mini|alt=Eine Frau liest einem Kleinkind aus einem Buch vor|Care-Arbeit wird überall auf der Welt hauptsächlich von Frauen verrichtet Der Gender-Care-Gap (kurz GCG; von „Geschlecht“ und care „Fürsorge“) beschreibt in der Soziologie und den Gender Studies den Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Zeitaufwand für unbezahlte Sorgetätigkeiten (Care-Arbeit) von Frauen einerseits und Männern andererseits. Dass Frauen in Privathaushalten durchschnittlich mehr unbezahlte Care-Arbeit verrichten als Männer, lässt sich weltweit beobachten.
In der Wissenschaft werden häufig die Wechselwirkungen des Gender-Care-Gaps mit anderen Gender-Gaps wie dem Gender-Pay- und Gender-Pension-Gap betrachtet. Dabei wird einhellig der Schluss gezogen, dass das Zusammenspiel dieser drei Gender-Gaps zu einer ökonomischen Schlechterstellung von Frauen beiträgt. Außerdem ist die Entwicklung des Gender-Care-Gaps während der COVID-19-Pandemie Gegenstand mehrerer Studien.
Als Gründe dafür, dass Frauen mehrheitlich mehr unbezahlte Care-Arbeit leisten als Männer, werden vor allem geschlechtliche Rollenbilder und eine mangelhafte staatliche Infrastruktur zur Versorgung von Kindern und Pflegebedürftigen identifiziert. Als Maßnahmen zur Verringerung des Gender-Care-Gaps werden zum Beispiel eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit, Anpassungen in der Familienpolitik oder Investitionen in Betreuungs- und Pflegesysteme vorgeschlagen.
Berechnung und Datenlage International mini|alt=In verschiedenen Ländern Lateinamerikas leisten Frauen deutlich mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer|Verhältnis der von Frauen und Männern für unbezahlte Care-Arbeit aufgewendeten Minuten pro Tag in verschiedenen Ländern Lateinamerikas (2019) Dass unbezahlte Care-Arbeit ungleich verteilt wird, lässt sich weltweit beobachten.Global Gender Gap Report 2022. Weltwirtschaftsforum, 13. Juli 2022, abgerufen am 24. Januar 2025. Global betrachtet verbringen Frauen durchschnittlich etwa 2,5-mal mehr Zeit mit Care-Arbeit als Männer. Die Nichtregierungsorganisation Oxfam untersuchte die weltweiten Arbeitszeiten von Männern und Frauen und kam dabei zu dem Ergebnis, dass Frauen im Durchschnitt etwa 44 Minuten am Tag länger arbeiten als Männer. Während Männer aber für ca. 80 % ihrer Arbeit bezahlt werden, sind es bei Frauen lediglich 41 %.
Deutschland In Deutschland wird der Gender-Care-Gap anhand der Zeitverwendungserhebung berechnet. 2022 leisteten Frauen demnach 44,3 Prozent mehr unbezahlte Arbeit als Männer. In absoluten Zahlen entspricht dies einem täglichen zeitlichen Mehraufwand von 79 Minuten. Nach der Zeitverwendungserhebung von 2012 und 2013 lag der Gender-Care-Gap in Deutschland noch bei 52,4 % bzw. 87 Minuten. Insgesamt arbeiten Männer und Frauen in etwa gleich viel – Frauen allerdings in einem deutlich höheren Maße unbezahlt.
Hierbei gilt, dass – wenn auch unterschiedlich ausgeprägt – Frauen unabhängig von Bildung, Beruf, Alter oder Haushaltskonstellation stets mehr unbezahlte Sorgearbeit verrichten als Männer.Nina Klünder, Uta Meier-Gräwe: Essalltag und Arbeitsteilung von Eltern in Paarbeziehungen – Eine quantitative Analyse auf Basis der repräsentativen Zeitverwendungsdaten 2012/13 und 2001/02. In: Zeitschrift für Familienforschung, Bd. 29, Nr. 2, 2017, S. 179–201, hier S. 180 f. Die größte Lücke im Zeitaufwand besteht dabei während der sogenannten Rush-Hour des Lebens.
