mini|Ernst Thälmann als Kandidat der Kommunistischen Partei zur Reichspräsidentenwahl 1932

Die Illegale Tagung der KPD im Sporthaus Ziegenhals bezeichnet ein konspiratives Zusammentreffen der Parteispitze der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), dem Zentralkomitee (ZK), mit Bezirkssekretären und Chefredakteuren der wichtigsten BezirkszeitungenInstitut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED (Hrsg.): Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Band 5. Von Januar 1933 bis Mai 1945, Dietz Verlag, Berlin, 1966, S. 20ff. am 7. Februar 1933, kurz nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Tagungsstätte war das als Treffpunkt von Arbeitersportlern genutzte und von KPD-Mitgliedern geführte damalige Sporthaus Ziegenhals bei Berlin. Es war das letzte Zusammentreffen des Zentralkomitees mit Ernst Thälmann als Vorsitzendem der KPD vor seiner Verhaftung wenige Tage nach dem Reichstagsbrand am 3. März 1933.

Vorgeschichte Die einstige Regierungspartei SPD verlor zur Reichstagswahl am 6. November 1932 im Vergleich zur Wahl 1930 und im Juli 1932 weiter an Zustimmung. Erstmals seit der Reichstagswahl 1930 musste auch die NSDAP Verluste hinnehmen, die die größten dieser Wahl waren, und konnte ihr Ergebnis als stärkste Partei nicht verbessern. Mit größten Gewinnen ging die KPD aus der Wahl hervor und war nun drittstärkste Kraft im Reichstag. Eine parlamentarische Mehrheit konnte nicht gebildet werden. Die kurze Amtszeit von Kurt von Schleicher als Reichskanzler endete bereits am 30. Januar 1933, als Reichspräsident Paul von Hindenburg die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler vollzog.

Bereits zuvor hatten SPD und KPD mit den Schutzformationen des Reichsbanners und dem Kampfbund gegen den Faschismus je eigene antifaschistische Kampfbünde gegründet, um dem Erstarken des Nationalsozialismus sowie der damit verbundenen Gewalt zu begegnen. Zugleich standen sich beide Parteien programmatisch und in allen wesentlichen Fragen der praktischen Politik feindlich und unversöhnlich gegenüber. Ihre Parteiführungen setzten einander wechselseitig mit dem Faschismus gleich. Im Wahlkampf zur Reichstagswahl im Juli 1932 kam es am 25. Mai 1932 im Preußischen Landtag zu einer Saalschlacht zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, bei der mehrere kommunistische wie sozialdemokratische Abgeordnete teils schwer verletzt wurden, was den Abbruch der Sitzung zur Folge hatte.Angelika Voss-Louis, Ursula Büttner, Hermann Weber (Hrsg.): Vom Hamburger Aufstand zur politischen Isolierung. Kommunistische Politik 1923–1933 in Hamburg und im Deutschen Reich, Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, Hamburg, 1983, S. 235. Die Saalschlacht war Auslöser für die Gründung der Antifaschistischen Aktion durch die KPD im Juni 1932.Bernd Langer, in: Verein zur Förderung antifaschistischer Kultur e.V. (Hrsg.): 80 Jahre Antifaschistische Aktion, S. 23.

Dennoch lehnte die KPD eine Woche vor der Machtübergabe an Hitler ein Angebot der SPD-Führung zur Einheitsfront als Angriff auf die „wahrhafte Einheit der Arbeiterklasse“ ab und sprach ihm die Ernsthaftigkeit als „Einheitsfrontmanöver“ ab.Die Rote Fahne, Nr. 20a, vom 24. Januar 1933, S. 1f., zitiert nach: Hartmut Mehringer, Klaus Schönhoven, Anton Grossmann (Hrsg.): Die Parteien KPD, SPD, BVP in Verfolgung und Widerstand, De Gruyter, Berlin, 2018, S. 68 Am 30./31. Januar 1933 bot wiederum die KPD-Führung der SPD, dem ADGB, dem AfA-Bund, den christlichen Gewerkschaften und der „proletarischen Öffentlichkeit“ die Aktionseinheit gegen die Hitler-Hugenberg-Papen-Regierung an und forderte zum Generalstreik und zu Massendemonstrationen auf.Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED (Hrsg.): Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Band 5. Von Januar 1933 bis Mai 1945, Dietz Verlag, Berlin, 1966, S. 13f. Das württembergische Industriedorf Mössingen gilt als deutschlandweit einziger Versuch eine Regierung Adolf Hitlers durch die Teilnahme an einen landesweiten Generalstreik zu vereiteln, der als Mössinger Generalstreik bekannt wurde.

