mini|Grötzingen 1895 Aichtal () ist eine Stadt in der Mitte von Baden-Württemberg, etwa 18 Kilometer südlich der Landeshauptstadt Stuttgart im Landkreis Esslingen gelegen. Sie gehört zur Region Stuttgart (bis 1992 Region Mittlerer Neckar) und zur europäischen Metropolregion Stuttgart. Die 1975 im Rahmen der Gemeindereform entstandene Gemeinde, bestehend aus den drei Stadtteilen Grötzingen, Aich und Neuenhaus, zählt rund 10.000 Einwohner.
Geographie Geographische Lage Aichtal liegt am südlichen Rand der Filderebene im Tal der namensgebenden Aich, einem linken Nebenfluss des Neckars. Durch den Höhenrücken von Galgenberg, Kleinbergle und Schaichberg ist es vom Neckartal getrennt. Der Stadtteil Neuenhaus, im Winkel der von Aich und Schaich gebildeten Talgabelung gelegen, gehört größtenteils zum Naturpark Schönbuch. Die Knollenmergelhänge des Aichtals sind von Wiesen und Obstgütern bedeckt. Das Stadtgebiet erstreckt sich über eine Höhenlage von 295 Meter bei der Kläranlage Grötzingen bis 498 Meter auf dem Betzenberg im Schönbuch.
Ausdehnung des Stadtgebiets Die Stadt umfasst eine Fläche von 23,64 Quadratkilometern, wovon 3,48 Quadratkilometer besiedelt sind. Mit 10,49 Quadratkilometern nehmen Waldflächen fast die Hälfte der Gemarkung ein, darunter der 8,12 Quadratkilometer große Anteil am Schönbuch. Die Ausdehnung des Stadtgebiets beträgt 11,0 Kilometer von Westen nach Osten entlang der Aich und 3,4 Kilometer in Nord-Süd-Richtung.
Nachbargemeinden Angrenzende Gemeinden sind Filderstadt im Norden, Wolfschlugen im Nordosten, Nürtingen im Osten, Neckartailfingen und Schlaitdorf im Süden, Walddorfhäslach (Landkreis Reutlingen) im Südwesten und Waldenbuch (Landkreis Böblingen) im Westen.
Stadtgliederung Aichtal besteht aus den drei Stadtteilen Grötzingen (rund 4500 Einwohner; 7,68 Quadratkilometer), Aich (rund 3300 Einwohner; 6,11 Quadratkilometer) und Neuenhaus (rund 2100 Einwohner; 9,85 Quadratkilometer). Zu Aich gehört die räumlich getrennte Siedlung Rudolfshöhe, dem Stadtteil Grötzingen ist der Wohnplatz Bergwirtshaus angegliedert. Abgegangene Ortschaften sind Bombach und Mühlstetten in Aich sowie Forsthaus, Waldbruderhaus, Grünes Häusle und Brustelberg in Neuenhaus.Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band III: Regierungsbezirk Stuttgart, Regionalverband Mittlerer Neckar. Kohlhammer, Stuttgart 1978, ISBN 3-17-004758-2, S. 183–186.
Flächenaufteilung
Nach Daten des Statistischen Landesamtes, Stand 2014.Statistisches Landesamt, Fläche seit 1988 nach tatsächlicher Nutzung für Aichtal.
Geschichte Am 1. Januar 1975 wurde bei der Verwaltungsreform aus der Stadt Grötzingen und den selbstständigen Gemeinden Aich und Neuenhaus die neue Stadt Grötzingen mit dem Verwaltungssitz im Stadtteil Aich gegründet. Nach Protesten aus Aich und Neuenhaus, wo sich Teile der Bevölkerung durch diesen Namen herabgestuft fühlten, wurde die Stadt am 1. August 1978 in Aichtal umbenannt.
Verwaltungszugehörigkeit Mit der Umsetzung der Verwaltungsgliederung im Königreich Württemberg blieben die altwürttembergische Stadt Grötzingen und die beiden Orte Aich und Neuenhaus 1806 dem Oberamt Nürtingen zugeordnet. Bei der Kreisreform während der NS-Zeit in Württemberg gelangten sie 1938 zum gleichnamigen Landkreis. 1945 wurden die Orte Teil der Amerikanischen Besatzungszone und gehörten somit zum neu gegründeten Land Württemberg-Baden, das 1952 im jetzigen Bundesland Baden-Württemberg aufging. 1973 erfolgte die Kreisreform in Baden-Württemberg, bei der die Orte zum Landkreis Esslingen kamen.
Grötzingen 66px|links|Grötzinger Wappen Auf der Gemarkung von Grötzingen (schwäbisch Gretzeng ['gret͡seŋ]) gab es schon im Neolithikum einen Siedlungsplatz, direkt an der Aich gelegen. Bei einer Verlegung des Flussbettes der Aich im Jahr 2008 wurden Funde von Steinwerkzeugen und Tonscherben gemacht.
