Als Schlacht von Nürnberg (, ) wird das Achtelfinalspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland zwischen Portugal und den Niederlanden bezeichnet, das am 25. Juni 2006 im Frankenstadion in Nürnberg ausgetragen wurde. In der vom russischen Schiedsrichter Walentin Iwanow geleiteten Partie, die von zahlreichen Fouls und Unsportlichkeiten geprägt war, wurde mit 16 Gelben Karten, davon vier Gelb-Roten Karten, eine Rekordzahl an Verwarnungen und Platzverweisen für ein Weltmeisterschaftsspiel ausgesprochen. Portugal gewann das Spiel mit 1:0; beide Mannschaften beendeten das Spiel mit lediglich noch neun Spielern auf dem Feld.

Vorgeschichte Bei dem Spiel handelte es sich um eine Neuauflage des Halbfinalspiels der Fußball-Europameisterschaft 2004, das Portugal mit 2:1 für sich entschieden hatte. Damit war Portugal bei der Europameisterschaft im eigenen Land erstmals der Einzug in ein EM-Finale gelungen, in welchem man jedoch dem Außenseiter Griechenland unterlag.

Zudem waren die Mannschaften in der Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 2002 zweimal aufeinandergetroffen. Dabei hatten die Niederlande im Rückspiel eine 2:0-Führung in den letzten 10 Minuten noch verspielt. Auch das Hinspiel war unglücklich verlaufen, da beim 2:0-Sieg der Portugiesen der Führungstreffer zum 1:0 gefallen war, nachdem der Niederländer Marc Overmars nach einem Pfiff aus dem Publikum fälschlicherweise eine Spielunterbrechung vermutet hatte. Letztlich wurden die Niederlande hinter Portugal und Irland überraschend nur Gruppendritter und verpassten damit die Qualifikation für die Weltmeisterschaft.Simon Hooper: Dutch Orange men get the blues auf cnn.com. 10. Mai 2002, abgerufen am 29. September 2023 (englisch).Jeroen Kapteijns: Memory of 2001 humbling by Ireland still haunts Dutch star Boudewijn Zenden. In: Irish Independent. 9. September 2023, abgerufen am 29. September 2023 (englisch).

Vor dem Spiel hatten die Niederlande seit 15 Jahren nicht gegen Portugal gewonnen. Beide Teams hatten die Gruppenphase ungefährdet überstanden und waren bereits vor dem dritten Spiel sicher für das Achtelfinale qualifiziert gewesen, dementsprechend hatten beide Mannschaften im letzten Gruppenspiel einige Stammspieler geschont. Portugal hatte alle drei Vorrundenspiele gewonnen und zog dementsprechend als Gruppenerster ins Achtelfinale ein, die Niederlande wurden nach zwei Siegen und einem Unentschieden gegen Argentinien Gruppenzweiter. Bei Oranje hatte sich Stürmer Ruud van Nistelrooy, der zuvor in der Startelf gestanden hatte, vor der Partie mit Bondscoach Marco van Basten überworfen und saß daher nur auf der Bank. Van Nistelrooy war zuvor dreimal ausgewechselt worden und hatte van Basten dafür öffentlich kritisiert.Achtelfinale: Wie verhext. In: Die Zeit. 25. Juni 2006, abgerufen am 30. September 2023.

Spielverlauf Bereits in der zweiten Minute des Spiels zeigte Schiedsrichter Walentin Iwanow nach einem Foul von Mark van Bommel an Cristiano Ronaldo erstmals die Gelbe Karte.Sean Cole: Portugal v The Netherlands: Remembering The Battle Of Nuremberg auf thesportsman.com. 26. März 2018, abgerufen am 30. September 2023 (englisch).A forensic analysis of all 20 cards shown in the Battle of Nuremberg auf planetfootball.com. 25. Juni 2023, abgerufen am 30. September 2023 (englisch). In der siebten Minute erhielt Khalid Boulahrouz nach einem Tritt gegen Ronaldo die zweite Gelbe Karte der Partie. Der Portugiese erlitt durch dieses Foul eine Verletzung und musste daher in der 33. Minute ausgewechselt werden. Er wurde durch Simão ersetzt.Der Sündenbock: Kartenspieler Iwanow. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 26. Juni 2006, abgerufen am 30. September 2023. Zu Beginn der Partie hatten die Niederländer die ersten Chancen. In der 23. Minute ging allerdings Portugal mit seiner ersten guten Torchance in Führung, nach Zuspiel von Deco vom rechten Flügel auf Pauleta im Strafraum, der den Ball zu Maniche – der ebenfalls in der 20. Minute bereits gelbverwarnt worden war – ablegte, konnte dieser den niederländischen Verteidiger André Ooijer aussteigen lassen und traf aus elf Metern halbhoch rechts das Tor. Kurz vor der Halbzeitpause erhielt Costinha, der in der 31. Minute nach einem Foulspiel an Phillip Cocu bereits Gelb gesehen hatte, nach einem absichtlichen Handspiel die Gelb-Rote-Karte, sodass Portugal die zweite Hälfte in Unterzahl eröffnete.Portugal gewinnt die "Schlacht von Nürnberg". In: Kicker. 25. Juni 2006, abgerufen am 12. August 2024.

