mini|Massaker an den Banū Quraiza Die Banū Quraiza (, auch Banu Qurayza) waren zusammen mit den Banū Qainuqāʿ und den Banū n-Nadīr einer der drei einflussreichsten jüdischen Stämme Yathribs, des vorislamischen Medina.

Wie die Banū Nadīr besaßen die Banū Quraiza die landwirtschaftlich ergiebigsten Teile der Oase und sicherten damit sowie durch Geldverleih ihr Einkommen.Vgl. Virginia de Bosis Vacca: Naḍīr, Banu 'l-. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 7. Brill, Leiden 1993, S. 852. Die Männer der Quraiza wurden im Jahr 627Siehe John Marsdon Beaumont Jones: The Chronology of the „Maghāzī“ – A Textual Survey. In: Bulletin of the School of Oriental and African Studies. Band 19, 1957, S. 251 und S. 274. auf Verordnung Saʿd ibn MuʿādhsWilliam Montgomery Watt: Muhammad at Medina. Oxford University Press, London 1962, S. 214 (). und mit Zustimmung und unter der Aufsicht MohammedsMeir Jacob Kister: The massacre of the Banū Qurayẓa: a re-examination of a tradition. In: Jerusalem Studies in Arabic and Islam. Band 8, 1986, S. 62 (online). getötet und ihre Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft.

Überliefert werden diese Ereignisse in der Prophetenbiographie Ibn Ishāqs, in der Maghāzī-Literatur, in der Koranexegese und in Traditionssammlungen. Sie sind somit ausschließlich aus islamischer Sicht dargestellt.

Herkunft der Banū Quraiza Die Banū Quraiza sowie die Banū Nadīr bezeichneten sich als al-Kāhinān (Die zwei Priester) und waren ferner als Banū Hārūn (Söhne des Aaron) bekannt.Moshe Gil: The Origin of the Jews of Yathrib. In: Jerusalem Studies in Arabic and Islam. Band 4, 1984, S. 207f. Vgl. Norman Arthur Stillman: The Jews of Arab Lands. A History and Source Book. The Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1979, S. 9 (online). Ihre Herkunft ist nicht eindeutig gesichert: Es ist unbekannt, ob sie nach der jüdischen Rebellion gegen Rom im Jahre 70 nach Yathrib gezogen oder ob sie arabische Proselyten waren.William Montgomery Watt: Ḳurayẓa, Banū. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 5. Brill, Leiden 1986, S. 436. Vgl. Moshe Gil: The Origin of the Jews of Yathrib. In: Jerusalem Studies in Arabic and Islam. Band 4, 1984, S. 209 & passim.

Situation vor und in der ersten Zeit nach der Ankunft Mohammeds Im fünften JahrhundertFrancis Edward Peters: Muhammad and the Origins of Islam. State University of New York Press, Albany 1994, S. 193. siedelten sich die arabischen Stämme (die Chazradsch und die Aus, die zusammen die Banū Qaila bildeten) nach ihrer Emigration aus dem Jemen in Yathrib an, wo sie zunächst den dort schon lebenden Juden unterworfen waren.William Montgomery Watt: al-Khazradj. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 4. Brill, Leiden 1997, S. 1187. Später erlangten sie nach und nach ihre Unabhängigkeit von den jüdischen Stämmen und wurden zu Herrschern der Oase.Siehe Francis Edward Peters: Muhammad and the Origins of Islam. State University of New York Press, Albany 1994, S. 193f.

Bei der Ankunft Mohammeds in Yathrib 622 herrschte in der Oase eine generationenlange Fehde zwischen den beiden dortigen arabischen Stämmen, den Aus und den Chazradsch, die zu einer allgemeinen Erschöpfung geführt hatte. Die Banū Quraiza hatten sich dabei – zusammen mit den Banū Nadīr – mit den Aus verbündet,Michael Lecker: Muslims, Jews and Pagans. Studies on Early Islamic Medina. Brill, Leiden / New York / Köln 1995, S. 26. die Banū Qainuqāʿ mit den Chazradsch.Arent Jan Wensinck; Rudi Paret: Ḳaynuḳāʿ, Banū. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 5. Brill, Leiden 1986, S. 824.