In einer Urkunde des Königs Heinrich IV. wurde 1075 zum ersten Mal Gretzingan erwähnt. Darin ging es um die Weinberge in Grötzingen, die dem Kloster Hirsau zustanden. Die alemannische Siedlung entstand spätestens im 7. Jahrhundert und lag im heutigen Altgrötzinger Tal. Der Name geht vermutlich auf einen Sippenführer namens Gretz zurück.
Vermutlich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts legte einer der Grötzinger Herren im Südteil der Ortsmarkung an der Aich eine Wasserburg mit einem Wirtschaftshof an. Die Gründung der Stadt Grötzingen erfolgte um 1275 durch Ritter Diepold von Bernhausen, der König Rudolf von Habsburg unterstützte und die Stadt als Wehranlage gegen das an Einfluss gewinnende württembergische Nürtingen errichtete. Im Jahre 1304 wurde Grötzingen erstmals urkundlich als Stadt bezeichnet, die Bewohner des Urdorfs zogen in ihre Mauern um, das bisherige Dorf verfiel. Im Jahre 1337 verkaufte Diepolds Sohn die Stadt an Württemberg.
Vom 14. bis in das 16. Jahrhundert war Grötzingen Sitz eines Amtes, zu dem Aich, Neckartailfingen, Neckartenzlingen, Neuenhaus und Wolfschlugen gehörten. Danach kam Grötzingen zum Amt Nürtingen.
Im Schmalkaldischen Krieg hatten die Einwohner 1546 aus Geldnot ihre Kanonen verkauft. Als sich plündernde Soldaten näherten, gruben sie hölzerne Brunnenrohre aus und schoben sie in die Schießscharten der Stadtmauer. Da die herannahenden Soldaten diese für Kanonen hielten, zogen sie weiter, ohne die Stadt anzugreifen.
In den Jahren 1634/1635 fielen 243 Grötzinger und 194 Neckartailfinger Bürger, die nach der Zerstörung ihres Ortes hier Zuflucht suchten, der Pest zum Opfer. Nach dem Dreißigjährigen Krieg zählte die Stadt nur noch ein Drittel der Bevölkerung – Grötzingen wurde vom zweitreichsten zum ärmsten Ort des Amtes Nürtingen. Die Not zwang zahlreiche Einwohner schon Mitte des 18. Jahrhunderts zur Auswanderung, überwiegend nach Nordamerika.
Ein Großbrand zerstörte 1845 im Ortskern 13 Gebäude, darunter das Rathaus und das Schulhaus.
Aich 66px|links|Aicher Wappen mini|hochkant=0.6|Treppe am Kirchhang in Aich Aich wurde 1103 in einer Schenkungsurkunde der Brüder Wernher und Wolfram von Eichacha zum ersten Mal erwähnt. 1312 ist ein Besitz der Herren von Bernhausen in Aich nachweisbar, sie verkauften diesen aber 1319 an die Frauenpfründe der Pfarrkirche. Als Ortsadel erscheinen die „Vögte von Aich“. Sie waren ritterliche Dienstmannen der Pfalzgrafen von Tübingen (Herrenberger Linie). Die Vögte von Aich hatten auch Besitztümer in Neuenhaus und Schlaitdorf. Im Jahre 1369 wurde der Ort von den Reutlinger Sperwern für 550 Pfund Heller erworben. Dies verkauften dann 1382 mit der Herrschaft Herrenberg an Württemberg. Württemberg schlug Aich dem Amt Grötzingen zu, später, nach dessen Auflösung Anfang des 16. Jahrhunderts, dann dem Amt Nürtingen. Im Jahre 1383 zählte das Dorf zwölf „Hüblin“ (kleine Bauerngüter). Die älteste Urkunde im Kreisarchiv Esslingen bezeugt 1404 die Belehnung von Heinz Stoll von Bernhausen mit der Bombachmühle, einer Bannmühle für die Aicher Bevölkerung; diese Mühle ist seit 1369 nachweisbar.Landkreis Esslingen, Archivgeschichte abgerufen am 21. Juni 2010
Im Süddeutschen Städtekrieg 1449 wurde das Dorf durch die Reutlinger größtenteils niedergebrannt. Im Jahre 1586 wurde Aich durch ein Feuer erneut fast vollständig zerstört und unter Leitung des herzoglichen Baumeisters Heinrich Schickhardt wiederaufgebaut. Der Ort galt als geographischer Mittelpunkt des Herzogtums Württemberg.
Am 20. April 1945 wurde der Ort von französischen Soldaten, überwiegend Marokkanern, eingenommen und geplündert.
Neuenhaus 66px|links|Neuenhäuser Wappen
Am Betzenberg finden sich mehrere Grabhügel aus der Hallstattzeit sowie zahlreiche Überreste und ein Friedhof aus der Römerzeit.
1312 wurde Neuenhaus als Neues Haus (zem Niwenhuse) zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Es handelte sich um eine Wasserburg der Tübinger Pfalzgrafen, neben der ein grundherrschaftliches Dorf entstand. 1347 wurde Neuenhaus bereits aus Geldnot an Württemberg verkauft. Bis Mitte des 15. Jahrhunderts hatten die Speth die Burg zu Lehen. Auf den Fundamenten der alten Wasserburg wurde um 1600 das heute erhaltene Fachwerkhaus Schlössle erbaut.
