Die Taittiriya-Upanishad (Sanskrit: तैत्तिरीय उपनिषद् f. oder auch तैत्तिरियोपनिष्हद् – taittirīyopaniṣhad) ist eine der frühesten prinzipiellen (mukhya – मुख्य) Upanishaden des Hinduismus. Im aus 108 Upanishaden bestehenden Muktika-Kanon (muktikā – मुक्तिका) wird sie an siebter Position geführt. Sie ist Teil des schwarzen Yajurvedas (kṛṣṇa yajurveda – कृष्ण यजुर्वेद). Ihr Entstehungsdatum ist unsicher, sie wird aber in Indien meist dem 6. oder 5. vorchristlichen Jahrhundert zugeordnet.

Etymologie mini|hochkant=1.6|Rebhühner

Das Sanskritwort Taittirīya (तैत्तिरीय) bedeutet von Taittira oder auch von Tittiri bzw. zu Taittira gehörig oder zu Tittiri gehörig. Taittira (तैत्तिर) und Tittiri (तित्तिरि) bedeuten beide Rebhuhn. Das Wort Tittiri kann sich auf einen Weisen namens Tittiri beziehen. Dieser war ein Schüler Yaskas (Yāska – यास्क). Die andere Interpretation Taittira bezieht sich auf mythische Schüler, die sich zu Rebhühnern verwandelten, um Wissen zu erlangen.

Einführung Wie der übrige schwarze Yajurveda ist auch die Taittiriya-Upanishad eine etwas verwirrende, bunte Mischung von Versen, die aber für sich genommen durchaus konsistent sind. Die Verse bestehen aus Gebeten, Wohlpreisungen, Ausführungen über phonetische Praxis, Ratschlägen zu Ethik und Moral (erteilt an Abschlussstudenten alter vedischer Schulen oder Gurukulas), Allegorien und philosophische Anweisungen.

Die Taittiriya-Upanishad gehört zur Taittiriya-Schulrichtung des Yajurvedas und wird den Schülern des Weisen Vaishampayana (Vaiśampāyana – वैशम्पायन) zugesprochen. Sie bildet das siebte, achte und neunte Kapitel (adhyāya – अध्याय) innerhalb der Taiitiriya-Aranyaka (Taittirīya Āraṇyaka – तैत्तिरीय आरण्यक). Das 7. Kapitel wird dabei als Śikṣāvallī (शिक्षावल्ली), das 8. als Ānandavallī (आनन्दवल्ली) und das 9. als Bhṛguvallī (भृगुवल्ली) bezeichnet. Die Upanishade bildet Teil des schwarzen Yajurvedas wegen ihrer unaufgeräumten Versanordnung – ganz im Unterschied zum sauber arrangierten weißen Yajurveda, in dem die Isha-Upanishad und die Brihadaranyaka-Upanishad zu finden sind.

Jedes Kapitel der Upanishade stellt ein Valli (वल्ली – vallī) dar. Valli bezeichnet eine medizinische, weinartige Schlingpflanze, die sich unabhängig um einen Stamm rankt. Paul Deussen meint, dass diese symbolische Bezeichnung angemessen ist und die Basis und die Beschaffenheit der Upanischade gut widerspiegelt, da sie gegenüber dem liturgischen Yajurveda ebenfalls weitgehend selbstständig ist, aber dennoch seine Kernaussagen umgarnt.

Zeitliche Stellung Die zeitliche Stellung liegt bei der Taittiriya-Upanishad wie auch bei anderer vedische Literatur im Dunkeln. Einschätzungen beruhen auf lückenhaftem Beweismaterial, auf Annahmen über die Entwicklung der zugrundeliegenden Ideen und auf Vermutungen, welche Philosophie andere indische Philosophien beeinflusst hat.

Der Indologe Stephen H. Phillips ist der Ansicht, dass die Taittiriya-Upanishad wahrscheinlich eine der frühen Upanishaden darstellt und in der ersten Hälfte des ersten vorchristlichen Jahrtausends entstand – nach der Brihadaranyaka-, der Chandogya- und der Isha-Upanishad, aber noch vor der Aitareya-, der Kaushitaki-, der Kena-, der Katha-, der Mandukya-, der Prashna-, der Svetasvatara- und der Maitrayani-Upanishad. Ihr Erscheinungsdatum liegt außerdem noch vor den ersten buddhistischen Kanons in Pali und noch vor den ersten Kanons der Jainas.

Ramachandra Dattatrya Ranade teilt die Ansichten von Phillips in puncto zeitlicher Stellung im Vergleich zu anderen Upanishaden. Auch Paul Deussen und Moriz Winternitz nehmen einen vergleichbaren Standpunkt ein, sie platzieren aber die Taittiriya-Upanishad noch vor der Isha-Upanishad, jedoch ebenfalls hinter der Brihadaranyaka- und der Chandogya-Upanishad. In einer Rezension des Jahres 1998 kommt Patrick Olivelle zu dem Ergebnis, dass die Taittiriya-Upanishad noch vor der buddhistischen Epoche entstand, wahrscheinlich im 6. bis 5. vorchristlichen Jahrhundert.

