Tschewengur (Originaltitel ) ist eine Powest (Episodenroman) von Andrei Platonow über den Versuch des Aufbaus der kommunistischen Gesellschaft in der Sowjetunion mit dem Untertitel Die Wanderung mit offenem Herzen. Geschrieben 1926/27 unter dem Titel Die Erbauer des Landes, erschien der erste, relativ unspektakuläre Teil als selbstständige Erzählung 1929. Bereits 1928 waren weitere Episoden in zwei Zeitschriften erschienen. Die vollständige Fassung des Buches wurde 1928 fertiggestellt und ging 1929 in den Satz, durfte jedoch nicht erscheinen. Ausschlaggebend dafür war auch die Ablehnung durch Maxim Gorki, der das Buch inakzeptabel fand, da die Helden nicht als Revolutionäre, sondern als komische Käuze dargestellt würden. 1972 kam der Roman in gekürzter Fassung im Pariser Emigrantenverlag YMCA Press heraus, im Jahr darauf in einer Übersetzung Swetlana Geiers bei Luchterhand. Erst 1988 – fast vier Jahrzehnte nach dem Tod des Autors – durfte er in der Sowjetunion erscheinen. Die erste vollständige deutsche Ausgabe folgte im Verlag Volk und Welt 1990. mini|hochkant|Satzfahnen des Romans (1930)

Inhalt Die Handlungs des Romans ist überwiegend in der Zeit des Russischen Bürgerkriegs in der südrussischen Steppe bei Woronesch angesiedelt. Der Roman beginnt jedoch mit der Schilderung der im Zarenreich periodisch wiederkehrenden Hungersnöte, die die Menschen entwurzeln und sie zur Arbeit in die Kohlegruben, zum Leben in Erdhütten, zum Betteln auf die Landstraße oder zur Kräutersuche in die Wälder treiben. Ein Einsiedler ist „nicht besessen vom Leben“, er macht stattdessen „nichts“, eine alte Frau „heilt“ die verschmachtenden Säuglinge vom Hunger durch einen giftigen Pilzaufguss, wodurch sie „friedlich und still“ (9)Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf die Suhrkamp-Ausgabe 2018. werden, und Friedhofskreuze werden als Brennholz benutzt. Damit ist gleich zu Beginn des Romans ein Grundton von Fatalismus, Müdigkeit und Vergeblichkeit der menschlichen Bemühungen gesetzt. Der Mensch kann klug, tapfer oder böse sein, aber „er ist vor allem traurig“ (68). Während aber die Menschen hungern, „fahren die Züge nach Fahrplan“ (61). Die Maschinenwelt funktioniert mit Exaktheit und Geschwindigkeit. Die „gleichmäßig tätige“, unveränderliche Natur zeigt hingegen, dass sich „nichts zum Besseren wenden würde“ (53).

Der Held des Romans, eine Figur, mit der sich der Autor offenbar identifiziert, ist Alexander (Sascha) Dwanow. Er ist der Sohn eines Fischers, der sich aus Neugier auf den Tod in den See gestürzt hatte, und wird von dem armen Bauern Prochor Dwanow und seiner Frau angenommen, aber zum Betteln geschickt. Obwohl er mit Brot zurückkehrt, hält ihn sein rational und utilitaristisch denkender Stiefbruder Prokofi (Proschka), der „jeden Bissen zählte“ und nur für einen Rubel bereit ist, seinen Pflegebruder zu suchen (40), für einen überflüssigen Esser und quält ihn.

Hier wird eine neue Person eingeführt: Sachar Pawlowitsch, ein Bekannter von Saschas Vater, ist ein erkenntnishungriger Mechaniker; er liebt die Arbeit und ehrt sie; die Natur (auch die menschliche) weckt in ihm jedoch keine Anteilnahme. Nach einer desillusionierenden Begegnung mit Proschka verliert er den Glauben daran, dass Maschinen hilfreich sind. Sein Interesse für seine Projekte erlischt immer wieder rasch, und darunter leidet schließlich die Qualität seiner Arbeit. Angesichts der Revolution wird er zunehmend skeptisch gegenüber dem Verstand: Wenn „die klügsten Männer an der Macht Dienst hätten, […] sei nichts Gutes zu erwarten“ (76). Er nimmt Sascha bei sich auf. Der lässt sich von der Resignation seines Pflegevaters nicht anstecken und wird Schlosserlehrling in einer Lokomotivwerkstatt. Er zeigt Mitgefühl für alles und jeden und ist so fähig, das Fremde „mit der Empfänglichkeit seines eigenen Lebens“ (75) zu erspüren. Er tritt in die Kommunistische Partei ein, während sein Pflegevater Sachar zunehmend an der Welt leidet. Dass die Revolution kein Selbstläufer sein wird, ist jedoch bald deutlich: Die Parteibürokraten fürchten die „Unwissenheit der Massen“, die nur „Scherereien“ verursachen (79).

