mini|Lew Dawidowitsch Bronstein, genannt Leo Trotzki (um 1918) rahmenlos|zentriert|hochkant=0.6|klasse=notpageimage skin-invert-image|Unterschrift von Leo Trotzki Leo Trotzki ( Lew Trozki, wiss. Transliteration ; * als Lew Dawidowitsch Bronstein, russisch , Transliteration in Janowka, Gouvernement Cherson, Russisches Kaiserreich; † 21. August 1940 in Coyoacán, Mexiko) war ein russischer Revolutionär, kommunistischer Politiker und marxistischer Theoretiker.
Trotzki, wie er sich ab 1902 nannte, war der maßgebliche Organisator der Revolution vom , der die Bolschewiki unter der Führung von Wladimir Lenin an die Macht brachte. In der anschließend gebildeten Regierung war er bis 1918 als Volkskommissar des Auswärtigen, für Ernährung, Transport und Verlagswesen sowie bis 1925 als Volkskommissar für das Kriegswesen beteiligt. Als Kriegskommissar gründete er die Rote Armee, an deren Organisation und an deren Sieg im Russischen Bürgerkrieg er wesentlichen Anteil hatte. Nach Lenins Tod 1924 wurde Trotzki von Josef Stalin zunehmend entmachtet, 1929 ins Exil gezwungen und 1940 von dem sowjetischen Agenten Ramón Mercader in Coyoacán ermordet.
Nach ihm wurde die von der sowjetischen Parteilinie des Marxismus-Leninismus abweichende Richtung des Trotzkismus benannt.
Leben Kindheit und Jugend mini|hochkant|Lew Bronstein als Neunjähriger, 1888 Lew Dawidowitsch Bronstein, der später den Kampfnamen Leo Trotzki annehmen sollte, wurde am in Janowka, einem Dorf im Gouvernement Cherson (damals Russisches Kaiserreich, heute Ukraine), geboren. Obwohl die Familie zur jüdischen Bevölkerung gehörte, sprach sie kein Jiddisch, sondern die russisch-ukrainische Mischsprache Surschyk. Sein Vater Dawid Leontjewitsch Bronstein (1847–1922) war Landwirt, der es zu einigem Wohlstand gebracht hatte und mit Hilfe von Lohnarbeitern einen größeren Bauernhof in der Nähe der Kleinstadt Bobrynez bewirtschaftete. Trotzkis Vater war nicht religiös, seine Mutter Anna Lwowna (1850–1910) befolgte das jüdische Gesetz nicht streng.Harry Wilde: Trotzki in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek 1995, ISBN 3-499-50157-0, S. 7 f. Lews Schwester Olga engagierte sich später ebenfalls in der revolutionären Bewegung und heiratete den einflussreichen Parteitheoretiker Lew Kamenew.
Seine Kindheit in Janowka erlebte Bronstein weder als unbeschwert noch als bedrückend. In seiner Autobiografie Mein Leben berichtete er von einer „biederen Kleinbürgerkindheit, farblos in der Schattierung, beschränkt in der Moral, nicht von Kälte und Not, aber auch nicht von Liebe, Überfluss und Freiheit geprägt“. 1886 besuchte Bronstein zunächst den Cheder, eine religiös geprägte Grundschule in der benachbarten Kolonie Gromokley und lernte Russisch, Arithmetik und Hebräisch. Ab 1888 absolvierte er die von Schwarzmeerdeutschen geführte lutherische Realschule zum Heiligen Paulus in der Hafenstadt Odessa – als Jude war ihm der Besuch des Gymnasiums verwehrt.Matthias Vetter: Trotzki, Lew [Lew Bronstein] . In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 2: Personen De Gruyter Saur, Berlin 2009, ISBN 978-3-598-44159-2, S. 840. Auf der Schule lernte Bronstein das ländliche, orthodoxe Judentum aus der aufgeklärten Sicht des Bürgertums zu sehen und begann, sich für ein weltoffenes, assimiliertes Judentum einzusetzen. Mit 17 Jahren begann er, sich politisch von einem radikaldemokratischen Oppositionellen zu einem Volkstümler (Narodnik) zu entwickeln, einer der neben dem Marxismus populärsten oppositionellen Richtungen jener Tage. Bronstein trat einem Diskussionszirkel junger Oppositioneller bei, in dem er die Positionen der Volkstümler vertrat. Seine Kontrahentin und spätere Ehefrau war die sieben Jahre ältere Alexandra Sokolowskaja, die sich als Marxistin verstand. Als er begann, sich politisch zu betätigen, stellten seine Eltern ihre Unterhaltszahlungen ein. Als Jahrgangsbester legte Bronstein 1897 das Abitur in Nikolajew ab.Heinz Brahm: Trockij, Trotzkismus. In: Claus D. Kernig (Hrsg.): Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft. Eine vergleichende Enzyklopädie. Band 6: Sozialrevolutionäre bis Zufall. Herder, Freiburg/Basel/Wien 1972, Sp. 491–507, hier Sp. 492. Er war im sozialdemokratischen Südrussischen Arbeiterbund aktiv, wo er als Propagandist und Verbindungsmann zwischen den Gruppen in Nikolajew und Odessa fungierte.Ilona Steiler: Die Idee der „Permanenten Revolution“: Leo Trotzki. In: Alexander Straßner (Hrsg.): Sozialrevolutionärer Terrorismus. Theorie, Ideologie, Fallbeispiele, Zukunftsszenarien. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-15578-4, S. 69–78, hier S. 69.
Erste Haft und Flucht mini|hochkant|Polizeifoto von Bronstein nach seiner Festnahme 1898 Anfang 1898 nahm die zaristische Geheimpolizei Ochrana Bronstein im Rahmen von Massenverhaftungen fest und ließ ihn in den Gefängnissen von Nikolajew, Cherson und Odessa einsitzen. 1899 wurde er zur Verbannung nach Sibirien verurteilt, wo er erstmals Schriften von Karl Marx las. Eine intensive Auseinandersetzung mit dem dialektischen und historischen Materialismus lässt sich auch in seinen späteren Schriften nicht nachweisen. Der Historiker Dimitri Wolkogonow attestiert Trotzki ein „Fehlen fester marxistischer Überzeugungen“.Dimitri Wolkogonow: Stalin. Triumph und Tragödie. Econ, Düsseldorf/Wien 1993, ISBN 3-612-26011-1, S. 143. Laut dem Philosophen Tim Rojek war Trotzki im Wesentlichen Praktiker, wesentliche Auseinandersetzungen mit dem Marxismus habe er nicht geleistet.Tim Rojek Leo Trotzki. In: Michael Quante, David P. Schweikard (Hrsg.): Marx-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. J.B. Metzler, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-02332-2, S. 361.
Im Moskauer Überführungsgefängnis Butyrka heiratete der Revolutionär 1900 Alexandra Sokolowskaja, die ihn wenig später in die Verbannung nach Irkutsk begleitete. Im folgenden Jahr wurde ihre erste Tochter, Sinaida, geboren und 1902 die zweite Tochter Nina (gest. 1928).Robert Service: Trotsky: A Biography, S. 328 (Google Books). Im Jahre 1902 verließ er wegen seiner revolutionären Arbeit seine Frau und die beiden kleinen Töchter und floh mit einem gefälschten Pass aus der Verbannung.Dimitri Wolkogonow: Stalin. Triumph und Tragödie. Econ, Düsseldorf/Wien 1993, S. 214. In den Pass trug er den Namen Trotzki ein, womit er sich nach einem seiner Gefängnisaufseher benannte. Diesen Namen verwendete er bis zum Ende seines Lebens.Harry Wilde: Trotzki in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek 1995, S. 31.
Vor dem Umsturz Wenig später, im Herbst 1902, kam Leo Trotzki, der Einladung von Wladimir Iljitsch Lenin folgend, nach London und wohnte mit ihm zusammen. Er wurde Mitarbeiter in der Zeitung Iskra (Der Funke), dem Parteiorgan der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR), die von Lenin geleitet wurde. Dieser wollte Trotzki in den Redaktionsstab aufnehmen, was ihm den Spitznamen „Leninscher Knüppel“ einbrachte; nach der Spaltung der russischen Sozialdemokratie führte er diese Arbeit jedoch nicht mehr fort. Bald schon trat er der SDAPR Georgi Plechanows bei und vertrat auf dem II. Parteitag der SDAPR in der britischen Hauptstadt den sogenannten Sibirischen Bund.
In dieser Zeit lernte Trotzki auch Alexander Parvus, eigentlich Israil Lasarewitsch Helphand, kennen, der aus einem jüdischen Schtetl in der Nähe von Odessa stammte und der in der deutschen SPD sein politisches Betätigungsfeld gefunden hatte. Der ältere Parvus prägte den jungen Trotzki sehr stark. Dessen „Theorie der permanenten Revolution“ basiert zum Teil auf einer ähnlichen Konzeption von Parvus. Mit dem Judentum identifizierte Trotzki sich gleichwohl nicht: Gegenüber Bundisten erklärte er 1903, er sehe sich weder als Russe noch als Jude, sondern als Sozialdemokrat. 1902 hielt sich Trotzki zeitweise in Paris auf, wo er die Kunstgeschichtsstudentin Natalja Sedowa kennenlernte. Sie blieb bis zu seinem Lebensende an seiner Seite.Julijana Rane: Trotzki und die Literaten. Literaturkritik eines Außenseiters. M & P, Verlag für Wissenschaft und Forschung, Wien 1997, ISBN 978-3-476-04273-6, S. 80.