Der Flurname Brustelberg am Hang des Betzenberges bezieht sich darauf, dass sich hier eine mittelalterliche Burg befand, welche bis ins Jahre 1670 bewohnt war und danach dem Verfall anheimfiel. Nach dem Tode des letzten Besitzers, des kinderlosen Junkers Phillip Grempp von Freudenstein, ging die Burg im Jahr 1641 in den Besitz von Württemberg über, Friedrich von Ragowitz erhielt sie daraufhin als Kunkellehen. Dessen Witwe war die letzte Bewohnerin der Burg, als sie 1670 verstarb, war die Burg bereits stark verfallen.
Vom 14. bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde in Neuenhaus das Töpferhandwerk betrieben. Der Töpferton dazu stammte vom nahen Betzenberg. Herzog Ulrich warb Hafnermeister aus Unterfranken an, denen er freien Holzbezug aus dem Schönbuch zusagte. Im Jahre 1848 gab es im Ort 78 Hafnermeister, d. h. fast zwei Drittel der Berufstätigen übten diesen Beruf aus. Dadurch entstand der volkstümliche schwäbische Ortsname Häfner-NuihausaLutz Reichardt: Ortsnamenbuch des Kreises Esslingen. S. 75, der bereits 1720 in amtlichen Akten erscheint, im Unterschied zum ca. 15 km nordöstlich gelegenen Katholisch-NuihausaLutz Reichardt: Ortsnamenbuch des Kreises Esslingen. S. 77 (Neuhausen auf den Fildern). In den Nachbarorten werden die Einwohner von Neuenhaus meist schlicht Häfner genannt.
Eine weitere Einkommensquelle waren Krebse, die in der Schaich gefangen und regelmäßig bis nach Stuttgart und Tübingen verkauft wurden. Außerdem baute man am Uhlberg bis 1832 Wein an.
Stadt- und Einwohnerentwicklung mini|Wiederaufgebautes Teilstück der Grötzinger Stadtmauer In Grötzingen und Aich wurden von den Nachkriegsjahren bis in die 1980er-Jahre neue Wohngebiete in Südhanglage oberhalb der Ortskerne erschlossen. In Grötzingen sind dies die ab 1948 die Schönblick- und ab 1971 die Blumensiedlung, in Aich die Sulzäcker (1956) und die nordöstlich des Ortes gelegene Rudolfshöhe (1957) sowie die Steinenäcker und der Gemeindeberg (1973). Neuenhaus dehnte sich von 1965 bis in die 1980er Jahre durch Neubauten entlang der Verbindungsstraße von Waldenbuch nach Nürtingen, im Grörach und in den Sandäckern sowie am Hang des Betzenbergs aus. Ab 1969 entstand nördlich von Aich das Gewerbegebiet Aichholz. 1976 siedelte sich in den benachbarten Riedwiesen die Firma Aldi an.
Ende der 1990er Jahre wurde die Schönblicksiedlung um das Neubaugebiet Froschegert erweitert, ebenso die Blumensiedlung um den Hohen Rain. Am nordöstlichen Ortsrand von Neuenhaus entstanden in den letzten Jahren ebenfalls Neubauflächen. Zurzeit werden mit dem Wohnbaugebiet Weckholder zwischen Grötzingen und der Rudolfshöhe weitere Wohnbauplätze erschlossen.
Im Jahr 2004 wurden in Aichtal 4310 Haushalte gezählt, was einer durchschnittlichen Haushaltsgröße von 2,3 Personen entspricht. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung lag bei 39,9 Jahren.
+ Die Einwohnerentwicklung in Aichtal seit 1572 bzw. 1834 1572 1654 1703 1745 1803 1810 1824 1834 1843 1852 1861 1871 1885 1895 1900 1905 1910 1919 Grötzingen 450 258 448 593 870 893 945 958 967 977 900 933 882 804 784 845 856 870 Aich 728 778 800 791 725 737 694 626 634 629 624 647 Neuenhaus 565 624 668 776 674 772 838 748 724 718 716 793 insgesamt 2.238 2.360 2.435 2.544 2.299 2.442 2.414 2.178 2.142 2.189 2.196 2.310
1925 1933 1939 1946 1950 1956 1961 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015 2020 Grötzingen 869 831 848 1.239 1.283 1.862 2.453 4.472 Aich 635 662 660 909 971 1.600 2.224 3.324 Neuenhaus 806 867 864 1.089 1.141 1.413 1.7672.147 insgesamt 2.310 2.360 2.372 3.237 3.395 3.905 4.875 6.009 6.444 7.336 8.195 8.517 8.709 9.178 9.531 9.771 9.716 10.124 9.943 Volkszählungsergebnisse (bis 1961 und 1970) und Fortschreibungen des Statistischen Landesamts
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