Der Talabschnitt Stausee Niederried in der Umgebung des gleichnamigen Stausees ist ein Landschaftsschutzgebiet von nationaler Bedeutung in der Schweiz. Er erstreckt sich über eine Fläche von 297 Hektaren in der Flusslandschaft an der Aare nordwestlich von Bern und umfasst artenreiche aquatische, amphibische und terrestrische Habitate. Der 1913 entstandene künstliche See an der Aare hat eine Oberfläche von 154 Hektaren und entspricht somit ungefähr der Hälfte des Schutzgebiets. Das Gewässernetz hat sich zusammen mit den ausgedehnten Feuchtgebieten im Talboden zu einem für die Biodiversität sehr wertvollen Naturraum entwickelt, der auch als Wasser- und Zugvogelreservat von internationaler Bedeutung deklariert und gemäss der Ramsar-Konvention geschützt ist und ein Teilgebiet der «Important Bird Area „Grosses Moos und Stausee Niederried“» bildet.

Die geschützte Auenlandschaft umfasst eine Flussstrecke von vier Kilometern entlang der Aare mit der Mündung der Saane. Neben den beiden Flüssen liegen Weiher und ein Flachmoor mit einem Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung. Mehrere kleine Bäche münden im Flussabschnitt in die Aare und in den Niederriedsee.

Seit 1956 ist der Stausee ein kantonales Jagdbanngebiet. Die Regierung des Kantons Bern stellte das Areal «Stausee Niederried» am 12. Juli 1966 unter Naturschutz;Karl Ludwig Schmalz: Naturschutztätigkeit im Kanton Bern 1966. In: Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft in Bern, 24. Jg., 1967, S. 96–99. der Bundesrat beschloss 1983 die Aufnahme des grösseren Landschaftsausschnitts in das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung; und mit Verfügung vom 26. November 2013 erweiterte die Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Bern, gestützt auf die Bundesinventare, den Schutz für die Flusslandschaft im «Naturschutzgebiet Niederried-Oltigenmatt».

Lage und Naturraum Die Aare hat am nördlichen Rand des voralpinen Hügelgebiets zusammen mit der Saane, die der grösste Nebenfluss am Oberlauf der Aare ist, seit dem Eiszeitalter ein tief in die Molasseberge eingegrabenes Talsystem geschaffen, das in einigen Abschnitten einen Kilometer breit ist und dessen Talboden von Schotterschichten und Flussgeschiebe überdeckt ist.Alfred Isler: Geologischer Arlas der Schweiz 1:25000. Blatt 1166 Bern. Erläuterungen. Bundesamt für Wasser und Geologie, Bern 2005, S. 28, 45.Zur Talgeschichte der Saane: L. Braillard, M. Mauvilly: Morphogenesis of the Sarine canyon in the Plateau Molasse, Switzerland. New data from an archaeological site. In: Geographica Helvetica, 63. Jg., 2008, S. 181–187. Etwa drei Kilometer unterhalb des Wasserkraftwerks Mühleberg und anderthalb Kilometer unterhalb des Kernkraftwerks Mühleberg befindet sich am Aarelauf auf ein besonders weiter Talbereich mit der Mündung der Saane. In der spitzwinklig zur Mündung zulaufenden Fläche zwischen Saane und Aare liegt der Auenbereich «Rewag» mit einem Aare-Altarm, der früher als Baggersee genutzt wurde und heute zum grössten Teil durch das Feuchtgebiet «Islere» von der Aare getrennt ist. Die Landschaft Rewag-Islere ist gegen Süden durch einen 100 Meter hohen Sandsteinberg abgeschlossen, der die beiden Flusstäler trennt, und gehört zur Gemeinde Mühleberg.

Auf der Ostseite steigt über der Aare, der Saanemündung gegenüber, die bis zu 120 Meter hohe, fast einen Kilometer lange Steilwand der «Runtigenflue» empor, die im Bergmassiv aus Molassefelsen über einem Prallhang der Flüsse entstanden ist. Mit der Höhe von bildet die obere Felskante den höchsten Punkt im Schutzgebiet. Die Erhebung ist im Süden vom Islerengraben und im Norden vom Kesselgraben begrenzt. 2013 erwarb der Kanton Bern das Felsmassiv mit der von Bäumen und Sträuchern bewachsenen Böschung am Aareufer und fügte es zum Naturschutzgebiet hinzu. An der Runtigenfluh, der grössten Felswand am Lauf der Aare im Molassehügelland, sind die Gümmenen-Schichten der unteren Süsswassermolasse aufgeschlossen. Die Sandstein- und Mergelschichten bilden ein spezielles Biotop für an die trockene Umgebung angepasste Pflanzen und Tiere und weisen am Hangfuss einen orchideenreichen Föhrenwald auf.Rolf Hauri: Zur Vogelwelt der Molassefelsen im bernischen Mittelland. In: Der Ornithologische Beobachter, Band 85, 1988, S. 1–79. Flussabwärts liegen unterhalb des Felsabbruchs die Ortschaften Oltigen und Ostermanigen auf den Anhöhen rechts von der Aare. Ein bis zu sechs Meter hoher Längsdamm sichert den Einstau der Aare auf der rechten Seite des Niederriedsees bis zum Kraftwerk. Die Seitenbäche werden ausserhalb des Dammes durch den St. Vrenekanal zur Aare abgeleitet. Im Westen ist die Auenlandschaft vom etwa 50 Meter hohen felsigen und bewaldeten Abhang bei Golaten und Mannewil begrenzt.

