mini|hochkant=1.5|In dieser Grafik wächst die Wirtschaftsleistung um 3 %. Der Energieverbrauch steigt nur um 2 % (relative Entkopplung), während die Treibhausgasemissionen um 1 % jährlich sinken (absolute Entkopplung). Die Energieeffizienz steigt demnach um 1 % jährlich, die Emissionen pro Energieverbrauch sinken um 3 %. Allerdings ist die Entkopplung nicht ausreichend, um die Emissionen wie gewünscht um 3 % jährlich zu senken. Unter Entkopplung versteht man in der ökologischen Ökonomik eine Abschwächung des Zusammenhangs zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschäden durch neuartige Produktionsprozesse. Durch Entkopplung soll die Wirtschaftsleistung immer unabhängiger vom Materialverbrauch und der Emission von CO2-Äquivalenten gemacht werden. Ziel ist es dabei sicherzustellen, dass weiteres Wirtschaftswachstum nicht zur Überschreitung planetarer Grenzen führt.

In der Literatur wird oftmals zwischen relativer und absoluter Entkopplung unterschieden. Die häufig geäußerte Hoffnung ist hierbei, dass es durch absolute Entkopplung die Chance gäbe, die aktuell weltweit praktizierte Art des Wirtschaftens beizubehalten und gleichzeitig innerhalb der planetaren Grenzen zu bleiben. Heftig diskutiert wird dabei aber die Frage, ob absolute Entkopplung durch ausreichend viel relative Entkopplung herbeigeführt werden kann.Raimund Bleischwitz, Bernd Meyer, Stefan Giljum, Jose Acosta, Martin Distelkamp, Mark Meyer, Elke Pirgmaier, Helmut Schütz, Dominik Ritsche: Die absolute Entkopplung ist möglich. In: Ökologisches Wirtschaften. Band 30, Nr. 2, 2012, S. 30–33 (online).Tim Jackson: Der Mythos Entkopplung. In: Derselbe: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt. oekom, München 2011, ISBN 978-3-86581-245-2, S. 59–77.

Begriffsgeschichte mini|hochkant=1.5|Nach der Theorie der Umwelt-Kuznets-Kurve steigt die Umweltbelastung durch Industrialisierung an, sinkt dann aber wieder durch den Übergang in eine Dienstleistungsgesellschaft. In der Menschheitsgeschichte ging eine Erhöhung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bislang sehr häufig mit erhöhten negativen Auswirkungen auf die Umwelt einher. Deshalb ist die Wachstumskritik auch beinahe so alt wie das Wirtschaftswachstum selbst. Spätestens seit der Club of Rome 1972 seine Studie Die Grenzen des Wachstums veröffentlichte, gibt es eine breite gesellschaftliche Diskussion über die (Un-)Möglichkeit eines niemals endenden Wirtschaftswachstums auf einem Planeten mit begrenzten natürlichen Ressourcen. Dabei muss aber ebenfalls anerkannt werden, dass es bislang keiner menschlichen Gesellschaft gelungen ist, materielle Deprivation ohne Wirtschaftswachstum flächendeckend zu beseitigen. Besonders für ärmere Staaten ist das Wachstumsparadigma daher weiterhin attraktiv.

In den 1990ern erschien eine Reihe von Studien, die nahelegten, dass Entkopplung von selbst eintreten würde. Demnach würden Luft- und Gewässerverschmutzung, die Menge des Hausmülls, Entwaldung sowie Kohlendioxidemissionen abnehmen, sobald Staaten ihr BIP auf ein bestimmtes Niveau gehoben haben.Gene M. Grossman, Alan B. Krueger: Environmental Impacts of a North American Free Trade Agreement. NBER Working Paper w3914. National Bureau of Economic Research, Cambridge (MA) 1991, doi:10.3386/w3914.Gene M. Grossman, Alan B. Krueger: Economic Growth and the Environment. In: Quarterly Journal of Economics, 110(2), 1995, S. 353–377, doi:10.2307/2118443.Theodore Panayotou: Empirical tests and policy analysis of environmental degradation at different stages of economic development. World Employment Programm Research Working Paper 238. International Labour Office, Genf 1993.Nemat Shafik, Sushenjit Bandyopadhyay: Economic Growth and Environmental Quality: Timeseries and Cross-country Evidence. Background Paper for World Development Report 904, World Bank, 1992. Diese Ergebnisse führten zur Postulierung der Umwelt-Kuznets-Kurve. Die Gültigkeit dieser Theorie konnte durch jüngere Forschung jedoch nur für unmittelbar gesundheitsschädliche Stoffe bestätigt werden. Treibhausgasemissionen und andere externe Effekte scheinen hiervon unberührt zu bleiben.Soumyananda Dinda: Environmental Kuznets Curve Hypothesis: A Survey. In: Ecological Economics. Band 49, Nr. 4, 2004, S. 431–455, doi:10.1016/j.ecolecon.2004.02.011.

2002 definierte die OECD den Begriff Entkopplung als Phänomen, das die Korrelation zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung aufheben soll. Auch die Europäische Kommission hatte ein Jahr zuvor in ihrem sechsten Umweltprogramm das Ziel ausgegeben, Entkopplung herbeizuführen. 2011 wurde diese Zielsetzung in Bezug auf die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcennutzung wiederholt. Darüber hinaus ist Entkopplung eine wichtige Grundlage für die seit 2015 geltenden Ziele für nachhaltige Entwicklung. Dass eine hinreichende Entkopplung möglich ist, ist zudem eine der Grundannahmen des grünen Wachstums. So baut etwa das 2019 von der Europäischen Kommission vorgestellte Konzept des European Green Deal u. a. auf eine weitreichende Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltschäden sowie die Umstellung auf eine Kreislaufwirtschaft.

Seit Mitte der 2000er Jahre erfuhr der Begriff zudem eine stetig steigende wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Zwischen 2005 und 2018 stieg die Anzahl der zum Thema Entkopplung veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten um jeweils 20 % pro Jahr.Dominik Wiedenhofer, Doris Virág, Gerald Kalt, Barbara Plank, Jan Streeck, Melanie Pichler, Andreas Mayer, Fridolin Krausmann, Paul Brockway, Anke Schaffartzik, Tomer Fishman, Daniel Hausknost, Bartholomäus Leon-Gruchalski, Tânia Sousa, Felix Creutzig, Helmut Haberl: A systematic review of the evidence on decoupling of GDP, resource use and GHG emissions, part I: bibliometric and conceptual mapping. In: Environmental Research Letters. Band 15, Nr. 6, 2020, S. 6, doi:10.1088/1748-9326/ab8429.

Arten von Entkopplung Es gibt verschiedene Arten von Entkopplung. Am prominentesten sind die Unterscheidungen in Bezug auf die Größe, die vom Wirtschaftswachstum entkoppelt werden soll (Materialverbrauch oder Umweltschäden) und in Bezug auf das Erreichen von Klimazielen (relative und absolute Entkopplung).

Entkopplung bezogen auf die zu entkopplende Größe Im Allgemeinen wird zwischen der Entkopplung des Wirtschaftswachstum vom Rohstoffverbrauch einerseits () und von der Umweltbelastung andererseits () unterschieden.

Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Materialverbrauch Bei der Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Materialverbrauch geht es darum, das BIP zu steigern, während gleichzeitig weniger Ressourcen verbraucht werden. Zur Untersuchung dieses Zusammenhangs werden oft Stoffstromanalysen durchgeführt, in denen versucht wird nachzuvollziehen, auf welche Weise bzw. in welchen Mengen beispielsweise Biomasse, fossile Energieträger oder Erze global genutzt werden.M. Fischer-Kowalski, F. Krausmann, S. Giljum, S. Lutter, A. Mayer, S. Bringezu, Y. Moriguchi, H. Schütz, H. Schandl, H. Weisz: Methodology and Indicators of Economy-wide Material Flow Accounting. State of the Art and Reliability Across Sources. In: Journal of Industrial Ecology. Band 15, Nr. 6, 2011, S. 855–876, doi:10.1111/j.1530-9290.2011.00366.x. Dabei können die unterschiedlichsten Phänomene wie etwa gesteigerte Materialeffizienz,Heinz Schandl, Steve Hatfield-Dodds, Thomas Wiedmann, Arne Geschke, Yiyong Cai, James West, David Newth, Tim Baynes, Manfred Lenzen, Anne Owen: Decoupling global environmental pressure and economic growth: scenarios for energy use, materials use and carbon emissions. In: Journal of Cleaner Production. Band 132, 2016, S. 45–56, doi:10.1016/j.jclepro.2015.06.100. der Übergang zu einer Dienstleistungsgesellschaft (Tertiärisierung)Blair Fix: Dematerialization Through Services: Evaluating the Evidence. In: BioPhysical Economics and Resource Quality. Band 4, Nr. 6, 2019, doi:10.1007/s41247-019-0054-y. oder auch ein steigender Anteil der Finanzwirtschaft an der gesamten ÖkonomieZora Kovacic, Marcello Spanò, Samuele Lo Piano, Alevgul H. Sorman: Finance, energy and the decoupling: an empirical study. In: Journal of Evolutionary Economics. Band 28, 2017, S. 565–590, doi:10.1007/s00191-017-0514-8. zu resource decoupling führen.

Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltschäden Impact Decoupling hat das Ziel, die durch Wirtschaftswachstum verursachten Umweltschäden möglichst gering zu halten. Diese Art der Entkopplung ist generell unabhängig vom resource decoupling. Es ist folglich möglich, dass der Materialverbrauch vom Wirtschaftswachstum entkoppelt wird die Umweltzerstörung aber nicht und umgekehrt.T. Vadén, V. Lähde, A. Majava, P. Järvensivu, T. Toivanen, E. Hakala, J.T. Eronen: Decoupling for ecological sustainability: A categorisation and review of research literature. In: Environmental Science and Policy. Band 112, 2020, S. 236–244, hier S. 236, doi:10.1016/j.envsci.2020.06.016. Zunächst ging es bei der Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltschäden hauptsächlich um Treibhausgasemissionen. Mit der Zeit wurden aber auch Faktoren wie Landnutzung,Xianke Huang, Yujie Huang, Ruiliang Li, Wei Cheng, Yang Su, Feng Li, XianXiang Du: Decoupling of land-use net carbon flux, economic growth, and population change in China. In: Environmental Science and Pollution Research. 2023, doi:10.1007/s11356-023-25335-8. der Verlust von Biodiversität,Iago Otero, Katharine N. Farrell, Salvador Pueyo, Giorgos Kallis, Laura Kehoe, Helmut Haberl, Christoph Plutzar, Peter Hobson, Jaime García-Márquez, Beatriz Rodríguez-Labajos, Jean-Louis Martin, Karl-Heinz Erb, Stefan Schindler, Jonas Nielsen, Teuta Skorin, Josef Settele, Franz Essl, Erik Gómez-Baggethun, Lluís Brotons, Wolfgang Rabitsch, François Schneider, Guy Pe'er: Biodiversity policy beyond economic growth. In: Conservation Letters. Band 13, Nr. 4, 2020, doi:10.1111/conl.12713. die Entnahme oder Verschmutzung von Trinkwasser,Felix Dalstein, Asjad Naqvi: 21st Century water withdrawal decoupling: A pathway to a more water-wise world? In: Water Resources and Economics. Band 38, 2022, doi:10.1016/j.wre.2022.100197. LuftverschmutzungAsjad Naqvi, Klara Zwickl: Fifty shades of green: Revisiting decoupling by economic sectors and air pollutants. In: Ecological Economics. Band 133, 2017, S. 111–126, doi:10.1016/j.ecolecon.2016.09.017. und Entwaldung in Untersuchungen zu dem Thema miteinbezogen.

Entkopplung bezogen auf das Erreichen von Klimazielen Es bedarf einer bestimmten Form von Entkopplung, um den Ressourcenverbrauch bzw. die Umweltschäden in wachsenden Volkswirtschaften zu verringern. Daher wird im Allgemeinen zwischen relativer und absoluter Entkopplung unterschieden. In aller Regel wird eine absolute Entkopplung angestrebt, weil nur diese eine Verringerung von z. B. Treibhausgasemissionen bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum garantiert.

Relative Entkopplung mini|hochkant=1.5|In Deutschland sanken die CO2-Emissionen pro Kopf von 1990 bis 2017 um gut 25 %, während das Bruttoinlandsprodukt (grün) um über 40 % anstieg. Unabhängig davon, ob Handelsbeziehungen einberechnet werden oder nicht, fand in Bezug auf CO2 eine absolute Entkopplung statt. Relative Entkopplung liegt dann vor, wenn mehr Güter produziert und Dienstleistungen geleistet werden können, während gleichzeitig der Ressourcenverbrauch und/oder die Menge klimaschädlicher Emissionen in geringerem Maße ansteigt. Das BIP lässt sich so steigern, ohne dass die dadurch verursachten Umweltschäden im selben Prozentsatz zunehmen.