hochkant=2|mini|Krupp Hüttenwerke Rheinhausen Anfang des 20. Jahrhunderts

Das Hüttenwerk Rheinhausen war ein Hüttenwerk der Firma Krupp in Rheinhausen am Niederrhein, das seit 1975 ein Stadtbezirk von Duisburg ist. Das Werk firmierte von 1953 bis 1965 als Hütten- und Bergwerke Rheinhausen AG und nach der Fusion mit dem Bochumer Verein als Teil der Krupp Stahl AG. 1990 wurde es schließlich in die Hüttenwerke Krupp Mannesmann eingebracht und 1993 endgültig geschlossen.

Geschichte mini|hochkant|Die Krupp-Ringe mini|Beamtensiedlung Bliersheim

Vom Anfang bis zum Ersten Weltkrieg Auf Initiative von Friedrich Alfred Krupp wurden im Jahre 1893 die Planungen für ein neues Hüttenwerk aufgenommen. Den Ausschlag für die Wahl Rheinhausens hatten zweifellos seine Lage am Niederrhein, die vorhandenen Bahnverbindungen und die Kohlebergwerke in Moers und Homberg gegeben. Der damalige Leiter des technischen Büros, Karl Heinrich Gisbert Gillhausen, projektierte 1894 eine Hochofenanlage mit fünf Öfen, ein Thomaswerk mit drei Konvertern, ein Blockwalzwerk, eine Schienen-, Schwellen- und Knüppelstraße und die notwendigen Nebenanlagen.

Nach dem symbolischen ersten Spatenstich am 15. Oktober 1895 begannen im April 1896 die Bauarbeiten. Bereits am 18. und 19. Dezember 1897 wurden die ersten beiden Hochöfen angeblasen, der dritte folgte am 28. November 1898. Hiermit war die erste Ausbaustufe vollendet. Die Hochöfen waren jeweils 23 Meter hoch und standen 60 Meter voneinander entfernt. Sie hatten je 400 Kubikmeter Inhalt und konnten jeweils 200 Tonnen Bessemer und Hämatit-Roheisen produzieren. Der Hochofen 4 wurde am 7. Juni 1904 angeblasen, die Hochöfen 5 und 6 wurden 1905 in Betrieb genommen, die restlichen Hochöfen 7 bis 10 folgten in den Jahren 1907 bis 1913. Damit stieg die Gesamterzeugung von Rohstahl auf das Vierfache der ursprünglichen Planung, von 303.000 auf 1.138.000 Tonnen. Das Werksgelände umfasste 255 Hektar und wurde bis 1913 auf 382 Hektar erweitert.

Zwei Siemens-Martin-Öfen mit je 25 Tonnen Kapazität begannen 1900 mit einem Probebetrieb, wurden 1907 um zwei weitere Öfen von je 40 Tonnen erweitert.

Mit vier Konvertern und einem Roheisenmischer begann im Januar 1905 das Thomasstahlwerk mit seiner Produktion. Es wurde bis zum Ersten Weltkrieg um zwei weitere Konverter und einen Mischer erweitert. Die Konverter hatten ein Fassungsvermögen von je 25 t, die Mischer von 500 t. Die Produktion des Thomaswerkes stieg von 312.000 t im Jahr 1906 auf 680.000 t im Jahr 1913.

Im Jahr 1905 begann auch die Produktion von Eisenbahnschienen. Weitere Betriebsteile wurden eröffnet: Benzol- und Brikettfabrik, Drahtstraße seit 1904 und Zementwerk 1912, Schlackensteinfabrik 1921. Die werkseigene Kokerei bestand aus zwei Gruppen à 60 Öfen mit einer Gesamtverkokung von täglich 800 Tonnen, sie wurde im Jahr 1911/1912 auf 180 Öfen erweitert. Das Koksofengas wurde mit dem Gas der Hochöfen zur Heizung und Krafterzeugung genutzt. Im Jahre 1912 nahm das Drahtwalzwerk den Betrieb auf. Es war für eine Jahresproduktion von 100.000 t Walzdraht vorgesehen.

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg galt das Werk als das größte Europas. Die Produkte umfassten Schienen, Stab- und Profilstahl, Halbzeug, Schwellen und Walzdraht. 1.138 Millionen Jahrestonnen Roheisen konnten produziert werden.

1913 wurde mit dem Bau eines zweiten Martinwerks begonnen, das mit kippbaren Öfen eingerichtet wurde. In seinem Endausbau während des Ersten Weltkrieges hatte das Werk zehn Hochöfen, zwei Schachtöfen, zwei große Kupolöfen, das Thomasstahlwerk mit sechs Konvertern, zwei Martinstahlwerke mit zusammen acht Öfen und das Walzwerk; außerdem seit Dezember 1907 eine Eisenbauwerkstätte für Brücken- und Eisenhochbauten, aus der eine eigenständige Firma, die „Fried. Krupp Maschinen- und Stahlbau Rheinhausen“, später „Krupp Industrietechnik“, hervorging. Das Gebäude der Eisenbauwerkstätte war vor seiner Errichtung auf dem Krupp-Gelände als Krupp-Pavillon auf der Düsseldorfer Industrieausstellung im Jahre 1902 zu sehen gewesen.