Bei der Betreuung von Kindern scheint es für den Gender-Care-Gap nicht relevant zu sein, ob die betreuenden Personen miteinander in einer Liebesbeziehung sind oder nicht. Zumindest legt eine qualitative Studie zu Co-Parenting nah, dass auch hier Frauen die meiste Sorgearbeit übernehmen.Alicia Schlender: Who Cares? Sorgearbeit in Co-Elternschaften. In: Anna Buschmeyer, Claudia Zerle-Elsäßer (Hrsg.): Komplexe Familienverhältnisse. Wie sich das Konzept ‘Familie’ im 21. Jahrhundert wandelt. Westphälisches Dampfboot, Münster 2020, ISBN 978-3-9863411-6-9, S. 184–213. Auch in Haushalten, in denen kein Paar, sondern eine alleinerziehende Person Kinder großzieht, unterscheidet sich der Zeitaufwand, den Männer und Frauen für Sorgearbeit aufwenden. Alleinerziehende Mütter verbrachten im Jahr 2019 im Vergleich über 75 % mehr Zeit mit Care-Arbeit als alleinerziehende Väter.Lena Calahorrano, Mara Rebaudo, Sven Stöwhase: Gender Care Gap. Ursachen des Gap und Wirkungsprognose von Handlungsempfehlungen. FIT, Sankt Augustin 2019, S. 20. In gleichgeschlechtlichen Partnerschaften wird Care-Arbeit hingegen wesentlich egalitärer aufgeteilt. Das Familienernährermodell ist in diesen Beziehungen nur selten anzutreffen.Andrea Buschner: Die Arbeitsteilung gleichgeschlechtlicher Paare in Deutschland. University of Bamberg Press, Bamberg 2014, ISBN 978-3-86309-216-0.
Innerhalb Deutschlands existiert ein starkes Ost-West-Gefälle hinsichtlich der Verteilung von unbezahlter Care-Arbeit. Während der Gender-Care-Gap im Jahr 2020 in den alten Bundesländern 57,4 % betrug, lag er in den neuen Bundesländern lediglich bei 36,9 %.
Ursachen Ungleich verteilte Erwerbsarbeit Wer einer Erwerbstätigkeit nachgeht, hat zwangsläufig weniger Zeit für Care-Arbeit. Es lässt sich feststellen, dass sowohl die Beschäftigungsquote als auch die Anzahl der pro Woche geleisteten Erwerbsarbeitsstunden in Deutschland seit Jahren bei Frauen niedriger ist als bei Männern.Kai-Uwe Müller, Claire Samtleben: Reduktion und partnerschaftliche Aufteilung unbezahlter Sorgearbeit erhöhen Erwerbsbeteiligung von Frauen. In: DIW Wochenbericht, Nr. 9, 2022, S. 139–147, hier S. 142. Insgesamt partizipieren Frauen zwar mehr am Arbeitsmarkt als früher, sie tun dies allerdings vermehrt in Teilzeit.Patricia Gallego Granados, Rebecca Olthaus, Katharina Wrohlich: Teilzeiterwerbstätigkeit: Überwiegend weiblich und im Durchschnitt schlechter bezahlt. In: DIW Wochenbericht, Nr. 46, 2019, S. 845–850.
Die Ungleichverteilung von Erwerbsarbeit und Care-Arbeit bedingen sich hierbei jeweils gegenseitig. Häufig wird die geringere Erwerbstätigkeit von Frauen auf ihre erhöhte Verantwortung für Sorgearbeit zurückgeführt, umgekehrt kann mehr Belastung mit Sorgearbeit aber auch eine reduzierte Erwerbstätigkeit bedingen. Allerdings kann die unterschiedliche Belastung der Geschlechter mit Erwerbsarbeit den Gender-Care-Gap nicht alleine erklären, weil Frauen auch an erwerbsfreien Tagen einen Großteil der Care-Arbeit übernehmen.Claire Samtleben: Auch an erwerbsfreien Tagen erledigen Frauen einen Großteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung. In: DIW Wochenbericht, Nr. 10, 2019, S. 139–145.
