Die Große Alpenplattbauchspinne (Gnaphosa muscorum) ist eine Spinne aus der Familie der Plattbauchspinnen (Gnaphosidae). Sie ist holarktisch verbreitet und bewohnt entgegen ihres Trivialnamens neben alpinen Gebieten auch andere Habitate (Lebensräume) wie Nadelwälder und Heiden. Die Art ist wie alle Eigentlichen Plattbauchspinnen (Gnaphosa) ein nachtaktiver Laufjäger. Davon abgesehen ist ihre Biologie wenig erforscht.
Merkmale mini|Detailansicht eines Weibchens Das Weibchen der Großen Alpenplattbauchspinne erreicht laut Sven Almquist (2006) eine Körperlänge von 8,1 bis zu 12,4 Millimetern (im Durchschnitt 9,5 ± 1,3 Millimeter), während das Männchen eine Gesamtlänge von etwa 8 Millimetern erreicht.Sven Almquist: Swedish Araneae, part 2 – families Dictynidae to Salticidae (= Insect Systematics & Evolution. Supplementband 63). Scandinavian Entomology, Lund 2006, S. 402. Damit handelt es sich um einen mittelgroßen bis großen Vertreter der Plattbauchspinnen (Gnaphosidae). Der grundsätzliche Körperbau der Art gleicht dem anderer Eigentlicher Plattbauchspinnen (Gnaphosa).
Das Peltidium bzw. der Carapax, das Rückenschild des Prosomas, hat eine dunkelgelbbraune Grundfarbe, wobei er zum Rand hin dunkler scheint. Auf ihm verlaufen verzweigte und dunklere Radiärstreifen. Die Cheliceren (Kieferklauen) sind dunkelbraun und das Sternum (Brustschild des Prosomas) gelbbraun gefärbt, wobei letzteres marginal wie der Carapax verdunkelt ist. Die Beine weisen eine gelbbraune Farbe auf. Das Opisthosoma (Hinterleib) ist dorsal (oben) fast schwarz gefärbt und mit gräulichen Setae (chitinisierten Haaren) bedeckt. Ventral (unten) erscheint es heller.Sven Almquist: Swedish Araneae, part 2 – families Dictynidae to Salticidae (= Insect Systematics & Evolution. Supplementband 63). Scandinavian Entomology, Lund 2006, S. 402–403.
Sexualdimorphismus Wie viele Spinnen weist auch die Große Alpenplattbauchspinne einen ausgeprägten Sexualdimorphismus (Unterschied der Geschlechter) auf, der sich bei dieser Art auf die Dimensionen der jeweiligen Geschlechter beschränkt. Die Färbung sowohl beim Männchen als auch beim Weibchen ist identisch.
Weibchen Beim Weibchen ist laut Almquist der Carapax 3,82 bis 5,04 Millimeter (im Durchschnitt 4,6 ± 0,44 Millimeter) lang sowie 2,8 bis 3,78 Millimeter (im Durchschnitt 3,31 ± 0,34 Millimeter) breit. Das Verhältnis zwischen Länge und Breite beläuft sich auf Werte von 1,28 bis 1,44, im Durchschnitt auf 3,39 ± 0,04. Der Carapax des Weibchens ist um 20° geneigt. Norman I. Platnick und Mohammad Umar Shadab maßen bei einer 1975 durchgeführten Revision der amerikanischen Vertreter der Eigentlichen Plattbauchspinnen (Gnaphosa) mitsamt der Großen Alpenplattbauchspinne anhand von 184 untersuchten weiblichen Exemplaren der Art bei einer gesamten Körperlänge von 10,05 ± 1,45 Millimetern eine Länge des Carapax von 4,58 ± 0,6 und eine Breite von 3,39 ± 0,41 Millimetern. Die Femora (Schenkel) des zweiten Beinpaares waren hier 2,44 ± 0,32 Millimeter lang.Norman I. Platnick, Mohammad Umar Shadab: A revision of the spider genus Gnaphosa (Araneae, Gnaphosidae) in America. In: Bulletin of the American Museum of Natural History. Band 155, Artikel 1, 1975, , S. 1–66, hier S. 35 (Digitalisat). + Messungen der Augen des Weibchens in Millimetern nach Platnick & ShadabNorman I. Platnick, Mohammad Umar Shadab: A revision of the spider genus Gnaphosa (Araneae, Gnaphosidae) in America. In: Bulletin of the American Museum of Natural History. Band 155, Artikel 1, 1975, , S. 1–66, hier S. 35–36 (Digitalisat). Gemessener Bereich WertDurchmesser der AugenAnterior median0,09Anterior lateral0,15Posterior median0,13Posterior lateral0,13Abstand der AugenAnterior median zueinander0,15Anterior median-Anterior lateral0,06Posterior median zueinander0,11Posterior median-Posterior lateral0,27Anterior median-Posterior median0,24Maße des medianen AugenvierecksLänge0,38Anteriore Breite0,33Posteriore Breite0,36 +Bestachelung der Beine beim Weibchen nach Platnick & Shadab:Norman I. Platnick, Mohammad Umar Shadab: A revision of the spider genus Gnaphosa (Araneae, Gnaphosidae) in America. In: Bulletin of the American Museum of Natural History. Band 155, Artikel 1, 1975, , S. 1–66, hier S. 36 (Digitalisat). Beinpaar Patella (Glied zwischen Femur und Tibia) Tibia (Schiene) Metatarsus (Fersenglied) Drittes Beinpaar p0-1-0 r1-1-1 p2-2-2, v2-2-2, r1-2-2 Viertes Beinpaar - - v2-3-2 Legende: p = prolateral l = retrolateral v = ventral
