Die Frau mit den Lilienknochen (Originaltitel: Laura Blundy) ist ein postmodernerChristian Gutleben: Nostalgic postmodernism. The Victorian tradition and the contemporary British novel. Rodopi, Amsterdam 2001. ISBN 90-420-1297-8. S. 133. historischer Roman aus dem Jahr 2000 von Julie Myerson. Die Übersetzung ins Deutsche erfolgte durch Sabine Maier-Längsfeld und erschien erstmals 2001 im Piper Verlag.
Kurzbeschreibung Eine durch widrige Umstände mittellose, verwaiste Kleinbürgers-Tochter, die als Vierzehnjährige vergewaltigt und daher Mutter wurde, gibt ihren Sohn in ein Findelheim, wo er mutmaßlich umkommt. Durch einen Unfall verliert die Frau ein Bein, heiratet den behandelnden Arzt, flieht durch einen Selbstmordversuch aus der ihr unerträglich gewordenen Ehe. In einer Variante der Handlung ist der Selbstmordversuch vergeblich: Die Frau wird von einem Kanalarbeiter gerettet, der ihr Sohn sein könnte; sie tötet ihren Mann, um mit dem Liebhaber/Sohn zu leben. In der zweiten, korrekten Variante der Handlung war der Selbstmordversuch erfolgreich, und die erste Handlungs-Variante erweist sich als die Phantasie der Verstorbenen.
Inhalt Laura Blundy als Kind, Jugendliche, Mutter Laura Blundy, deren Mutter bei ihrer Geburt stirbt, ist die Tochter eines Einzelhändlers, der LebensmittelJulie Myerson: Die Frau mit den Lilienknochen. Aus dem Englischen von Sabine Maier-Längsfeld. Piper, München 2001. ISBN 3-492-03854-9. S. 39. und Werkzeug verkauft.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 63. Sie wird „in einem guten, behaglichen Zuhause großgezogen […], mit einem Hausmädchen und mit einer wundervollen Aussicht über die Themse und mit zahllosen Büchern und Landkarten“.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 19. Sie geht zur Schule, erhält beispielsweise Französisch-Unterricht.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 134. „Damals hatte ich die allerfeinsten Kleider. […] Ich war ein ziemlich herausgeputztes kleines Mädchen und wohl auch leidlich verzogen“.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 151. Im Alter von 14 Jahren nimmt ein „feiner Pinkel“ Laura in seinem Zweispänner mit, als sie sich zu ihrer todkranken Tante in Dalston begeben will, „diejenige mit dem Geld. […] Das sie meinem Vater für sein Geschäft geliehen hatte“.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 168. Der Mann belästigt Laura erst, vergewaltigt sie dann,Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 169–170. schwängert sie. „Nur gut, daß mein Vater starb, ehe er von meinem Zustand erfuhr“. Die todkranke Tante leitet nach des Vaters Tod den völligen Ruin Lauras ein:Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 40. „Ihre Wahnvorstellungen hatten sie dazu verleitet, all ihr Geld der Kirche zu vermachen und mich auf die Straße zu setzen, weil mein Vater sich bei ihr verschuldet hatte.“Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 172. Nur eine kleine rosaviolette Decke kann Laura noch vor den Gerichtsvollziehern retten: „Diese Decke war das letzte, was mir von meinem Vater geblieben war, und sie war das erste, was ich meinem Kleinen gab“,Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 215. den sie „im Alter von fünfzehn Jahren“ gebärt.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 96. „Im Armenhaus, wo wir schließlich gelandet waren, ging es ihm schlechter und schlechter“, und er wäre „ums Haar an der Diphtherie zugrunde gegangen“.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 277. Da das Kind dadurch entstand, „daß man dir Gewalt angetan hat“, kann sie das Kind in einem guten Findelheim unterbringen,Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 249. bringt sich selbst durch mit der Fertigung von Festtagswimpeln,Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 139. mit SchirmflickereiMyerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 140. und Bierbrauen.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 149. An einem Mai-Tag, als Laura „beinahe siebzehn“ ist und zu einem ihrer Kinds-Besuche ins Findelheim geht, sagt ihr ein dortiger Beschäftigter, dass ihr Junge „nicht mehr bei uns ist“, ein anderer präzisiert, der Junge sei gestorben.