mini|Titelblatt des Erstdrucks von Teil I der Elixiere des Teufels (1815) Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus eines Capuziners. Herausgegeben von dem Verfasser der Fantasiestücke in Callots Manier ist der vollständige Titel von E. T. A. Hoffmanns 1815/16 in zwei Teilen erschienenem Roman.
Mit den Elixieren verfasste Hoffmann seinen ersten erhaltenen Roman. Das Werk wird in die Epoche der Romantik und innerhalb dieser in die Strömung der Schwarzen Romantik eingeordnet. Der Roman weist Merkmale des Schauerromans auf, geht durch die tiefere Psychologie der Gestaltung jedoch über die Gattung hinaus. Werke wie die Elixiere trugen wesentlich zur Psychologisierung der Literatur bei. In der neueren Forschung wird der Roman als Gattungsmischung aus Schauerroman, psychologischem Roman und Autobiografie mit Tendenzen zum Abenteuer- und Bildungsroman eingeordnet. Die Elixiere zählen zu den in Deutschland seltenen Unterhaltungsromanen von literarischem Rang.
In den Elixieren tritt das Motiv des Doppelgängers erstmals als zentrales Handlungsmoment eines literarischen Werkes auf. Die Doppelgängermotive der späteren Literatur der Moderne können beinahe durchgängig auf Hoffmann und zum großen Teil auf die Elixiere zurückgeführt werden.
Die Elixiere wurden insgesamt dreimal verfilmt. Die erste Verfilmung aus dem Jahr 1922 ist nicht erhalten geblieben. 1973 entstand eine DEFA-Verfilmung in der DDR, 1976 folgte eine bundesdeutsche Produktion.
Inhalt mini|Gemälde der Heiligen Rosalia von Anton van Dyck um etwa 1624 Der Protagonist Franz(iskus) verliert früh seinen Vater und wird von seiner Mutter in ein Kapuzinerkloster gegeben. Dort nimmt er den Ordensnamen Medardus an und entwickelt sich zu einem begabten Prediger, dessen Erfolg ihn zunehmend hochmütig werden lässt. Als Verwalter der Reliquien des Klosters trinkt er verbotenerweise von einem Wein, der in einem Reliquiar aufbewahrt wird und als das Elixier des Heiligen Antonius gilt. Mit diesem Elixier soll der Teufel einst vergeblich versucht haben, Antonius in Versuchung zu führen. Nach dem Trank erwachen in Medardus besondere Fähigkeiten, vor allem sein Rednertalent, zugleich aber auch starke Begierden und eine zunehmende innere Zerrissenheit. Als ihm Aurelie, die Tochter des Barons von F., im Beichtstuhl ihre Liebe gesteht („Du selbst – Du selbst, Medardus bist es, den ich so unaussprechlich liebe!“), sieht er ihr Gesicht nicht und glaubt, die Heilige Rosalia vor sich zu haben. Daraufhin beschließt er, aus dem Kloster zu fliehen, um sie zu suchen: „Endlich stand es fest in meiner Seele, meiner Qual durch die Flucht aus dem Kloster ein Ende zu machen. Denn nur die Befreiung von den Klostergelübden schien mir nötig zu sein, um das Weib in meinen Armen zu sehen und die Begierde zu stillen, die in mir brannte.“ mini|Aurelie gesteht Medardus bei der Beichte ihre Liebe Der Prior des Klosters kommt ihm jedoch mit einem Auftrag nach Rom zuvor, sodass er das Kloster auf rechtmäßige Weise verlassen kann. Auf der Reise sieht Medardus den Grafen Viktorin auf einem Felsvorsprung schlafen. Beide sehen sich zum Verwechseln ähnlich und wissen nicht, dass sie Halbbrüder sind. Als Medardus den Grafen Viktorin vor dem drohenden Absturz warnt, fällt dieser in die Schlucht. Medardus hält ihn zunächst für tot. Viktorin hat den Sturz jedoch überlebt, verliert infolge einer Kopfverletzung zeitweise sein Gedächtnis und verfällt wiederholt dem Wahnsinn. Dadurch hält er sich schließlich selbst für Medardus und tritt unter dessen Namen auf.
Da Viktorin sich vor seinem Sturz als Mönch verkleidet hatte, um seine Geliebte Euphemie heimlich zu treffen, wird Medardus aufgrund seiner äußeren Ähnlichkeit mit ihm für Viktorin gehalten. Auf dem Schloss des Barons von F. hält Euphemie ihn deshalb für ihren Geliebten. Medardus erfährt, dass Aurelie die Tochter des Barons ist. Nachdem er Euphemie seine wahre Identität offenbart hat, versucht sie, ihn zu vergiften. Medardus vertauscht jedoch die Gläser, woraufhin Euphemie selbst stirbt. Anschließend versucht er in einem Anfall von Wahnsinn, Aurelie zu vergewaltigen, wird jedoch von ihrem Bruder Hermogen daran gehindert. Im Kampf tötet Medardus Hermogen und flieht.