Unter den Bergflanken am Rand des Landschaftsschutzgebiets «Stausee Niederried» liegen fünf flache Uferzonen neben den Flüssen: Die Oberruntigenau, die Rewag, die Oltigenmatt und das Auli sind Landflächen im Schutzgebiet, während die Golatenau entgegen der ursprünglichen Planung vom Stausee überschwemmt und so zur für Wasservögel wertvollen Flachwasserzone gemacht wurde. Die frühere Auenlandschaft der Niederruntigenau links von der Aare, ausserhalb des Schutzgebiets, wurde mit dem Bau des Kernkraftwerks Mühleberg vollständig in ein Industriegebiet umgewandelt; ob das Gelände nach dem bis 2034 dauernden Rückbau des 2019 stillgelegten Kraftwerks wieder in einen naturnahen Zustand überführt wird, ist (Stand 2023) noch nicht entschieden.Die Stilllegung des Kernkraftwerks Mühleberg auf bkw.ch, abgerufen am 18. Juli 2023. Auf der gegenüberliegenden Seite der Aare befindet sich in der Oberruntigenau, flussaufwärts von der Runtigenfluh gelegen, beim «Kunkelried» als Rest eines Altarms das Stillgewässer «Brättelenteich», das ebenfalls zum geschützten Amphibienlaichgebiet gehört. Es liegt so wie die ganze rechtsufrige Fläche des Landschaftsschutzgebiets in der Gemeinde Radelfingen. Der Felskopf mit der Ruine der Burg Oltigen am nördlichen Ende der Runtigenfluh und die als Landwirtschaftsgebiet genutzte Ebene «Auli» bei Oltigen befinden sich im Perimeter des Landschaftsschutzgebiets.

Das Flussbett der Saane ist auf seiner letzten Flussstrecke von Hochwasserschutzdämmen begleitet, die nach einer verheerenden Überschwemmung vom 3.–4. Oktober 1888 mit finanzieller Unterstützung durch den Bund errichtet wurden.Bnndesbeschluß betreffend Bewilligung eines Bundesbeitrages an den Kanton Bern für die Korrektion der Saane, von der Kantonsgrenze Freiburg bei Laupen bis zur Einmündung in die Aare bei Oltigen. 1890, auf fedlex.admin.ch. Ausserhalb dieser Leitdämme liegen auf der linken Seite im flachen Saanetal die Gebiete Wilerau, die ein intensiv bewirtschaftetes Landwirtschaftsgebiet der Gemeinde Wileroltigen ist, und Oltigenmatt als ein Kernbereich des Schutzgebiets. Seit dem Bau der Dämme können die Flüsse die Auenlandschaft in der Oltigenmatt nicht mehr durch ihre natürliche Gewässerdynamik so umgestalten, wie es seit Jahrhunderten bei Hochwasserereignissen immer wieder geschehen war.Christian Pfister: Wetternachhersage. 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen 1496- 1995. Bern 1999.Raphael Longoni: Die Saanehochwasser von Freiburg i.Ü. 1387-1570. Kommunale Schadensabwehr, Wasserbau und Wasserstände anhand der Chroniken und Stadtrechnungen. Bern 2019. Sie bewegen sich nicht mehr mäandrierend über die ganze Talbreite, und die Sukzession von Pflanzengesellschaften auf neuen Sedimentflächen findet nicht mehr statt.Cesare Calciati: Les méandres de la Sarine. Le travail de l’eau dans les méandres encaissés. In: Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft in Freiburg, 7. Jg., 1910, S. 85–147. Die urbarisierte Wilerau wird mit der weiter oben liegenden Haselau seit den 1960er Jahren durch den Giesse-Kanal, der teilweise eingedolt ist und die Oltigenmatt durchquert, zur Aare entwässert. Das Grundwasser im Schotter des Flusstals tritt in der Oltigenmatt in mehreren Giessen aus, die zum Giessekanal abgeführt werden. Ähnliche Quellbäche mit dem gleichen Namen entstehen auch in anderen Auenlandschaften an der Aare so wie die Giesse bei Münsingen oder der Giessen unterhalb von Aarau.

