mini|alternativtext=Wolfgang Grözinger|Wolfgang Grözinger am Schreibtisch (1959) Wolfgang Grözinger, Pseudonyme Peter Freitag, Alfred Frisoni (* 3. Juli 1902 in Grevenbroich; † 19. September 1965 in München),Vgl. Traueranzeige von Verlag und Redaktion der Süddeutschen Zeitung. In: Süddeutsche Zeitung. 20. September 1965. – Rudolf Goldschmit: Wolfgang Grözinger gestorben. In: Süddeutsche Zeitung. 21. September 1965. – Christoph Meyer: Wolfgang Grözinger gestorben (ohne Ort und Datum im Nachlass) [Der Nachlass Wolfgang Grözingers befindet sich bei Lutz und Verena Vorbach, geb. Grözinger, Gangelt, im Folgenden zitiert als „Nachlass Grözinger, Gangelt“]. – Nachruf der Kulturzeitschrift Hochland auf Wolfgang Grözinger (Hochland. Band 68 [Dezember 1965], S. 188). war ein deutscher Schriftsteller, Feuilletonist, Literaturkritiker und Kunstpädagoge. Er arbeitete ab 1948 als ständiger Mitarbeiter im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung in München und seit August 1952 auch als Literaturkritiker der katholischen Kulturzeitschrift Hochland sowie als Lektor beim Süddeutschen Verlag. Grözinger wurde 1964 zum Mitglied der deutschen Sektion des Association Internationale des Critiques dʼArt (AICA) gewählt.Notiz in der Süddeutschen Zeitung. 4. März 1964. Der Verband der Volkshochschulen und Volksbildungswerke verlieh ihm 1966 „postum eine Dankesurkunde für seine langjährige Förderung der Erwachsenenbildung in Bayern“.Posthume Ehrung für W. Grözinger. In: Süddeutsche Zeitung. Zeitungsausschnitt mit Bleistiftbeschriftung „August 66“ (Nachlass Grözinger, Gangelt).
Werdegang
Wolfgang Grözinger kam als Sohn des Berufsoffiziers Hauptmann Erwin Grözinger (1875–1917) und seiner Ehefrau Emma, geb. Uhlhorn (1878–1951), in Grevenbroich/Niederrhein zur Welt.Zu Wolfgang Grözingers Biografie vgl. Fragebogen zu Lizenzgesuch Dr. Wolfgang Grözinger. 18. Januar 1946 an das Ministerium für Unterricht und Kultus (Nachlass Grözinger, Gangelt) und die „Lebensdaten“ in Wolfgang Grözinger. Panorama des internationalen Gegenwartsromans. Gesammelte „Hochland“-Kritiken 1952–1965. Herausgegeben und eingeleitet von Erwin Rotermund und Heidrun Ehrke-Rotermund, Paderborn 2004, ISBN 3-506-70116-9, S. 471–472. Nach dem Abitur am Staatlichen Gymnasium Quedlinburg (1922) studierte er an der Universität München fünf Semester lang Kunstgeschichte (Heinrich Wölfflin), Theaterwissenschaft (Artur Kutscher) und Germanistik (Hans Heinrich Borcherdt, Franz Muncker, Fritz Strich). In dieser Zeit unternahm er Studienreisen nach Italien und Rumänien (1924). Ab 1925 lebte Grözinger als freier Schriftsteller in München. Dort verfasste er das ambitionierte fünfaktige Schauspiel Historie und 1830 (1927/28), in dem er die revolutionäre Situation des Juli 1830 anhand eines bürgerlichen Berliner Familienschicksals darzustellen versuchte.Wolfgang Grözinger: Historie und 1830. Drama in fünf Akten. 1928 (Typoskript im Nachlass Grözinger, Gangelt). In einem Brief bekennt Grözinger 1935, er sei von 1926 bis 1928, also in der Entstehungszeit des Dramas, links eingestellt gewesen (Wolfgang Grözinger an Karl Ehrke, 27. September 1935, im Nachlass Grözinger, Gangelt). 1929/30 war er sodann als Schauspieler und Dramaturg am Stadttheater Erfurt engagiert. In dessen Programmzeitung Der Kontakt äußerte er sich zu Theaterfragen und deutete beispielsweise die Aufführung von Büchners Woyzeck – ganz im Sinne des Regisseurs Karl Löwenberg (1896–1975) – als „quasireligiösen Akt“.Wolfram Viehweg: Georg Büchners „Woyzeck“ auf dem deutschsprachigen Theater. 2. Teil: 1918–1945. Band 1: 1918–1933, Norderstedt 2008, S. 498–508. Zwischen 1929 und 1932 entstand Grözingers geistreiche „Sportkomödie“ Meisterschaft Ost – West (1929/1932), die die satirische Entlarvung der olympischen Idee als interessengebundene Ideologie zum Ziel hatte.Wolfgang Grözinger: Meisterschaft Ost – West. Sportkomödie in 5 Akten (10 Bilder) 1929/1. Fassung, 1932/2. Fassung (Typoskripte im Nachlass Grözinger, Gangelt). Wie die meisten seiner Stücke ist sie als Typoskript im Nachlass überliefert.Der Nachlass Wolfgang Grözingers befindet sich bei Lutz und Verena Vorbach, geb. Grözinger, Gangelt (im Folgenden zitiert als „Nachlass Grözinger, Gangelt“).