Medardus gelangt an den Hof eines Fürsten, wo er unter dem Namen Leonard als Gelehrter auftritt. Bei der Veränderung seines Äußeren ist ihm der Friseur Pietro Belcampo behilflich. Auch Aurelie kommt an den Hof und erkennt in Leonard den Mönch Medardus und den Mörder ihres Bruders wieder. Medardus wird daraufhin gefangen genommen. Inzwischen gibt sich Viktorin, der den Sturz überlebt hat und dem Wahnsinn verfallen ist, als Medardus aus und gesteht den Mord an Hermogen, woraufhin Medardus, der eigentliche Mörder, freikommt. Aurelie hält ihre frühere Anschuldigung nun für einen Irrtum und verliebt sich in Leonard, der in Wahrheit Medardus ist. Beide beschließen, zu heiraten. Kurz vor der Hochzeit wird Viktorin als vermeintlicher Medardus zur Hinrichtung geführt. Dies löst bei Medardus einen Anfall von Wahnsinn aus, in dessen Verlauf er Aurelie den Mord an ihrem Bruder gesteht („Ha ha ha … Wahnsinniges, töriges Weib … ich … ich, dein Buhle, dein Bräutigam, bin der Medardus … bin deines Bruders Mörder“) und versucht, sie mit einem Messer zu töten. Dabei verletzt er jedoch nicht Aurelie, sondern sich selbst. Bei der Flucht hilft ihm der Friseur Pietro Belcampo. Als Medardus in einem Wald seinem Doppelgänger Viktorin begegnet, kommt es zu einem Kampf und einer längeren Verfolgung: „Es ist mir nicht möglich, deutlich anzugeben, wie lange ich, von dem Doppeltgänger verfolgt, durch finstre Wälder floh, es ist mir so, als müsse das Monate hindurch, ohne daß ich Speise und Trank genoß, gedauert haben.“ In der Folge der Anstrengungen wird er ohnmächtig. Schließlich findet ihn Belcampo und bringt ihn zur Pflege in ein Kloster.
Medardus gelangt nach Rom, bereut seine Taten und leistet Buße. Er gewinnt die Gunst des Papstes, erregt damit jedoch den Neid der Dominikaner, die einen Giftanschlag auf ihn verüben. Nachdem Medardus den Giftanschlag überlebt hat, verlässt er Rom und kehrt in sein Kloster zurück. Dort tritt Aurelie als Nonne in den Orden ein. Während ihrer Einkleidung kämpft Medardus ein letztes Mal gegen seine Leidenschaft und überwindet seine Begierden. In diesem Augenblick dringt Viktorin in einem Wahnsinnsanfall in die Kirche ein und ersticht Aurelie. Ihr Tod wird als Märtyrertod gedeutet und mit der Heiligen Rosalia verglichen („Ein Mirakel – ein Mirakel ja sie ist eine Märtyrin. – Sancta Rosalia, ora pro nobis“). Vor ihrem Tod erlöst sie Medardus von seinen Gewissensqualen. Ein Jahr später stirbt Medardus „sehr fromm“ eines natürlichen Todes.
Form Aufbau Der Roman besteht aus zwei Bänden, die jeweils einen Teil bilden. Der erste Teil umfasst vier, der zweite Teil drei Abschnitte. Die einzelnen Abschnitte sind betitelt und verweisen chronologisch auf die Stationen der autobiografischen Lebensgeschichte des Protagonisten Medardus. So lauten die Titel der vier Abschnitte im ersten Teil: Die Jahre der Kindheit und des Klosterlebens, Der Eintritt in die Welt, Die Abenteuer der Reise und Das Leben am fürstlichen Hofe. Die drei Abschnitte des zweiten Teils markieren eine Wende der Autobiografie, da die Buße nun eine zentrale Stellung einnimmt, und schildern die weiteren Stationen bis zum Lebensende des Protagonisten: Der Wendepunkt, Die Buße und Die Rückkehr in das Kloster.
Im Aufbau des Romans lässt sich eine Rahmenkonstruktion erkennen. Den hinterlassenen Aufzeichnungen, der Autobiografie des Medardus, ist ein Vorwort des fiktiven Herausgebers vorangestellt. Den Abschluss bildet das mit Nachtrag des Paters Spiridion, Bibliothekar des Kapuzinerklosters zu B. überschriebene letzte Kapitel. Vorwort und Nachtrag fungieren dabei als Anfang und Ende der Rahmenkonstruktion. Sie gehören jedoch unterschiedlichen narrativen Ebenen an, da der fiktive Herausgeber nicht Teil der erzählten Welt ist, während Pater Spiridion als Figur zur erzählten Welt gehört. In diese ambivalente Rahmenkonstruktion ist die Autobiografie des Medardus eingebettet, die ihrerseits als Rahmen die Pergamentblätter des Malers Francesco, eines Urahns von Medardus, enthält. Darin wird die Abstammungsgeschichte der Familie von Medardus geschildert.