Der Niederriedsee entstand um 1913 als Staubecken an der Aare für das Kraftwerk Kallnach der Bernischen Kraftwerke (heute BKW Energie AG). Die Seefläche ist durch eine lange Halbinsel, die entlang des ehemaligen, überfluteten Seitendammes an der Golatenau entstand, untergliedert. Das Wasser wird von oberhalb des Stauwehrs, das südwestlich der Ortschaft Niederried steht, durch einen 2100 Meter langen Stollen zum Kraftwerk geleitet und erreicht von dort aus den Hagneckkanal etwa zehn Kilometer unterhalb des Stauwehrs. Um auch die Restwassermenge in der Aare zu nutzen, bauten die Bernischen Kraftwerke neben einem neuen Staudamm bei Niederried bis 1963 das Wasserkraftwerk Niederried-Radelfingen. Sie verpflichteten sich bei der Zertifizierung des Kraftwerks Niederried-Radelfingen mit dem Ökostrom-Label dazu, im Schutzgebiet umfangreiche Massnahmen zur ökologischen Aufwertung der Naturlandschaft umzusetzen.BKW Ökofonds, auf bkw.ch, abgerufen am 19. Juli 2023. Im Zusammenhang mit der neuen Wasserrechtskonzession für das Wasserkraftwerk Mühleberg planten die BKW weitere Arbeiten zur Aufwertung des Auengebiets an der Aare; ein Seitengerinne aus dem Fluss in der Brättelenmatte soll die Überflutungsfläche vergrössern und eine neue Flachwasserzone schaffen.Mitwirkung Wasserbauplan auf bkw.ch, abgerufen am 19. Juli 2023. Weil bei der Erneuerung des Kraftwerks Hagneck, das bei der Aaremündung in der Bielersee in einem weiteren Auengebiet von nationaler Bedeutung steht, nochmals viel für die Aufwertung der Naturlandschaft geschah, wählte die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz den geographische Raum vom Niederriedsee bis zum Bielersee zur «Landschaft des Jahres 2017» aus.Landschaft des Jahres 2017: Energieinfrastrukturlandschaft am Aare-Hagneck-Kanal auf sl-fp.ch, abgerufen am 22. Juli 2023.

Während die Ebene der Oltigenmatt knapp über dem Seespiegel des Stausees Niederried liegt, wurde bei dessen Aufstauung die etwas tiefere Fläche der linksufrigen Golatenau mit einer Landwirtschaftsfläche unter Wasser gesetzt. Der Aubach, der im Halegraben entspringt und früher in die Golatenau floss, mündet jetzt am Hangfuss direkt in den See. In der Oltigenmatt gingen wegen der Stauhaltung ebenfalls einige bewirtschaftete Flächen – von welchen der Flurname ja heute noch zeugt – verloren, die ehemalige Hofsiedlung «Einiger» wurde aufgegeben und der Flächenanteil der Naturlandschaft vergrösserte sich. Auch der Grundwasserstand am Unterlauf der Saane, wo sich eine Wasserfassung der Kernkraftwerks Mühleberg befindet, änderte sich wegen der Auswirkung des Sees.Peter Kellerhals, Ch. Häfeli: Auswirkung der Stauhaltung im Niederriedsee (BKW) auf die Grundwasserverhältnisse der Oltigenmatte. Bern 1987. Gemäss der Wasserrechtskonzession aus den 1960er Jahren mussten die Kraftwerke den Pegelstand des Niederriedsees in den Sommermonaten jeweils um 80 Centimeter absenken, damit eine Bewirtschaftung in der Oltigenmatt noch möglich war; mit Rücksicht auf die Tierpopulationen in der Auenvegetation wurde das Stauregime in jüngerer Zeit geändert: Nur noch im Herbst wird der Seespiegel etwas abgesenkt, und das Ried in der Oltigenmatt wird nicht mehr gemäht, sondern dient Schottischen Hochlandrindern als Weide.Stausee Niederried: Anpassung Stauregime auf alnus.ch, abgerufen am 21. Juli 2023. Als beim ausserordentlich starken Hochwasser im August 2005 der Leitdamm links der Saane brach und das Auengebiet überflutete, beschloss der Kanton Bern in Absprache mit den BKW, das Gebiet auch in Zukunft als Überschwemmungsfläche offenzulassen.Die Schaffenskraft der Saane. In: Freiburger Nachrichten, 14. September 2018.