mini|Kybele, römisch, um 50 n. Chr., J. Paul Getty Museum, Malibu
Kybele (griechisch Κυβέλη Kybélē, die große Göttermutter (Μεγάλη Μήτηρ Megálē Mḗtēr, wörtlich „Große Mutter“) vom Berg Ida; lateinisch gleichbedeutend Magna Mater) ist eine Göttin, die zusammen mit ihrem Geliebten Attis ursprünglich in Phrygien (Kleinasien) und später in Griechenland, Thrakien und Rom verehrt wurde. Der Kybele- und Attiskult war bis in die Spätantike – ähnlich wie der Mithraskult – ein im ganzen römischen Reich verbreiteter Mysterienkult.
Der Mythos Nach dem von Pausanias und Arnobius überlieferten Mythos schlief Zeus einmal auf dem Berg Agdos in Phrygien ein und ließ dabei seinen Samen zu Boden fallen. An dieser Stelle wuchs sofort der zwitterhafte Agdistis aus dem Felsen empor. Er hatte ein furchterregendes Wesen und wurde deshalb von den übrigen Göttern kastriert. Der so seiner Männlichkeit beraubte Agdistis wurde zur Großen Mutter Kybele, aus den abgetrennten Genitalien aber entstand Attis. Da Kybele und Attis ursprünglich eine Person waren, zogen sie sich gegenseitig an.
Eine Zeit lang streiften beide glücklich durch die phrygischen Berge, doch dann beschloss Attis, die Tochter des Königs von Pessinus zu heiraten. Die Hochzeit war schon in vollem Gange, da erschien die vor Eifersucht rasende Kybele am Hof und schlug die Hochzeitsgesellschaft mit Wahnsinn. Auch Attis verlor den Verstand. Er rannte hinaus in den Wald und entmannte sich unter einer Pinie, wodurch er verblutete. Kybele bat Zeus nun, den Jüngling wieder zum Leben zu erwecken. Doch der gewährte nur, dass der Leichnam des Attis nie verwesen sollte. Kybele bestattete Attis daraufhin in einer Berghöhle in oder bei Pessinus, setzte eine aus Eunuchen bestehende Priesterschaft ein und stiftete einen Kult der Beweinung mit einem jährlichen großen Fest.Pausanias, Beschreibung von Griechenland VII/17, S. 9–12; Arnobius, Adversus nationes V,5–7.
Frühe Quellen mini|hochkant|Darstellung der Kybele mit phrygischer Mütze aus Praisos im Osten Kretas (5. Jahrhundert v. Chr.) Es wird versucht, die Verehrung der Magna Mater (Große Mutter) in Kleinasien bis ins 7. vorchristliche Jahrtausend zu verfolgen. Einzelheiten, vor allem die Existenz matrilokaler Gesellschaftsformen, sind umstritten. Der Ausgräber der jungsteinzeitlichen Großsiedlung Çatalhöyük in Anatolien, James Mellaart, deutete Wandmalereien sowie eine große Anzahl von weiblichen Statuetten als Anzeichen einer Verehrung einer Großen Mutter Kybele,James Mellaart: Çatal Hüyük – Stadt aus der Steinzeit. 2. Auflage, Lübbe, Bergisch Gladbach 1973 eine Deutung, die nicht unbestritten blieb.Lynn Meskell: Goddesses, Gimbutas and 'New Age' Archaeology. Antiquity 69, 1995, S. 74–86.
Der Name der Großen Göttin wird im Anatolischen mit Kybele oder Kubaba überliefert. In Phrygien hieß sie ursprünglich Matar Kubile (Mutter Kybele). Kybele galt als Herrin der Tiere, wurde als Berg- und Naturgöttin, aber auch als Erdenmutter verehrt. Als Mutter vom Berg Ida () wurde sie im Heiligtum von Pessinus, etwa 130 km südwestlich vom heutigen Ankara, in Gestalt eines Kometen verehrt, in welcher Form sie in die römische Geschichte eintrat (vgl. unten).Harald Haarmann: Die Madonna und ihre griechischen Töchter. Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie, Hildesheim u. a. 1996, Georg Olms Verlag, ISBN 3-487-10163-7, Seite 127 ff.
Das älteste Zeugnis der Verehrung von Kubaba stammt aus dem Karum Kaneš im 19. Jahrhundert v. Chr., wo sie Kubabat genannt wird. In bronze- und eisenzeitlichen Inschriften der Stadt Karkemiš am oberen Euphrat wird Kubaba als Herrin der Stadt angeführt.