Gesellschaftlich etablierte Rollenbilder Familie als weiblich konnotierter Raum In demokratischen Staaten ist die Gleichstellung der Geschlechter ein weitläufig anerkanntes und auch formal angestrebtes Ideal. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die häusliche Arbeitsteilung innerhalb von Paarbeziehungen nur sehr selten an diesem Ideal ausgerichtet wird. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und gelebter Wirklichkeit muss irgendwie legitimiert werden.Cornelia Koppetsch, Günter Burkart: Die Illusion der Emanzipation: zur häuslichen Arbeitsteilung in Partnerschaften. In: Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.): Differenz und Integration: die Zukunft moderner Gesellschaften. Verhandlungen des 28. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie im Oktober 1996 in Dresden. Band 2: Sektionen, Arbeitsgruppen, Foren, Fedor-Stepun-Tagung. Westdeutscher Verlag, Opladen 1997, S. 415–418. Konzepte wie Ehe und Kleinfamilie sind deswegen stark an einer als naturgegeben imaginierten Geschlechterdifferenz orientiert. Frauen werden allein aufgrund ihres Geschlechts bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen wie Einfühlsamkeit, Emotionalität, Zurückhaltung oder auch ein besserer Umgang mit Kindern zugeschrieben. Aus dieser Perspektive erscheint es sinnvoll, dass sie auch den Großteil der anfallenden Care-Tätigkeiten übernehmen, denn dies passe schlicht besser zu ihrer Natur. Die geschlechtliche Rollenverteilung erscheint so alternativlos. Der Glaube an eine natürliche Differenz zwischen den Geschlechtern zieht dabei politische und rechtliche Konsequenzen nach sich, die die scheinbar natürliche Geschlechterordnung weiter manifestieren und reproduzieren.Cornelia Helfferich: Familie und Geschlecht. Eine neue Grundlegung der Familiensoziologie. UTB-Verlag, Opladen 2017, ISBN 978-3-8252-4662-4, S. 26.
Weiblichkeit und Mutterrolle Die Geburt eines Kindes trägt wesentlich dazu bei, dass der Gender-Care-Gap bei Paaren steigt. In Paarhaushalten, deren jüngste Kinder bis zu sechs Jahre alt sind, verbringen Frauen durchschnittlich dreimal so viel Zeit mit Care-Arbeit wie ihre männlichen Partner.Claire Samtleben: Auch an erwerbsfreien Tagen erledigen Frauen einen Großteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung. In: DIW Wochenbericht, Nr. 10, 2019, S. 139–145, hier S. 142. Frauen wird aufgrund ihrer Gebärfähigkeit eine natürliche Affinität zu Kindern unterstellt. Mutterschaft wird daher oftmals als die natürliche Berufung von Frauen dargestellt.Corinna Schlicht: Das Narrativ ‚natürlicher‘ Mutterliebe und Mütterlichkeit in Literatur und Film. In: GENDER, Nr. 1, 2016, S. 108–123. Deshalb gilt jede Frau als wenigstens potentielle Mutter und Kinderlosigkeit wird als etwas von der Norm Abweichendes betrachtet.Lena Correll: „Es ruft nichts nach mir“. Frauen ohne Kinder und der gesellschaftspolitische Ruf nach Elternschaft. In: Barbara Thiessen, Paula-Irene Villa (Hrsg.): Mütter und Väter: Diskurse – Medien – Praxen. Westfälisches Dampfboot, Münster 2009, ISBN 978-3-89691-224-4, S. 259–274. Die Erwartung, Mutter zu sein bzw. zu werden, ist allerdings auch eng mit bestimmten Vorstellungen von einer „guten Mutter“ verknüpft. Von diesen „guten Müttern“ wird beispielsweise viel eher erwartet, die eigene Berufstätigkeit zu reduzieren bzw. aufzugeben, um den eigenen Nachwuchs zu versorgen, als von zum Beispiel Vätern. Die Selbstdefinition von Müttern ist dementsprechend häufig von einer Erwartungshaltung gegenüber sich selbst geprägt, immer vollumfänglich für die eigenen Kinder da zu sein. Dieses Selbstverständnis steht aber im Konflikt mit einer egalitären Aufteilung der Sorgearbeit zwischen Elternteilen.Karin Flaake: Bedeutung traditioneller Mutterbilder in Familien mit einer in der Paarbeziehung geteilten Elternschaft: Beharrungstendenzen und Veränderungsprozesse. In: Helga Krüger-Kirn, Marita Metz-Becker, Ingrid Rieken (Hrsg.): Mutterbilder. Kulturhistorische, sozialpolitische und psychoanalytische Perspektiven. Psychosozial-Verlag, Gießen 2016, S. 165–179. Außerdem lässt sich beobachten, dass manche Mütter eine Form von Gatekeeping praktizieren: Kinderfürsorge und Care-Arbeit sehen sie als ihren Handlungsbereich an. Selbst wenn der Partner in diesem Bereich ebenfalls Tätigkeiten übernehmen will, wird er dann durch die Mutter selbst daran gehindert.Joseph H. Pleck, Brian P. Masciadrelli: Paternal Involvement by U.S. Residential Fathers. Levels, Sources, Consequences. In: Michael E. Lamb (Hrsg.): The role of the father in child development. 5. Auflage. Wiley, Hoboken/New Jersey 2010, ISBN 978-0-470-40549-9, S. 222–271.
Männlichkeit und Vaterrolle