Aufbau Die Taittiriya-Upanishad besteht aus drei Büchern/Kapitel (vallī) – dem Śikṣāvallī, dem Ānandavallī und dem Bhṛguvallī. Die Śikṣāvallī baut sich aus 12 Lektionen auf – den Anuvakas (अनुवाक – anuvāka), die Ānandavallī aus neun und die Bhṛguvallī aus zehn Lektionen. Insgesamt sind somit 31 Lektionen vorhanden. Die mittlere Ānandavallī wird manchmal auch als Brahmānandavallī (ब्रह्मानन्दवल्ली) bezeichnet.

Manche antike und mittelalterliche Hindu-Gelehrte haben die Taittiriya-Upanishad anhand ihrer Struktur anders eingeteilt. So zum Beispiel bezeichnet Sāyaṇa (सायण) in seinem Kommentar/Rezension (Bhāṣya – भाष्य) die Śikṣāvallī als Sāṃhitī-Upanishad (संहिती उपनिषद्) bzw. als Sāṃhitopanishad (संहितोपनिषद्), während er die Ānandavallī und die Bhṛguvallī zur Vāruṇī Upanishad (वारुणी उपनिषद्) zusammenfasst.

Die Taittiriya-Upanishad ist eine der frühesten Schriften, die zur strukturellen Gliederung am Ende eines Abschnittes eine Inhaltsangabe beifügt. Am Ende eines jeden Buches werden ferner alle enthaltenen Lektionen erwähnt. Indiziert werden die Anfangs- und Endworte eines jeden Anuvakas sowie die Anzahl der Abschnitte im jeweiligen Anuvaka. Beispielsweise geben im Śikṣāvallī die erste und die zweite Lektion in ihrer Inhaltsangabe zu erkennen, dass sie beide aus fünf Abschnitten aufgebaut sind. Die vierte Lektion verfügt über drei Abschnitte und einen Paragraphen und die zwölfte Lektion über einen Abschnitt und fünf Paragraphen. Nach der Inhaltsangabe des Ānandavallīs zu urteilen, waren die einzelnen Lektionen vormals wesentlich umfangreicher als der jetzt erhaltene Text. Die erste Lektion gibt 21 Abschnitte an, wobei Anfangsworte (Pratīka – प्रतीक) als brahmavid (ब्रह्मविद्), idam (इदम्) und ayam (अयम्) angegeben werden. Die zweite Lektion hat 26 Abschnitte, die dritte 22, die vierte 18, die fünfte 22, die sechste 28, die siebte 16, die achte 51 und die neunte 11. Auch die Bhṛguvallī listet in den Inhaltsangaben ihrer 10 Lektionen Pratīkas und Anukramanis (Anukramaṇī – अनुक्रमणी – Indizes vedischer Hymnen) auf.

Inhalt mini|300px|Lektion 1 und Beginn der Lektion 2 der Śikṣāvallī

Śikṣāvallī – Ranke der Belehrung Die Śikṣāvallī der Taittiriya-Upanishad leitet ihren Namen aus dem Sanskritwort Śikṣā (शिक्षा) ab – mit der Bedeutung Anweisung, Belehrung, Erziehung. Ihre einzelnen Lektionen beziehen sich auf die Ausbildung von Schülern in der vedischen Epoche Indiens, auf ihren Schulanfang und auf ihre Verantwortungen nach dem Schulabschluss. Zur Sprache kommen das lebenslange Trachten nach Wissen, wobei Selbsterkenntnis hierin eingeschlossen ist. Die zweite und dritte Lektion heben sich hiervon etwas ab, da sie das Selbst (den Atman) und Wissen um den Atman behandeln.

Zuerst werden die Gelübde der Schüler bei Schulanfang behandelt. Eine generelle Kursübersicht wird gegeben, mit einem Einblick in Lektionen für Fortgeschrittene. Weitere Themen sind kreatives Arbeiten, entsprungen aus zwischenmenschlichen Beziehungen, ethische und soziale Verantwortungen von Lehrer und Schülern, die Bedeutung richtigen Atmens, die korrekte Aussprache vedischer Literatur sowie zu guter Letzt die Pflichten und ethischen Prämissen, die nach dem Schulabschluss einzuhalten sind.

Paul Deussen vertritt die Meinung, dass die Śikṣāvallī wahrscheinlich das älteste Buch der Upanishade war, zu dem sich mit der Zeit weitere Lektionen hinzugesellten.