Von 1931 bis 1938 schrieb Grözinger in der Berliner Zeitschrift Der Deutsche Rundfunk über Rundfunk-, Weltanschauungs- und Kunstfragen. Dort erschien 1934 zu Nietzsches 90. Geburtstag seine konservativ-revolutionär gefärbte Würdigung des Philosophen, die u. a. den „Kampf gegen das Christentum“ und die „Auflösung der Ethik in Ästhetik“ kritisierte.Wolfgang Grözinger: Friedrich Nietzsche. Zu seinem 90. Geburtstag am 15. Oktober. In: Der Deutsche Rundfunk. Band 12, 1934, Heft 42, S. 3–4. Der Artikel war der Anlass für die Beendigung seiner Tätigkeit als Rundfunk-Journalist am Sender München (1933/34).Vgl. Fragebogen zu Lizenzgesuch Dr. Wolfgang Grözinger. 18. Januar 1946 (wie Anm. 4) im Nachlass Grözinger, Gangelt. 1935 brachte Grözinger das Schauspiel Der Bauernherzog,Wolfgang Grözinger: Der Bauernherzog. Schauspiel (Erster Teil von Grözingers „Ottonentrilogie“), Selbstverlag 1935 (500 Exemplare). den ersten Teil einer Ottonentrilogie (1934–1936), im Selbstverlag heraus. Zur gleichen Zeit war auch Kaiser und König. Das Trauerspiel von Otto dem Großen und seinem Sohne Ludolf fertiggestellt.Wolfgang Grözinger: Kaiser und König. Das Trauerspiel von Otto dem Großen und seinem Sohne Ludolf. Drama in 5 Akten. 1935 (Ottonentrilogie II). Typoskript im Nachlass Grözinger, Gangelt. 1936 folgte Das Heilige Reich. Die Tragödie Kaiser Ottos III.Wolfgang Grözinger: Das Heilige Reich. Die Tragödie Kaiser Ottos III. Drama in einem Vorspiel und 5 Akten. 1936 (Ottonentrilogie III). Typoskript im Nachlass Grözinger, Gangelt. Dieses Stück wurde vom Reichsdramaturgen Rainer Schlösser abgelehnt, – nicht aufgrund der positiven Darstellung kirchlicher Würdenträger wie Erzbischof Willigis von Mainz, sondern wegen „romanhafter Ausbreitung“ und fehlender „Zusammenballung“.Nicht nur die Form auch das Thema von Wolfgang Grözingers historischem Drama Das Heilige Reich. Die Tragödie Kaiser Ottos III. wurde im Namen von Reichsdramaturg Rainer Schlösser abgelehnt: „Kaiser Otto als Mittelpunktsfigur ist in jedem Fall eine schlechte Wahl, da man sich durch Aufzeigen von nur Negativem weder belehren noch erfreuen lässt“ (Ernst Keppler [Vertreter von Reichsdramaturg Rainer Schlösser] an Wolfgang Grözinger, 29. März 1938, Nachlass Grözinger, Gangelt). Von Grözingers dramatischen Werken kam nur das verschollene Lustspiel Ritter nicht gefragt (1938/39)Wolfgang Grözinger: Ritter nicht gefragt. Lustspiel. Verlag Junger Bühnenvertrieb, Leipzig 1938. 1949 auf die Bühne.Laut Theaterzettel im Nachlass (Gangelt) wurde Grözingers verschollenes Lustspiel Ritter nicht gefragt unter dem Titel Ritter aus Germany am 12. Juli 1949 von Schülern des Realgymnasiums Edertalschule Frankenberg uraufgeführt.
