Die Sinfonie Nr. 104 in D-Dur (Hob. I:104) komponierte Joseph Haydn im Jahr 1795. Das Werk gehört zu den berühmten Londoner Sinfonien und führt manchmal die nicht von Haydn stammenden Beinamen „London“ oder „Salomon“.

Allgemeines mini|150px|Franz Joseph Haydn (1732–1809)

Die Sinfonie Nr. 104 komponierte Haydn im Jahr 1795 im Rahmen der zweiten Londoner Reise. Es ist seine letzte Sinfonie. Die Uraufführung fand am 4. Mai 1795 während eines Benefizkonzertes, das Haydn für sich gab, im Londoner Haymarket Theatre statt.Jörg Handstein: Symphonie in D-Dur, Hob. I:104. In: Renate Ulm (Hrsg.): Haydns Londoner Symphonien. Entstehung – Deutung – Wirkung. Im Auftrag des Bayerischen Rundfunks. Gemeinschaftsausgabe Deutscher Taschenbuch-Verlag München und Bärenreiter-Verlag Kassel, 2007, ISBN 978-3-7618-1823-7, S. 211–216.Holland (1987) verweist auf Robbins Landon, der aufgrund eines Artikels im Morning Chronicle vom 15. April 1795 auch eine Uraufführung am 13. April 1795 in Betracht zieht Haydn war zu dieser Zeit bereits 63 Jahre alt. Haydn komponierte das Werk vermutlich im März/April 1795 in London. Auf das Titelblatt des Autographs notiert er: „795gemeint ist das Jahr 1795 The 12th which I have composed in Englanddie Zwölfte, die ich in England komponiert habe Sinfonia in D II .“Anthony van Hoboken: Joseph Haydn. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis, Band I. Schott-Verlag, Mainz 1957, 848 S. Über die Uraufführung schreibt der Komponist in sein Notizbuch:

Der Morning Chronicle berichtet am 6. Mai 1795 über die Uraufführung:

mini|200px|King’s Theatre am Haymarket

In Wien führte Haydn die Sinfonie erstmals am 18. Dezember 1795 auf.Ernst Prätorius: Revisionsbericht. In: Joseph Haydn: Symphony No. 104 (London) D major. Edition Eulenburg No. 409, Ernst Eulenburg Ltd., London/Zürich ohne Jahresangabe (Taschenpartitur, Revisionsbericht vom Dezember 1936). Die für das Werk manchmal verwendeten Beinamen „London“, „Salomon“ (oder auch in älterer Literatur: „mit dem Dudelsack“) stammen nicht von Haydn.Die Beinamen sind zudem wenig spezifisch, da „London“ auch für die anderen Londoner Sinfonien gelten könnte und Johann Peter Salomon, der Haydn für den Londoner Aufenthalt angeworben hatte, zum Zeitpunkt der Uraufführung die von ihm veranstaltete Konzertreihe bereits aufgegeben und das Werk auch nicht in Auftrag gegeben hatte.

Die Sinfonie Nr. 104 wird teilweise als Ideal-Typus der klassischen Sinfonie bezeichnet.so schreibt z. B. Pahlen (Kurt Pahlen: Sinfonie der Welt. Schweizer Verlagshaus AG, Zürich 1978 (Vorwort von 1966)): Die technische Meisterschaft ist nicht zu überbieten. Hier und in Mozarts letzten drei Sinfonien liegen wahre Musterbeispiele der klassischen Sinfonie vor, die den Typus voll repräsentieren und von denen für alle Zeiten die Regeln der klassischen Sinfonie abgeleitet werden können. Andererseits zeigen sich im Andante Tendenzen zur Erweiterung des „klassischen“ Variationensatzes, und auch der erste Satz weist z. B. aufgrund der Ähnlichkeit beider Hauptthemen, dem thematischen Reichtum der Exposition und weiteren Details einige Besonderheiten auf. So könnte man gegebenenfalls den Kopfsatz als einen der klarsten Sonatensätze Haydns überhaupt bezeichnen, wenn man von der Formtheorie des 19. Jahrhunderts absieht.Dietmar Holland: Symphonie Nr. 104 D-Dur. In: Attila Csampai & Dietmar Holland (Hrsg.): Der Konzertführer. Orchestermusik von 1700 bis zur Gegenwart. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1987, ISBN 3-8052-0450-7, S. 131–133.