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 189. Die rosaviolette Wolldecke erhält Laura zurück. „Als ich erst wußte, daß mein Kleines ins Grab gegangen war, fiel es mir sehr schwer, wieder die rechte Einstellung für die Schirmflickerei oder das Bierbrauen zu finden“.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 241. Laura schließt sich dem „Geschmeiß der Obdachlosen und Stadtstreicher“ an,Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 243. übernimmt eines Tages für eine Leidensgenossin, der eine Arbeit in Aussicht steht, für „zwei Pence oder eine Tasse Tee und einen Kanten Brot“Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 245. die Aufsicht über ein nicht einmal einjähriges Kind, das in ihren Armen stirbt, als sie ihm neckisch zwei Finger in die zwei Nasenlöcher steckt.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 273. Als vermeintliche Kindsmörderin kommt Laura daher mit noch siebzehn JahrenMyerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 221. ins Gefängnis in Einzelhaft, anfangs rund um die Uhr mit einer Kapuze über den kahlgeschorenen Kopf: „So ist das nun mal. Das ist deine Strafe – Dunkelheit und Einsamkeit –, der beste Weg, sich mit den Irrtümern der Seele zu befassen“, erklärt man Laura.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 89. Im Gefängnis kultiviert Laura eine Konzentrationstechnik, mit der sie ihr verlorenes Kind heraufbeschwört: „Wenn ich nur ganz still dasaß, die Hände auf dem Schoß gefaltet und die Augen geschlossen, dann würde er zu mir kommen. Immer. Ohne Fehl. […] Denn hatten wir nicht immer schon vollkommen zusammengepaßt, und wußte ich denn nicht, daß es auf ewig so sein würde?“Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 282–283. Eine mitgefangene GattenmörderinMyerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 223. sagt Laura die Zukunft voraus mit zwei Unfällen: Den ersten werde sie überleben, beim zweiten Mal jedoch „womöglich“ sterben, doch „wenn du diese Welt verläßt, wirst du bei ihm sein“: dem verlorenen Kind.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 222. Allerdings werde sie das Kind „nicht auf die Weise, wie du glaubst“, finden. Freigelassen wird Laura nach einem Jahr Haft,Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 265. weil herauskommt, dass die Stadtstreicherin, die Laura das Kind anvertraute, ein Kind nach dem anderen verloren hatte, „alle voll bis zum Rand mit Laudanum“, dem dann auch das Kind in Lauras Armen zum Opfer gefallen war.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 280. Nach Haft-Ende versorgt Laura „viele Jahre lang die Kinder anderer Leute.“
Laura Blundys erster Unfall Ihren späteren Mann Ewan lernt Laura kennen, weil sie am Straßenrand schläft und ihr Unterleib von einer Droschke überfahren wird, deren Wagenlenker Fahrerflucht begeht.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 30 u. 45. Laura ist klar, dass das schwerverletzte Bein eine Gefahr für ihren Lebensunterhalt darstellt: „Um den älteren Rotzlöffeln auf den Fersen zu bleiben, braucht man Kraft und Elan, und meine größte Sorge war, daß dieses Unglück mich meine Arbeit kosten könnte. Dann würde ich verhungern, das war gewiß. Es bestand stets Bedarf an Kinderhütern, doch wie sollte ich mir auch nur einen Kanten Brot verdienen, wenn ich die Bälger nicht mehr tragen konnte?“ Im Krankenhaus stellt sie fest, dass ihr Chirurg Ewan Lockhart „augenfälliges Interesse an mir bekundete. Wann immer er durch den Krankensaal schritt, kam ihm ein neuer dringender Grund in den Sinn, an meinem Bett haltzumachen“.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 65. Allerdings kann Ewan das Bein nicht retten, muss es unmittelbar über dem Knie amputieren.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 67. Die Amputation tut Ewans Faszination keinen Abbruch, der Laura gesteht: „Sie stecken voller Überraschungen. Sie sind nicht fade. Alle Frauen, die ich kenne, sind ziemlich fade und kein bißchen klug.“Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 177. Ewan hofiert Laura, strahlt dabei „große Unbeholfenheit aus“,Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 211. verschafft ihr „eine Wohnung unweit seiner eigenen und besorgte mir Arbeit.“Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 209. Schließlich bittet er Laura, seine Frau zu werden. „Es war nicht seine Schuld, daß er mich geheiratet hat. Er war schlicht einsam, er wollte nur eine Ehefrau, […] so wie jeder andere auch“,Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 82. gibt Laura an, lässt ihr eigenes Wollen aber im Unklaren: Einerseits behauptet sie, sie hätte sich ihn nicht „angeln“ wollen, andererseits stellt sie fest: „Er ist ein Trottel, und ich wußte sehr wohl, was ich tat. Wenn man weiß, wie man es anstellen muß, dann ist es wirklich ganz einfach. […] Ich habe es darauf angelegt, […] so wie Frauen es eben tun.“Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 130. Nach der Heirat ändert sich das Verhältnis zwischen Ewan und Laura: „So behutsam er während der Monate seines Werbens mit mir umgegangen war, zurückhaltend, liebevoll, stets Feingefühl und Humor bewahrend – von dem Augenblick an, als der Ring auf meinen Finger glitt, war alles anders. Ewan verspürte nicht länger die Notwendigkeit, zu schmeicheln und zu gefallen. Im Handumdrehen wurde er Mann, Doktor, Experte, während ich Kind wurde, Patientin, Empfängerin seiner Weisheit.“Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 255. Ferner offenbart Ewan merkwürdige sexuelle Neigungen. „So nahm er, um ein Beispiel zu nennen, nur zu gern eines seiner Messer mit in unser Ehebett. Nicht etwa, um mich damit zu verletzen, nein, nur um es vorzugeben. Er liebte die Zuckungen, die er in mir hervorrief, wenn er das kalte, harte Metall auf meinem Körper tanzen ließ. […] In meinen Augen war dies nicht, wie der Liebesakt sein sollte“.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 118. Offen feindselig gegenüber Laura ist das Verhalten von Ewans bei Ewan lebender Mutter Eve, und Laura mutmaßt, Ewan habe absichtlich „diesen Krieg zwischen Eve und mir angezettelt. Mein Einzug in dieses Haus erfüllte ihm seinen größten Wunsch – ein wenig Frieden vor ihr zu haben. Und mit mir zugleich eine Waffe gegen sie. […] Endlich hatte er anstelle einer Frau, die auf ihm herumhackte, zwei, die beide stets darauf bedacht waren, sich ihm im besten Licht zu präsentieren. Es lag auf der Hand, daß die Zustände im Haus ihm gefielen. Es lag auf der Hand, daß Eves Ableben ihn betroffen machte“,Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 94. als sie im Winter stirbt.Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 91. „Tatsächlich schuf Eves Dahinscheiden eine neue Distanz zwischen uns. Distanz oder, besser noch, Kälte.“Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 95.
Laura Blundys zweiter Unfall Ewan „war klar, daß ich alles daran setzte, kein Kind von ihm zu empfangen“, doch nachdem Ewan uneinvernehmlich Lauras Verhütungsmittel entdeckt und aus ihr entfernt, fürchtet Laura, von ihm schwanger zu sein, so dass sie resümiert: „Meine Ehe und mein Leben waren ohne Sinn, trostlos und schrecklich und grau. Lange genug hatte ich versucht, ohne ihn auf Erden zu leben. Die Zeit war gekommen, zu meinem Jungen zu gehen.“Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 100. An einem JanuarnachmittagMyerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 73. fast ein Jahr nach der Heirat mit EwanMyerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 111. stürzt Laura sich in selbstmörderischer Absicht in die Themse. In der erst gegen Ende des Romans offenbarten, korrekten Handlungs-Variante war der Selbstmordversuch erfolgreich: „Als man mich aus dem Fluß gezogen hatte, sprach Ewan mit der Polizei und unterzeichnete Papiere, die besagten, daß ich keine Selbstmörderin war.“Myerson, Die Frau mit den Lilienknochen, S. 297.
Alternative Handlungs-Variante des zweiten Unfalls