Die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes vom 4. Februar 1933 setzte die verfassungsmäßigen Grundrechte der Versammlungs- und Pressefreiheit weitgehend außer Kraft. Öffentliche politische Versammlungen und Versammlungen unter freiem Himmel wurden massiv eingeschränkt und konnten jederzeit verboten werden. Bereits am 2. Februar wurde das bereits zuvor teilweise geräumte Karl-Liebknecht-Haus als Parteizentrale der KPD von der Polizei besetzt und durchsucht.Ronald Friedmann: Auf dem Dach die Hakenkreuzfahne, abgerufen am 26. Mai 2024. Am gleichen Tag beschloss das Politbüro der Partei in Vorbereitung der Neuwahlen zum Reichstag die „Durchführung einer Konferenz der Polsekretäre, ZK-Instrukteure und Abteilungsleiter“.Fred Bruder: »Sportlertreffen« bei Mörschel, abgerufen am 26. Mai 2024. Auf der Tagesordnung stand neben einen Referat des Parteivorsitzenden Thälmanns ebenso die Aufstellung und Bestätigung der Kandidierendenlisten zur Reichstagswahl am 5. März und der am gleichen Tag stattfindenden Landtagswahl im Freistaat Preußen nach dem dortigen Preußenschlag.Ronald Sassning: Die Verhaftung Ernst Thälmanns und der "Fall Kattner". Hintergründe, Verlauf, Folgen. Teil 1, S. 7f., in: "Helle Panke" e.V. (Hrsg.), Pankower Vorträge, Heft 11/1, Berlin, 1998.

Während der Vorbereitung der Tagung bekamen Herbert Wehner, technischer Sekretär des Politbüros, sowie Hermann Dünow, seit 1932 Leiter der Quartierbeschaffung Iffland, von zwei Ausflugslokalen in der Nähe des Treptower Parks, die jeglicher Verbindung zur KPD unverdächtig galten, anfängliche Zusagen. Beide Lokale zogen diese jedoch wieder für ihre Räumlichkeiten zurück. Otto Franke, Mitorganisator der Tagung, hatte engen persönlichen Kontakt zu Wilhelm Mörschel, dem Wirt eines Ausflugslokals und Sportlertreffs in Ziegenhals. Franke wohnte in der Nähe dieses Lokals, das am Ende für die illegale Tagung ausgewählt wurde.

Tagung mini|Sternwarte Treptow, heute Archenhold-Sternwarte, 2022 Die Anreise und die Durchführung der Tagung erfolgte unter den Regeln der Konspiration. Teilweise konnte die aus dem ganzen Reichsgebiet erfolgende Anreise nur unter größten Anstrengungen realisiert werden.Horst Duhnke: Die KPD von 1933 bis 1945, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2018, S. 102. Für die Organisation und Sicherung der Tagung war Hermann Dünow zuständig, der sich von 1927 bis 1933 für die sicherheits- und militärpolitische Arbeit der KPD und für verschiedene Gefangenenbefreiungen wie von Otto Braun verantwortlich zeichnete. Nach verschiedenen Anlaufpunkten in Berlin mit festen Zeitpunkten wurden die Teilnehmer der Tagung für zwei Zeitfenster zur Sternwarte Treptow gelotst, in der Arthur Lange als Mitarbeiter des KPD-Nachrichtendienstes als Schlosser arbeitete. Die an der Warte eingetroffenen Teilnehmer wurden von Dünow am Ende einer Führung durch die Warte in Empfang genommen und als Sportreisegruppen in Omnibussen zum Sporthaus Ziegenhals gebracht.Museum für Deutsche Geschichte, Abteilung Gedenkstätten (Hrsg.): Die illegale Tagung des Zentralkomitees der KPD am 7. Februar 1933 in Ziegenhals bei Berlin, Dietz Verlag, Berlin, 1961, S. 53. Den Ordnerdienst am Tagungsort übernahmen Mitglieder des verbotenen Rotfrontkämpferbundes.Heinrich-Wilhelm Wörmann: Widerstand in Treptow-Köpenick, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin, 2010, S. 105ff. Die Tagung wurde von Walter Ulbricht geleitet. In den Erinnerungen Herbert Wehners bezeichnet er sich verantwortlich für die bis zur Sternwarte reisenden Tagungsteilnehmer, während er die Sicherung ab Abfahrt und der Tagung Hans Kippenberger zuschreibt.Gerhard Jahn (Hrsg.): Herbert Wehner. Zeugnis, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1982, S. 67. Thälmann sowie Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht wurden von Alfred Kattner den internen Regeln der Konspiration folgend mit Auto ins benachbarte Wernsdorf abgesetzt, um den Tagungsort in Ziegenhals nicht zu gefährden.

