Das Katharinenkloster (, , offizieller Name: „Heiliges autonomes königliches Sankt-Katherinen-Kloster des heiligen, von Gott betretenen Berges Sinai“) ist eines der ältesten Klöster der Christenheit und befindet sich im Süden der Sinai-Halbinsel in Ägypten. In der spätantiken christlichen Pilgertradition war der Gipfel des benachbarten Dschabal Musa jener Ort, an dem Mose von Gott die Zehn Gebote empfangen haben soll. Etwas später ist dann die Verehrung eines Dornbusches am Fuß dieses Berges bezeugt, der als der Brennende Dornbusch, in dem Gott sich Mose offenbarte, betrachtet wird. Das Dornbusch-Heiligtum befindet sich auf dem Klostergelände.

Wegen seiner isolierten Lage gehört das Katharinenkloster zu den wenigen Klöstern, die seit der Spätantike dauerhaft bewohnt sind und nie zerstört wurden. Die Hauptkirche des Klosters (eine Theotokos-Kirche) ist ein sehr gut erhaltener frühbyzantinischer Kirchenbau, der bauzeitliche Schnitzereien und Mosaike aufweist. Die große Ikonensammlung, zu der Meisterwerke des 6. und 7. Jahrhunderts zählen, ist in ihrer Qualität und Vielfalt einzigartig. Die Handschriften- und Bücherbestände des Sinaiklosters sind nur mit denen der Vatikanischen Bibliothek vergleichbar.

Im Einflussbereich der historischen Patriarchate Alexandria und Jerusalem gelegen, erlangte das Erzbistum Sinai 1575 seine kirchenrechtliche Autonomie. Das Katharinenkloster bildet heute zusammen mit dem Nonnenkloster im Wadi Firan (Pharan) und wenigen Familien meist griechischer Herkunft am Küstenort at-Tur (Raitho) die Orthodoxe Kirche vom Berg Sinai, die kleinste der autonomen orthodoxen Kirchen. Der Abt (Hegumen) des Klosters ist gleichzeitig der Erzbischof von Sinai, Pharan und Raitho.Ralf Tooten: Augen der Weisheit. Das spirituelle Gesicht der Religionen. Herder, Freiburg im Breisgau 2002, ISBN 3-451-27011-0, S. 154. Er wird von den Mönchen der Sinaitischen Bruderschaft gewählt und vom Jerusalemer Patriarchen geweiht.

Name Der Name des Sinaiklosters in frühbyzantinischen Quellen ist „Dornbusch-Kloster“ bzw. gleichbedeutend „Batos-Kloster“ (τοῦ βάτου).Karl-Heinz Uthemann: Anastasios Sinaites. Byzantinisches Christentum in den ersten Jahrzehnten unter arabischer Herrschaft (= Arbeiten zur Kirchengeschichte, 125). De Gruyter, Berlin/Boston 2015, S. 3. Da die Hauptkirche seit ihrer Weihe eine Theotokos-Kirche ist, wurde die justinianische Klosterfestung auch als Marienkloster bezeichnet. Der Wechsel von „Marienkloster“ zu „Katharinenkloster“ für das Kloster beim Berg Sinai, der sich im lateinischen Westen in die Amtszeit des Papstes Johannes XXII. (1316–1334) datieren lässt, im Osten aber später erfolgte, ist eine Folge des im Kontext der Kreuzzüge aufblühenden Kults der Katharina von Alexandrien.

Geologie und geographische Lage mini|Umgebung des Katharinenklosters (1906) Das Katharinenkloster bildet zusammen mit den Beduinensiedlungen der Umgebung die Stadt St. Katharina () im Gouvernement Dschanub Sinai (Südsinai). Es liegt auf durchschnittlich in dem nach ihm benannten „Klostertal“ (Wadi ed-Der).

