Die Zitadelle Spandau ist eine der bedeutenden und besterhaltenen Festungen der Hochrenaissance in Europa. Sie befindet sich nordöstlich der Spandauer Altstadt am gegenüberliegenden Havelufer im Berliner Ortsteil Haselhorst und ist eine bekannte Sehenswürdigkeit des Berliner Bezirks Spandau. Kern der Anlage ist eine mittelalterliche Burg, von der noch Bergfried und Palas erhalten sind. Um sie herum wurde in den Jahren 1559–1594 ein Festungsbauwerk nach dem damals aktuellen Stand der Technik angelegt.

Im Bezirk Spandau befinden sich noch weitere zur Festung Spandau gehörende Bauwerke wie das erst 1886 erbaute Fort Hahneberg im Ortsteil Staaken, die Burgwallschanze und Reste der Teltower Brückschanze am Schanzenwald/Elsgraben.

Geschichte der Zitadelle mini|Lynarplan-Entwurf zum Bau der Zitadelle, ca. 1578

Archäologische Funde belegen, dass sich im 11. Jahrhundert auf dem Gelände der heutigen Zitadelle eine slawische Befestigungsanlage befand.

Zum Schutz der nahegelegenen Residenzstadt Berlin ließen die brandenburgischen Kurfürsten am Zusammenfluss der Spree mit der Havel bei Spandau eine Festung errichten. Im Jahr 1557 wurde mit den Vorarbeiten zum Bau begonnen. Aus dem Jahr 1560, dem Jahr des Baubeginns, ist ein Armierungsentwurf für die Festung bekannt. Im Jahr 1580 erfolgte die erste Belegung mit Mannschaften, 1594 wurde der Festungsbau vollendet. Im Jahr 1620 begann die Umbauung der Stadt Spandau mit Wallanlagen. Die Festung war jetzt eine Zitadelle. Im Jahr 1636 zog Graf Adam zu Schwarzenberg, der Statthalter des brandenburgischen Kurfürsten Georg Wilhelm, mit der Kriegskanzlei auf die Zitadelle.

Schwedische Truppen lagen 1675 während des Schwedeneinfalls vor der Zitadelle. 1691 ereignete sich eine Explosion auf der Bastion Kronprinz, worauf diese 1692 neu erbaut wurde.

Während des Krieges mit Frankreich kapitulierte die voll kriegsbereite Festung unter dem Kommandanten Major Ernst Ludwig von Beneckendorff am 25. Oktober 1806 ohne jeden Versuch sich zu verteidigen. Napoleon Bonaparte besichtigte sie am Tag darauf. Nach Kriegsende verurteilte ein Kriegsgericht Beneckendorff zum Tode, jedoch wandelte König Friedrich Wilhelm III. das Urteil in „Festungsarrest auf Königliche Gnade“ um.Großer Generalstab (Hrsg.): 1806. Das Preußische Offizierkorps und die Untersuchung der Kriegsereignisse. Mittler und Sohn, Berlin 1906, S. 49. Die Festung blieb bis zu den Befreiungskriegen von französischen und polnischen Truppen besetzt. Bei der Belagerung durch die preußische Armee im April 1813 explodierte nach einem Artillerietreffer das Pulvermagazin auf der Bastion Königin. Am 26. April 1813 übergab die französische Besatzung die Festung gegen freien Abzug an den preußischen General August von Thümen.Zitadelle Spandau 1813. auf tabletopdeutschland.com

Die Restaurierung der Bastion Königin erfolgte 1821. Das Außenmauerwerk wurde 1885 in der heutigen Form verblendet. Von 1874 bis 1919 lagerten Teile des Reichskriegsschatzes auf der Zitadelle.

Im Jahr 1920 wurde die Zitadelle durch einen von sechs Personen ausgeführten Raub bekannt. Sechs Millionen rumänische Lei waren bei einem Einbruch in den Juliusturm gestohlen worden und sollten in Brüssel in brauchbares Geld umgewandelt werden. Als Haupttäter ermittelte die Polizei den Kaufmann Fröschle mit seiner Geliebten, die übrigen Personen sollen an der Hehlerei beteiligt gewesen sein. Das Gericht verurteilte die Angeklagten zu unterschiedlich langen Gefängnisstrafen bis hin zu Bewährung.Der Zitadellenraub vor Gericht. In: Vossische Zeitung, 28. November 1920.

Im Jahr 1935 wurde ein Heeresgasschutzlaboratorium eingerichtet, in welchem umfangreiche Forschungen zum Nervengas Tabun durchgeführt wurden. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde am 1. Mai 1945 die Zitadelle vom Kommandanten, Oberst Professor Dr. Gerhard Jung, kampflos an die sowjetischen Truppen übergeben.Antony Beevor: The Fall of Berlin, 1945. Viking, 2002, ISBN 978-0-670-03041-5, S. 374.Die höfliche Kapitulation in Spandau. In: Der Tagesspiegel, 1. Mai 2005 Daran erinnert eine Gedenktafel in der Eingangshalle der Zitadelle.

