Earth for all (auch earth4all) ist eine internationale Initiative, die untersucht, wie die Grundbedürfnisse für alle Menschen innerhalb der planetaren Grenzen der Erde noch in diesem Jahrhundert gedeckt werden können.

Der Auftrag kam vom Club of Rome. Die Ergebnisse sind 2022 in Buchform erschienen, Herausgeber ist ebenfalls der Club of Rome, eine der Präsidentinnen des Club of Rome ist die Projektleiterin und Hauptautorin (Sandrine Dixson-Decleve). Der Originaltitel ist „Earth for All – A Survival Guide for Humanity“. Es ist ein weiterer Bericht an den Club of Rome. Zusätzlich wurden begleitende tiefergehende Beiträge (earth4all deep dive) erstellt. Diese sind auf der Homepage des Club of Rome abrufbar. Insgesamt dauerte das Projekt (die Studie) zwei Jahre, mit den vorbereitenden Arbeiten über 10 Jahre.

Am 14. Oktober 2024 wurde eine länderspezifische Ausgliederung der Studie für Deutschland vorgestellt. mini|Club of Rome

Thematik Thematisch geht es um globale Probleme und um globale Lösungen: Hunger und Armut abschaffen, Ungerechtigkeit zwischen den Staaten verringern, Ungleichheit innerhalb der Staaten reduzieren, Geschlechtergerechtigkeit weltweit herstellen und gleichzeitig Klimaschutz, nachhaltige Landwirtschaft, Schutz der Umwelt, langfristige Nachhaltigkeit in allen Sektoren umsetzen. Alle diese Themen werden systemdynamisch betrachtet, da sie sich gegenseitig dynamisch beeinflussen.

Methodik Experten aus verschiedenen Wissenschaften haben Konzepte entwickelt und testeten sie mit Computersimulationsmodellen.

Ziel ist es, ein menschenwürdiges Leben für alle zu ermöglichen und trotzdem nachhaltig die planetaren Grenzen zu beachten.

Earth for all konzentriert sich auf die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Umwelt. Die Analyse besteht aus zwei sich ergänzenden Methoden: Die Transformational Economics Commission (TEC) hat wirtschaftliche Konzepte entwickelt und die systemdynamischen Computersimulationsmodelle Earth4All haben diese Konzepte in ihren Auswirkungen langfristig getestet. Die Modelle ermöglichten dem Team, die verschiedenen wirtschaftlichen Konzepte und alle Maßnahmen zu überprüfen. Es gibt ein globales Modell und ein komplexeres Modell, das die Entwicklungen in 10 unterschiedlichen Weltregionen und deren Wechselwirkungen erfasst.

Diese Modelle wurden zuerst erprobt mit Daten und Berechnungen für vergangene Jahrzehnte und ergaben ausreichend genaue Übereinstimmungen mit den realen Daten. Die Modelle berechnen nicht die Zukunft, sondern Wahrscheinlichkeiten von Entwicklungen, die eintreten, wenn wir als Menschheit heute dies oder jenes tun. Inhalt Mit den earth for all Modellen sind verschiedene Szenarien modellierbar, zwei davon werden genauer analysiert: Szenario 1 ist quasi weiter wie bisher, genannt „too little too late“. Szenario 2 ist der Vorschlag der Expertenkommission, genannt „giant leap“ oder deutsch „der große Sprung“.

In Szenario 1 wird die absolute Armut länger anhalten, die Ungleichheit wird sich sogar noch vertiefen, es wird zu mehr sozialen Spannungen und Klimaproblemen kommen. Kriege und „failed states“ werden wahrscheinlicher. Staaten werden in den Autoritarismus abgleiten. Weil nationale und regionale Spannungen zunehmen, wird es immer schwieriger, die Klima- und Wirtschaftskrisen zu lösen. Die Menschheit wird nicht untergehen, die Lebensbedingungen werden aber gravierend schlechter werden.

Szenario 2 analysiert die Auswirkungen, wenn fünf „Kehrtwendungen“ gemacht werden, um eine humane Zukunft für alle zu ermöglichen. Für jede Kehrtwende werden drei Empfehlungen genannt, die erste ist jeweils im bestehenden System möglich, die zweite ist bereits weitreichender, die dritte ist erst durch einen grundlegenden Paradigmenwechsel realisierbar.

