mini|Regentenstraße 19 um 1900 Das Wohnhaus Regentenstraße 19 war eine von den Architekten Kayser & von Großheim 1894 für den Ethnologen und Forschungsreisenden Wilhelm Joest erbaute Stadtvilla in Berlin-Tiergarten. Nach dessen frühen Tod kaufte der Unternehmer und Kunstsammler Eduard Arnhold das Palais und ließ es für die Präsentation seiner Sammlung 1899 und 1912 wesentlich umbauen und erweitern. Die Villa, von Arnhold selbst gelegentlich scherzhaft als Regentenhof bezeichnet, verfügte nach diesen Umbauten über mehr als 1000 Quadratmeter Wohnfläche. Mit zwei Oberlichtsälen war das Haus zentraler Aufbewahrungsort der im Urteil des Museumsdirektors Hugo von Tschudi bedeutendsten Privatsammlung Deutschlands ihrer Zeit. Bei der Umbenennung der Regentenstraße in Grossadmiral-Prinz-Heinrich-Straße 1935 erhielt das Haus neu die Nummer 13. Im September 1938 sahen sich die Erben Arnholds gezwungen, das Haus dem Staat zu verkaufen. Wie die Nachbarhäuser sollte es abgerissen werden für den von Wilhelm Kreis entworfene Gebäudekomplex für das Oberkommando des Heeres, der hier nach den Planungen der Nationalsozialisten entstehen sollte. Nachdem zunächst die Bauleitung für das Großprojekt ins Haus gezogen war, stoppte der Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 die Arbeiten. Im Februar 1945 zerstörte ein Bombenangriff das Haupthaus weitgehend. Das Grundstück, seit 1945 mit der Adresse Hitzigallee 13, ist heute mit seinen Nachbarparzellen und der eingezogenen nördlichen Regentenstraße bebaut mit der 1998 eröffneten Gemäldegalerie.

Lage und Vorgängerbau mini|Lageplan mit Zustand um 1910 Das Wohnhaus Regentenstraße 19 gehört zu den Nachfolgebauten der Villa Lehmann. Die vom Architekten Gustav Adolph Linke für den Stadtgerichtsrat Julius Carl Lehmann entworfene Villa stand auf dem nördlichen Eckgrundstück Sigismundstraße/Regentenstraße, der heutigen Hitzigallee. Die Regentenstraße hatte der verstorbene Besitzer der Villa Lehmann 1859 als Bauinvestor auf dem Grundstück Tiergartenstraße 9 als Verbindungsstraße zwischen Tiergartenstraße und Grabenstraße, dem heutigen Reichpietschufer anlegen lassen. Nach seinem Tod verkauften die Erben das große Grundstück 1893 dem Architekturbüro Kayser & von Großheim, das die Villa Lehmann und Nebengebäude abreißen und das Gelände neu parzellieren ließ. Auf den nunmehr fünf Grundstücken entstanden vier Stadtvillen, darunter die heute noch erhaltene, in die Gemäldegalerie integrierte Villa Parey, sowie das Hofmann-Haus. Diese Neubebauung widerspiegelt typisch einerseits die zunehmende Verdichtung der Bebauung im Tiergartenviertel, andererseits aber auch das Vordringen institutioneller und staatlicher Bauherren in das bisherige Wohnviertel, das sich durch das Wachstum Berlins zu einer zentralen Lage entwickelte.

Käufer und Bauherr

Einer der ersten Käufer der neuen Bauparzellen war der Ethnologe und Forschungsreisende Wilhelm Joest. Nach seiner Heirat mit Clara vom Rath (1860–1917) im März 1885 hatte sich das Ehepaar in Berlin niedergelassen, wo es an der nahegelegenen Bendlerstraße 17 wohnte. Bereits zu Beginn des Jahres 1889 brach er wieder zu einer Forschungsreise nach Südamerika auf. Nach seiner Rückkehr lebte er in Berlin und erwarb 1893 die Parzelle Regentenstraße 19, vermutlich bereits mit dem Projekt der Architekten Heinrich Joseph Kayser und Karl von Großheim. Joest besaß eine umfangreiche Sammlung ethnologischer Objekte, damals die siebtgrößte Deutschlands, die er im Haus unterbringen wollte. Bereits am 17. September 1893 reichten die Architekten im Auftrag des Besitzers die Pläne für den Neubau einer Stadtvilla ein. Ein abgeändertes Bauprojekt von 31. Oktober berücksichtige einige Bedenken der Baupolizei, u. a. wurde das Nebentreppenhaus in Hinterhaus vom Lichthof an die Fassade verschoben und auf ein Treppenturm an der Gartenfassade verzichtet. Die Baupolizei stellte den Bauschein am 11. Dezember 1893 aus. Die Ausführung erfolgte im Verlauf des Jahres 1894. Im Folgejahr 1895 verzeichnet das Berliner Adressbuch Joest erstmals an der Regentenstraße 19.

Baubeschreibung

Hauptgebäude

Das Grundstück war 17 Meter breit und 62 Meter tief, wobei ein 4,6 Meter tiefer Streifen an der Regentenstraße als Vorgarten nicht bebaubar war. Weitere Bauvorschriften erforderten, dass von den 972 Quadratmetern Bauland ein Drittel als Hofraum unbebaut blieb. Das Wohnhaus gliederte sich in ein dreigeschossiges Vorderhaus, einen Seitenflügel und ein Hinterhaus sowie ein kombiniertes Stall- und Remisengebäude an der hinteren Grundstücksgrenze. Aufgrund der Platzverhältnisse waren Vorderhaus, Seiten- und Querflügel um den Hof so eng zusammengerückt, dass sie nicht mehr als eigene Einheiten wahrnehmbar waren.

Ein schmiedeeiserner Gartenzaun auf einem Granitsockel trennte Vorgarten und Haus von Straße. Im Sockelgeschoss führte eine mit zwei Torflügeln verschließbare Durchfahrt in den Hof mit einer Fläche von 60 Quadratmetern. Er lag etwas tiefer als das Straßenniveau, weshalb die mit 4,3 Metern Breite und 2 Metern Höhe den baupolizeilichen Minimalanforderungen genügende Durchfahrt ein leichtes Gefälle aufwies. Auf der rechten Seite führte der repräsentative Hauseingang in den zweigeschossigen Eingangsbereich mit massiver Steintreppe ins Hochparterre. Zwischen den beiden Eingängen lag die Wohnung des Pförtners. Von der Durchfahrt erschloss ein kleinerer Vorplatz mit zwei getrennten Korridore das Haupttreppenhaus und den Heizungsraum mit der Zentralheizung und den zugehörigen Lagerräumen für Kohle und Brennholz.

Nach dem Hof folgte eine zweite Durchfahrt unter dem Querflügel zum Garten und dem Stall- und Remisengebäude. In der Vorfahrt befand sich ein weiter Eingang, der die Wirtschaftsräume erschloss. Herzstück war die Küche mit Spülküche und dem Anrichteraum mit Speiseaufzug. Dazu kamen die Speisekammer und Lagerräume, getrennt nach Rot- und Weißwein. Anstoßend an die Küche erstreckten sich entlang des Lichthofs die Waschküche und die Bügelstube. An der südlichen Grundstücksgrenze sorgte ein weiterer Lichthof mit einem unterirdischen Frischluft-Zuführungskanal aus dem Garten für Licht und Luft in Spülküche und Anrichte. Direkt neben der Küche verpflegte sich das Personal in seinem gesonderten Esszimmer. Ein Nebentreppenhaus mit eiserner Treppe verband die Wirtschaftsräume mit den Repräsentationsräumen im Hochparterre.

Im zweigeschossigen Haupttreppenhaus des Vorderhauses gelangten die Besucher über die massive Steintreppe ins Hochparterre. Dort verband eine Tür direkt mit dem Herrenzimmer an der Straßenseite. Wie das über der Durchfahrt liegende Zimmer der Dame verfügte es über einen erkerartigen Vorbau, hatte aber zusätzlich Zugang zum Balkon. Hinter dem Zimmer der Dame, abgeschirmt von der Straße gegen den Hof, folgte der Salon. Ein vom Hof her beleuchteter Vorraum diente als zentraler Verteiler zu Salon, Speisezimmer sowie Herrenzimmer. Vom Vorplatz, erhellt durch ein Oberlicht, führte die Fortsetzung der Haupttreppe, nun in Holz ausgeführt, zu den privaten Wohnräumen im zweiten Obergeschoss. Der Speisesaal war mit 6,2 Meter Breite und 13 Metern Länge der größte Gesellschaftsraum. Ergänzt wurde er auf der linken Seite durch das über der Durchfahrt gelegene Billardzimmer und gegen den Garten durch ein verandaartiges Blumenhaus und eine überdachte Terrasse, von wo man über eine Treppe in den Garten im zweiten Hof herabsteigen konnte. Für die rund 4,3 Meter hohen Repräsentationsräume ist eine farbenprächtige Innenausstattung mit reichen Stuck- und Holzarbeiten anzunehmen. Auf der rechten Seite verband die Nebentreppe mit der Küche und dem Dienerzimmer im Halbgeschoss zwischen Hochparterre und zweiten Obergeschoss. Licht erhielten diese Nebenräume durch den kleinen Lichthof, in dem sich auch der Speiseaufzug befand.

