Nichtwähler bezeichnet wahlberechtigte Personen, die sich nicht an politischen Wahlen beteiligen, somit nicht zur Wahlbeteiligung beitragen. Der Begriff wird im allgemeinen Sprachgebrauch und der Berichterstattung der Medien im Zusammenhang mit politischen Wahlen benutzt. Sanktioniert wird das Nichtwählen nur in Ländern mit einer Wahlpflicht.
Phänomen Nichtwähler in Deutschland Die Wahlbeteiligung in Deutschland hat im Schnitt seit 1949 auf allen Ebenen des politischen Systems unterschiedlich stark abgenommen. Auffallend hoch ist der Anteil der Nichtwähler bei Kommunal-, Regional-, Landtags-, und Europawahlen. Bei den Europawahlen stieg der Anteil der Nichtwähler seit 1979 von 34,3 % auf 57,0 % (Europawahl 2004); bei Bundestagswahlen hat er sich sogar mehr als verdreifacht, von 8,9 % (1972) auf das bisherige Minimum 29,2 % 2009 nach vier Jahren Großer Koalition da mit fünf Parteien keine andere Koalition zu bilden war.
Wenn Wahlen auf den gleichen Termin gelegt werden, Landtagswahl zur Bundestagswahl, oder Kommunalwahlen mit Europawahl, fördert dies meist die Wahlbeteiligungen. In den letzten Jahren ist teilweise eine höhere Wählermobilisation zu beobachten. + Historie der Wahlergebnisse in Deutschland mit Nichtwähleranteilen und Auschöpfungsquoten Politische Ebene Zeitraum Minimum(x) (Jahr) Maximum(x) (Jahr) Grafische Darstellung (Werte in Prozent aller Wahlberechtigten) Europawahlen 100px 1979 bis 2024 34,3 % (1979) 57,0 % (2004) mini|Europawahlen Bundestagswahlen 80px 1949 bis 2025 8,9 % (1972) 29,2 % (2009) mini|Bundestagswahlen Landtagswahlen Baden-Württemberg 120px 1952 bis 2026 20,0 % (1972) 46,6 % (2006) mini|Baden-WürttembergStatistisches Landesamt Baden-Württemberg.Wahlen in Deutschland – Baden-Württemberg. Landtagswahlen Bayern 120px 1946 bis 2023 17,7 % (1954) 42,9 % (2003) mini|BayernBayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung, Wahlen in Deutschland seit 1945 - Bayern Wahlen zum Abgeordnetenhaus Berlin 80px 1946 bis 2026 7,1 % (1958) 42,0 % (2006) mini|BerlinWahlen in Deutschland – Historie Berlin und Wahlleiter Berlin. Landtagswahlen Brandenburg 80px 1990 bis 2024 27,1 % (2024) 52,1 % (2014) mini|BrandenburgStatistik Wahlergebnisse in Brandenburg, Wahlen in Deutschland seit 1945 - Brandenburg Bürgerschaftswahlen Bremen 80px 1947 bis 2023 16,0 % (1955) 49,8 % (2015) mini|Bremenwahlen-bremen.de und Archiv Bürgerschaftswahlen Hamburg 70px 1946 bis 2020 16,0 % (1982 Dez.) 43,1 % (2015) mini|Hamburg und Statistik Nord. Landtagswahlen Hessen 80px 1946 bis 2023 12,3 % (1978) 39,0 % (2009) mini|HessenHessisches Statistisches Landesamt, Wahlen in Deutschland seit 1945 - Hessen Landtagswahlen Mecklenburg-Vorpommern 80px 1990 bis 2026 20,6 % (1998) 48,5 % (2011) mini|Mecklenburg-VorpommernLandeswahlleiterin Mecklenburg-Vorpommern und Wahlen in Deutschland – Historie in Mecklenburg-Vorpommern Landtagswahlen Niedersachsen 80px 1947 bis 2022 15,6 % (1974) 42,9 % (2008) mini|NiedersachsenLandesbetrieb für Statistik und Kommunikationstechnologie Niedersachsen und Ergebnis 2017. Landtagswahlen Nordrhein-Westfalen 80px 1950 bis 2022 13,9 % (1975) 44,5 % (2022) mini|Nordrhein-WestfalenLandeswahlleiter Nordrhein-Westfalen. Landtagswahlen Rheinland-Pfalz 80px 1947 bis 2026 9,6 % (1983) 41,8 % (2006) mini|Rheinland-PfalzWahlen in Deutschland – Rheinland-Pfalz. Landtagswahlen Saarland 80px 1947 bis 2022 4,3 % (1947) 44,5 % (2004) mini|SaarlandLandeswahlleiterin - Statistisches Amt Saarland. Landtagswahlen Sachsen 80px 1990 bis 2024 25,6 % (2024) 50,8 % (2014) mini|SachsenStatistisches Landesamt des Freistaates Sachsen. Landtagswahlen Sachsen-Anhalt 80px 1990 bis 2026 22,2 % (2026) 55,6 % (2006) mini|Sachsen-Anhalt und Landtagswahlen Schleswig-Holstein 80px 1947 bis 2022 15,2 % (1983) 39,8 % (2012) mini|Schleswig-HolsteinStatistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Landtagswahlen seit 1947 und Ergebnis Landtagswahl am 8. Mai 2022 Landtagswahlen Thüringen 80px 1990 bis 2024 25,2 % (1994) 47,3 % (2014) mini|ThüringenThüringer Landesamt für Statistik. (×) Anteil der Nichtwähler bezogen auf alle Wahlberechtigten