Männchen mini|Männchen Der Carapax des Männchens ist nach Almquist 3,78 Millimeter lang und 2,92 Millimeter breit. Die Neigung beträgt hier 1°. Platnick und Shadab vermaßen anhand von 184 analysierten männlichen Individuen der Art bei einer Körperlänge von 8,12 ± 0,79 eine Länge des Carapax von 4,05 ± 0,36 und eine Breite des Carapax von 3,14 ± 0,28 sowie eine Länge der Femora des ersten Beinpaares von 2,4 ± 0,23 Millimetern. + Messungen der Augen des Männchens in Millimetern nach Platnick & Shadab Gemessener Bereich WertDurchmesser der AugenAnterior median0,11Anterior lateral0,13Posterior median0,13Posterior lateral0,13Abstand der AugenAnterior median zueinander0,14Anterior median-Anterior lateral0,05Posterior median zueinander0,11Posterior median-Posterior lateral0,25Anterior median-Posterior median0,24Maße des medianen AugenvierecksLänge0,38Anteriore Breite0,36Posteriore Breite0,37 +Bestachelung der Beine beim Männchen nach Platnick & Shadab: Beinpaar Patella (Glied zwischen Femur und Tibia) Tibia (Schiene) Metatarsus (Fersenglied) Zweites Beinpaar p0-1-1 v0-0-2 - Drittes Beinpaar - r1-1-1 v2-2-2
Genitalmorphologische Merkmale mini|Epigyne der Großen Alpenplattbauchspinne Das Männchen der Großen Alpenplattbauchspinne hat an den Tibien (Schienen) der Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) je eine retrolaterale (hinten seitliche) Apophyse (Fortsatz) von spitzer Form, deren Länge kürzer als die der jeweiligen Tibia ausfällt. Das Cymbium (erstes und vorderes Sklerit bzw. Hartteil) eines einzelnen Bulbus (männliches Geschlechtsorgans) hat basal (an der Basis) eine retrolateral ausgehende Schwellung. Die mediane (mittlere) Apophyse ist vergleichsweise groß und deren lange Spitze stark gebogen. Die Basis des Embolus (drittes und letztes Sklerit des Bulbus) beginnt nahe an der des Tegulums (zweites und mittleres Sklerit des Bulbus). Er verläuft in prolaterale (vorne seitliche) Richtung und endet nahe der Spitze des Cymbiums.
Die anteriore (vordere) Haube der Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) ist bei der Großen Alpenplattbauchspinne vergleichsweise breit und in posteriore (hintere) Richtung konkav geformt. Die Ränder des Atriums (innere Kammer am Eingang der Epigyne) sind lateral (seitlich) dünn und die inneren Ränder bilden in ihrem Verlauf eine herzförmige Figur. Die Umrisse der hier gekrümmten Kopulationsgänge sind außen sichtbar. Die Spermatheken (Samentaschen) besitzen posterior Fortsätze.Sven Almquist: Swedish Araneae, part 2 – families Dictynidae to Salticidae (= Insect Systematics & Evolution. Supplementband 63). Scandinavian Entomology, Lund 2006, S. 403.
Vorkommen mini|Weibchen auf einem Pilz, gefunden beim Mount Toby im US-Bundesstaat Massachusetts Das holarktische Verbreitungsgebiet der Großen Alpenplattbauchspinne erstreckt sich von Nordamerika über Europa, Kaukasien, Russland (Europa bis zum Fernen Osten), Kasachstan, China und Korea. In Kontinentaleuropa ist die Art teilweise flächendeckend verbreitet und kommt dort unter anderem in Mitteleuropa in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Slowenien, Polen, der Slowakei, Litauen und Lettland vor. Daneben wurde die Art in West- und Südeuropa in Frankreich, Spanien und Italien nachgewiesen. In Osteuropa kommt die Große Alpenplattbauchspinne in dem zentralen, dem südlichen und dem nördlichen Teil Russlands und in Nordeuropa in Norwegen, Schweden und Finnland vor.
