Die erste Polka ist der Titel des 1975bei Carl Hanser München erschienenen ersten Bandes der Tetralogie Gleiwitz. Eine oberschlesische Chronik in vier Romanen von Horst Bienek. Erzählt wird die Geschichte der Familie Piontek in der Grenzstadt Gleiwitz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs.
Inhalt Überblick Der vom 31. August bis zum Morgen des 1. September 1939 spielende Roman besteht aus zwei personell miteinander verzahnten Teilen: Die Haupthandlung schildert aus verschiedenen mosaikartig zusammengesetzten Perspektiven den Hochzeitstag Irma Pionteks vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse in Gleiwitz und, damit verbunden, die Situation in der Grenzstadt und die Atmosphäre am Vorabend des erwarteten Kriegsbeginns, der mit dem inszenierten Angriff auf den Sender Gleiwitz als Verteidigung begründet wird.
In die Handlungen der Protagonisten und ihr Beziehungsgeflecht einbezogen sind z. B. Rückblicke auf die deutsch-polnische Familiengeschichte der Hauptfigur Valeska Piontek (Kap. 9Angaben nach: Horst Bienek: Die erste Polka. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1979.) und des Gerichtsrats Montag, ihre katholische bzw. jüdische Sozialisationen, die Veränderungen in der NS-Zeit, z. B. die drohende Auflösung des traditionellen deutsch-polnischen Katholizismus Oberschlesiens durch die nationale Indoktrinierung der Jugend.
In einem zweiten, in den Roman eingeschalteten, Handlungsstrang (Kap. 3, 6, 8, 10, 13, 16, 24) werden die Erinnerungen des ehemaligen Landgerichtsrats Georg Montag an seinen jüdischen Großvater, die Assimilation seines Vaters sowie seine Forschungen zur Geschichte Oberschlesiens und zur Biographie des Politikers Korfanty erzählt.
Handlungsverlauf
Vorbereitungen mini|Hotel Haus Oberschlesien Valeska Piontek ist den ganzen Tag über damit beschäftigt, das Hochzeitsfest für ihre Tochter zu organisieren. Am Vormittag macht sie in der Stadt Besorgungen und lädt Gäste ein. Irma will sich nur standesamtlich trauen lassen und Valeska spricht deshalb zur Schadensbegrenzung mit dem Erzpriester Pattas über eine für sie wünschenswerte nachträgliche kirchliche Trauung (Kap. 5). Anschließend besucht sie ihren unverheirateten Bruder, den Rechtsanwalt Willi Wondraczek, der seinen Namen nach der anti-polnischen Parteilinie in Wondrak verkürzt hat. Er unterstützt sie anstelle ihres kranken Mannes bei den Vorbereitungen und beim Unterhaltungsprogramm. Valeska betreibt mit ihm zusammen Bodenspekulationen und berät mit ihm neue Ankaufprojekte (Kap. 14) und die Einbeziehung ihrer Schwägerin Emilie Piontek in ihr Immobiliengeschäft. Um das teure Fest für 80 Personen im großen Münzersaal des ersten Hotels der Stadt, im Haus Oberschlesien, zu finanzieren, muss sie zwei Grundstücke verkaufen. Aber sie ist „entschlossen, das Geld bald wieder reinzukriegen“ und hat potentielle Kunden eingeladen. Außerdem will sie ihrer entfremdeten Tochter mit einer bunten Gesellschaft einen großen Abschiedsabend bieten.
Beim Gang durch die Stadt nimmt Valeska vor dem Hintergrund der polnisch-deutschen und katholischen Wurzeln ihrer Familie in Oberschlesien die Veränderungen wahr („HIER WIRD NUR DEUTSCH GESPROCHEN!“) und blickt in „müde, ernste erloschene Gesichter“ der Menschen, die „ganz anders aus[sehen] als etwa 1914“, als der Kriegsausbruch „ein großes Fest gewesen [ist] für alle“. In diesem Zusammenhang nimmt sie symbolträchtige Handlungen wahr: Eine Frau, die den blühenden Rosenbusch in ihrem Vorgarten radikal zusammenschneidet und dabei ihre Arme blutig aufritzt. Spontan lädt sie nach einem Gespräch mit dem Erzpriester auch einen Sonderling ein, den ausgestoßenen „wilden Mönch“ (Bruder Franz), um die Kirche für ihre von den staatlichen Behörden erzwungene Zustimmung zu strafen, die Kirchenglocken für den Krieg abzugeben: „Die Kirche muss auch Rebellen ertragen können“ (Kap.5). Er war „im Lager“ gewesen und hatte alles Frühere vergessen. Jetzt haust er in einem alten Bus und arbeitet in einem Altersheim.
Während Valeska und ihr Bruder im Hotel die Vorbereitungen überwachen und die Gäste empfangen, vermietet Josel eine Baracke an Soldaten für Liebesstunden. Andreas und Ulla beobachten während einer Radtour den Anschlag auf den Sender Gleiwitz und beginnen eine sexuelle Beziehung.