1. Anuvāka – Gelübde eines Neophyten

Die erste Lektion der Taittiriya-Upanishad beginnt mit Segnungen, in denen laut Adi Shankara die vedischen Gottheiten alle als Manifestationen des Brahmans anzusehen sind – als kosmisches Selbst, als konstantes universelles Prinzip und als unwandelbare Realität. Das erste Anuvāka enthält ferner ein Gebet und ein Gelübde, das ein Schüler im vedischen Indien abgeben musste.

Zentrales Wort im ersten Vers ist śaṃ (शं), das am besten hier mit Wohl, Gunst und Wohlbefinden wiedergegeben werden kann.

All diese Devatas (देवता – devatā), wie Mitra, Varuna, Aryaman, Indra, Brihaspati und Vishnu, sind in allen individuellen Körpern am Werke, daher die Bitte um ihre Gunst. Nur ihnen ist es zuzuschreiben, dass Wissen erlangt, im Gedächtnis festgehalten und ohne Hemmnisse anderen vermittelt werden kann. Hierbei symbolisiert Mitra als Schutzgeist den Tag und die Lebenskraft Prana, Varuna hingegen die Nacht und das Ausatmen (apāna – अपान). Aryaman ist die Schutzgottheit der Sonne und der Augen. Indra steht für physische Kraft, die mit Armen und Händen assoziiert ist. Brihaspati kontrolliert Wissen und Intelligenz durch Sprache und Verstand. Vishnu schließlich durchdringt alles, er beherrscht sämtliche Bewegungen und somit die Füße.

mini|hochkant=1.6|Shanti Stupa in Pokhara

Hier wird Vayu (वायु – Vāyu) mit dem Brahman gleichgesetzt.

In Vers 3 folgt die Friedensformel (Shanti-Mantra):

Adi Shankara bemerkt, dass Frieden hier dreimal wiederholt wird, denn auf dem Weg des Schülers zur Selbsterkenntnis stellen sich drei potentielle Hindernisse in den Weg: einmal das eigene Verhalten und Befinden (Ādhyātmika – आध्यात्मिक – zum Selbst in Beziehung stehend), aber auch das Verhalten anderer (Ādhibhautika – आधिभौतिक – von der Außenwelt kommend) und das Einwirken der Devas (Ādhidaivika – आधिदैविक – von den Gottheiten verursacht, Schicksal). An diese drei Ursachen ergeht daher die Friedensaufforderung.

2. Anuvāka – Phonetik

Die zweite Lektion betont Phonetik (zweite Bedeutung von śīkṣā) als ein wichtiges Element vedischer Unterweisungen. Ein Schüler soll – was Linguistik betrifft – die Prinzipien der Klangerzeugung und der Klangerkennung beherrschen. Hierunter fallen auch die korrekte Aussprache von Vokalen und Konsonanten, die Akzentsetzung, das Versmaß und die Verbindung von Klängen untereinander innerhalb eines Wortes, je nach Artikulation und Gehör. Da die Übertragung eines Textes damals mündlich von Lehrer zu Schüler erfolgte, war eine kodifizierte Phonetik von größter Bedeutung, um eine korrekte Weitergabe sicherzustellen. In der zweiten Lektion werden sechs Kategorien angesprochen; hierunter Varna (varṇa – वर्ण), das den Klang eines Buchstabens wie beispielsweise a umschreibt, Svara (svara – स्वर) den Akzent, die Tonhöhe oder Tonlage des jeweiligen Buchstabens (Svara repräsentiert daher auch eine Musiknote), Matra (mātrā – मात्रा) die Buchstabenlänge, ein Maß oder Zeitmaß, Bala (bala – बल) die Gewichtung des Buchstabens, Sama (sāma – साम) die gleichmäßige Aussprache und Santana (santāna – सन्तान) die kontinuierliche Abfolge von Buchstaben/Wörtern.

In späteren Lektionen hebt die Upanishade dann Svādhyāya (स्वाध्याय – für sich selbst aufsagen, repetieren) hervor – eine Praxis, die das wesentliche Hilfsmittel zur mündlichen Erhaltung der Veden in ihrer ursprünglichen Form über zweitausend Jahre hinweg darstellte. Als Teil der Schülerausbildung umfasste Svādhyāya das Verstehen linguistischer Prinzipien im Verbund mit Rezitationsübungen indischer Schriften. Dies ermöglichte das Beherrschen ganzer Kapitel, ja ganzer Bücher in korrekter Aussprache. Wie in der zweiten Lektion erwähnt waren die altindischen Linguistikstudien gepaart mit der Rezitationstradition ein entscheidender Faktor bei der Erhaltung der umfangreichen vedischen Literatur ab dem zweiten Jahrtausend v. Chr., noch lange vor Einführung des Buchdrucks. Michael Witzel meint hierzu:

3. Anuvāka – Theorie der Vernetzung mini|300px|Batiknetz