mini|Lokomotive 911 der ATSF-Klasse 900, der ersten Santa-Fe-Lokomotivreihe Santa Fe ist eine aus dem nordamerikanischen Sprachgebrauch stammende Bezeichnung für Dampflokomotiven mit der Achsfolge 2-10-2 nach der Whyte-Notation, die der deutschen bzw. UIC-Bauartbezeichnung 1’E1’ entspricht. Santa-Fe-Lokomotiven besitzen je einen vorderen und hinteren Laufradsatz sowie fünf gekuppelte Achsen. In der Achsfolge entstanden vorwiegend schwere Güterzug- und Mehrzwecklokomotiven, sowohl als Tender- wie auch als Schlepptenderlokomotiven.
Geschichte mini|Santa-Fe-Lokomotiven für die Southern Pacific Railroad um 1921 in Auslieferung bei Baldwin Die Bezeichnung Santa Fe für die Achsfolge 1’E1’ ist auf die Atchison, Topeka and Santa Fe Railway (ATSF) zurückzuführen, die 1903 die ersten Lokomotiven dieser Achsfolge zum Einsatz brachte. 1902 hatte die ATSF als Schiebelokomotiven für ihre Rampenstrecken am Raton Pass zwei schwere Lokomotiven der Bauart 1’E (Decapod) beschafft. Die beiden Lokomotiven erbrachten zwar ausreichende Leistungen, bei der Rückwärtsfahrt bergab nach dem Ende des jeweiligen Schubdienstes kam es jedoch wiederholt zu Entgleisungen. Ein Drehen der Lokomotiven am Scheitelpunkt war nicht möglich. Die ATSF beauftragte daher Baldwin mit der Entwicklung und dem Bau von Decapods mit Nachlaufachse, um bei den Rückwärtsfahrten eine bessere und sichere Führung im Gleis zu erreichen. Baldwin lieferte eine konstruktiv von den beiden 1’E-Lokomotiven abgeleitete Bauart, bei der im Prinzip lediglich die Nachlaufachse ergänzt wurde; die als ATSF-Klasse 900 eingeordnete Reihe wurde von Baldwin bis 1904 mit immerhin 85 Exemplaren an die ATSF geliefert und entschärfte das Entgleisungsproblem bei Rückwärtsfahrten. Erst bei späteren Reihen begannen die Konstrukteure damit, den bei Schlepptenderlokomotiven durch die Nachlaufachse entstehenden Spielraum für breitere Feuerbüchsen und damit leistungsfähigere Lokomotivkessel auszunützen. Ein Problem blieb jedoch der schwierig zu gewährleistende Massenausgleich bei höheren Geschwindigkeiten, da in den relativ kleinen Kuppelrädern dieser für den schweren Güterzugdienst vorgesehenen Lokomotiven nur wenig Platz für Ausgleichsgewichte vorhanden war. Eine Lösung für dieses Problem war der Ersatz der Nachlaufachse durch ein Nachlaufdrehgestell. Diese 1919 erstmals verwendete Achsfolge 1’E2’ wird auch als Texas bezeichnet, sie verdrängte die Santa Fe bald aus dem Dienst vor schnelleren Güterzügen. In den USA beschränkte sich die Verwendung der Santa Fe daher meist auf den schweren und langsamen Güterzugdienst vor allem im Montanverkehr sowie den Einsatz als Schiebelokomotiven. Insgesamt entstanden bis 1931 für 44 nordamerikanische Bahngesellschaften rund 2200 Lokomotiven dieser Achsfolge, deren letzte Ende der 1950er Jahre ausgemustert wurden.Trains: Steam locomotive profile: 2-10-2 Santa Fe, abgerufen am 5. Juli 2023steamlocomotive.com: 2-10-2 "Santa Fe" Locomotives in the USA, abgerufen am 5. Juli 2023
Außerhalb von Nordamerika fand die Achsfolge erstmals 1913 bei zwei Tenderlokomotiven für die französische Chemins de fer de l’Est Anwendung. Kriegsbedingt folgten diesen beiden als Est 5001 und 5002 bezeichneten Prototypen erst 1925 weitere 25 Exemplare, die im schweren Güterzugdienst sowie auf Rangierbahnhöfen eingesetzt wurden. In Europa beschafften erst nach dem Ersten Weltkrieg weitere Bahngesellschaften, unter anderem in Deutschland, der Tschechoslowakei und Polen, Lokomotiven der Achsfolge 1’E1’, zunächst ausschließlich als Tenderlokomotiven und vor allem für den Einsatz im Güterverkehr und auf Gebirgsstrecken. Anders als bei Schlepptenderlokomotiven war bei Tenderlokomotiven vor allem die Möglichkeit, hohe Leistungsfähigkeit und zugleich gute Laufeigenschaften insbesondere in Kurven zu erreichen, ausschlaggebend für die Wahl dieser Achsfolge. Neben Normalspurlokomotiven entstanden für