Zwischen 1945 und 1948 war die britische Verwaltung ihres Sektors von Berlin Hausherr der Zitadelle, in der 1960 das Spandauer Heimatmuseum im Palas eröffnet wurde. 1962 bis 1976 fanden umfangreiche Restaurierungsarbeiten in der Zitadelle statt, in deren Verlauf auch Kampfmittel gesucht und geräumt wurden.

Die Otto-Bartning-Schule (Berufsfachschule für das Baugewerbe, später: Otto-Bartning-Oberschule als Fachoberschule für Baugewerbe, Bauwesen und Vermessungstechnik) war von 1950 bis 1986 in der Zitadelle untergebracht.

Planungen für die Unterbringung des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte auf der Zitadelle zerschlugen sich mit dem Fall der Mauer. Im ehemaligen Zeughaus befindet sich seit 1992 das Stadtgeschichtliche Museum Spandau. Das Erdgeschoss beherbergt eine ständige Ausstellung zur Stadtgeschichte Spandaus; im Obergeschoss ist Raum für Wechselausstellungen.

In der Zitadelle Spandau finden regelmäßig Konzerte, Festivals und andere Veranstaltungen statt, beispielsweise ein jährliches Mittelalterfest, das seit 2005 jährlich stattfindende Citadel Music Festival und ein regelmäßiger historischer Weihnachtsmarkt.Weihnachtsmarkt 2018 in der Zitadelle Spandau, abgerufen am 6. Januar 2019.Offizielle Website des Citadel Music Festival; abgerufen am 10. Februar 2018 Auf dem Gelände befinden sich weitere Ausstellungsflächen sowie ein Haus mit 40 Ateliers für Künstler und andere Kreativschaffende.Atelierhaus Der Gotische Saal sowie Räume der Italienischen Höfe und der Alten Kaserne können als Veranstaltungsorte gemietet werden.Zitadelle als Location Ferner bietet das Standesamt Trauungen im Fürstenzimmer des Kommandantenhauses an.Standesamt Spandau – Trauung in der Zitadelle

Dauerausstellung Enthüllt – Berlin und seine Denkmäler Wichtiger Teil der Nutzung ist seit 2016 die Dauerausstellung Enthüllt – Berlin und seine DenkmälerEnthüllt. Berlin und seine Denkmäler. auf www.hsozkult.de, der Sanierungsmaßnahmen im ehemaligen Proviantmagazin vorangegangen waren. Die Berliner Kulturverwaltung hatte 2009 hierfür eine Förderung in Höhe von rund sechs Millionen Euro aus Mitteln des Berliner Kulturinvestitionsprogramms bewilligt. Ein ähnlich hoher Beitrag kam von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie. Während die baulichen Arbeiten durch einen Wettbewerb im Jahre 2010 vorentschieden worden waren, wurden 26 Standbilder und 40 Büsten der ehemaligen Siegesallee im Mai 2009 aus vom Lapidarium in Berlin-Kreuzberg auf die Zitadelle verlagert. Nach sorgfältiger Restaurierung bilden sie seit dem 29. April 2016 einen Teil der neuen Dauerausstellung im Magazin (Haus 8) (siehe im Einzelnen zu den in der Zitadelle vorhandenen Siegesalleefiguren: Liste der Figuren). Zu den Exponaten der Ausstellung zählt ferner der Kopf des 1991/1992 abgerissenen Ost-Berliner Lenindenkmals, der 23 Jahre lang in einer Sandgrube am Rande Berlins vergraben war.So wird das Lenin-Denkmal ausgegraben. In: Der Tagesspiegel, 7. September 2015

Architektur

Übersicht mini|hochkant=1.5|Schematische Karte der Zitadelle Spandau:1 Torhaus2 Juliusturm3 Palas4 Bastion Kronprinz5 Bastion Brandenburg6 Bastion Königin7 Bastion König8 Kanonenturm9 ehemalige Kaserne10 Wassertor11 italienische Höfe12 ehemaliges Verwaltungsgebäude13 Magazin14 ehemaliges Offiziershaus15 ehemaliger Exerzierhalle16 ehemaliges Zeughaus17 Ravelin „Schweinekopf“18 Damm und Helmbrücke19 Wassergraben20 Havel21 Spandauer See/Krienecke

Architekt der Zitadelle war der Italiener Francesco Chiaramella de Gandino, der 1578 durch Rochus zu Lynar – gleichfalls aus Italien stammend – abgelöst wurde. Bautechnisch entsprach die Zitadelle der damaligen Idealvorstellung. Die symmetrisch aufgebaute Festung besitzt vier Bastionen, die durch Kurtinen verbunden sind. Das Kurtinen-Viereck besitzt eine Kantenlänge von 208 × 195 Metern. Durch die Anordnung der Bastionen gab es keine toten Winkel, in denen sich Angreifer hätten verstecken können.