Auf dem zweiten Parteitag der SDAPR kam es 1903 zur Spaltung der Partei über die Frage, wer als Parteimitglied betrachtet werden könne. Opponenten bei dieser Auseinandersetzung waren einerseits Lenin, nach dessen Meinung nur Personen Parteimitglied sein konnten, die sich persönlich engagierten, und andererseits Julius Martow, der lediglich die Unterstützung der Partei als Grundlage einer Parteimitgliedschaft ansah. Diese Haltung unterstützte auch Trotzki. Bei der folgenden Abstimmung siegten die Anhänger Lenins, die in der Folge Bolschewiki (deutsch: Mehrheitler) genannt wurden; ihnen standen die Menschewiki (deutsch: Minderheitler) entgegen.Gerd Koenen: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus. Beck, München 2017, ISBN 978-3-406-71426-9, S. 590 ff. In der Folge veröffentlichte Trotzki das Pamphlet Unsere politischen Aufgaben, in dem er Lenin vorwarf, er wolle die einfachen Parteimitglieder zu bloßen Befehlsempfängern degradieren. Lenins Vorstellungen vom „sozialdemokratischen Jakobiner“ und einer zentralistischen Führerorganisation liefen für ihn nicht auf eine Diktatur des Proletariats hinaus, sondern auf eine „Diktatur über das Proletariat“.Mike Schmeitzner: Antinomie und Verflechtung. Kautsky, Lenin, Trotzki und der Deutungskampf um die „Diktatur des Proletariats“. In: derselbe (Hrsg.): Die Diktatur des Proletariats. Begriff – Staat – Revision. Nomos, Baden-Baden 2022, ISBN 978-3-7489-2576-7, S. 43–64, hier S. 49. In seinem Bericht über den Parteitag sah er die Folgen des Demokratischen Zentralismus voraus:
Bereits im September 1904 verließ Trotzki die Menschewiki und nahm bis 1917 eine unabhängige Position zwischen beiden Parteiflügeln ein: Seine „Theorie der permanenten Revolution“ stand den Bolschewiki näher, in Fragen der Parteiorganisation dachte er eher menschewistisch.
Von August 1904 an wohnte Trotzki ein halbes Jahr lang in München, bis er nach dem St. Petersburger Aufstand im Oktober 1905 nach Russland zurückkehrte. Zusammen mit Parvus wurde er Mitglied des St. Petersburger „Sowjets (Rat) der Arbeiterdeputierten“, dessen Vorsitz er übernahm. Das Oktobermanifest, in dem Zar Nikolaus II. den Aufständischen Zugeständnisse gemacht hatte, zerriss er während einer Rede: „Man hat uns eine Konstitution gegeben, aber die Autokratie bleibt. Man hat uns alles gegeben, und man hat uns nichts gegeben.“Gerd Koenen: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus. Beck, München 2017, S. 614.
Nach Auflösung des St. Petersburger Sowjets kam Trotzki erneut in Haft, wo er die Schrift Bilanz und Ausblick – Russland in der Revolution verfasste. Er wurde zu lebenslanger Verbannung verurteilt und ins Gouvernement Tobolsk geschickt. Kurz nach der Ankunft in Sibirien floh er 1907 erneut.Manfred Wichmann: Leo D. Trotzki 1879–1940. LeMO, 14. September 2014, abgerufen am 27. Januar 2023. Bis 1914 lebte er mit seiner Lebensgefährtin Natalja Sedowa in Wien zusammen und führte ein scheinbar harmloses Leben. Regelmäßig spielte er Schach im Café Central – einer Anekdote zufolge bezweifelte daher Jahre später ein österreichischer Minister die Aussichten auf eine Revolution in Russland: „Wer sollte sie denn machen. Vielleicht der Herr Trotzky aus dem Café Zentral?“Julijana Rane: Trotzki und die Literaten. Literaturkritik eines Außenseiters. M und P, Verlag für Wissenschaft und Forschung, Wien 1997, S. 113. 1906 und 1908 wurden Trotzkis und Sedowas Söhne Lew und Sergej geboren. Ab 1908 gab er zusammen mit Adolf Joffe die Zeitung Prawda (deutsch: „Wahrheit“) heraus, die das Motto hatte: „Lehren, nicht führen“. Sie ist nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen von Lenin herausgegebenen Zeitung.Gerd Koenen: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus. Beck, München 2017, S. 650.