deutsche und bulgarische Strecken auch diverse schmalspurige Ausführungen. Die ersten Schlepptenderlokomotiven dieser Achsfolge in Europa entstanden ab 1931 mit der Reihe ФД (FD) in der Sowjetunion, nach dem Vorbild der im gleichen Jahr von Baldwin gelieferten Maschinen der SŽD-Reihe Tb. In den 1930er Jahren kamen Schlepptenderlokomotiven dieser Bauart auch in Frankreich, Deutschland, Rumänien und der Türkei zum Einsatz. Weitere Bahngesellschaften folgten, so 1943 die spanische RENFE. In der Nachkriegszeit beschafften noch Griechenland und die Sowjetunion neue 1’E1’-Schlepptenderlokomotiven, während letzte Serien von Santa-Fe-Tenderlokomotiven noch für die Türkei, in der Bundesrepublik Deutschland sowie in der DDR entstanden. Im Zuge der Verdieselung und Elektrifizierung des europäischen Eisenbahnnetzes wurden die letzten Santa Fe-Schlepptenderlokomotiven im europäischen Normalspurnetz Anfang der 1970er Jahre abgestellt, die letzten Tenderlokomotiven der Achsfolge Anfang der 1980er Jahre. Auf Schmalspurstrecken in Deutschland stehen einige 1’E1’-Tenderlokomotiven jedoch heute noch im täglichen Einsatz.
Ab 1915 beschafften auch Bahngesellschaften auf anderen Kontinenten Lokomotiven dieser Achsfolge, beginnend 1915 mit zehn Schlepptenderlokomotiven für die damalige portugiesische Kolonie Mosambik. In Südamerika beschafften einzelne Bahngesellschaften 1’E1’-Lokomotiven, einzelne Baureihen gab es auch in einigen asiatischen Staaten, so im Iran und den Philippinen. Die größte Stückzahl erreichte jedoch die Volksrepublik China, deren Staatsbahn neben der Übernahme gebrauchter Lokomotiven der Serie ФД aus der Sowjetunion vor allem über 4700 in China gebaute Exemplare der Reihe QJ einsetzte. Die letzten QJ wurden bis 2006 im schweren Hauptstreckendienst in China auf der Jitongbahn eingesetzt.
Santa-Fe-Lokomotiven in ausgewählten Ländern Deutschland mini|Lokomotive 95 027 der DR-Baureihe 95 und Lokomotive 95 6676 („MAMMUT“) der Tierklasse der HBE als Vertreter der ersten deutschen 1’E1’-Lokomotiven mini|Lokomotive 45 010, die letzte erhaltene Maschine der DR-Baureihe 45 als Ausstellungsstück in Lichtenfels mini|99 789 der DR-Baureihe 99.77–79 für 750-mm-Schmalspur auf der Fichtelbergbahn Die ersten deutschen Lokomotiven der Achsfolge 1’E1’ entstanden 1920 bei Borsig nach einem Entwurf von August Meister für die Halberstadt-Blankenburger Eisenbahn (HBE). Die von der HBE nach den Namen der Lokomotiven als Tierklasse bezeichneten Tenderlokomotiven dienten der Ablösung des aufwändigen Zahnstangenbetriebs und der Umstellung auf reinen Adhäsionsbetrieb. Zur Umstellung ihrer eigenen Zahnradstrecken in Thüringen und für den schweren Schubdienst auf den diversen Rampenstrecken in den deutschen Mittelgebirgen beschaffte die Deutsche Reichsbahn (DR) nach dem Vorbild der Tierklasse ab 1923 ihre Baureihe 95. Im Zuge der Beschaffung ihrer Einheitsdampflokomotiven kamen ab Ende der 1920er Jahre weitere 1’E1’-Tenderlokomotiven zur Reichsbahn, insgesamt vier Baureihen für Normal- und Schmalspur. Teil des Einheitslokomotivenprogramms war auch eine Schlepptenderlokomotive mit dieser Achsfolge. Die DR-Baureihe 45 wurde ab 1936 erprobt, die Konstruktion zeigte jedoch diverse Schwächen. Insbesondere führte die große Rohrlänge im Langkessel zu einem wenig belastbaren Kessel und wiederholten Schäden. Auch der Verzicht auf einen Stoker, was den Einsatz von zwei Heizern bedingte, erwies sich als Nachteil. Die ursprünglich geplante Bestellung von 130 Stück wurde nach Beginn des Zweiten Weltkriegs nicht umgesetzt, es blieb bei relativ wenigen Exemplaren. In den 1920er und 1930er Jahren beschafften nach dem Vorbild der Tierklasse auch einige private Bahngesellschaften schwere 1’E1’-Tenderlokomotiven. Darunter befanden sich mit einigen von den Sandbahnen in Oberschlesien beschafften Maschinen die schwersten und leistungsfähigsten deutschen Tenderlokomotiven.
Nach dem Krieg verblieben fast alle Lokomotiven der Baureihe 45 bei der Deutschen Bundesbahn (DB), die sie teilweise noch modernisierte und mit neuen Kesseln ausrüstete. Die letzte Maschine wurde von der DB 1969 ausgemustert. In der DDR verblieb eine Lokomotive der Baureihe, die Anfang der 1950er Jahre versuchsweise mit einem La-Mont-Hochdruckkessel ausgerüstet wurde. Nach wenigen, erfolglosen Versuchsfahrten musste die so entstandene DR H 45 024 abgestellt werden. Von den normalspurigen Tenderlokomotiven blieben die letzten Maschinen der Baureihe 95 in der DDR bei der Deutschen Reichsbahn (DR) bis Anfang der 1980er Jahre im Einsatz.
Die letzten neuen 1’E1’-Lokomotiven auf deutschen Schienen waren Tenderlokomotiven für die Schmalspurstrecken der DR in 750-mm- und 1000-mm-Spur, die in den 1950er Jahren geliefert wurden. Von diesen Maschinen stehen einige weiterhin im täglichen Einsatz auf den verbliebenen Schmalspurstrecken im Harz, Sachsen und auf der Insel Rügen.
Schlepptenderlokomotiven DR-Baureihe 45, 28 Stück, Baujahre 1936 bis 1941 HF 40751 bis 40756, 6 Stück, Baujahre 1941 bis 1942 (750-mm-Schmalspur)heeresfeldbahn.de: Schwere 1E1-Lok, abgerufen am 6. Juli 2023Lokomotiven der deutschen Heeresfeldbahnen, zwei Maschinen 1948 in Tenderlokomotiven für die Kerkerbachbahn umgebaut.
Tenderlokomotiven HBE Tierklasse, 4 Stück, Baujahr 1920 DR-Baureihe 95, 45 Stück, Baujahre 1922 bis 1924 SBG Nr. 4, 1 Stück, Baujahr 1924locomotives.com: TKz, abgerufen am 6. Juli 2023 DR-Baureihe 99.73–76, 32 Stück, Baujahre 1928 bis 1933 (750-mm-Schmalspur) SBG Nr. 5, 1 Stück, Baujahr 1929 DR-Baureihe 99.22, 3 Stück, Baujahr 1931 (1000-mm-Schmalspur) DR-Baureihe 85, 10 Stück, Baujahre 1932 bis 1933 DR-Baureihe 84, 12 Stück, Baujahre 1935 bis 1937 SBG Nr. 6 bis 9, 4 Stück, Baujahre 1935 bis 1938 PBHAG Nr. 8, 1 Stück, Baujahr 1936 PBHAG Nr. 9, 1 Stück, Baujahr 1936 WLE 0121–0123, 3 Stück, Baujahre 1937 bis 1942 WEBA 4, 1 Stück, Baujahr 1940 Kerkerbachbahn 15 und 16, 2 Stück, Baujahr 1948 (1000-mm-Schmalspur)Umbau aus 750-mm-Schlepptenderlokomotiven der Heeresfeldbahn. OHE 84 201, 1 Stück, Baujahr 1952 DR-Baureihe 99.23–24, 24 Stück, Baujahre 1952 bis 1954 (1000-mm-Schmalspur) DR-Baureihe 99.77–79, 26 Stück, Baujahre 1952 bis 1956 (750-mm-Schmalspur)
Österreich mini|Die Lokomotive 95.112 als Denkmallokomotive am Bahnhof Payerbach-Reichenau Für den schweren Güterverkehr auf den kurzen Strecken zwischen Wien und den im Vertrag von Saint-Germain festgelegten neuen Staatsgrenzen der Republik Österreich beschafften die Bundesbahnen Österreichs nach dem Ersten Weltkrieg die Tenderlokomotiven der Reihe BBÖ 82. Außer auf den Grenzstrecken übernahmen die leistungsfähigen Lokomotiven auch Dienste auf anderen Strecken, unter anderem als Vorspannlokomotiven auf der Semmeringbahn. Nach dem Anschluss Österreichs übernahm die Deutsche Reichsbahn die Lokomotiven als Baureihe 95.1, die 1945 wieder ins Leben gerufenen österreichischen Bundesbahnen behielten diese Nummerierung bei. Die letzten Maschinen wurden Anfang der 1970er Jahre ausgemustert. BBÖ 82, Baujahre 1922 und 1928, 24 Stück
China mini|Die QJ 2204 im Jahr 1984 in Changchun