Ständig wachsende Bedeutung bekam die Hafenanlage. Der parallel zu Rhein und Hochofenwerk bei Rheinkilometer 773,6 verlaufende Hafen hatte zunächst eine Länge von 600 m bei einer mittleren Breite von 60 m. Ankommende Schiffe entluden am westlichen Hafenufer, ausgehende wurden am östlichen beladen. Der Gesamtumschlag stieg von 880.000 t im Jahre 1905 auf 2.000.000 t im Jahre 1913/14. Das werkseigene Gleisnetz stieg in der gleichen Zeit auf 80 km Normal- und Schmalspur.

Während des Ersten Weltkriegs sank die Produktion der Hochöfen (von 94.000 t im Juli 1914 auf 49.000 t), vor allem wegen eines Mangels an Koks. Die Produktion an Eisenbahn-Oberbaumaterial wurde fast völlig eingestellt, ab 1917 aber wegen des kriegsbedingten Bedarfs wieder aufgenommen.

Während des Krieges wurden französische Kriegsgefangene im Werk als Zwangsarbeiter eingesetzt.Quelle bei Gallica, Scan; in der Quellensammlung gibt es weitere Erwähnungen des Werks zu diesem Sachverhalt

Weimarer Republik und Nationalsozialismus Nach dem Ersten Weltkrieg folgte eine Besatzung durch belgische Besatzungstruppen. Es wurde verboten, Gütertransporte über den Rhein vorzunehmen. Die Produktion war wegen Rohstoffmangels jahrelang erheblich eingeschränkt. Von Oktober 1923 bis Mitte Januar 1924 kam die Produktion infolge von Plünderungen als Folge der Ruhrbesetzung zum Stillstand. 1924 war das Jahr großer Streiks, im Januar eines zehntägigen Generalstreiks und im Mai eines Kohlenarbeiterstreiks. Nach der Währungsreform wurden bis September 1924 wieder sechs Hochöfen in Betrieb genommen. Ab 1929 kam es infolge der Weltwirtschaftskrise immer wieder zu massiven Produktionseinschränkungen. Bis Ende 1930 waren nur noch zwei Hochöfen in Betrieb, und es kam zu größere Entlassungen. 1931/32 wurde die Produktion auf zwölf Tage im Monat beschränkt.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 begann eine bisher nicht vorhandene Form der staatlichen Wirtschaftslenkung, von der auch das Rheinhauser Hüttenwerk betroffen war. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges stiegen die Produktionszahlen auf ein bisher nicht gekanntes Maß. Das Jahr 1936 brachte Produktionsrekorde. Im gleichen Jahr wurde mit der Errichtung von 28 Luftschutzräumen begonnen, die rund 6.300 Personen aufnehmen konnten. Zum 1. April 1941 wurde der Stahlbau verselbständigt (später Krupp Industrietechnik). Ab Sommer 1941 mehrten sich die Luftangriffe der Alliierten, wobei die Produktion aber nie völlig zum Erliegen kam. Erst gegen Ende des Zweiten Weltkrieges sank wegen zunehmender Fliegerschäden zusammen mit dem Mangel an Arbeitskräften die Produktion deutlich ab. Ende 1944 lag sie auf knapp zwei Prozent der Vorkriegsproduktion. Auch im Krupp’schen Hüttenwerk wurden viele Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter eingesetzt.

Amerikanische Truppen besetzten das Werk am 5. März 1945. Bis zum 17. April 1945 lag die Produktion de facto still, da den Belegschaftsmitgliedern das Betreten des Werkes untersagt wurde, um die Gefahr von Sabotage einzugrenzen.

Neubeginn ab 1945 mini|hochkant|Querschnitt durch eine Eisenbahnschiene mit HWR-Logo, ca. 1950 Nachdem im September 1945 große Teile der Unternehmensführung durch die Alliierten wegen Kriegsverbrechen verhaftet worden waren, gestattete am 16. November 1945 die britische Militärregierung nach Beschlagnahme des gesamten Werkes die Wiederinbetriebnahme der Produktion; Oberstleutnant Bennie wurde als Controller eingesetzt. Unter alliierter Aufsicht begann die Produktion am 26. November 1945 mit dem Anblasen eines Hochofens. Im Rahmen der Entnazifizierungsmaßnahmen zwang die Militärregierung die Hüttenleitung im Frühjahr 1946, zahlreiche belastete Personen zu entlassen.

in einer betrieblichen Urabstimmung vom April 1947 sprachen sich von 4.318 Stimmberechtigten 3.359 Mitarbeiter (bei 387 Gegenstimmen und 158 ungültigen Stimmen) für die Sozialisierung des Hüttenwerkes aus, die aber von den Alliierten nicht gebilligt wurde.