Thälmann führte auf der Tagung in einem mehrstündigen Referat aus, dass die neue nationalsozialistische Regierung unter Hitler keine Niederlage des Proletariats und damit der KPD sei, weil die Machtergreifung durch diese nicht verhindert werden konnten, sondern der Beginn einer neuen und höheren Phase des politischen Kampfes gegen den Faschismus. Er hob hervor, dass die KPD nicht in der Lage war, politisch mehr zu erreichen, weil sie den Einfluss der SPD- und ADGB-Führung sowie der christlichen Gewerkschaftsführer auf die Massen nicht „in dem erforderlichen Maße zu liquidieren“ im Stande gewesen sei. Die Kanzlerschaft Hitlers sei bereits begleitet von Anzeichen eines Bürgerkriegs, derer sich die KPD bewusst sein müsse. Daher müsste es nun Aufgabe der Partei sein, dafür Sorge zu tragen, dass eine „Kette der Massenaktionen und Massenkämpfe gegen die faschistische Diktatur in ganz Deutschland nicht mehr abreißt“. Dabei seien die „Massen zu höheren Formen der wehrhaften Massennotwehr“ zu erziehen.Ernst Thälmann: Referat auf der Tagung des ZK der KPD im Sporthaus Ziegenhals, in: Ernst Thälmann: Ausgewählte Reden und Schriften. Band 2, Marxistische Taschenbücher, Frankfurt/Main, 1977, S. 345ff.

Im Laufe des Referats unterbrach Ulbricht Thälmann und musste die Tagung abbrechen, weil der Charakter der Versammlung für Außenstehende offenkundig wurde und die Konspiration unter diesen Umständen nicht mehr gewahrt werden konnte. Während anschließend Thälmann mit einem Auto von Kattner in Sicherheit gebracht worden sei, sollen andere Tagungsteilnehmer mit einem Omnibus sowie einem Motorboot vom Sporthaus über den Großen Zug entkommen sein. Kurze Zeit später kam die SA am verlassenen Tagungsort an.

Teilnehmer Im Rahmen einer Gedenkrede am 7. Februar 1953 zum Jahrestag der illegalen Tagung benannte Wilhelm Pieck die Zahl der damalig möglichen Teilnehmer mit 112 Funktionären. Den Großteil hätte mit 39 Mitglieder und 24 Kandidaten das Zentralkomitee der Partei umfasst, das am 8. bis 15. Juni 1929 auf dem Parteitag in Berlin-Wedding gewählt wurde. Die Vorsitzenden der parteilichen Bezirksstrukturen, die Sekretäre, wurden mit 24 und die der Chefredakteure der Bezirkszeitungen und des Zentralorgans Rote Fahne mit 25 angegeben. Pieck beziffert die Gesamtzahl der Anwesenden auf der Tagung mit „35 bis 40 Personen“.Wir erfüllen Ernst Thälmanns Vermächtnis. In: Neues Deutschland, 8. Februar 1953, S. 1; online. Die nachfolgende Auflistung zeigt die Dokumentation der jeweils nicht abgeschlossenen Teilnehmerlisten der Tagung exemplarisch nach Günter HortzschanskyVgl. Günter Hortzschansky (Hrsg.): Die illegale Tagung des Zentralkomitees der KPD am 7. Februar 1933 in Ziegenhals bei Berlin, Dietz Verlag, Berlin, 1984. sowie Horst Duhnke.Vgl. Horst Duhnke: Die KPD von 1933 bis 1945, Kiepenheuer & Witch, Köln, 2018, S. 102f., Fußnote 8. Unterschiede in den Nennungen der Tagungsteilnehmer bei Hortzschansky erfolgen auf Nennung der jeweiligen Auflage nach Hermann Weber:Vgl. Hermann Weber: Kommunismus in Deutschland 1918–1945, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1983, S. 14–17.

Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees