Was ist Autorität? (Titel der parallel entstandenen englischen Fassungen: What Was Authority?, What Is Authority?) ist ein Essay, den Hannah Arendt in mehreren inhaltlich leicht voneinander abweichenden Fassungen geschrieben hat, von denen die erste im Februar 1956 in deutscher Sprache in der Zeitschrift Der Monat veröffentlicht wurde.
Ausgangspunkt des Essays ist Arendts Kritik an einer Erosion des trennscharfen Denkens, die sie in zeitgenössischen Diskursen der Sozialwissenschaften beobachtet, insbesondere beim Schreiben über Autorität, die, wie sie aufweist, oft ungenau mit Macht und Gewalt gleichgesetzt wird. Dieser Begriffsverwischung setzt sie in dem Essay eine detaillierte Rekonstruktion des Autoritätsbegriffs entgegen, der wesentlich von Platon vorgedacht und in der römischen Antike als Auctoritas erstmals zur politischen Praxis wurde, bevor die christliche Kirche das Konzept von dort direkt übernommen, zur Vollentwicklung gebracht und als einzige gesellschaftliche Institution bis in die Gegenwart bewahrt hat. Arendt weist dabei auf eine enge Verzahnung von Tradition, Religion und Autorität hin, die in der politischen Sphäre ohne einander nicht existieren können.
Der Essay bildet eine der wichtigsten Stationen in einem in den 1930er Jahren entstandenen Diskurs, dessen Teilnehmer sich – in expliziter Abgrenzung sowohl von konservativen als auch von fortschrittsoptimistischen liberalen Positionen – um die Entwicklung einer demokratischen Autorität bemühen.
Inhalt Die vier Fassungen des Essays, die Hannah Arendt zwischen 1956 und 1961 veröffentlicht hat, weisen inhaltliche Abweichungen ab. Der folgenden Zusammenfassung liegt die deutsche Fassung zugrunde, die 1957 in dem Sammelband Fragwürdige Traditionsbestände erschienen ist.
Begriffsbestimmung Was Autorität nicht ist mini|Ein Schuhabsatz ist kein Hammer und Autorität ist nicht Zwang. Arendt grenzt Autorität explizit von Macht, Gewalt und Zwang ab, wobei sie die Begriffe Macht und Gewalt hier noch in einem vorläufigen Sinne gebraucht und nicht im Sinne der scharfen Definition, die sie später, in ihrem 1970 erschienenen Essay Macht und Gewalt, eingeführt hat. Autorität habe, so schreibt Arendt, mit (nicht legitimierter) Macht, mit Gewalt und mit Zwang gemeinsam, dass sie stets mit dem Anspruch auf Gehorsam auftrete. Mit allen dreien werde sie darum oft verwechselt. Dahinter stecke die (falsche) Logik, dass aus den zwei Prämissen: Autorität führt Gehorsam herbei Zwang führt Gehorsam herbei gefolgert werde, dass Autorität eine Art Zwang sein müsse. Arendt führt diesen Syllogismus ad absurdum, indem sie ihn mit einem zweiten vergleicht, bei dem aus den beiden Prämissen: mit dem Absatz eines Frauenschuhs kann ein Nagel eingeschlagen werden mit einem Hammer kann ein Nagel eingeschlagen werden die Schlussfolgerung gezogen wird, ein Schuhabsatz sei ein Hammer.
Von Macht und Gewalt unterscheidet Autorität sich insofern, als sie den Gebrauch jeglichen Zwanges ausschließt: „[…] wo Gewalt gebraucht wird, um Gehorsam zu erzwingen, hat Autorität immer schon versagt.“
Weil Autorität etwas anderes ist als Zwang oder Gewalt, widerspricht Arendt auch der – sowohl im Liberalismus als auch im Konservativismus verbreiteten – Auffassung, dass moderne Diktaturen (zeitgenössische Diktatoren waren z. B. Franco, Mao, Stroessner) und totalitäre Herrschaftsformen mit autoritärer Herrschaft gleichzusetzen seien. Arendt bezieht sich bei ihrer Kritik der Assoziation von Autorität mit Faschismus nicht explizit auf das Institut für Sozialforschung und die Frankfurter Schule; sie konnte bei ihren Lesern jedoch als bekannt voraussetzen, dass der Begriff der Autorität eben dort – besonders durch Erich Fromms und Theodor W. Adornos Arbeiten über den autoritären Charakter – in die Nähe zu „faschistischem Denken“ geraten ist.
Was Autorität ist Während Gewalt nie legitim ist und Macht legitim oder illegitim sein kann, legitimiert autoritäre Herrschaft ihre Autorität immer, und zwar durch Berufung auf eine Quelle, die nicht von denjenigen geschaffen wurde, die Autorität gerade ausüben: etwa auf das Naturrecht, auf die Gebote Gottes oder auf uralte Bräuche.
Die autoritäre Ordnung ist eine hierarchische Ordnung, „deren Legitimität beide Parteien [die befehlende und die gehorchende] anerkennen und die jedem von ihnen seinen von ihr vorbestimmten, unveränderten Platz anweist.“ Während die Mitglieder egalitärer Ordnungen mit Argumenten arbeiten, also mit dem Versuch, das Verhalten anderer durch Überzeugen zu beeinflussen, ist Autorität mit Überzeugen nicht vereinbar; Argumentieren setzt Autorität außer Kraft.
Autorität, konservativ und liberal gesehen Arendt unterscheidet eine konservative und eine liberale Sicht auf Autorität. Der Konservatismus beruft sich auf „Autorität überhaupt“, will aber, um Katastrophen abzuwenden, die aus einer zügellos gewordenen Freiheit zu erwachsen drohen, „zumeist eine ganz spezifische Autorität restaurieren“. Beiläufig bemerkt Arendt, dass ausschließlich in konservativen Ideologien der Versuch unternommen werde, das Beispiel der Erziehung durch Autorität ins Politische zu übertragen. Sie selbst distanziert sich von beiden Sichtweisen – der konservativen ebenso wieder liberalen –, hält die Sicht des Konservatismus aber gleichzeitig für die unerheblichere (weil weniger verbreitete) und die schädlichere, da nur von seiner Seite die Gefahr drohe, „eine Ersatzautorität in Form von Zwangsherrschaft heraufzubeschwören, also die Freiheit zu beschneiden unter der Vorgabe, daß es ohne Gewalt, Autorität genannt, nicht geht.“
Dem Liberalismus ist, so schreibt Arendt, der Optimismus eigen, dass die moderne Geschichte eine Geschichte des Fortschritts sei, welcher, sofern er nicht behindert werde, aus einer inneren Dynamik heraus zum Abbau von Autorität und damit zum Gewinn von Freiheit strebe. Weil er davon überzeugt ist, dass alle Macht korrumpiert, setzt er Autorität, Macht und Gewalt gleich. Dabei gehe der Liberalismus davon aus, „daß jeder Autoritätsverlust […] von einer neugewonnenen Freiheit aufgewogen werde“. Dabei übersehe er jedoch, wie Arendt kritisiert, die „Unterschiede zwischen einer autoritär beschränkten Freiheit, der tyrannischen Abschaffung der politischen Freiheit und der totalen Elimination jeder Spontaneität, wie wir sie nur in totalitär beherrschten Ländern finden.“ Tyrannische oder totalitäre Herrschaft habe aber nichts mit Autorität zu tun. In einem autoritär geleiteten Gemeinwesen begrenze die Autorität die Freiheit zwar; wenn sie sie gänzlich abschaffen wollte, würde sie aber zur Tyrannei und verlöre damit ihre Substanz. Einen Gewinn an Freiheit durch fortschreitenden Bedeutungsverlust von Autorität sieht Arendt schon allein darum nicht, weil sie – parallel zum Bedeutungsschwund von Autorität – einen Bedeutungsverlust auch von Freiheit im überlieferten Wortsinne konstatiert. Ihre Mahnung, den Freiheitsbegriff philosophisch neu zu fassen, erfolgt unter dem Eindruck, dass die Menschheit in der Gegenwart zum ersten Mal die Möglichkeit erlangt hat, Freiheit dafür zu missbrauchen, das organische Leben auf der Erde zu vernichten.
Die Freiheit zählt zu den zentralen Begriffen in Arendts politischem Denken; einschlägig hat sie sich damit etwa in ihrem Vortrag Freedom and Politics (1960), ihrem Essay What Is Freedom (1961) und ihrem erst postum veröffentlichten Essay Die Freiheit, frei zu sein beschäftigt.
Ideengeschichte der Autorität Wie Arendt bereits am Eingang des Essays betont, ist ihr Ziel nicht eine Neudefinition, sondern vielmehr eine Rekonstruktion des in der Philosophiegeschichte bereits hinlänglich definierten, gegenwärtig offenbar aber wieder unklar gewordenen Autoritätsbegriffes; diesem schließt sich eine kleine Geschichte der Idee der Autorität an.
