mini|Walter Feldmann (2016) Walter Feldmann (* 4. September 1965 in Glarus) ist ein Schweizer Komponist und Flötist.
Werdegang Walter Feldmann studierte Französisch, Latein und Musikwissenschaft an der Universität Zürich, parallel zum Flötenstudium bei Dominique Hunziker in Aarau. 1991 gründete er das Ensemble S Zürich, das sich auf zeitgenössische Musik spezialisierte. 1998 wurde er Mitglied des Flötenoktetts les joueurs de flûte und trug seitdem zur Entwicklung eines Repertoires für acht Flöten von der Renaissance bis zur Zeitgenössischen Musik bei. 1992 wurde er Mitorganisator und von 1994 bis 2003 künstlerischer Leiter des Festivals Tage für Neue Musik Zürich. 1993 nahm er an der ersten Ausgabe der Sommerakademie, 1996 am Sommerkurs in Musikinformatik am Ircam teil. Von 1998 bis 2004 arbeitete er als Komponist und Flötist mit dem Choreografen Gabriel Hernández (tHEL danse) in Paris zusammen. Als Musikpädagoge unterrichtete er von 1993 bis 2011 an der Musikschule Steinhausen, seit 2009 ist er Querflötenlehrer an der Alten Kantonsschule Aarau, seit 2018 auch an der Kantonsschule Zofingen.
Komponist Feldmanns erste Kompositionen stammen aus dem Jahr 1986. 1993 wurden seine Werke in den Carus Verlag Stuttgart aufgenommen, ab 2018 erscheinen sie in den Éditions Marta. In seinem Katalog dominieren Kompositionen für Solisten oder Ensembles mit und ohne Elektronik. Nach einer ersten Reihe von Werken mit der Flöte als Hauptinstrument schrieb er kammermusikalische Werke, seine Streichquartette …à tournoyer (1990) und absences (fragmenté) (1991–1992), dann courbes – séquences für Flöte, Bratsche und Harfe (1992–1993). Eine weitere Facette seiner Arbeit umfasst Stücke für Solisten und Elektronik, darunter le sexe du noyé für Solo-Oboe (1995, „obsessive, neurotische, physische“ Musik) oder tellement froid que (géorgiques I) für Bassflöte (1995–1996), basierend auf Les Géorgiques von Claude Simon. Dieser Roman inspirierte zwei weitere Stücke: comme si le froid (géorgiques II) für Baritonsaxophon, Pauke, Klavier und Elektronik (1998 im Auftrag des Südwestrundfunks Baden-Baden) und n’était le froid (géorgiques III), für tiefes Orchester in 4 Gruppen (Auftrag des Südwestrundfunks Stuttgart 1999–2001). Dieser Zyklus rund um Les Géorgiques leitet einen Schreibstil ein, der heute fast ausschließlich auf textlicher oder literarischer Inspiration basiert.
In der Komposition dolcificare a piacere – R.E.C. für Solocello, Englischhorn, Frauenstimme und Klavier, geschrieben 1997, perfektionierte er sein Kompositionssystem, indem er alle typografischen Daten eines Textes berücksichtigte. Eine Art Textvermessung ermöglicht es ihm, alle für die Komposition notwendigen Materialien (Struktur, Tonhöhen, Rhythmen…) abzuleiten. Zu diesen „buchstäblichen“ Stücken gehören: réduction d’emballage für Soloklarinette und Streichquartett (1998–1999, überarbeitet 2002–2003), fort et longtemps für 8 Flöten (1999) sowie die beiden Versionen (2001–2002) von how many parts of it – the one, – and how many the other.
Die Begegnung mit der Schriftstellerin Anne-Marie Albiach und die Lektüre ihrer Werke schlug sich in mehreren Hauptwerken nieder: monstrueuse vécut dans le cadre la mémoire, Auftrag des Ensemble Intercontemporain für Solobratsche und großes Ensemble in 6 Gruppen (2002–2004) und une géométrie (2005–2007). 2016 führte Feldmann mit Esquisse : le froid für Solo-Marimba und 14 Instrumente die Liste der Werke zu gleichnamigen Texten dieser Autorin fort.
Seine Affinität zur Musik von Claude Debussy zeigt sich in seinen Transkriptionen von Klavierwerken des französischen Komponisten sowie in …y soufflera… für Sopran und Orchester (dessen Text dem an Debussy gerichteten Vierzeiler von Stéphane Mallarmé entnommen ist). vertical et blanc ist „dem Andenken an Claude Debussy“ gewidmet.
Werke (Auswahl)
Transkriptionen Claude Debussy: Le sommeil de Lear. Transkription für Ensemble von acht Flöten (2008) Claude Debussy: La fille aux cheveux de lin. Transkription für Ensemble von acht Flöten (2010)
Preise 1999: Kompositionspreis (Werkjahr) der Stadt Zürich 2003: Preis der Landesstiftung Pro Arte.
Schriften approches : H II linéaires, Nioques no 4, La Sétérée, Januar 1992, . fragmenté (épilogue) - H II linéaires, Anne-Marie Albiach. In: Revue Tartine. Nr. 8, Paris Juni 1993. Grenzüberschreitung und verantwortliche Kompetenz im Kultur- und Konzertbetrieb. In Musik und Ästhetik. 13. Klett-Cotta, Stuttgart 2000, ISBN 3-608-98587-5. From Basic Material to Dramaturgy: les géorgiques. In: Polyphony & Complexity. Wolke Verlag, Hofheim 2002, ISBN 3-936000-10-7. Duett. In: kultzürichaussersihl. verlag um die ecke, Silvio Baviera, Zürich 2010, ISBN 978-3-033-02342-0. Anne-Marie Albiach. Le texte comme ADN de la transposition musicale. In: Le choix du poème. Presses universitaires de Rennes, 2015.
Literatur Thomas Meyer: Kalkül und Obsession. Ein Portrait des Zürcher Komponisten Walter Feldmann. In: Neue Zeitschrift für Musik, März/April 2000, S. 62–63 David Verdier: Moments d’un entretien (Anne-Marie Albiach, Walter Feldmann, David Verdier), in Cahier Critique de Poésie. 10. farrago / cipM, 2005, S. 228–235. Theo Hirsbrunner: Ravel heute. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie. 5/1, 2008. Theo Hirsbrunner: Le mystère dans les sons. Walter Feldmann: Musiker und Literat. In: dissonanz/dissonance. 107. 2009, S. 12–15.
Hörfunk Jean Daive: La mémoire de Walter Feldmann. Radiosendung, France Culture, Freitag, 5. August 2005.
Diskographie how many parts of It - the one, - and how many the other, no 2 the other, Grammont Portraits, Mats Scheidegger & Stephan Schmidt, MGB CTS-M 90 dolcificare a piacere - R.E.C., radio aequatuor, ensemble aequatuor, ear-842 001 M le sexe du noyé, Matthias Arter, Oboe, Walter Feldmann, Elektronik, collegno www 1CD 20009 Esquisse : le froid, Jacqueline Ott, Marimbaphon, Collegium Novum Zürich, Jonathan Stockhammer, Grammont Sélection, Pro Helvetia 2018 Süsses Unheil, Richard Haynes, Klarinette d’amore, cubus records CR 374 figurations de mémoire, Version für Rohrblattquintett, Figurations, BlattWerk Quintet, schweizerfonogramm 2022 (Preis der Deutschen Schallplattenkritik 2022)
Einzelnachweise
Kategorie:Komponist (Schweiz) Kategorie:Flötist Kategorie:Schweizer Kategorie:Geboren 1965 Kategorie:Mann