Die Banū Quraiza waren relativ wohlhabend. Wie die Banū Nadīr besaßen sie die landwirtschaftlich ergiebigsten Teile der Oase (vor allem Dattelpalmen). Bestätigt wird dies durch Abū l-Faradsch al-Isfahānī, der in seinem Kitāb al-Aġānī "die Bleiben der Banū Quraiza und Nadīr auf süßem Wasser und wertvollen Palmen (manāzil Banī Quraiẓa wa-n-Naḍīr ʿalā ʿaḏb al-māʾ wa-karīm an-naḫl) erwähnt.Al-Isfahānī: Kitāb al-Aġānī. Band 15. Dār aṭ-Ṭibāʿa al-ʿĀmira, Kairo 1285 A.H. (1868/-69), S. 161 (). Vgl. auch Michael Lecker: Muslims, Jews and Pagans. Studies on Early Islamic Medina. Brill, Leiden / New York / Köln 1995, S. 26. Nuʿaim ibn Masʿūd wird von al-Wāqidī mit den Worten zitiert: „Die Banū Quraiza waren ein reiches Volk edler Abstammung und wir [nur] ein arabisches Volk ohne Palmen und ohne Weingärten, sondern [nur] mit Schafen und Kamelen.“Kānat Banū Quraiẓa ahl šaraf wa-amwāl, wa-kunnā qaum ʿArab, lā naḫl lanā wa-lā karm, wa-innamā naḥnu ahl šāt wa-baʿīr, siehe al-Wāqidī: Kitāb al-Maġāzī. Ed. J. M. B. Jones. Oxford University Press, London, 1966. Bd. II, S. 480. (). Vgl. auch Moshe Gil: The Origin of the Jews of Yathrib. In: Jerusalem Studies in Arabic and Islam. Band 4, 1984, S. 204.

Verhalten in der Grabenschlacht mini|Duell zwischen ʿAlī ibn Abī Tālib (links) und ʿAmr ibn ʿAbd Wudd (rechts) während der Grabenschlacht

Im Jahre 627 griffen die Quraisch mit Unterstützung anderer Stämme Medina an. Zur Verteidigung der Stadt ließ Mohammed einen Graben um diejenigen Gebiete Medinas ziehen, die nicht durch natürliche Umstände geschützt waren. Nach einer zweiwöchigen Belagerung der Oase zogen sich die Angreifer zurück, ohne den Graben erfolgreich überwunden zu haben.

Die gängige Meinung in der Forschung ist, dass die Quraiza sich während der Belagerung formal korrekt verhalten hätten.Siehe zum Beispiel William Montgomery Watt: Ḳurayẓa, Banū. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 5. Brill, Leiden 1986, S. 436. Bei den Arbeiten am Graben haben sie den Muslimen geholfen, indem sie ihnen Schaufeln zum Ausheben des Grabens liehen.Meir Jacob Kister: The massacre of the Banū Qurayẓa: a re-examination of a tradition. In: Jerusalem Studies in Arabic and Islam. Band 8, 1986, S. 86 (online). Allerdings haben sie die Angreifer während der Belagerung mit Proviant versorgtMichael Lecker: Qurayẓa, Banū. In: Encyclopaedia Judaica. Second Edition. Band 16. Macmillan Reference USA, Detroit u. a. 2007, S. 776. und mit ihnen insgeheim Verhandlungen geführt.William Montgomery Watt; Alford Welch: Der Islam I: Mohammed und die Frühzeit, Islamisches Recht, Religiöses Leben (= Die Religionen der Menschheit. Band 25/1). Kohlhammer, Stuttgart 1980, S. 114. Vgl. Matthias Vogt: ‚Die Engel haben die Waffen noch nicht abgelegt‘. Über die literarische Darstellung der Hinrichtung der jüdischen Banū Qurayẓa in der islamischen Sīra-Tradition. In: Hallesche Beiträge zur Orientwissenschaft. Band 41, 2006, S. 209f. Zu einem Zeitpunkt standen sie kurz davor, den Muslimen in den Rücken zu fallen.William Montgomery Watt: Muhammad. Prophet and Statesman. Oxford University Press, London 1961, S. 171.

Der Angriff auf die Banū Quraiza Nach der Grabenschlacht soll Mohammed der Erzengel Gabriel erschienen sein und ihm befohlen haben, die Banū Quraiza anzugreifen:

Mohammed forderte daraufhin seine Anhänger auf, sich mit ihm noch vor der Abenddämmerung vor den Festungen der Banū Quraiza zu versammeln, von wo sie den jüdischen Stamm zu belagern begannen. Die Quraiza, die sich während dieser Belagerung untereinander beraten zu haben scheinen, wehrten sich nicht mit großer Mühe. Folglich baten sie Mohammed, unter denselben Bedingungen wie schon zuvor die Banū Qainuqāʿ und Banū n-Nadīr, nämlich mit all ihren beweglichen Gütern aus Medina fliehen zu dürfen. Als diese Bitte verweigert wurde, boten sie Mohammed an, aus Medina ohne ihr Hab und Gut zu fliehen, doch auch dieses Angebot wurde ausgeschlagen: Sie wurden dazu aufgefordert, bedingungslos zu kapitulieren.William Montgomery Watt: Muhammad. Prophet and Statesman. Oxford University Press, London 1961, S. 172. Nun wollten sie Abū Lubāba, einen mit ihnen befreundeten Muslim, um Rat bitten. Auf ihre Frage, ob sie sich ergeben sollten, antwortete er ihnen mit „Ja“, deutete allerdings auf seine Kehle, um dadurch zu indizieren, dass man sie töten würde. Trotz dieses Hinweises kapitulierten die Quraiza nach einer 25 Tage andauernden Belagerung bedingungslos.

Die mit den Banū Quraiza schon seit vorislamischen Zeiten verbündeten Aus baten den Propheten darum, bei seiner Entscheidung über den Stamm Milde walten zu lassen, weshalb dieser ihnen anbot, die Entscheidung einem ihrer Stammesmitglieder zu übertragen. Als alle Parteien diesem Vorschlag zugestimmt hatten, erwählte Mohammed Saʿd ibn Muʿādh als Richter. Dieser entschied – unter anschließender Zustimmung des ProphetenSiehe zum Beispiel John Marsden Beaumont Jones (Hrsg.): The Kitāb al-Maghāzī of al-Wāqidī. Band 2. Oxford University Press, London 1966, S. 512 (). Eine deutsche Übersetzung der Aussage Mohammeds befindet sich in Matthias Vogt: ‚Die Engel haben die Waffen noch nicht abgelegt‘. Über die literarische Darstellung der Hinrichtung der jüdischen Banū Qurayẓa in der islamischen Sīra-Tradition. In: Hallesche Beiträge zur Orientwissenschaft. Band 41, 2006, S. 213. –, dass die Männer (d. h. jedes männliche Stammesmitglied, dessen Schamhaarwuchs begonnen hatte) der Quraiza getötet, ihr Besitz unter den Muslimen verteilt und ihre Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft werden sollten.Matthias Vogt: ‚Die Engel haben die Waffen noch nicht abgelegt‘. Über die literarische Darstellung der Hinrichtung der jüdischen Banū Qurayẓa in der islamischen Sīra-Tradition. In: Hallesche Beiträge zur Orientwissenschaft. Band 41, 2006, S. 213.

Das Urteil wurde am darauffolgenden Tag vollstreckt. Der arabische Historiker Ibn Ishāq beschreibt in seiner Prophetenbiographie das Ende der Banū Quraiza folgendermaßen:

Infolge der Exekution sind etwa 400 bis 900 Stammesangehörige der Banu Quraiza getötet worden.Über die unterschiedlich überlieferte Anzahl der Getöteten siehe Meir Jacob Kister: The massacre of the Banū Qurayẓa: a re-examination of a tradition. In: Jerusalem Studies in Arabic and Islam. Band 8, 1986, S. 89 (online) und dort aufgelistete Quellen. So nennt beispielsweise Abū ʿUbaid 400 getötete Stammesmitglieder, während an-Nasafī hingegen von 600 bis 900 Toten berichtet. Siehe jeweils Abū ʿUbaid: Kitāb al-Amwāl. Dār aš-Šurūq, Beirut 1989, S. 216 (Nr. 348; ) und an-Nasafī: Madārik at-Tanzīl wa-Ḥaqāʾiq at-Taʾwīl. Band 3. Dār al-Kalam aṭ-Ṭaiyib, Beirut 1998, S. 27 (Kommentar zu Sure 33:26; ). Die Quellen erwähnen drei Stammesangehörige, die der Exekution durch Konversion zum Islam entgangen sind.Siehe beispielsweise John Marsden Beaumont Jones (Hrsg.): The Kitāb al-Maghāzī of al-Wāqidī. Band 2. Oxford University Press, London 1966, S. 503 (). Hierbei handelte es sich um Mitglieder des wesentlich kleineren jüdischen Clans der Hadl, die mit den Quraiza verbündet waren und zusammen mit den Quraiza vonseiten der Muslime belagert wurden. Siehe Michael Lecker: Were There Female Relatives of the Prophet Muḥammad among the Besieged Qurayẓa? In: Journal of the American Oriental Society. Band 136, Nr. 2, 2016, S. 397–401. Lecker vertritt die These, dass diese Männer nicht wegen einer Konversion zum Islam, sondern aufgrund einer bestehenden Ehe mit Verwandten des Propheten verschont wurden (S. 400–403).