Kehrtwende 1: Armut überwinden Hierbei geht es um die extreme Armut in einkommensschwachen Ländern, um Ungerechtigkeiten zwischen den Staaten. Ziel ist ein BIP pro Person von mindestens 15000 US-Dollar. Die drei Empfehlungen sind: Der Internationale Währungsfonds sollte jährlich neue „Sonderziehungsrechte“ in Höhe von einer Billion USD schaffen und einkommensschwachen Ländern (mit Einkommen <10000 USD pro Person) für die Schaffung grüner Arbeitsplätze zusätzliche Mittel aus nicht genutzten Sonderziehungsrechten zuweisen. Einkommensstarke Länder und die Welthandelsorganisation (WTO) sollten den lokalen Schutz junger Industrien ermöglichen und eine nachhaltige Expansion der Exporte in einkommensschwachen Ländern fördern. Die WTO sollte den Verzicht auf Rechte des geistigen Eigentums für patentierte Technologien, die für die öffentliche Gesundheit und die Energiewende notwendig sind, ermöglichen. Einkommensstarke Länder sollten die Schulden einkommensschwacher Länder erlassen und ein tragfähiges System zum Schuldenerlass für alle schuldengeplagten Länder mit mittlerem und niedrigem Einkommen schaffen.

Insbesondere der dritte Punkt stößt auf heftigen Widerstand bei den Gläubigern.

Kehrtwende 2: Ungleichheit abbauen Hier geht es um Ungerechtigkeiten innerhalb der Staaten. In den meisten Regionen der Welt ist die Ungleichheit von Jahrzehnt zu Jahrzehnt größer geworden. Vielerorts verfügen die 10 % der Reichsten über 50 % des nationalen Einkommens. Dies ist ein Rezept für zutiefst dysfunktionale, polarisierte Gesellschaften.

Ziel ist eine Verringerung der Ungleichheit, die reichsten 10 % erhalten weniger als 40 % des nationalen Einkommens.

Hier sind die drei Empfehlungen zum Thema innerstaatliche Ungleichheit:

Eine stärkere progressive Besteuerung für Einzelpersonen und große Unternehmen sowie die Schließung internationaler Schlupflöcher sind für die Bekämpfung der destabilisierenden Ungleichheit und des überbordenden Kohlenstoff- und Biosphärenverbrauchs absolut notwendig. Die Arbeitnehmer müssen gestärkt werden. Regierungen sollten Gesetze erlassen, um die Rechte von Arbeitnehmern und Gewerkschaften zu stärken. In einer Zeit großen Wandels benötigen Arbeitnehmer sowohl Schutz als auch die Möglichkeit, neue Fähigkeiten zu entwickeln. Regierungen sollten Bürgerfonds einführen, um allen Bürgern in der Form einer universellen Grunddividende ihren fairen Anteil am nationalen Reichtum und den globalen Gemeingütern zukommen zu lassen.

Mit Bürgerfonds ist gemeint, dass jeder Mensch eine Grunddividende erhält für die globalen Gemeingüter. Unternehmen beispielsweise bezahlen für Treibhausgasemissionen, für Waldrodungen oder Ressourcenverbrauch. Das Geld wird dann an alle gleichmäßig verteilt. Dieses Prinzip würde zusätzlich alle Arten von Umweltverschmutzung verringern und den Raubbau an der Natur verhindern, beispielsweise die Überfischung der Meere.

Kehrtwende 3: Frauen befähigen und stärken Hier geht es um Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen und Mädchen. Ziel ist die vollständige Gleichstellung der Geschlechter in Bezug auf Handlungsfähigkeit, Rechte, Ressourcen und Macht in Recht und Beruf.

Ziel ist volle Gleichstellung der Geschlechter auf der ganzen Erde in Bezug auf Vertretung, Rechte, Ressourcen und Macht in Recht und Beschäftigung.

Diesbezüglich sind die drei Empfehlungen:

Alle Regierungen gewährleisten die Rechte von Frauen und Mädchen auf Bildung. Alle Unternehmen und öffentliche Gremien erreichen Geschlechterparität in Führungspositionen. Alle Regierungen garantieren einen universellen sozialen Schutz und führen angemessene universelle Rentensysteme ein.

Bei der Gleichstellung der Geschlechter sind die Männer und die Religionen relevante Hindernisse.

Kehrtwende 4: Ernährungssysteme umgestalten

Ziel ist ein nachhaltiges Nahrungsmittelsystem für alle und innerhalb der Grenzen des Planeten. Alle Menschen müssen gesund ernährt werden und gleichzeitig muss die Biodiversität erhalten und die Natur geschützt werden.

Earth for all empfiehlt: Mindestens die Hälfte des Ackerlandes soll bis zum Jahr 2030 in eine regenerative und nachhaltige Landwirtschaft umgewandelt werden. Widersinnige Subventionen, Handels- und Beschaffungspraktiken sollen abgeschafft werden. Techniken für gesündere Böden und nachhaltigere und regenerative Formen der Landwirtschaft sollen gefördert werden. Der Wechsel zu gesunder Ernährung, die die Grenzen des Planeten respektiert, soll für alle ermöglicht werden.

