 5 Bänden Berlin 1919, Band 2, S. 133f. Sofort, ohne seine Meldung bei der regulären Truppe abzuwarten, wurde Waßmuß einer schnell zusammengestellten Expeditionsgruppe in Richtung Persien/Afghanistan zugeteilt, die einen Aufstand gegen die Briten in Indien provozieren sollte. Wobei hier der eigentliche praktische Spiritus Rektor der türkische Kriegsminister Enver Pascha (1881–1922) war.„Denkschrift vom 14. November 1914 zur Proklamation des Heiligen Krieges“ (Dschihad) in: Wilfried Loth, Marc Hanisch (Hrsg.): Erster Weltkrieg und Dschihad – Die Deutschen und die Revolutionierung des Orients und Stefan M. Kreutzer: Dschihad für den deutschen Kaiser. Max von Oppenheim und die Neuorientierung des Orients (1914–1918) Ares Verlag Graz 2012andere Meinung bei Doris Götting (Die türkisch-deutsche Waffenbrüderschaft im Ersten Weltkrieg, 2014). Die Abreise der ersten Gruppe mit 22 Teilnehmern, der Wilhelm Waßmuß angehörte, erfolgte am 6. September 1914 von Berlin aus in Richtung Konstantinopel. Dort angekommen stellte sich heraus, dass es einzelnen Expeditionsteilnehmern an der notwendigen Ernsthaftigkeit für eine solche Mission fehlte. Eitelkeiten, Prahlereien, Schwatzsucht, Intrigen und nicht zuletzt Ausschweifungen kennzeichneten deren Verhalten schon am ersten Zielort. Durch Einflussnahme des deutschen Botschafters in Konstantinopel Hans Freiherr von Wangenheim (1859–1915) wurden diese „unsicheren“ Kandidaten ausgetauscht und Wilhelm Waßmuß wurde zum Leiter der Expedition bestellt.Wilfried Loth, Marc Hanisch (hrsg.) Erster Weltkrieg und Dschihad – Die Deutschen und die Revolutionierung des Orients, Oldenbourg Verlag München 2014, S. 100 Eine zweite und dritte Gruppe folgte mit Oskar von Niedermayer (1885–1948) und Werner Otto von Hentig (1886–1984).Matthias Friese, Stefan Geilen (Hrsg.): Deutsche in Afghanistan. Die Abenteuer des Oskar von Niedermayer am Hindukusch. Aqua-Verlag. Köln. 2002. Über Aleppo erreichte die Gruppe von Waßmuß, zu der inzwischen Oskar von Niedermayer hinzugestoßen war, am 9. Januar 1915 Bagdad. Ab hier trennte sich die Gruppe, um in die jeweiligen vorgesehenen Einsatzgebiete zu gelangen. Während Waßmuß, der eine Abstimmung mit Helmuth Listemann in Buschehr vereinbart hatte, mit sieben Mitstreitern die Richtung nach Buschehr und Schiras ins südliche Persien einschlug, reisten Niedermayer und Hentig weiter durch Persien bis nach Afghanistan. Ohne erst eine Zustimmung aus Berlin abzuwarten, hatte der Botschafter Wangenheim diesen Planungen zugestimmt.
Am 1. Februar 1915 erreichte die Waßmuß-Gruppe die persische Grenze. Vorsorglich hatte er sich auf dem deutschen Konsulat in Konstantinopel den Pass eines nach Schiras reisenden deutschen Konsuls ausstellen lassen. Doch bereits nach Überschreiten der Grenze erfuhr er, dass die persische Regierung die Sicherheit der deutschen Expeditionsteilnehmer nicht garantieren könne. Und auch die britische Seite hatte zeitnah mitgeteilt, sie habe jegliche völkerrechtliche Rücksichtnahme in ihrem Interessengebiet fallen gelassen. Zu diesem Zeitpunkt wusste er aber nicht, dass die britische Seite bereits Kenntnis von den Plänen der Gruppe um Waßmuß hatte. Der politische Resident Englands am Persischen Golf Percy Cox setzte eine Belohnung zu seiner Ergreifung aus und rief zur Jagd auf den deutschen „Agent provocateur“ auf. Am 5. März überfiel eine im britischen Sold stehende Gruppe Bewaffneter die Karawane von Waßmuß und er entkam nur durch eine abenteuerliche Flucht ins 100 km entfernte Borazjan. Der die Gruppe begleitende Arzt wurde dabei festgenommen, unter den beschlagnahmten Gegenständen befanden sich Propagandamaterial, Waffen und eine Liste aller an dem Vorhaben beteiligter Personen. Daraufhin drang am 9. März 1915 ein englisches Militärkommando völkerrechtswidrig in das deutsche Konsulat in Buschehr ein, verhaftete Konsul Helmuth Listemann und geriet beim Durchsuchen der Botschaftsräume in den Besitz der diplomatischen Code-Unterlagen zur Verschlüsselung von Nachrichten.dieser völkerrechtswidrige Akt wurde anschließend durch den britischen Geheimdienst dadurch verschleiert, indem man eine Information in die Öffentlichkeit brachte, dass bei einer kurzzeitigen Festnahme von Wilhelm Waßmuß die Chiffre-Unterlagen in britische Hand gelangt seien; Vgl. Stefan M. Kreutzer: Wilhelm Waßmuß – Ein deutscher Lawrence. In: Wilfried Loth, Marc Hanisch (Hrsg.): Erster Weltkrieg und Dschihad. Oldenbourg Verlag München. 2014. S. 98ff. Damit konnte die britische Seite ab diesem Zeitpunkt die Funksprüche nach Berlin mitlesen.