Die Sinfonie Nr. 101 in D-Dur (Hob. I:101) komponierte Joseph Haydn im Jahr 1794. Das Werk gehört zu den berühmten Londoner Sinfonien und trägt den nicht von Haydn stammenden Titel Die Uhr.
Allgemeines mini|150px|Franz Joseph Haydn (1732–1809)
Die Sinfonie Nr. 101 komponierte Haydn im Rahmen seiner zweiten Englandreise. Sie ist in zwei Etappen entstanden: der zweite bis vierte Satz noch in Wien, der erste Satz in England. Die Uraufführung fand am 3. März 1794 statt.Regina Back: Symphonie in D-Dur, Hob. I:101 („Die Uhr“). In: Renate Ulm (Hrsg.): Haydns Londoner Symphonien. Entstehung – Deutung – Wirkung. Im Auftrag des Bayerischen Rundfunks. Gemeinschaftsausgabe Deutscher Taschenbuch-Verlag München und Bärenreiter-Verlag Kassel, 2007, ISBN 978-3-7618-1823-7, S. 146–150.Ludwig Finscher: Joseph Haydn und seine Zeit. Laaber-Verlag, Laaber 2000, ISBN 3-921518-94-6.
Der Morning Chronicle berichtet nach der Uraufführung: „Nichts könnte origineller sein als das Thema des ersten Satzes; und hat er einmal ein treffliches Thema gefunden, kann niemand besser als Haydn unaufhörliche Mannigfaltigkeit daraus schöpfen, ohne auch nur einmal davon abzulassen. Die Gestaltung der Begleitung im Andante, obgleich höchst schlicht, war meisterhaft, und wir hörten nie zuvor einen reizvolleren Effekt als den des Trio im Menuett. – Es war Haydn, was könnte man, was bräuchte man mehr zu sagen?“
Der Beiname „Die Uhr“ stammt vom Wiener Verleger Johann Traeg, der 1798 eine Klavierfassung des Andante als „Rondo. Die Uhr“ herausbrachte.
Zur Musik
Besetzung: zwei Flöten, zwei Oboen, zwei KlarinettenDer Revisionsbericht in der Taschenpartiturausgabe der Edition Eulenburg No. 439 schreibt dazu: „Bei der vorliegenden Neuausgabe sind vor allen Dingen (...) überhaupt alle Bearbeiterzutaten nach Möglichkeit wieder beseitigt. (...) Das überraschendste Ergebnis war, daß die Symphonie überhaupt keine Klarinetten hat; sie müssen allerdings schon sehr frühzeitig zugefügt worden sein, da schon die Andrésche Ausgabe gestochene Klarinettenstimmen enthält. Daß sie überflüssig sind, geht aus ihrer unselbständigen und nur tuttihaften Verwendung hervor.“ Anthony van Hoboken (Joseph Haydn. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis, Band I. Schott-Verlag, Mainz 1957, S. 213) meint zu den Klarinetten: „Sie kommen aber auch schon in der authentischen Kopie von Elßler (…) vor, so daß man sie wohl als von Haydn stammend betrachten kann.“, zwei Fagotte, zwei Hörner, zwei Trompeten, Pauke, zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass. Zahlreiche Quellen belegen, dass Haydn seine Sinfonien bei den Londoner Konzerten vom Cembalo und ab 1792 vom „Piano Forte“ leitete, wie es der damaligen Aufführungspraxis entsprach.H. C. Robbins Landon: Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten, Verlag Fritz Molden, Wien et al., 1981, S. 123–124. Dies ist ein Indiz für den Gebrauch eines Tasteninstrumentes (also Cembalo oder Fortepiano) als Continuo in den „Londoner Sinfonien“.Zum Gebrauch des Cembalos als Orchester- und Continuoinstrument um 1802 (!) schreibt Koch in seinem Musikalischen Lexicon, Frankfurt 1802, unter dem Stichwort „Flügel, Clavicimbel“ (S. 586–588; bitte bedenken, dass zu dieser Zeit Flügel = Cembalo !): „...Die übrigen Gattungen dieser Clavierart (d.h. Kielinstrumente, Anm. d. Verf.), nemlich das Spinett und das Clavicytherium, sind gänzlich außer Gebrauch gekommen; des Flügels (d.h. des Cembalos, Anm. d. Verf.) aber bedient man sich noch in den mehresten großen Orchestern, theils zur Unterstützung des Sängers bey dem Recitative, theils und hauptsächlich aber auch zur Ausfüllung der Harmonie vermittelst des Generalbasses ...Sein starker durchschlagender Ton macht ihn (d.h. den Flügel = Cembalo, Anm. d. Verf.) aber bey vollstimmiger Musik zur Ausfüllung des Ganzen sehr geschickt; daher wird er auch wahrscheinlich in großen Opernhäusern und bey zahlreicher Besetzung der Stimmen den Rang eines sehr brauchbaren Orchester-Instruments so lange behaupten, bis ein anderes Instrument von gleicher Stärke, aber mehr Mildheit oder Biegsamkeit des Tons erfunden wird, welches zum Vortrage des Generalbasses ebenso geschickt ist. ... in Tonstücken nach dem Geschmacke der Zeit, besonders bei schwacher Besetzung der Stimmen, ... hat man seit geraumer Zeit angefangen, den Flügel mit dem zwar schwächern, aber sanftern, Fortepiano zu vertauschen.“Selbst James Webster, einer der Haupt-Verfechter der Anti-Cembalo-Continuo-These nimmt die Londoner Sinfonien von seiner Idee, dass Haydn kein Cembalo (oder anderes Tasteninstrument, insb. Fortepiano) für Continuospiel benutzte, aus („And, of course, the argument refers exclusively to pre-London symphonies and performances outside England“; in: James Webster: On the Absence of Keyboard Continuo in Haydn's Symphonies. In: Early Music Band 18 Nr. 4, 1990, S. 599–608, hier: S. 600). Und zwar deshalb, weil die gut bezeugte Tatsache, dass Haydn die Sinfonien vom Cembalo (oder Pianoforte) aus leitete, im Normalfall zu dieser Zeit auch Continuospiel bedeutete (siehe Zitat aus Kochs Musicalisches Lexikon, 1802 in der vorhergehenden Fußnote).