Im ersten Obergeschoss endete das Haupttreppenhaus. Einen Vorplatz erschloss die Schlafzimmer der Dame und des Herrn. Beide Zimmer mit Balkon auf die Straße verfügten über ein eigenes Bad und einen eigenen Ankleideraum, im Grundriss als Toilette bezeichnet. Ein Korridor führte zu weitere Zimmer im Seitenflügel und im Hinterhaus, die sich als Gäste- oder Kinderzimmer nutzen ließen. Denkbar ist, dass Wilhelm Joest neben den Repräsentationsräumen einige dieser Zimmer für die Präsentation seiner Sammlung nutze. Zur Ausstattung gehörte auch ein Tresorraum, leicht erhöht wegen des darunterliegenden Dienerzimmers im Zwischengeschoss.

Das zweite Obergeschoss war im Vorderhaus und Seitenflügel als Dachgeschoss gegen die Straße und den großen Lichthof ausgebildet. Der Bodenraum über dem Vorderhaus war nicht weiter ausgebaut, vielleicht um Lärmbelästigungen in den darunterliegenden Schlafzimmern der Herrschaften zu vermeiden. Der Bodenraum ließ sich direkt erreichen durch eine eiserne Verbindungstreppe im Vorderhaus oder durch einen Korridor im Seitenflügel. Das zweite Obergeschoss im Querflügel war als Vollgeschoss ausgebildet, bedeckt von zwei sehr flachen Satteldächern mit First parallel zur Straße. Hier befanden sich wie im Seitenflügel Zimmer für die Bediensteten, einige davon sogar mit Balkonen gegen den Hof oder den Garten. Den Angestellten stand ein gemeinschaftliches Bad zur Verfügung. Eine eiserne Leiter mit Ausstiegsluke bei der Nebentreppe erlaubte dem Schornsteinfeger auf die Dächer zu gelangen.

Fassaden des Hauptgebäudes mini|Straßen- und Gartenfassade

Die historistische Straßenfassade aus Sandstein nutze die maximal zulässige Höhe in der Bauflucht von 12 Metern. Im leicht rustifizierten Sockelgeschoss unterteilten eingestellte Säulen mit dorischem Kapitell die Fenster der Pförtnerwohnung. Während die Durchfahrt auf der linken Seite schmucklos gestaltet war, erhielt das Eingangsportal auf der rechten Seite eine aufwändige Gestaltung. Gerahmt von zwei Halbsäulen mit ionischen Kapitellen durchbrach es mit seinem Architrav und dem aufgesetzten gesprengten Segmentgiebel mit eingelassenem rechteckigen Fenster die Grenze zwischen Tief- und Hochparterre. Damit trat das dahinterliegende zweigeschossige Entree gegen außen in Erscheinung. Die erkerartigen Vorbauten in der zweiten und vierten Achse waren im Hochparterre als Erker mit großen, sprossenlosen Fenstern ausgebildet. Eingefasst durch Pilaster mit ionischen Kapitellen sorgten sie für gute Beleuchtung durch Tageslicht in den dahinter liegenden Repräsentationsräumen. Dazwischen in der Mittelachse stützten Konsolen einen Balkon, zugänglich durch ein gleichartig gestaltetes Fenster. Seine Brüstung wurde nicht wie in den Plänen vorgesehen als ornamentierte Steinplatte, sondern als Balustrade ausgeführt. Im zweiten Obergeschoss gingen die Vorbauten in zwei Balkone über, ebenfalls abweichend von den Plänen mit Balustraden. Die Fenster in dieser Etage wurden eingefasst durch aufwändigere kannelierte Pilaster mit Postamenten. Über dem Kranzgesims folgte das mit Schiefer eingedeckte Dach. Das walmdachartige steile Dach, akzentuiert mit Firstspitzen und Firstgittern, über der zweiten bis vierten Achse erweckte die Illusion eines Risaliten und ging links und rechts in das flachere Dach über den übrigen Achsen über. Der Volutengiebel in der Mittelachse verstärkt dieses Illusion. Sein großes längsovales Fenster erhellte zusammen mit den Dachgauben in der ersten und fünften Achse das Dachgeschoss.