Darüber hinaus enthält die Autobiografie weitere eingebettete Erzählungen. So wird Aurelies Brief an die Äbtissin eingerückt. Daneben finden sich zahlreiche Retrospektionen unterschiedlicher Länge, die von verschiedenen Figuren erzählt und als Zitate in die Haupterzählung eingefügt werden. Diese Struktur ermöglicht dem impliziten Leser, eine Distanz zu der „monoperspektivischen, subjektiven Erzählweise“, welche die autobiografische Form sonst kennzeichnet.
Erzählweise Der Kapuzinermönch Medardus, der in den Elixieren sein Leben auf dem Weg zum Heiligen verschriftlicht, ist nach dem Germanisten Dieter Kampmeyer eine autofiktionale homodiegetische Erzählerfigur. Hinsichtlich der Fokalisierung handelt es sich bei Medardus um eine Erzählerfigur mit einer internen Fokalisierung.
Medardus gestaltet als autodiegetische Erzählinstanz seine Lebensgeschichte zu einem „Lebens-Skript“, das eine therapeutische Funktion erfüllt und der Selbstkonstitution dient. Er schreibt sich auf diese Weise ein Leben, in dem er bei seinen Brüdern im Kapuzinerkloster zu B. zum Heiligen und als solcher zu Gott gelangen will.
Den Hauptteil der Handlung erzählt der Protagonist Medardus überwiegend aus der Perspektive des erlebenden Ichs. Zugleich zeigt sich wiederholt eine Distanz zwischen dem erzählenden und dem erzählten Ich. Dies wird daran deutlich, dass der Erzähler frühere Urteile und Einschätzungen nachträglich als unzutreffend markiert. Dies geschieht beispielsweise durch einschränkende Formulierungen wie „galt mir in dem Augenblick“ oder „wie ich glaubte“. Darüber hinaus kommentiert der Erzähler Medardus nachträglich, was das erlebende Ich zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht dachte oder empfand, etwa in Formulierungen wie „dachte nicht daran, wie schwer, wie unmöglich“ oder „Ach! ich Verblendeter gewahrte nicht“.
In Bezug auf das Typologische Modell der Erzählsituationen nach dem Literaturwissenschaftler Franz Karl Stanzel liegt bei dem Erzähler Medardus eine Ich-Erzählsituation vor. Der Ich-Erzähler ist eine berichtende Instanz, die eigene Erlebnisse schildert.
Interpretation Figuren Medardus mini|Graf Viktorin trinkt im Beisein von Medardus vom Elixier des Teufels, Illustration von Ernst Stern, 1908 Franz(iskus) ist der Protagonist des Romans. Später nimmt er den Klosternamen Medardus an. Der Name bedeutet „der Redegewaltige“. Medardus lässt sich dem geistlichen Bereich zuordnen und wird von der weltlichen Sphäre in Versuchung geführt. Nach dem Trinken des Elixiers des Teufels wirken unheimliche Mächte auf ihn ein, die sich mit dem Bösen in Medardus verbinden und ihn zu Freveltaten verleiten. Nach dem Literaturwissenschaftler Wolfgang Nehring ist es „ein Geisterkampf“, den Medardus in seinem Inneren austrägt.
Im Unterschied zu den übrigen Figuren, die aus der begrenzten Perspektive des Protagonisten charakterisiert werden, stellt sich Medardus selbst vor. Er ist die einzige Figur des Romans, von der ein umfassendes psychologisches Bild vermittelt wird. Medardus ist zwischen sinnlichem Begehren und geistlichem Streben, Selbstüberhöhung und demütiger Reue sowie Liebe und Hass, Verehrung und Zerstörungswut hin- und hergerissen. Diese Gegensätze zeigen sich auch in seinem Verhältnis zu Aurelie. Auf unkontrolliertes Begehren und den Wunsch nach ihrer Vergewaltigung folgen die Scheu, die Geliebte zur Frau eines verbrecherischen Mönchs zu machen, Hochzeitsvorbereitungen und schließlich ein gewaltsamer Angriff auf ihr Leben. Aufgrund der wiederholten Veränderungen seiner Entscheidungen und Verhaltensweisen geht Nehring von einer dualistischen Struktur des Charakters aus, die keine kontinuierliche Entwicklung zulässt.