Aufführungszeit: ca. 25–30 Minuten.
Bei den hier benutzten Begriffen der Sonatensatzform ist zu berücksichtigen, dass dieses Modell erst Anfang des 19. Jahrhunderts entworfen wurde (siehe dort). – Die hier vorgenommene Beschreibung und Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.
Erster Satz: Adagio – Presto
Adagio: d-Moll, 3/4-Takt, Takt 1–23
Das ernste, getragene Adagio in d-Moll ist durch langsame, auf- und absteigende Viertelbewegungen mit Chromatik und Vorhalten gekennzeichnet. Es steht überwiegend im Piano/Pianissimo mit einzelnen Akzenten auf den unbetonten Taktzeiten. Nach Wechsel zur Tonikaparallele F-Dur (Takt 12) setzt unvermittelt wieder d-Moll ein, über eine kurze Rückung (Takt 18 ff.) moduliert Haydn dann zur Dominante A-Dur, auf der die Einleitung mit einer Fermate im Pianissimo endet.Unterschiedliche Sichtweisen bestehen dazu, ob Beziehungen zwischen Einleitung und folgendem Presto bestehen (Lessing 1989: 154) oder nicht (Finscher 2000: 375).
Presto: D-Dur, 6/8-Takt, Takt 24–346 mini|500px|Beginn des Presto mit „Anlauf“, Dreiklangsfigur und Schlussfloskel, 1. Violine
Die Streicher mit stimmführender 1. Violine stellen zunächst piano das erste Thema vor, das aus drei Elementen besteht: Ein auftaktiger Achtel-Lauf über eine Oktave aufwärts, eine sich aufschraubende, gebrochene Dreiklangsfigur mit punktiertem Rhythmus und eine Schlussfloskel, die die beiden Rhythmen der ersten Elemente enthält. Vorder- und Nachsatz des Themas sind jeweils fünftaktig. Die Überleitung (Takt 34 ff.) greift das Thema im Forte-Tutti auf mit pendelartiger Ausdehnung der punktierten Dreiklangsbewegung. Kurzfristig kommt die Bewegung auf A-Dur mit einer Fermate und Paukenwirbel zur Ruhe. Erneut setzt der Themenkopf piano an, spinnt das Material dann jedoch forte weiter und etabliert nach einem Orgelpunkt auf der Doppeldominanten E-Dur die Dominante A-Dur mit kennzeichnendem Motiv aus drei aufwärts gehenden, betonten Vierteln (Takt 72–75). In A-Dur wird dann auch das zweite Thema (Takt 81 ff.) vorgestellt, das aus zwei ähnlichen, auftaktigen Motiven besteht. Wie im ersten Thema, spielen die Streicher piano mit stimmführender 1. Violine. Auch die Struktur bzw. der Rhythmus ist ähnlich zum ersten Thema, so dass kein starker Kontrast zwischen den Themen besteht. Der Übergang zur Schlussgruppe erfolgt nahtlos, man könnte ihn in Takt 98 oder 106 setzen. Die Schlussgruppe enthält Akkordmelodik, eine chromatische, betonte Linie abwärts, Tonrepetitionen und auch den Achtellauf vom Satzbeginn (nun abwärts statt aufwärts). Die Exposition wird wiederholt.