Torhaus Das Torhaus befindet sich in der Südkurtine und besitzt eine Zugbrücke. Es ist aus Gründen der besseren Verteidigung aus der Mitte nach Westen verschoben. So bot sich eine Sicherung von der linken Flanke der Bastion „König“ aus an. Dafür nahm man den schlechten Untergrund in Kauf. Um dieses Problemes Herr zu werden, wurde zur Erbauung das Verfahren der schwimmenden Gründung angewandt. In den Faulschlamm schüttete man Abbruchmaterial und Schutt. Große Stücke setzten sich auf dem Grund ab und saugten die Feuchtigkeit auf. Darauf wurden Holzpfähle – überwiegend aus Eichenholz – gerammt, die vierkantig zugehauen und zwischen 2 und 3,5 Meter lang waren. Auf diesem vorbereiteten Untergrund erbaute man das Torhaus.

Francesco Chiaramella wird der Entwurf des Torhauses zugeschrieben. Als Venezianer kannte er das von Michele Sanmicheli erbaute Stadttor Porta Nuova in Verona. Das Torhaus in Spandau war ein Prunktor, das den Vorüberreisenden zeigen sollte, wie aufgeschlossen die Spandauer der Kunst gegenüberstanden.

Die heutige Fassade an der Feldseite des Torhauses stammt aus dem Jahr 1839. Die Renaissancefassade des 16. Jahrhunderts wurde 1813 bei dem Beschuss der Zitadelle beschädigt und – wahrscheinlich als nicht mehr zeitgemäß – bei den Renovierungsarbeiten entfernt. Die neue Fassade erhielt eine Gliederung in den Formen des Klassizismus. Hierfür machte man sich die risalitartige Herausziehung der Halle des 16. Jahrhunderts zunutze und blendete eine 25 cm starke Fassade aus Rathenower Ziegeln vor. Sie wird betont durch ein Bogenfeld mit dem kurbrandenburgischen Wappen aus der Erbauungszeit. Zum König in Preußen geworden, ließ Friedrich I. 1701 den Kurhut über dem Wappen durch eine Königskrone ersetzen. Der Wappenschild wird durch ein Band mit Schnalle gerahmt, das von zwei schwarzen Adlern gehalten wird und die Aufschrift Honi soit qui mal y pense trägt (die Devise des Hosenbandordens; übersetzt aus dem Altfranzösischen: ‚Beschämt sei, wer schlecht darüber denkt‘ oder ‚Ein Schelm, wer Böses dabei denkt‘).Wappen über dem Torhaus In der Lünette des Eingangs befindet sich der königlich-preußische Adler.

Juliusturm

mini|Die Tafel am Eingang des Juliusturms in der Zitadelle Spandau

Der Juliusturm, eines der Wahrzeichen Spandaus, ist 30 Meter hoch. Auf seine Spitze führt die berühmte Wendeltreppe, die 1964 nach dem Vorbild der neugotischen Treppe von 1843 rekonstruiert wurde. Wenn man die 153 Stufen erklommen hat, bietet sich ein Rundblick über Spandau und Umgebung, bis nach Tegel, zur Berliner Innenstadt und zum Grunewald. Die Zeit der Erbauung ist unbekannt. Nach dem Baubefund gehört das Baumaterial des Sockels dem 13. Jahrhundert an. Die Mauerstärke beträgt im Sockelgeschoss 3,6 Meter und im Obergeschoss 2,3 Meter. Folgenschwer für den Turm war 1813 der Beschuss der Zitadelle, die zu damaliger Zeit von napoleonischen Truppen besetzt war, durch preußische Artillerie – er brannte aus. Als Folge stürzte 1822 die Mauerkrone herunter. 16 Jahre blieb der Turm ohne Zinnenkranz. Karl Friedrich Schinkel erhielt 1836 den königlichen Befehl, einen neuen Zinnenkranz zu entwerfen. Sein Entwurf, der Kranz mit 24 Zinnen, passt sich harmonisch dem gotischen Bau an. Wegen der Schrägstellung des Turmes um etwa 81 cm musste der Baumeister Schinkel zum Ausgleich den Schaft des Kranzes auf der Westseite überhöhen.

In der Entstehungszeit war das Bauwerk Wehrturm und Wachturm und diente als Zufluchtsstätte bei Gefahr. Gleichzeitig konnte er als Wohnturm genutzt werden. In seinem Kellergeschoss befand sich das Verlies.

mini|Nahaufnahme der Tresortür des Juliusturms