Darüber hinaus ist die Große Alpenplattbauchspinne in der Türkei vorkommend, dabei jedoch nicht im europäischen Teil des Landes. In Kaukasien soll die Art in Georgien nachgewiesen worden sein. Diese Funde müssen jedoch noch verifiziert werden. In Nordamerika reicht das Verbreitungsgebiet der Spinne nordwestlich von Alaska und nordöstlich von Labrador bis südlich nach New Mexico, während es nach Osten hin in West Virginia endet.Norman I. Platnick, Mohammad Umar Shadab: A revision of the spider genus Gnaphosa (Araneae, Gnaphosidae) in America. In: Bulletin of the American Museum of Natural History. Band 155, Artikel 1, 1975, , S. 1–66, hier S. 38 (Digitalisat).
Lebensräume Die Große Alpenplattbauchspinne bevorzugt lichte, trockene Nadelwälder, Heide und ähnliche Standorte als Habitat (Lebensraum). Daneben kommt die Art in Geröllhalden vor. Gleiches trifft auf Strände zu. Im Lappland bevorzugt sie Heide-Birkenwälder in subalpinen Regionen. In Europa ist die Spinne in Höhen von bis zu 2.500 Metern über dem Meeresspiegel anzutreffen. In Yukon wurde sie in Höhen von bis zu etwa 976, in Colorado in Höhen von bis zu gut 3.900 Metern über dem Meeresspiegel nachgewiesen.
Bedrohung und Schutz Die Bewertung der Bestandsgefährdung von der Großen Alpenplattbauchspinne wird je nach Land unterschiedlich gewertet. In der Roten Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands von 2016 wird sie in der Kategorie 2 („stark gefährdet“) gewertet, da die Art in Deutschland als sehr selten gilt, zumal ihre Bestände dort langfristig zurückgehen. Allerdings gibt es stabile Teilbestände der Großen Alpenplattbauchspinne in Deutschland. Im Vergleich zur Version dieser Roten Liste aus dem Jahr 1996, wo die Art noch in der Kategorie 1 („vom Aussterben bedroht“) gelistet wurde, ist jedoch somit eine Verbesserung der Einstufung erfolgt. In der Roten Liste der Spinnen Kärntens (1999) wird die Spinne in der Kategorie 3 („gefährdet“) erfasst.
In der Roten Liste der Spinnentiere (Arachnida) Norwegens (2015) ist die Große Alpenplattbauchspinne nach IUCN-Maßstab in der Kategorie LC („Least Concern“, bzw. nicht gefährdet) aufgeführt. In der Roten Liste der Spinnen der Slowakei (1999) wird sie allerdings in der Kategorie VU („Vulnerable“, bzw. verletzlich) geführt.
Lebensweise mini|links|Teilweise verborgenes Weibchen in einer Gehölzschicht mini|Weibchen mit Eikokon Die Große Alpenplattbauchspinne ist wie alle Eigentlichen Plattbauchspinnen (Gnaphosa) nachtaktiv und verbirgt sich tagsüber unter Moosen, Flechten der Gattung Cladonia, abgefallener Rinde oder Steinen. Die Art hält sich auch auf sandigem, steinigem Boden, hohen Gräsern und auf den Fallgrubenfallen von Schlauchpflanzengewächsen (Sarraceniaceae), einer Familie fleischfressender Pflanzen, auf. Der dicht gewebte Eikokon hat einen Durchmesser von 14 Millimetern. Er ist von weißer Farbe und kreisrunder sowie bikonvexer Form. Die Phänologie (Aktivitätszeit) des Männchens der Großen Alpenplattbauchspinne beläuft sich auf den Zeitraum zwischen Mai und September, während sich die des Weibchens auf den Zeitraum zwischen April und November beläuft.
Systematik mini|Grafik eines Weibchens der Großen Alpenplattbauchspinne von James Henry Emerton, Ausschnitt aus The Common Spiders of the United States (1902) der Ginn & Company Die Systematik der Großen Alpenplattbauchspinne erfuhr seit ihrer 1866 seitens Ludwig Carl Christian Koch durchgeführten Erstbeschreibung mehrfach Änderungen. Der Artname muscorum ist eine Form des lateinischen Wortes muscus („Moos“) und deutet somit auf die Vorliebe der Art, sich tagsüber unter anderem in Moosschichten zu verbergen.
Beschreibungsgeschichte