Im Zweiten Weltkrieg war Grözinger neun Monate lang als Kanonier in Polen (1939/40), dann wurde er Zahlmeister bei der Heeresstandortverwaltung in Lindau am Bodensee (1940–44). Er korrespondierte in dieser Zeit (1940–1943) mit dem Chefdramaturgen am Bayerischen Staatsschauspiel München und Dramatiker Curt Langenbeck über dramaturgische und politische Fragen.Wolfgang Grözingers Briefwechsel (16 Briefe) mit dem Dramatiker und Dramaturgen Curt Langenbeck (1 Briefentwurf) liegt im Handschriften-Archiv des Freien Deutschen Hochstifts – Frankfurter Goethe-Museum in Frankfurt a. M. 1943 heiratete er in zweiter EheWolfgang Grözinger war in erster Ehe mit der Rumänin Ella Nikolaus verheiratet (1937–1939). Hildegard Lautenbacher (1922–2018), die ihm zwei Töchter, Christiane Babinsky, geb. Grözinger (1944) und Verena Vorbach, geb. Grözinger (1946), schenkte. Bereits 1938/39 hatte Grözinger ein Studium der Philosophie (Kurt Schilling), Psychologie und Pädagogik (Oswald Kroh) an der Universität München aufgenommen. Er promovierte noch vor Kriegsende am 18. Januar 1945 mit dem Thema Hegel und der Marxismus.Wolfgang Grözinger: Hegel und der Marxismus. Philosophische Dissertation, München 1944 (unveröffentlicht). Vgl. dazu die Urkunde der Philosophischen Fakultät der Universität München über die Verleihung des Grads eines Doktors der Philosophie an Wolfgang Grözinger vom 4. April 1945 (Nachlass Grözinger, Gangelt). Als Kriegsgefangener des amerikanischen Lagers St. Avolt in Lothringen hielt Grözinger im Frühsommer 1945 an der Lageruniversität Vorträge über Plato (Gorgias), Leibniz, Kant und Hegel, die auf seine Mitgefangenen einen bleibenden Eindruck machten.Vgl. dazu Rudolf Burkert Landgerichtsrat an Süddeutsche Zeitung Feuilleton-Redaktion, Ansbach den 23.9.1965: "In memoriam Wolfgang Grözinger" (Nachlass Grözinger, Gangelt). Fragebogen zu Lizenzgesuch Dr. Wolfgang Grözinger. 18. Januar 1946 (wie Anm. 4). Vgl. auch handschriftliche Notizen Grözingers zu seinen im Kriegsgefangenenlager St. Avolt gehaltenen Vorträgen über Leibniz und Die antike Tragödie und Komödie (Nachlass Grözinger, Gangelt).
Arbeitsschwerpunkte und Publikationen
Ab 1946 engagierte Grözinger sich an Volkshochschulen und Akademien in der politischen Erwachsenenbildung.Lebensdaten. In: Wolfgang Grözinger. Panorama des internationalen Gegenwartsromans (wie Anm. 4), S. 472. Grözinger war in der Erwachsenenpädagogik im Rahmen des Bayerischen Landesverbandes für freie Volksbildung tätig. Vgl. dazu auch Wolfgang Grözinger: Der Weg zur Allgemeinbildung, München 1951 (Schriftenreihe zur bayerischen Erwachsenenbildung, Heft 3. Hg. vom Bayerischen Landesverband für freie Volksbildung) und Wolfgang Grözinger: Kritik und Selbstkritik der freien Volksbildung. In: Hochland. Band 43, 1950/51, Heft 6, S. 593–597. Er schrieb Beiträge kultur- und kunstwissenschaftlichen, pädagogisch-politischen und literarisch-ästhetischen Inhalts für Zeitschriften wie Deutsche Rundschau, Eckart, Der Zwiebelturm oder Neue deutsche Hefte. 1948 wurde er ständiger Mitarbeiter des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung. Im Rückblick hob ein Kollege 1965 die „Weite seiner Bildung“ und die „unaufdringliche Bestimmtheit seines Urteils“ hervor: „Während mehr als anderthalb Jahrzehnten hat Grözinger für diese Zeitung geschrieben – über Kinderzeichnungen wie über christlich-jüdische Gespräche, über numismatische Raritäten wie über Teilhard de Chardin, über evangelische wie katholische Akademietagungen“.Rudolf Goldschmit: Wolfgang Grözinger gestorben. In: Süddeutsche Zeitung. 21. September 1965. Eine Sonderstellung innerhalb der Vielfalt der von Grözinger behandelten Themen nahm sein Engagement für die evolutionären Ideen des Jesuitenpaters und Naturforschers Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955) ein.Wolfgang Grözinger: Der Glaube eines Naturphilosophen. Teilhard de Chardin und die Naturwissenschaften. In: Süddeutsche Zeitung. 21. März 1963, Nr. 69, S. 13. – Wolfgang Grözinger: Eine ganz neue Leichtigkeit [zu Teilhard de Chardin: Der Göttliche Bereich. Ein Entwurf des inneren Lebens und Paul Chauchard: Naturwissenschaft und Katholizismus. Einheit und Widerspruch von Geist und Materie], In: Süddeutsche Zeitung. 8./9. Juni 1963, Nr. 137, S. 70. – Wolfgang Grözinger: Die Visionen des Teilhard de Chardin. Vermutlich in: Süddeutsche Zeitung. Anfang 1964 (ohne Ort und Datum im Nachlass Grözinger, Gangelt). – Wolfgang Grözinger: Die Metaphysik des Teilhard de Chardin. Zu einer Münchner Vortragsreihe. In: Süddeutsche Zeitung. 3. Dezember 1964, Nr. 290, S. 14. Ihm zufolge hatte dieser dem Glauben eine Form gegeben, in der er in der modernen Welt vernommen werden konnte: Grözinger hat in der Süddeutschen Zeitung mehrfach deutsche Übersetzungen von Teilhards Werken und Vorträge über ihn besprochen. Mit seiner Würdigung Teilhard de Chardin. Leben und Werk vom Oktober 1962 gehörte er zu den Exponenten der ersten „Teilhard-Welle“ im deutschen Sprachraum.Wolfgang Grözinger: Teilhard de Chardin. Leben und Werk. In: Süddeutsche Zeitung. 20./21. Oktober 1962.