Antikes Griechenland mini|hochkant|Platons theoretische Grundlegung der Autorität fand im antiken Griechenland noch keine praktische Anwendung, wurde in späteren Jahrhunderten aber überaus einflussreich. Der erste Philosoph, auf den Arendt sich dabei beruft, ist Platon. Die griechische Antike kannte Gehorsam als den Gehorsam vor einem Tyrannen, und als den Gehorsam vor einem Heerführer und als den Gehorsam vor einem Haushaltsvorstand (δεσπότης, despotes). Angesichts der Verwahrlosung der Athenischen Polis war Platon im 4. Jahrhundert v. Chr. auf der Suche nach einer Regierungsform, die weder – wie die innenpolitischen Angelegenheiten in der Polis – in Überredung (πειδειν, peithein) noch – wie in der Außenpolitik – in Gewalt (βια, bia) bestand. Die Modelle, von denen er sich bei der Entwicklung einer alternativen Herrschaftsform leiten ließ, entnahm er der Sphäre dessen, was in Griechenland als privat galt: der Beziehung zwischen dem Steuermann eines Schiffes und den Passagieren, dem Arzt und seinen Patienten, dem Hirten und seiner Herde, dem Herrn und den Sklaven; allen gemeinsam ist, dass die Gehorchenden deshalb gehorchen, weil der Befehlende entweder überragende Sachkunde besitzt oder einer anderen Kategorie von Lebewesen angehört (was nach griechischer Auffassung auch für das Verhältnis von Herrn und Sklaven galt). Was Platon interessierte, war die Idee einer Herrschaft, die deshalb weder eine Machtergreifung noch Zwangsmittel brauche, weil sie in der Hierarchie zwischen Befehlendem und Gehorchendem von vornherein begründet sei; er kam hier dem späteren Konzept der Autorität näher als jeder andere griechische Philosoph. Er schlug dann – letztlich in seiner Ideenlehre begründet und utopisch – eine Herrschaft des Gesetzes bzw. der Vernunft vor, deren Repräsentant für ihn der Philosoph war.
mini|hochkant|links|Auch Aristoteles’ theoretische Überlegungen haben spätere Autoritätskonzepte stark geprägt. Einen von diesem Ansatz deutlich abweichenden Versuch, etwas wie Autorität theoretisch zu begründen, unternahm Platons Schüler Aristoteles. Dieser war überzeugt, dass in jedem politischen Gemeinwesen gewisse Hierarchien, in denen einige Menschen herrschen und andere beherrscht werden, von Natur aus gegeben seien. Sein Bekenntnis, dass die Polis eine Gemeinschaft von Gleichen sei, stand hierzu in keinerlei Widerspruch, denn nur Haushaltsvorsteher konnten sich zusammenfinden, um eine Polis zu bilden; in dieser gebe es dann kein Herrschen und Beherrschtwerden mehr. In charakteristischem Widerspruch zu heutigen Auffassungen ging Aristoteles davon aus, dass Herrschaft in der privaten Sphäre notwendig sei, um das Überleben und den Fortbestand der Gattung zu gewährleisten (Herren etwa werden von vielen physischen Lebensnotwendigkeiten durch die Arbeitsleistung ihrer Sklaven befreit); in der politischen Sphäre, die erst betreten werde, wenn das Am-Leben-Bleiben sichergestellt und für das Individuum damit die Freiheit entstanden sei, sich auch einem Gut-Leben zuzuwenden, habe Herrschaft dagegen gar keine Funktion mehr. Wie Platon vor ihm, wollte aber auch Aristoteles in die Regelung öffentlicher Angelegenheiten und das Leben der Polis eine Art Autorität einführen und wies als Beispiel auf „die von der Natur selbst ja vorgezeichnete Unterscheidung zwischen Älteren und Jüngeren“ hin. Arendt kritisiert, dass dieses Beispiel für die Etablierung eines Herrschaftsverhältnisses in der Politik denkbar ungeeignet sei, da erstens erzieherische Autorität mit Herrschen überhaupt nichts zu tun habe und da man es zweitens im Bereich des Politischen immer schon mit fertig erzogenen, erwachsenen Menschen zu tun habe.
Dass Platons und Aristoteles’ theoretische Anregungen in Griechenland nicht in die Praxis überführt wurden, erklärt Arendt damit, dass die Zeitgenossen mit dem Konzept „Autorität“ nur aus der nicht-politischen Sphäre vertraut waren und sich nicht vorstellen konnten, wie es in der Politik könnte Anwendung finden.
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