Sascha wird in den Bürgerkrieg abkommandiert. Durch Zufall wird er Assistent des Lokführers auf einem bewaffneten Zug der Roten Armee, ist beteiligt am Kampf gegen die Kosaken und die „Weißen“ und kehrt schließlich zu Sachar zurück. Da sich der Aufbau des Sozialismus immer weiter verzögert, beschließt die Partei, ihn aufs Land zu schicken, um sich ein Bild über das „sich abzeichnende eigenständige Heranwachsen des Sozialismus innerhalb der Massen“ (106) zu verschaffen, und zwar in der Hoffnung, dass allein schon die Armut die unwissende Bevölkerung dazu genötigt habe, sich zusammenzutun und den Kommunismus ohne Unterstützung durch ihre „Selbsttätigkeit“ aufzubauen – eine Anspielung auf Lenins Genossenschaftskonzept.

Sascha Dwanow, eigentlich ein Menschenfreund, ist gütig, verzeihend, aber naiv. Bei ihm „denkt das Blut im Kopf“ (277). Er will Bedeutendes schaffen, trifft aber in der wasserarmen Steppe nur auf umherirrende Arme und Sonderlinge. Er überlebt einen Angriff anarchistischer Banditen, die nach dem Bürgerkrieg Lebensmittel stehlen und Dörfer plündern, wird verwundet, man lässt ihn aber am Leben, weil er ein Buch kennt, das der Anführer der Bande geschrieben hat. Saschas Gefährtin Sonja Mandrowa, die er gerade erst kennen gelernt hatte und die in einer Schule und als Krankenschwester arbeitet, wartet inzwischen auf ein Lebenszeichen von ihm. Da erscheint eines Tages Stepan Kopjonkin, der Kommandant einer bolschewistischen Truppe, der die Bande „anarchistischer Hühnerdiebe“ zerschlagen hat, und bringt Sascha zu ihr. Kopjonkin, eine überzeichnete Nachbildung Don Quijotes, will auf seinem Ross Revolutionäre Kraft Heldentaten im Namen der von ihm verehrten toten Rosa Luxemburg vollbringen und ist auf der Suche nach ihrem Grab. Ihre Rolle entspricht jener der fiktiven Dulcinea del Toboso, in deren Namen Don Quijote seine Taten vollbringt, ohne dass sie je von seiner Existenz erfährt. Kropotkin bedient sich eines skurril verfremdeten Politsprechs, wie er sich auf zeitgenössischen Plakaten findet: „Der sowjetische Verkehr ist das Gleis für die Lokomotive der Geschichte.“ (133) Seelische Zweifel hält er für Verrat an der Revolution. Er tötet Weißgardisten und Banditen mit „demselben alltäglichen sorgfältigen Eifer, mit dem ein Weib Hirse ausjätet“ (181).

Die Revolution funktioniert indes längst ohne zentrale Leitung, sie hat sich verselbstständigt: Die Menschen bewegen sich „ohne Kompass“ von Ort zu Ort, und wo sie sich versammeln, finden sich sofort Führer. Diese wissen zwar nichts, geben aber über die katastrophale Situation Auskunft. Sie richten durch übereilte Eingriffe in die dörfliche Wirtschaft, deren Zeuge Sascha wird, etwa durch die zwangsweise Verteilung des Viehs an Arme, die kein Futter für die Tiere haben, oder durch unsinnige Abholzungsbefehle wirtschaftlichen und ökologischen Schaden an. Sie beginnen „sehr früh zu handeln, ohne viel verstanden zu haben“ (168). Ihre lauteren Absichten enden in Barbarei.