Deutung Der Mythos dreht sich offenbar um den Geschlechterdualismus. Der Mythos erklärt die Entstehung der Welt durch ein Zusammenwirken des männlichen und des weiblichen Elements des Universums: Der himmlische Attis muss die Mutter Erde Kybele mit seinem Blut befruchten, damit die Welt entstehen kann. Der Religionshistoriker Carsten Colpe bestreitet die üblicherweise angenommene Deutung von Adonis, Attis und Osiris als Fruchtbarkeitsgötter und sieht einen Zusammenhang mit den beiden Geschlechtern.Carsten Colpe: Zur mythologischen Struktur der Adonis-, Attis- und Osiris-Überlieferung. Festschrift für W. v. Soden, 1968 So kann der Mysteriengott zwar nicht als „Vegetationsgott“, aber doch als ein „Fruchtbarkeitsgott“ im fundamentalen Sinn verstanden werden.
Der Kult Die Überführung In der Zeit des Zweiten Punischen Krieges (218–201 v. Chr.), als Hannibal sich auf dem Vormarsch in Norditalien befand, fanden die Römer in den Sibyllinischen Büchern den Schicksalsspruch: Dir fehlt die Mutter; drum such – ich befehl es dir, Römer – die MutterOvid, Festkalender IV,258. … Erst nach einer Auskunft durch das delphische Orakel verstanden die Römer, dass die Göttermutter auf den idäischen Höhen Phrygiens gemeint war. Im Jahr 205 v. Chr. wurde sie in Gestalt eines faustgroßen Meteoriten (siehe auch Steinkult) feierlich von Pessinus nach Rom geholt und in eine schwarzgesichtige Silberstatue eingearbeitet. Sie wurde im Victoriatempel auf dem Palatin aufgestellt. 203 v. Chr. zogen die Karthager aus Italien ab, und 202 v. Chr. wurden sie von den Römern besiegt. Dieser Sieg wurde dem Schutz der Großen Mutter zugerechnet, und im Jahr 191 v. Chr. erhielt sie einen eigenen Tempel auf dem Palatin errichtet.Harald Haarmann: Die Madonna und ihre griechischen Töchter. Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie, Hildesheim; Zürich; New York 1996, Georg Olms Verlag, ISBN 3-487-10163-7, S. 129 Die Göttin wurde zu einem wichtigen Bestandteil des Staatskultes. Es wurden ihr jährliche Spiele, die ludi Megalenses (4.–11. April) geweiht,Jörg Rüpke: Fehler und Fehlinterpretationen in der Datierung des „dies natalis“ des stadtrömischen Mater Magna-Tempels. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. Band 102, 1994, S. 237–240. und der Praetor brachte ihr ein jährliches Opfer von Staats wegen dar.Hans Kloft: Mysterienkulte der Antike. München 2003, S. 59
Die Ludi Megalenses Einer der wichtigsten Bestandteile des Kultes waren die sogenannten Ludi Megalenses. In diesem Zeitraum wurden Opferungen durchgeführt, Wagenrennen im Circus Maximus bestritten und verschiedene Theaterspiele aufgeführt.
Am ersten Tag der Spiele fand eine Prozession statt, während der eine Statue der Gottheit auf einem Stuhl durch die Stadt geführt wurde. Das Ziel war der Circus Maximus, wo sie letztendlich für die Dauer des Festes aufgestellt wurde, um die Wagenrennen zu beobachten. Während des Marsches war es den Priestern des Kultes, den Galli, erlaubt, Geld zu sammeln.Maarten J. Vermaseren: Cybele And Attis. The Myth and the Cult. London 1977, S. 124. An den beiden Hauptfesttagen wurde von einem der beiden Magistrate ein weibliches Kalb geopfert. Neben dem Opfer wurde der Statue der Magna Mater von den adligen Familien Moretum gebracht. Dabei handelt es sich um eine aus Ziegenkäse,Im Kult der Göttermutter spielten Ziegen eine Rolle als Opfertiere. Vgl. Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 196, Anm. 7 (zu Hippokrates, Über die heilige Krankheit 1,2,7). Knoblauch und verschiedenen Kräutern zubereitete Paste, welche später bei einem Bankett verspeist wurde. Das Moretum hatte wohl eine tiefere Bedeutung, da damit die Rolle der Gottheit als Erschafferin der Kräuter und damit der Verpflegung der Menschheit geehrt werden sollte. Diese Festessen wurden mehrmals während der Feiertage durchgeführt, zu welchen sich die Teilnehmer immer gegenseitig einluden.Maarten J. Vermaseren: Cybele And Attis. The Myth and the Cult. London 1977, S. 125.