Nichtwähleranteil und Ausschöpfungsquote Der Bundeswahlleiter veröffentlicht in der Auswertung der Wahlergebnisse zum Deutschen Bundestag auch Informationen zum Nichtwähleranteil sowie seit 2017 zu den Ausschöpfungsquoten der Parteien.bundeswahlleiter.de (PDF; 1,1 MB) Wahl zum 19. Deutschen Bundestag am 24. September 2017, Heft 5, Teil 1, Textliche Auswertung (Wahlergebnisse), Seite 30, abgerufen am 2. Februar 2021 Die Berechnung der Ausschöpfungsquote erfolgt mittels Division der absoluten Anzahl gültiger Zweitstimmen durch die Anzahl aller Wahlberechtigten. Der Nichtwähleranteil ergibt sich analog, indem die Zahl der Nichtwähler, also die Differenz zwischen Wahlberechtigten und abgegebenen Zweitstimmen, durch die Anzahl der Wahlberechtigten dividiert wird.
Die Summe aus Nichtwähleranteil und den Anteilen der teilnehmenden Listen bzw. Parteien umfasst nicht alle Wahlberechtigten, da hier noch der Anteil der ungültigen Stimmen fehlt.
Nichtwähler in anderen Ländern
Die Situation in Österreich ist durchaus mit Deutschland vergleichbar. Hier stieg der Nichtwähleranteil bei den Nationalratswahlen von etwa 9 Prozent im Jahr 1979 auf etwa 21 Prozent im Jahr 2008.
In Frankreich erreichte in den sogenannten „Banlieues“ bei den Regionalwahlen die Nichtbeteiligung 2010 eine Quote von bis zu 70 Prozent, was als Indiz für eine Desintegration nicht nur der Wahlbürger, sondern der Gesellschaft gewertet wird.Luc Bronner: L’abstention en banlieue, plus grave que les émeutes? Le Monde, 25. März 2010 (französisch).
Mögliche Auswirkungen mini|Video zu den Auswirkungen vom Nichtwählen (Tagesschau) Sieht man eine Wahl als Einzelereignis, so hat der Anteil der Nichtwähler keine erkennbare Auswirkung auf das Wahlergebnis, wenn man von der Änderung der Wahlbeteiligung oder der absoluten Stimmenanzahl zur Überwindung einer Sperrklausel absieht. Betrachtet man dagegen im Vergleich zur letzten Wahl die Wählerwanderung in das Lager der Nichtwähler, so sind in bestimmten Fällen Rückschlüsse auf den Einfluss der Nichtwähler möglich.
Nach dem geltenden Wahlrecht in praktisch allen Ländern werden die Mandate bzw. Sitze auf der Grundlage der abgegebenen gültigen Stimmen verteilt. Durch die Nichtteilnahme an Wahlen wird die Bezugsbasis (gültige Stimmen), auf die sich der relative Anteil einer Partei bezieht, verkleinert. Nach den Regeln der Bruchrechnung wird also der Nenner zunächst einmal kleiner. Besonders Parteien mit einer stabilen Stammwählerschaft profitieren dadurch vom konstanten Zähler (Stimmenzahl) in der Bruchrechnung."Welche Folgen Nichtwählen hat: So viel Gewicht hat Ihre Stimme" ZDF HeuteBundeswahlleiterin Glossar
Beispiel 1:
Angenommen, die Partei X habe ein nahezu stabiles Wählerpotential von 95.000 Stimmen. Die Zahl der abgegebenen gültigen Stimmen beträgt zuerst 2.000.000. Die Partei X erreicht also 4,75 % und scheitert an der 5-%-Klausel.
Bei der nächsten Wahl steigt die Zahl der Nichtwähler. Das führt dazu, dass die Zahl der abgegebenen gültigen Stimmen auf 1.800.000 sinkt. Die Partei X verliert auch leicht, bleibt aber bei insgesamt 91.000 Stimmen recht stabil. Sie erreicht durch die gesunkene Bezugsbasis jetzt 5,06 % der gültigen Stimmen und schafft die 5-%-Hürde.