Portugal entschied sich nach der Halbzeitpause für eine defensivere Formation mit stärkerem Fokus auf Konterspiel und wechselte daher Mittelstürmer Pauleta aus, um ihn durch den defensiven Mittelspieler Petit zu ersetzen. Daraufhin nahmen die Torchancen der Niederländer zu, die durch die Einwechslung von Rafael van der Vaart für den Innenverteidiger Joris Mathijsen – als Gegenspieler des ausgewechselten Pauleta entbehrlich geworden – zunehmend auf Angriff setzten. Dies ermöglichte den Portugiesen mehr Raum für Konter. Verwarnungen wurden zu Beginn der zweiten Hälfte zunächst gegen Petit (50. Minute) sowie den Niederländer Giovanni van Bronckhorst (59. Minute) ausgesprochen. Einen Kopfstoß von Portugals Kapitän Luís Figo gegen van Bommel in der auf das Foul von van Bronckhorst folgenden Auseinandersetzung sah Schiedsrichter Iwanow nicht, zeigte aber nach einem Hinweis durch einen Assistenten in der 60. Minute die Gelbe Karte.Nach dem Kopfstoß: Figo muß nicht mit Sperre rechnen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 26. Juni 2006, abgerufen am 30. September 2023.Figo free to play despite head-butt auf abc.net.au. 26. Juni 2006, abgerufen am 30. September 2023 (englisch). Drei Minuten später erhielt Boulahrouz die Gelb-Rote Karte, da er Figo bei einem Zweikampf mit dem Ellenbogen im Gesicht getroffen hatte, was zu Rudelbildung an der Seitenlinie führte. In der 71. Minute verletzte sich Ricardo Carvalho, als er einen Schuss von Wesley Sneijder abblockte. Nach der folgenden Verletzungsunterbrechung gaben die Niederländer nach einem Schiedsrichterball den Ball nicht an die Portugiesen, die zuvor im Ballbesitz gewesen waren, zurück und hielten sich damit nicht an eine ungeschriebene Fair-Play-Regel.Stuart Watt: Portugal wins battle of Nuremberg auf abc.net.au. 26. Juni 2006, abgerufen am 12. August 2024 (englisch). Als Reaktion darauf beging Deco in der 73. Minute ein Foul an John Heitinga, woraufhin es erneut zu Rudelbildung kam. Deco erhielt für sein Foulspiel ebenso wie Sneijder für seine Rolle in dem auf das Foul von Deco folgenden Gerangel Gelb, auch van der Vaart wurde eine Minute später deswegen verwarnt. Anschließend sahen auch die Portugiesen Ricardo (Zeitspiel) und Nuno Valente (Foulspiel, beide 76. Minute) die Gelbe Karte. Der nächste Platzverweis folgte in der 78. Minute, als der erst fünf Minuten zuvor gelbverwarnte Deco wegen Zeitspiels, nachdem er die Ausführung eines Freistoßes der Niederländer verhindert hatte, des Platzes verwiesen wurde. In der 81. Minute vereitelte Ricardo eine große Torchance der Niederländer, als er in einer 1-gegen-1-Situation den Schuss von Dirk Kuyt parierte. Kurz vor Abpfiff musste schließlich noch der Niederländer Giovanni van Bronckhorst nach einer Gelb-Roten-Karte wegen eines Fouls an Tiago das Feld in der fünften Minute der Nachspielzeit vorzeitig verlassen.