Die Spiele, die im Circus Maximus stattfanden, wurden finanziell meist von der Stadt Rom selbst getragen, aber vereinzelt übernahmen auch reichere Bürger die Kosten. Erst später wurden die Feierlichkeiten durch Theateraufführungen ergänzt. Diverse Stücke hatten dabei ihre Uraufführung, wie zum Beispiel Das Mädchen von Andros von Terenz oder Pseudolus von Plautus.
Das Märzfest Der Kult scheint in den nächsten 500 Jahren einen kontinuierlichen Aufschwung genommen zu haben. Bis zu Beginn der römischen Kaiserzeit stand dabei aber die Verehrung der mütterlichen Schutzfunktion der Göttin im Vordergrund, so dass die orgiastisch-ekstatischen Züge ihres phrygischen Kultes, wie die – nach römischem Recht verbotene – rituelle Selbstkastration der Priester, in den Hintergrund traten.
Dies änderte sich jedoch in der Kaiserzeit. Ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. kehrte die phrygische Ekstatik zurück, wie auch die Beziehung Kybeles zu Attis wieder stärker in Erscheinung trat. Die Göttin avancierte zu einer der wichtigsten Gottheiten des Pantheon. Unter Kaiser Claudius (41–54 n. Chr.) wurde der Ablauf der Feierlichkeiten geändert und die von Anfang an gefeierten ludi Megalenses wurden durch das später eingeführte Märzfest in der Zeit vom 22. bis zum 27. März, zum Frühlingsanfang, ersetzt.Harald Haarmann: Die Madonna und ihre griechischen Töchter. Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie, Hildesheim; Zürich; New York 1996, Georg Olms Verlag, ISBN 3-487-10163-7, S. 129–130 Der Christ Arnobius gibt schon einen Überblick über die Festbräuche, wenn er die Römer höhnisch fragt: Was bedeutet zum Beispiel die Pinie, die ihr immer an vorgesehenen Tagen ins Heiligtum der Göttermutter tragt? Ist sie nicht ein Symbol des Baumes, unter dem der wahnsinnige und unglückliche Jüngling Hand an sich legte, und den die Mutter der Götter heiligte als Trost in ihrem Kummer? …Was bedeuten die Galli mit ihrem aufgelösten Haar, die sich mit den Händen an die Brust schlagen? … Warum, kurzum, wird die Pinie, die noch kurz zuvor im Wald rauschte …, gleich darauf als eine hochheilige Gottheit im Wohnsitz der Göttermutter aufgestellt?Arnobius, Adversus nationes V,5–7.
Hugo Hepding hat das Märzfest aus zahlreichen Quellen rekonstruiert. Es begann damit, dass – wie Arnobius erwähnt – am 22. März, also pünktlich zum Frühlingsanfang, eine frisch gefällte Pinie durch die Stadt in den Tempel der Großen Mutter auf dem Palatin getragen wurde. Die Pinie, unter der Attis gestorben war, galt als eine Verkörperung des Attis, das Fällen der Pinie galt daher als ein Bild des Todes des Attis und der Umzug mit der Pinie als eine – zweifellos von Klagen begleitete – Leichenfeier. Aber erst am 24. März erreichten die Klagen ihren Höhepunkt (zum Phänomen des Beweinungskultes allgemein siehe Isis- und Osiriskult). Jetzt hatten auch die von Arnobius erwähnten Galli, die Eunuchenpriester der Großen Mutter, ihren Auftritt. Hugo Hepding schrieb:
Die Gallen versetzten sich durch das Getöse der Tympana, der Zimbeln und Klappern, durch den Ton der phrygischen Hörner und die enthusiastischen Weisen der Flöten, durch ihr Klagegeheul und den mit besinnungslosem Umherschwingen ihres aufgelösten Haares verbundenen Tanz in eine heilige Raserei. Mit scharfen Astragalenpeitschen zerfleischen sie sich selbst den Körper, und mit Messern ritzen sie sich selbst Schulter und Arme, um ihr eigenes Blut als Opfer darzubringen. Hugo Hepding vermutet auch, dass es bei dieser Gelegenheit zur Aufnahme neuer Gallen ins Kultpersonal der Großen Mutter kam, indem sich gesunde junge Männer nach dem Vorbild des Attis entmannten. In orgiastischem Taumel, hingerissen vom Klang der Flöten, verstümmelten sie sich freiwillig, ohne Schmerzen zu empfinden.Hugo Hepding: Attis, seine Mythen und sein Kult. Gießen 1903, S. 158