Das Werk wird in der Literatur oft lobend als „Krönung“ der Londoner Sinfonien oder des gesamten Sinfonieschaffens von Haydn hervorgehoben: Die Sinfonie als eines der drei besten Instrumentalstücke Haydns.Donald Francis Tovey: Essays in Musical Analysis. Symphonies and other Orchestral Works. – Haydn the Inaccessible. – Symphony in D Major (Salomon, No. 2; chronological List, No. 104). London, 1935–1939, S. 373. „Wohl mit das bedeutendste“ Werk der Haydnschen Sinfonik. Die Sinfonien Nr. 103 und 104 als „symphonisches Vermächtnis“Ludwig Finscher: Joseph Haydn und seine Zeit. Laaber-Verlag, Laaber 2000, ISBN 3-921518-94-6, S. 389 ff. Haydns. „Haydn schrieb das Werk wohl in dem Bewusstsein, dass es seine letzte Symphonie bleiben sollte. In Wien fehlten einfach die Rahmenbedingungen für derart anspruchsvolle Instrumentalmusik; es gab weder Konzertreihen noch geeignete Orchester, geschweige denn eine interessierte Öffentlichkeit. So liegt es nahe, dass er hier versuchte, seine immensen Erfahrungen in dieser Gattung noch einmal bündig zusammenzufassen.“ „Sie bildet sozusagen die Summe des kompositionstechnischen Könnens Haydns nicht nur in handwerklich-kontrapunktischer Hinsicht, sondern auch in der Haydn typischen Ausprägung der Fähigkeit, kontrapunktische Brillanz mit einem populären musikalischen Idiom in Einklang zu bringen.“Informationstext der Haydn-Festspiele Eisenstadt (Projekt „Haydn 100&7“) zur Sinfonie Nr. 104, siehe unter Weblinks

Zur Musik Besetzung: zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte, zwei Hörner, zwei Trompeten, Pauken, zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass. Es ist dokumentarisch belegt, dass Haydn seine Sinfonien bei den Londoner Konzerten anfangs vom Cembalo und ab 1792 vom „Piano Forte“ leitete, wie es der damaligen Aufführungspraxis entsprach.H. C. Robbins Landon: Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten, Verlag Fritz Molden, Wien et al. 1981, S. 123–124. Dies ist ein Indiz für den Gebrauch eines Tasteninstrumentes (also Cembalo oder Fortepiano) als Continuo in den „Londoner Sinfonien“.Zum Gebrauch des Cembalos als Orchester- und Continuoinstrument um 1802 (!) schreibt Koch in seinem Musikalischen Lexicon, Frankfurt 1802, unter dem Stichwort „Flügel, Clavicimbel“ (S. 586–588; bitte bedenken, dass zu dieser Zeit Flügel = Cembalo !): „...Die übrigen Gattungen dieser Clavierart (d.h. Kielinstrumente, Anm. d. Verf.), nemlich das Spinett und das Clavicytherium, sind gänzlich außer Gebrauch gekommen; des Flügels (d.h. des Cembalos, Anm. d. Verf.) aber bedient man sich noch in den mehresten großen Orchestern, theils zur Unterstützung des Sängers bey dem Recitative, theils und hauptsächlich aber auch zur Ausfüllung der Harmonie vermittelst des Generalbasses ...Sein starker durchschlagender Ton macht ihn (d.h. den Flügel = Cembalo, Anm. d. Verf.) aber bey vollstimmiger Musik zur Ausfüllung des Ganzen sehr geschickt; daher wird er auch wahrscheinlich in großen Opernhäusern und bey zahlreicher Besetzung der Stimmen den Rang eines sehr brauchbaren Orchester-Instruments so lange behaupten, bis ein anderes Instrument von gleicher Stärke, aber mehr Mildheit oder Biegsamkeit des Tons erfunden wird, welches zum Vortrage des Generalbasses ebenso geschickt ist. ... in Tonstücken nach dem Geschmacke der Zeit, besonders bei schwacher Besetzung der Stimmen, ... hat man seit geraumer Zeit angefangen, den Flügel mit dem zwar schwächern, aber sanftern, Fortepiano zu vertauschen.“Selbst James Webster, einer der Haupt-Verfechter der Anti-Cembalo-Continuo-These nimmt die Londoner Sinfonien von seiner Idee, dass Haydn kein Cembalo (oder anderes Tasteninstrument, insb. Fortepiano) für Continuospiel benutzte, aus („And, of course, the argument refers exclusively to pre-London symphonies and performances outside England“; in: James Webster: On the Absence of Keyboard Continuo in Haydn's Symphonies. In: Early Music Band 18 Nr. 4, 1990, S. 599–608, hier: S. 600). Und zwar deshalb, weil die gut bezeugte Tatsache, dass Haydn die Sinfonien vom Cembalo (oder Pianoforte) aus leitete, im Normalfall zu dieser Zeit auch Continuospiel bedeutete (siehe Zitat aus Kochs Musicalisches Lexikon, 1802 in der vorhergehenden Fußnote).