Die Durchführung greift die Motive vom zweiten Thema auf und führt sie kontrapunktisch durch die Instrumente, wobei sich der Klangteppich immer mehr erweitert. In Takt 150 ist C-Dur erreicht, das nun auf Material vom ersten Thema angewendet wird (Lauf abwärts statt aufwärts und die Pendelfigur). Nach weiteren Tonartenwechseln über A- und E-Dur stabilisiert sich ab Takt 174 Fis-Dur, das mit gebrochenen Akkordfiguren abwärts sowie energischer Tonwiederholung im Fortissimo betont wird. Ein Crescendo steigert die Tonwiederholung bis zum Tremolo (Takt 184 bis 192). Völlig unerwartet tritt dann ein kontrastierender, ganztaktig aufsteigender Akkord in h-Moll als Pianissimo-Streicherunisono auf und geht nahtlos nach D-Dur mit Figuren vom zweiten Thema über. Ein Crescendo steigert die Lautstärke erneut bis zum Fortissimo auf A-Dur, das dominantisch zum Eintritt der Reprise wirkt.
Die Reprise (Takt 218 ff.) ist zunächst ähnlich wie die Exposition strukturiert. In der Überleitung findet ab Takt 235 jedoch eine Trübung nach Moll statt. Anstelle des zweiten Themas erscheint lediglich dessen Kopf über einem Orgelpunkt auf a-Moll. Ab Takt 250 setzt dann analog zum Durchführungsbeginn ein kontrapunktischer Abschnitt mit Motiv 1 vom zweiten Thema ein, der sich über Tonwiederholungen bis zum Tremolo im Fortissimo steigert, und schließlich wird auch Motiv 2 „nachgereicht“ (Takt 281 ff.). Takt 300 ff. sind ähnlich der Schlussgruppe der Exposition aufgebaut. Eine Coda beginnt in Takt 314, als anstelle des zu erwartenden Zieltons D ein verminderter Akkord als Trugschluss erscheint. Das erste Thema bekommt einen letzten Auftritt, und der Satz endet mit Akkordmelodik im Forte.
Zweiter Satz: Andante
G-Dur, 2/4-Takt, 150 Takte mini|500px|Beginn des Andante, 1. Violine
Der folgende Gliederungsvorschlag folgt in Anlehnung an Peter A. BrownA. Peter Brown: The Symphonic Repertoire. Volume II. The First Golden Age of the Vienese Symphony: Haydn, Mozart, Beethoven, and Schubert. Indiana University Press, Bloomington & Indianapolis 2002, ISBN 0-253-33487-X, S. 275–279. als Rondoform. Je nach Standpunkt sind auch Gliederungen als VariationssatzWolfgang Marggraf: Die Sinfonien Joseph Haydns. – Sinfonie 101, D-Dur (“Die Uhr”). Abruf am 15. August 2015 (Stand des Textes: 2009). oder eine Mischung aus Rondo- und VariationssatzLessing (1989: 153) in Anlehnung an Karl Geiringer. möglich. A-Teil: Der Refrain ist dreiteilig aufgebaut: Das Hauptthema (a-Teil, Takt 1–10) besteht aus einer von der 1. Violine vorgetragenen, marschartig-schreitenden Melodie. Begleitet wird sie von 2. Violine, Cello, Kontrabass und Fagott in durchgehender Achtelbewegung aus Pizzicato-Terzen, die an das gleichmäßige Ticken einer Uhr erinnern. Eine ähnliche Figur findet sich im langsamen Satz der Sinfonie Nr. 68. Das Thema ist periodisch aufgebaut aus fünftaktigemDer Vordersatz ist ohne die Begleitung im ersten Takt gerechnet viertaktig. Vorder- und Nachsatz und wird wiederholt. Der b-Teil spinnt dann die Melodie fort, ab Takt 25 folgt wieder das Hauptthema als Variante (a’-Teil). Die Teile b und a’ werden nun ebenfalls wiederholt. Im B-Teil (Takt 34–61) ist in g-Moll gehalten und enthält keine Pendelbewegung. Er steht durchweg im Forte und ist durch punktierte Rhythmen, Läufe und den dramatischen Charakter gekennzeichnet. A'-Teil (Takt 62–96): Die Struktur ist ähnlich wie zum Satzbeginn: a-Abschnitt Takt 63–72, b-Abschnitt Takt 73–86, a’-Abschnitt Takt 87–96. Die Ticktack-Bewegung wird in hoher Lage von Soloflöte und Solofagott gespielt, stimmführend ist die 1. Violine. Der C-Teil (Takt 97–110) ist vom vorigen Abschnitt durch eine unerwartete, die bisher gleichmäßige Bewegung unterbrechende Generalpause („magischer Moment“) getrennt. Die Begleitung in der 2. Violine suggeriert zunächst g-Moll, erst im folgenden Takt wird mit Einsatz des Hauptthemas deutlich, dass Es-Dur gemeint ist. Eine Zweiunddreißigstel-Floskel aus dem Thema wird isoliert und steigert sich über ein Crescendo zum Forte. Über D-Dur wechselt Haydn zurück nach G-Dur.