Beispiel 2:
Die Parteien A und B erreichten bei der letzten Wahl jeweils 46 % der gültigen 2.000.000 Stimmen. Somit erhielt jede der beiden Parteien 920.000 Stimmen.
Bei der nächsten Wahl mit 1.800.000 gültigen Stimmen verliert Partei A massiv und erreicht nur noch 756.000 Stimmen. Partei B bleibt relativ konstant und erreicht 918.000 Stimmen. Der prozentuale Anteil von Partei A sinkt auf 42 % der gültigen Stimmen während Partei B trotz fast gleich bleibender Stimmenzahl mit 51 % die absolute Mehrheit erreicht.
Beispiel 3:
Wandern bei allen Parteien A, B und X die Wähler ins Lager der Nichtwähler ab, so hängt die Wirkung davon ab, wie sich die Anteile auf die Parteien verteilen. Verlieren alle absolut gleich viel, beispielsweise 20.000 Stimmen, so ist natürlich Partei X am stärksten im Nachteil. Verlieren jedoch alle durch Abwanderung an die Nichtwähler prozentual gleich viel, so ändern sich die Mehrheitsverhältnisse dadurch nicht.
In der Praxis gibt es bedeutsame Veränderungen der Nichtwähleranteile immer wieder. So trug der drastische Anstieg des Nichtwähleranteiles bei der Landtagswahl in Bayern 2003 im Vergleich zu 1998 wesentlich dazu bei, dass die CSU trotz eigener Stimmenverluste die Zweidrittelmehrheit der Sitze errang.Spiegel.de: Stoiber holt Zweidrittel-Mehrheit, Debakel für SPD Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2011 trug ein deutlicher Rückgang der Nichtwählerzahl im Vergleich zur vorhergehenden Wahl wesentlich zu einem Machtwechsel bei.Infratest-dimap: Landtagswahl Baden-Württemberg 2011, Eine Analyse der Wahl vom 27. März 2011 (PDF)
Typen von Nichtwählern mini|Video: Protestwahl Die Einteilung in Typen von Nichtwählern ist je nach Autor unterschiedlich. So teilt Oskar Niedermayer die Nichtwähler in vier GruppenEva Marie Kogel, Romy Schwaiger: Warum wollen so viele Deutsche nicht wählen? In: Die Welt, 21. August 2013. ein: die Desinteressierten die rational Abwägenden die Protestwähler die „technischen“ Nichtwähler
Nach Karl-Rudolf Korte ist die Diskussion um die Gründe für den Anstieg der Nichtwähler keineswegs entschieden.Bundestagswahlen „Nichtwähler und Protestwähler“. Bundeszentrale für politische Bildung, 2002. Aus der Sicht der zunehmenden Delegitimierung des gesamten politischen Systems (Krisenthese siehe weiter unten) werden folgende Ursachen genannt: Parteien- und Politikverdrossenheit Unzufriedenheit mit dem politischen System soziale und wirtschaftliche Unzufriedenheit Aus der entgegengesetzten Sicht (Normalisierungsthese siehe weiter unten) sei eher die steigende Zufriedenheit eine Ursache der steigenden Anzahl der Nichtwähler. Eine vorsichtige Einteilung in Typen von Nichtwählern lautet: verdrossene, unzufriedene Nichtwähler politisch nicht betroffene Nichtwähler
Nach Thomas Kleinhenz spricht Vieles für die Wirkung von Periodeneffekten. Er teilt die Nichtwähler in sieben Gruppen ein: der „Randständige“ der „desinteressierte Passive“ der „Saturierte“ der „aufstiegsorientierte Jüngere“ der „junge Individualist“ der „politisch Aktive“ der „enttäuschte Arbeiter“
Zusammenfassend kann gesagt werden:
Die rational abwägenden, konjunkturellen oder periodischen Nichtwähler stellen die größte Gruppe der Nichtwähler. Nach einem Erklärungsansatz, der von Prämissen des rationalen Wählers ausgeht, enthalten sich Nichtwähler dieser Gruppe lediglich bei einzelnen Wahlen ihrer Stimme und entscheiden situativ von Wahl zu Wahl, ob sie sich beteiligen wollen oder nicht – je nachdem welche Bedeutung sie der Wahl nach einer Kosten-Nutzen-Abwägung beimessen (Bundestagswahlen zum Beispiel sehr viel höher als Europawahlen). Sozialpsychologischen Deutungsansätzen zufolge sind sie meist mit dem System zufrieden, verfügen über keine oder nur geringe Parteibindung und tendieren ganz allgemein aufgrund kognitiver Dissonanzen zu wechselhaftem Wahlverhalten. Die konjunkturellen Nichtwähler stehen im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses der Wahlforschung.