Aufführungszeit: ca. 25–30 Minuten.

Bei den hier benutzten Begriffen der Sonatensatzform ist zu berücksichtigen, dass dieses Modell erst Anfang des 19. Jahrhunderts entworfen wurde (siehe dort). – Die hier vorgenommene Beschreibung und Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.

Erster Satz: Adagio – Allegro Adagio: d-.Moll, 4/4-Takt,Takt 1–16 mini|200px|Eröffnungs-Fanfare des Adagio

Haydn eröffnet die Sinfonie mit einer wuchtigen Signal-Fanfare im Unisono-Fortissimo. Durch die Beschränkung auf Quinte und Quarte bleibt dabei die Tonart (Dur oder Moll) zunächst offen. Der charakteristische punktierte Rhythmus setzt sich auch in der anschließenden, viertaktigen Piano-Passage für Streicher und Fagott in d-Moll fort, wobei der Bass jeweils taktweise zuerst den Rhythmus als Sekunde aufwärts fortsetzt, beantwortet von einer seufzerartigen Sekunde abwärts der 1. Violine. In einer chromatischen Variante in F-Dur folgt die Wiederholung, die schließlich mit zum dritten, verkürzten Auftritt nach d-Moll zurückführt. Die Einleitung endet „offen“ auf der Dominante A-Dur.

Allegro: D-Dur, 2/2-Takt (alla breve), Takt 17–294 mini|700px|Vordersatz des Hauptthemas

Die Exposition überrascht zunächst durch ihren relativ einfachen bzw. klar strukturierten Aufbau (z. B. im Vergleich zum Kopfsatz der Sinfonie Nr. 103). Das erste Thema (bzw. Hauptthema, Takt 17–31), das von den Streichern piano vorgestellt wird, hat einen ruhigen und sanglichen Charakter. Es ist periodisch aus Vorder- und Nachsatz zu je acht Takten strukturiert (mit weiterer Untergliederung in kleinere Motive, z. B. das Klopfmotiv mit vierfacher Tonrepetition). Der folgende Forte-Tutti-Block der Überleitung ist ebenfalls durch mehrere Motive unterschieden, die relativ locker aneinandergereiht werden: Motiv 1 (Takt 32 ff. mit Sechzehntelschleifer), Motiv 2 (Takt 40 ff. mit Blechbläserfanfare und chromatisch fallender Linie), Motiv 3 (Takt 50 ff., Variante des Klopfmotivs vom Hauptthema).Finscher (2000) nimmt eine andere Einteilung vor mit insgesamt fünf Motiven im Hauptsatz-Komplex bis Takt 64. Mit Achtelläufen wechselt Haydn zur Doppeldominante E-Dur und beendet den ersten Abschnitt (Hauptsatz) mit Akkordschlägen auf E und einer Generalpause als Zäsur.

Dann setzt der Seitensatz (Takt 65 ff.) piano ein, anstelle eines kontrastierenden zweiten Themas spielen die Streicher – nun auch mit Holzbläsern – jedoch das zur Dominante A-Dur transponierte erste Thema. Wiederum blockhaft folgt ab Takt 80 ein Forte-Abschnitt, der mit seiner Tonrepetition (zunächst dreifach, später vierfach) an das Klopfmotiv erinnert. Daneben enthält der Abschnitt auch noch eine Unisono-Rückung (Cis, Dis mit Triller, E) und Synkopen.

Die Schlussgruppe (Takt 101 ff.) beginnt piano als fallendes Dreiklangsmotiv (wird teilweise als „zweites Thema“Jürgen Mainka: Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 104 D-Dur Hob. I:104 (1795). In: Malte Korff (Hrsg.): Konzertbuch Orchestermusik 1650–1800. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden / Leipzig 1991, ISBN 3-7651-0281-4, S. 395–399. oder „zweiter Seitensatz“ angesehen), das dann mit Chromatik angereichert wird und zu einem Forte-Tutti-Block mit Synkopen führt. Die Exposition endet mit Akkordmelodik auf A-Dur und wird wiederholt.

Die Durchführung (Takt 124 ff.) beginnt piano mit dem Klopfmotiv, das von h-Moll aus durch die Instrumente geführt wird und die thematische Arbeit der Durchführung dominiert. In einer Piano-Passage wird von Takt 145 bis 154 zudem noch das Schlussgruppenmotiv von Takt 101 zwischengeschaltet (mit Klopfmotiv im Fagott). Ein dramatischer Ausbruch im Fortissimo (Takt 172) führt nach Fis-Dur und über chromatische Steigerung in einen energisch wiederholten A-Dur – Septakkord, mit dem die Durchführung „offen“ und mit einer Generalpause endet.