Beiderseits des Wadis erheben sich an der Nordostseite der Gebirgszug Dschabal ed-Der () und an der Südwestseite auf einer Fläche von etwa 5,6 Quadratkilometern das Musa-Safsafa-Bergmassiv, das in südöstlich-nordwestlicher Richtung etwa 3,3 km lang ist und in nordöstlich-südwestlicher Richtung etwa 1,7 km breit. Im Südosten dieses Massivs erhebt sich der Dschabal Musa (Ǧabal Mūsā, ), ein Vulkanschlot. Der Dschabal Safsafa dagegen ist ein plutonischer Gebirgskomplex mit 25 Gipfeln (darunter Raʾs Ṣafṣāfa, ) mit exponierten Gipfeln und Hängen aus rotem Granit. In den dazwischenliegenden Bergtälern hat sich Lockermaterial abgelagert, das mineralogisch einer Arkose entspricht. Der durchschnittliche jährliche Niederschlag beträgt 65 mm; während der Schnee auf den Gipfeln und in schattigen Bereichen lange liegenbleibt, fließt das Regenwasser in die Täler ab und versickert, sofern es sich nicht in Felsspalten sammelt. Die Verfügbarkeit von Grundwasser, zusammen mit dem Gebirgsklima, ermöglicht seit der Antike einen bescheidenen Gartenbau.Uzi Dahari, Rivka Calderon: Monastic Settlements in South Sinai in the Byzantine Period: the Archaeological Remains. Jerusalem 2000, S. 25.

Geschichte Spätantike und Byzantinische Zeit hochkant|mini|Mose empfängt das Gesetz (Triumphbogen der Theotokos-Kirche, 6. Jahrhundert, Detail) Der erste in den Quellen belegte Besuch eines christlichen Pilgers am Dschabal Musa fand im Jahr 363 statt:Vgl. Theodoret von Kyrrhos: Historia religiosa 2, 13 und 6, 7–12. Julianos Saba († 366/67) und seine Reisebegleiter errichteten demnach auf dem Gipfel des Berges aus herumliegenden Bruchsteinen eine improvisierte kleine Kapelle, die noch bis ins 6. Jahrhundert bestand. Erwähnt werden weder ein Dornbusch-Heiligtum am Fuß des Berges noch eine Mönchsgemeinschaft.Peter Grossmann: Besuche und Überfälle in der vorjustinianischen Laura am Mosesberg, 1999, S. 455. Dieser Kapellenbau wurde in drei Hymnen von Ephraem dem Syrer besungen; Ephraem verglich Julianos mit Mose und Elija, die beide im frühchristlichen Mönchtum als Vorbilder verehrt wurden.Uzi Dahari, Rivka Calderon: Monastic Settlements in South Sinai in the Byzantine Period: the Archaeological Remains. Jerusalem 2000, S. 29.

Ammonios Monachos berichtete etwas später von Mönchssiedlungen namens Gethrabbi, Choreb und Cedar am Fuß des Mosebergs, die um 377 von nomadischen Sarazenen überfallen wurden, die viele Mönche ermordeten. Dieser Angriff war möglicherweise eine Reaktion auf die Religionspolitik des Kaisers Valens, der den Araberstämmen einen homöischen Bischof aufnötigte und damit den Aufstand unter Königin Mauia auslöste.Peter Grossmann: Besuche und Überfälle in der vorjustinianischen Laura am Mosesberg, 1999, S. 457 f.

Ende des 4. Jahrhunderts besuchte Egeria im Rahmen ihrer Heilig-Land-Pilgerreise die Sinaihalbinsel. Sie gab folgende Beschreibung:Egeria: Itinerarium – Reisebericht. Mit Auszügen aus Petrus Diaconus: De Locis Sanctis – Die heiligen Stätten. Übersetzt von Georg Röwekamp (= Fontes Christiani, 4. Folge, Band 20). Herder, Freiburg/Basel/Wien 2017, S. 128 f.

Um 530 war der Süden der Sinaihalbinsel zu einer Mönchslandschaft umgestaltet worden, in der bis zu sechshundert Einsiedler durch Subsistenzwirtschaft ihr Auskommen fanden. Ihr Zentrum war das Heiligtum des Brennenden Dornbuschs, weitere Zentren waren Pharan (Fīrān), Dschabal Umm Schomer und Raithu (aṭ-Ṭūr). Rund 72 Lawren sind bekannt, Einsiedlerkolonien, bei denen sich Eremitenzellen im weiten Umkreis um eine Kapelle und einige Gemeinschaftsgebäude scharten. Ein Netz von Saumpfaden verband die Lawren mit den monastischen Zentren. Die Mönche betrieben Gartenbau zu ihrer Ernährung (Obst, Gemüse, auch Wein), wobei sie das wenige Wasser optimal nutzten. Getreide wurde nicht angebaut.Joseph Patrich: Monastic Landscapes. In: Late Antique Archaeology 2 (2004), S. 411–445, hier S. 435–439. Eutychios von Alexandria (10. Jahrhundert) zufolge gab es über dem Heiligtum des Brennenden Dornbuschs bereits in vorjustinianischer Zeit einen Wehrturm mit einer Marienkapelle, in den sich die Mönche bei Gefahr zurückzogen.George Manginis: Mount Sinai, London 2016, S. 24.