Nach britischer Anordnung zur Entflechtung gab Krupp den Namen „Friedrich-Alfred-Hütte“ 1947 unfreiwillig auf, den das Werk seit seiner Umbenennung 1904 getragen hatte.

Am 29. September 1947 wurde das Rheinhauser Hüttenwerk aus dem Krupp-Konzern entflochten und danach von der Liste der Reparationen gestrichen. Am 1. Oktober 1947 erfolgte die Übernahme durch die „Hüttenwerk Rheinhausen AG“. Allerdings musste sie mit der Fa. Krupp einen Betriebsbenutzungsvertrag schließen.

Das Unternehmen fiel zunächst provisorisch, ab 1951 auch formal unter die neue Montan-Mitbestimmung der Arbeitnehmer. So wurde ein Vorstandsmitglied (Arbeitsdirektor) durch die Arbeitnehmerseite bestimmt, ebenso ein Teil der Aufsichtsratsmitglieder.

Das Werk gelangte bereits am Ende des Jahres 1950 wieder in die Gewinnzone. In großen Schritten kamen nun die systematische Modernisierung sowie der Neu- und Ausbau aller Anlagen voran. 1952 zog die Versuchsanstalt in einen großzügigen Neubau um. Am 18. Dezember 1953 feierte die Belegschaft die Einweihung der nach modernsten Kriterien eingerichteten Lehrwerkstatt. Die Schienenwege und das Straßennetz wurden erweitert, die Hafensohle tiefergelegt und das Hafenbecken wegen der stark steigenden Umschlagsmengen verbreitert und mit zusätzlichen Kränen ausgestattet.

Die am 31. August 1953 gegründete Dachgesellschaft „Hütten- und Bergwerke Rheinhausen AG“ fasste die Eisen- und Stahlerzeugung in Rheinhausen (11.836 Beschäftigte) und die damals noch nicht erschlossenen Gruben der Bergwerke Essen-Rossenray als Tochtergesellschaften zusammen. Die neue Gesellschaft, deren Aktien sich zu 100 % im Eigentum von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach befanden, sollte auf Wunsch der Alliierten verkauft und die Firma Fried. Krupp in ein reines Unternehmen der Weiterverarbeitung umgewandelt werden.

Allerdings kam dieser Verkauf auf Grund der bis 1967 andauernden unternehmenspolitischen Taktik sowie nachhaltiger Interventionen der Bundesregierung und des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) nie zustande. Am 10. Juni 1954 wurde das Hüttenwerk aus der Kontrolle der Siegermächte entlassen. Im Frühjahr 1959 übernahm die Dachgesellschaft „Hütten- und Bergwerke Rheinhausen AG“ 63,1 % der Aktien des Bochumer Vereins für Gußstahlfabrikation AG. 1965 wurde es mit dem Bochumer Verein zur Fried. Krupp Hüttenwerke AG mit Sitz in Bochum verschmolzen. Mit dem Tod des Eigentümers am 30. Juli 1967 und der Umwandlung des Konzerns in die Friedr. Krupp GmbH zum 2. Januar 1968 endete dieses Kapitel der Werkgeschichte. 1969 wurden die Zechen aus dem Konzern ausgegliedert, sie kamen zur Ruhrkohle AG.

In den Jahrzehnten nach der Wiederinbetriebnahme wurden diverse technische Neuerungen vorgenommen. Im Jahre 1960 wurden 2.228.062 Tonnen Rohstahl erzeugt. Krupp Rheinhausen, wie alle anderen deutschen Montanunternehmen, fügte sich den wirtschaftlichen Vorteilen der Größendegression (eine Großanlage produziert bei Vollauslastung billiger als mehrere kleinere Anlagen) und baute aus: 1971 Neubau der Stranggießanlage I, 1972 Neubau des Hochofens I, der Sinteranlage und des LD-Stahlwerkes I, 1973 Neubau des Großhochofens II, 1975 Neubau des LD-Stahlwerkes II – mit zwei 300-Tonnen-Konvertern, die einer monatlichen Tonnage von 350.000 entsprachen sowie der Stranggießanlage II.

Der Niedergang Mit dem Niedergang von Kohle (Kohlekrise) und Stahl (Stahlkrise, siehe auch Montanindustrie) begann auch für Rheinhausen ein wirtschaftlicher Abstieg. Die beiden Rheinhauser Zechen namens Diergardt und Mevissen waren bereits in den Jahren 1967 und 1973 geschlossen worden. Entlassene Arbeitskräfte wurden meist von der Firma Krupp, die weiter expandierte, aufgenommen (noch 1965, während des Nachkriegsbooms, verhinderte der Krupp-Konzern die Ansiedlung eines Opelwerkes in Asterlagen aus Furcht vor Arbeitskräftemangel). Mitte der 1970er Jahre hatte jedoch auch eine Stahlkrise eingesetzt. Es kam zu Absatzschwierigkeiten; mehrere Werke in Deutschland mussten schließen.