Hindernisse sind hier Partikularinteressen von Leuten, die vom Status quo profitieren.

Kehrtwende 5: Energiewende

Ziel ist netto null Treibhausgas-Emissionen bis 2050. Diesbezügliche Empfehlungen sind:

Die auf fossilen Brennstoffen beruhenden Energiesysteme und deren Subventionen sofort abschaffen und in saubere und effiziente Energielösungen umwandeln. Elektrifizierung bei gleichzeitig größerer Effizienz soll Energie sparen, den Verbrauch von Ressourcen senken und die Luftverschmutzung reduzieren. Die Investitionen in erneuerbare Energien mit Speicherkapazität und damit verbundener Infrastruktur soll auf über eine Billion USD pro Jahr verdreifacht werden. Alle Regierungen sollen den Zugang zu sauberen Energien sichern und die Schwächsten vor Energiearmut schützen.

Die sogenannte Öl-Lobby ist hier ein wesentliches Hindernis.

Notwendige Änderungen im Wirtschaftssystem Es wird dargestellt, wie sich das Wirtschaftssystem verändert hat, im Lauf der Jahrhunderte und ganz besonders im Lauf der letzten Jahrzehnte. Die Finanzflüsse im jetzigen System werden analysiert und aufgezeigt, dass sie soziale und ökologische Krisen erzeugen und immer weiter verstärken. Daher muss die Zielsetzung des Wirtschaftssystems weg vom BIP wieder zu mehr Gemeinwohl, zu qualitativem Wachstum. Es kommt drauf an WAS wächst. Es gibt bereits mehrere Konzepte für eine Gemeinwohl-Ökonomie. Ganz besonders muss das globale Finanzsystem umgestaltet werden.

Aufruf zum Handeln Die Initiative Earth for all versteht sich in erster Linie als Empfehlung an die Regierungen der Welt. Zusätzlich will die Initiative eine möglichst große Kooperation von Regierungen, Parteien, internationalen Organisationen, Konzernen, Betrieben, NGOs und Bürgern für die Transformation in die empfohlene Richtung erzeugen. Die gute Nachricht steht bereits in der Einleitung, ein menschenwürdiges und nachhaltiges Leben ist für alle Menschen möglich und machbar.

Autoren

Hauptautoren

Sandrine Dixson-Declève (Expertin für Energiepolitik, Co-Präsidentin des Club of Rome, Projektleitung earth4all) Owen Gaffney (Nachhaltigkeitsforschung, Transformationsprozesse, Mitbegründer des Future Earth Media Lab) Jayati Ghosh (indische Ökonomin, Spezialgebiete: Weltwirtschaft, Arbeitsmuster in einkommensschwachen Ländern, Makroökonomie und Gender) Jorgen Randers (Hochschullehrer, Zukunftsforscher, Klimaforscher, Szenariotechnik und Systemdynamik) Johan Rockström (sozio-ökologischer Resilienzforscher, Spezialgebiete: Agrarwissenschaft, Bodenkunde, Hydrologie, globale Stoffkreisläufe, planetare Grenzen, Klimafolgenforschung) Per Espen Stoknes (Umweltpsychologie, Wirtschaftspsychologie, Klima- und Umweltstrategien, Energiesysteme)

Beitragende Autoren und Mitglieder der 21st Century Transformational Economics Kommission (TEC) Hochrangige Wissenschaftler aus vielen verschiedenen Disziplinen haben Konzepte erarbeitet, weiterentwickelt und diese zu einem funktionierenden Gesamtsystem zusammengefügt:

Anders Wijkman (TEC, war Co-Präsident des Club of Rome, Mitglied der Schwedischen Königlichen Akademie der Wissenschaften, Abgeordneter des Europäischen Parlaments, beigeordneter Generalsekretär der Vereinten Nationen) Hunter Lovins (TEC, Professorin für Wirtschaftswissenschaften, Juristin, Soziologin und Politikwissenschaftlerin, Gründerin der Organisation Natural Capitalism Solutions) Mamphela Ramphele (Co-Präsidentin des Club of Rome, TEC, südafrikanische Ärztin, ehemalige Politikerin und Geschäftsfrau) Ken Webster (TEC, führender Experte für Kreislaufwirtschaft) Nafeez Ahmed (TEC, Forschung zu systematischen Bedingungen von Gewalt im großen Stil, genocide studies)