Zwischen 548 und 565 wurden im Auftrag Kaiser Justinians am Fuß des Dschabal Musa Bauwerke errichtet, über die Prokopios von Caesarea als zeitgenössischer Chronist berichtete (Aedificia 5,8). Die Angaben des Prokopios sollten nicht mit den Annalen des Eutychios zusammengesehen, sondern für sich betrachtet werden. Prokopios schrieb zum einen, dass die Mönchsgemeinschaft auf dem Sinai die Ideale des Klosterlebens, wie Justinian es verstand, musterhaft praktiziert habe: diese Asketen waren ganz auf das ewige Leben ausgerichtet, achteten die irdischen Güter gering und bereiteten sich in der Einsamkeit auf den Tod vor. Deshalb habe Justinian den Mönchen eine Kirche zu Ehren der Theotokos gestiftet. Zweitens habe Justinian am Fuß des Sinai eine Festung erbauen lassen und eine Besatzung dort stationiert, um Palaestina Tertia vor den Einfällen der Sarazenen zu schützen. Üblicherweise kombiniert man beide Angaben des Prokopios so, dass mit der Festung die heutige Umfassungsmauer des Katharinenklosters gemeint ist.Alexandra Hasse-Ungeheuer: Das Mönchtum in der Religionspolitik Kaiser Justinians I.: Die Engel des Himmels und der Stellvertreter Gottes auf Erden (Millennium-Studien. Band 59). De Gruyter, Berlin/Boston 2016, S. 174–179 (Open Access). Militärtechnisch betrachtet, war die Anlage allerdings unbefriedigend. Nicht nur lag sie so niedrig, dass Bogenschützen sie von den umliegenden Höhen aus angreifen konnten. Außerdem hatten die justinianischen Türme nur den Wert von Attrappen. Sie sprangen zu wenig vor, um die benachbarten Mauerabschnitte mit Fernwaffen verteidigen zu können.George H. Forsyth: The Monastery of St. Catherine at Mount Sinai: The Church and Fortress of Justinian, 1968, S. 6.

Eutychios zufolge ergriffen die Mönche dagegen von sich aus die Initiative und baten den Kaiser darum, ihnen ein wehrhaftes Kloster zu bauen, da sie von den „ismaelitischen Arabern“ bedroht würden. Justinian habe einen Legaten entsandt, der zunächst ein Kloster auf dem Gipfel des Dschabal Musa plante. Da aber dort kein Wasser vorhanden war, habe er die Klosterfestung im Tal bauen lassen, so dass sie das Dornbuschheiligtum und den bereits vorhandenen Wehrturm einschloss. Justinian sei wegen der strategisch ungünstigen Lage erzürnt gewesen. Um die Sicherheit der Mönche zu erhöhen, habe er eine Gruppe von kaiserlichen Sklaven in Nachbarschaft des Klosters ansiedeln lassen, die das Kloster gegebenenfalls gegen Angreifer verteidigen würden.George Manginis: Mount Sinai, London 2016, S. 51–53.

Frühislamische Zeit (640–968) mini|Aquamanile (Frühislamisch, Katharinenkloster)St. Catherine’s Monastery: Ewer (aquamanile) Nach der islamischen Eroberung im Jahr 640 lockerten sich die Beziehungen des Sinaiklosters zu Konstantinopel, und es näherte sich dem Patriarchat Jerusalem an.

Johannes Klimakos

In der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts lebte Johannes Klimakos im Sinaikloster. Er verfasste dort die asketische Schrift Die Leiter zum Paradies (), welche den spirituellen Aufstieg des Mönchs beschreibt. Seine Vita verfasste ein sonst nicht bekannter Mönch Daniel von Raithu als spirituelle Biografie, d. h. Johannes Klimakos verwirklicht vorbildhaft das in der Leiter zum Paradies von ihm selbst aufgestellte Programm. Daniel stellte ihn außerdem als neuen Mose dar und autorisierte so den Anspruch der „Leiter zum Paradies“. Über die historische Persönlichkeit des Klimakos ist aus dieser Vita kaum etwas zu erfahren.Andreas Müller: Die Vita Johannes des Sinaiten von Daniel von Raithu: ein Beitrag zur byzantinischen Hagiographie. In: Byzantinische Zeitschrift 95 (2002), S. 585–601, Zusammenfassung S. 600 f.

Anastasios Sinaites