Die Handlung erfährt in der zweiten Hälfte des Buches eine utopische oder besser dystopische Wende, als die Protagonisten von der Stadt Tschewengur hören, dass sich der Kommunismus dort angeblich von selbst verwirklicht hat.Zekri 2018 In Tschewengur haben elf dürftig gebildete, aber chiliastisch gestimmte Kommunisten versucht, ein kommunistisches Reich jenseits der Geschichte aufzubauen. In ihren Dialogen und Handlungen spiegeln sich die verschiedenen Parteiströmungen der Bürgerkriegs- und Nachbürgerkriegszeit, die ihre ideologischen Konflikte untereinander austragen. Deutlich wird der Konflikt zwischen dem alten dörflichen Genossenschaftsgedanken (Artel), dem die meisten Bewohner anhängen, die sich mit der Religion trösten, um „über den Höllengrund des Kommunismus […] mit der vollen Würde der Geduld und Hoffnung“ zu gehen (324), und den Anhängern der kommunistischen Utopie; beide sind durch endzeitliche Erlösungshoffnungen verbunden (264). Diese führen jedoch zu einem Fatalismus, der an die Müdigkeit der Zarenzeit erinnert: Die Menschen in Tschewengur warten entweder auf den Kommunismus oder auf die Wiederkunft des Herrn. Niemand tut etwas, aber jeder hat zumindest Brot und Tee. Der Kommunismus wird vorgestellt als „Beendigung der zwieträchtigen menschlichen Betriebsamkeit, die von der tödlichen Notwendigkeit zu essen herrührte“, während man glaubt, dass allein die Sonne „am Wachsen der Nahrung“ (320) arbeitet. Dieser Attentismus stört einige Bolschewiken, hinter denen man Trotzki mit seiner Theorie der permanenten Revolution vermuten darf: Der Kommunismus müsse „die ununterbrochene Bewegung der Menschen in die Ferne der Erde“ sein (293). Dagegen steht die (erst 1926, also lange nach dem Bürgerkrieg, aber schon während Platonows Arbeit am Buch verkündete) Lehre Stalins vom Aufbau des Sozialismus in einem Land, die auch von Prokofi vertreten wird.

Aber „das Gros der Bourgeoisie war nicht dauerhaft fest gestampft“ in seinen Gräbern (294), es überlebte auch in Tschewengur. Prokofi, inzwischen Vorstand des Kreisexekutivkomitees, entscheidet, diese Burshuis nicht einfach auszurotten, „das müsse man theoretischer machen“; man solle sie „durch Enteignung in schmerzloser Weise“ ins jenseitige Leben befördern (296 f.). Er überträgt die „dunkle Kompliziertheit der Gouvernementspapiere […] mit dem Lächeln der Wollust“ (298) auf den Kreis. Die Burshuis werden von den Tschekisten unter ihrem Vorsitzenden Pijussja (Feliks Dzierżyński?) grausam ermordet. Die „restlichen Klassen“, die "Halbburshui" (Kleinbürger), werden zum Tode verurteilt, aber begnadigt und in die Steppe geschickt (317). Die Gräuel reden sich die Bolschewiken schön durch die Vorstellung vom „künftigen Frieden der durch Leiden erneuerten Erde“ (324), wenn sich die Toten erheben werden.

In Tschewengur treffen sich nach und nach auch die Hauptakteure aus dem ersten Teil des Buches: Sascha Dwanow, Kopjonkin, und Saschas Bruder Prokofi mit seinem „ökonomischen Verstand“ werden Zeuge der Liquidierung der Bourgeoisie durch die elf Tschewengurer Bolschewiken, die den baldigen Triumph des Kommunismus und damit das Ende der Geschichte erwarten. Danach gibt es jedoch niemanden mehr, der in Tschewengur arbeitet: Die Felder werden nicht mehr bestellt, das Proletariat isst Brennnesseln und lebt auf einem Kurgan, einem prähistorischen Grabhügel. Dann gibt es noch die „Übrigen“, also entwurzelte Landlose, sie werden „Vaterlose“ oder einfach als „niemand“ (368) bezeichnet – so denken die Bolschewiken „über fremdes Leben nach“ (386).

Sie fragen sich auch, ob die Naturgesetze auch noch im Kommunismus gelten – ungewiss ist, ob es wieder „Winter geben werde“ (392), ob sie also Vorräte anlegen müssen. Vielmehr nehmen sie an, dass nach dem Ende des Kapitalismus allein die Sonne dem Kommunismus Lebenskraft gibt, auch wenn niemand mehr arbeitet. Die Arbeit sei „von den Ausbeutern erfunden“ worden, damit diese eine „unnormale Mehrzulage“ (370) bekommen – die Marxsche Kategorie des Mehrwerts wird hier in die sozialistische Bürokratensprache transformiert, die Marxsche Logik dabei auf den Kopf gestellt.