Reaktionen und Nachwirkungen Nach dem Spiel geriet Schiedsrichter Walentin Iwanow in die Kritik, beide Trainer äußerten sich unzufrieden über die Schiedsrichterleistung bei dieser Partie. So meinte der niederländische Trainer van Basten, dass Iwanow „die Portugiesen mit allem davonkommen lassen“ habe. Auch Portugals Coach Luiz Felipe Scolari äußerte nach dem Spiel, dass der Schiedsrichter „keinen guten Tag erwischt“ habe. FIFA-Präsident Sepp Blatter nahm den Schiedsrichter in die Verantwortung und äußerte sich folgendermaßen: „Ich muss sagen, dass der Schiedsrichter nicht auf dem Niveau der Spieler gepfiffen hat. Man hätte auch ihm eine Gelbe Karte zeigen können“.Blatter wettert gegen Schiedsrichter Iwanow. In: Der Spiegel. 26. Juni 2006, abgerufen am 30. September 2023. Der Kicker gab Iwanow nach dem Spiel die Note 5,0 und bewertete seine Leistung wie folgt: „Hatte das Spiel durch falsches Strafmaß nicht im Griff: Hätte Costinha und Deco früher Gelb-Rot geben müssen, brachte dadurch große Hektik ins Spiel. Figos Gelb (60.) war zu milde, Gelb-Rot gegen Boulahrouz hingegen zu hart.“ Iwanow selbst bezeichnete das Spiel zwei Tage später „in Anbetracht der aggressiven Gangart“ als „das schlimmste Spiel seiner Karriere“, sah aber keine Fehlentscheidungen seinerseits.Iwanow: "Schlimmstes Spiel" In: Der Standard. 28. Juni 2006, abgerufen am 30. September 2023. Blatter entschuldigte sich einige Tage später öffentlich für seine Kritik und meinte stattdessen, dass „Schiedsrichter [...] eine größere Skala der Entscheidung haben [sollten]“.Frings-Urteil: Blatter räumt Fehler ein. In: Stern. 4. Juli 2006, abgerufen am 30. September 2023. Allerdings wurde bekanntgegeben, Iwanow für keine weiteren Spiele bei dieser Weltmeisterschaft zu nominieren.Under-fire refs get World Cup boot auf cnn.com. 29. Juni 2006, abgerufen am 30. September 2023 (englisch). Damit war es das letzte Spiel seiner Karriere als FIFA-Schiedsrichter, für die seinerzeit eine Altersgrenze von 45 Jahren galt.It was my toughest match – ref Ivanov. In: Times of Malta. 28. Juni 2006, abgerufen am 30. September 2023 (englisch).

Insbesondere die Entscheidung von Iwanow, Khalid Boulahrouz nach dem heftigen Foul an Cristiano Ronaldo in der siebten Minute nur mit einer gelben Karte zu verwarnen, statt ihn direkt mit einer roten Karte vom Platz zu stellen, wurde dabei im Nachhinein überwiegend als fehlerhaft sowie als „Schlüsselszene“ für die spätere Entgleisung des Spiels bewertet.Sport: Die Botschaft hat gefehlt. In: Tagesspiegel. 27. Juni 2006, abgerufen am 30. September 2023.Portugal bezahlt Sieg teuer: „Es war wie Krieg“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 26. Juni 2006, abgerufen am 30. September 2023. Zudem hatte Iwanow Luís Figo trotz eines Kopfstoßes – einer klaren Tätlichkeit – lediglich die Gelbe Karte gezeigt statt wie üblich die Rote Karte. Der portugiesische Abwehrspieler Fernando Meira sagte 2012 in einem Interview: „Nach dem Foul [von Boulahrouz] waren unsere Gemüter erhitzt. Von da an wollten wir den Holländern auch wehtun.“ Er unterstellte Boulahrouz, dass er Cristiano Ronaldo mit dem Foul „aus dem Spiel nehmen wollte“. Den Schiedsrichter sah Meira nicht als verantwortlich für die Eskalation des Spiels an. Insgesamt bewertete er das Spiel so, dass es den Spielern und den Zuschauern dennoch Spaß gemacht hätte.Meira: "Wir wollten den Holländern wehtun" auf spox.com. 16. Juni 2012, abgerufen am 30. September 2023. Ronaldo selbst unterstellte Boulahrouz direkt nach der Partie ebenfalls eine Verletzungsabsicht bei seinem Foul und meinte, dass Iwanow keine weiteren Spiele bei dieser Weltmeisterschaft leiten sollte.Liam Corless: Khalid Boulahrouz admits "I didn’t say sorry" for World Cup horror tackle on Cristiano Ronaldo. In: The Mirror. 12. Februar 2016, abgerufen am 30. September 2023 (englisch).