Festabend Valeska und ihr Bruder achten beim Hochzeitsfest auf den repräsentativen Rahmen im Ballsaal des Hotels, dessen Leere Valeska anfangs in ihrer angeborenen Schüchternheit wie einen „körperlichen Schmerz“ empfindet. Feines Essen und Getränke, serviert von servilen Hotel-Kellnern, blitzende Gläser und Bestecke sollen die Honoratioren der Stadt beeindrucken: Bibliotheksdirektor Neumann, der in dubiose Wiedergutmachungsprozesse um seine angeblichen polnischen Besitzungen verwickelte Graf Poremba und seine Gattin, als einziger Parteigenosse der aus dem Reich nach Gleiwitz versetzte Direktor der Wasserwerke Dr. Kamenz, Polensky von Polensky, Gutsbesitzer Przygoda, der Leiter des Sparkassenvereins Michalek, der Betreiber der Straßenbaufirma Nowak, Erzpriester Pattas u. a. Dazwischen sitzen ihre Verwandten, der in ihrem Haus einquartierte Feldwebel und Trauzeuge Metzmacher und auch gesellschaftliche Außenseiter: ihre Schwägerin, Bruder Franz und der später eintreffende Gerichtsrat Montag. Die Zigarren rauchende Emilie Piontek, die nach einem bewegten Leben in einer Baracke an der Klodnitz wohnt und wegen ihrer Überschwemmungs-Prophezeiungen „Wassermilka“ genannt wird, hat überraschend eine Anstellung als Gesellschafterin und Reisebegleiterin der alten Gräfin Hohenlohe-Langwitz gefunden und tritt mit dem NS-Frauenschaftsabzeichen auf („Man muss mit der Zeit mitgehen“). Der „wilde Mönch“ erinnert Irma an ihre Kindheit vor dem Arbeitsdienst, als sie mit ihren Freunden den Eremiten oft in seiner Waldhütte besuchte. mini|Valesca und ihr Bruder Willi stellen als lebendes Bild das Angelusläuten von Jean-François Millet. mini|Josel verkleidet sich für das lebende Bild als Wolgaschlepper Zeitweise fühlt Valeska, dass zur rechts von ihr sitzenden Tochter „eine große Mauer heranwuchs aus Schweigen und Misstrauen“, und wenn sie „ein paar Wörter dagegen[wirft, prallen] sie ab“, und ihr erscheint es, „als seien sie alle in einem Märchenspiel aufgegangen, und vielleicht habe sich Irma nur deshalb in einen alten Turm verwandelt, weil sie fürchtet[-], die Königin habe dieses Fest nur aus dem Grunde so pompös veranstaltet, um sie alle am Ende in einem bösen Zauberspuk herniederfahren zu lassen…“. Dann zerreißt sie diesen Vorhang und sieht wieder alles klar: sieht die Gäste „obszön ins braune Fleisch auf ihren Tellern hineinbeißen, […] ihre grauen Hände wie ältliche Hühner zwischen Tischtuch und Teller hin und her flattern“. Sie sieht „in die schwitzenden, roten, sich immer mehr aufblähenden Gesichter“ und wünscht sich „sehnlichst einen Hut von der Art, wie sie noch vor gar nicht langer Zeit in Mode waren, mit einem Schleier herum, den man ins Gesicht ziehen [kann] – oder vielleicht gleich eine Tarnkappe.“ Sie wäre gern „aus der Zeit herausgefallen“ (Kap. 14). Zwischen der mühsamen Konversation mit den Gästen und der Entgegennahme der Komplimente über das gelungene Fest tauchen, da Josel immer noch nicht erschienen ist, in ihrer Erinnerungen alte Ängste auf, dass ihre Kinder vom Frühlingshochwasser der Klodnitz mitgerissen werden.
Nach dem Essen beginnt zur Erleichterung Valeskas das volkstümliche Unterhaltungsprogramm mit Musik, einer Zarah-Leander-Imitation ihres Bruders Willi und lebenden Bildern, Valeskas Lieblingsprojekt: „Das Angelusläuten“ Millets und Die Wolgaschlepper von Repin (Kap. 19). Anschließend wird zu fortgeschrittener Stunde getanzt. Andreas und Ulla versuchen die erste Polka ihres Lebens. Der von Willi aus Kostengründen heimlich eingeschleuste, selbstgebrannte „Schnapsik“ verstärkt das allgemein übliche ländliche Besäufnis („Besaufen wollen sich die Menschen im Oberschlesischen nun einmal“). Die Jungen und der Feldwebel singen ein Spottlied auf Korfanty und es kommt zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen den alten und den aus dem Reich zugereisten Bürgern und Offizieren, weil diese arrogant die angeblich unaussprechbaren oberschlesischen Ortsnamen verspotten und gegen deutsche Namen austauschen wollen. Valeska beschützt Montag vor einer jüdischen Interpretation seiner Brücken-Parabel und verteidigt mit Unterstützung des Erzpriesters die alte heimatliche „Wortmusik“: „Das sind keine Namen, das schreibt man nicht mit Buchstaben, das schreibt man mit Noten, und man müsste sie singen…“ (Kap. 22).
Nach dem Fest Als Valeska mit Andreas nach Mitternacht von Willi im Auto nach Hause gebracht wird, sieht sie, dass die in der Stadt stationierten Soldaten abgezogen sind, was auf den Kriegsbeginn hindeutet. Von ihrem Mann, der die deutschen und polnischen Nachrichten verfolgt hat, erfährt sie vom angeblichen Überfall polnischer Freischärler auf den Sender und von Aufrufen zum Krieg (Kap. 27). Josel und Ulla bleiben bis zum Ende des Festes im Hotel und stützen den betrunkenen Feldwebel Metzmacher auf dem Weg durch die Stadt. Während einer Rastpause auf einer Wiese versucht Metzmacher Ulla zu vergewaltigen und Josel schlägt ihm mit einer Flasche auf den Kopf. Beide fürchten, dass der Soldat tot ist. Ulla läuft in Panik weg und Josel sucht Hilfe beim Gerichtsrat. Dieser gibt ihm Geld für die Flucht (Kap. 29). Kurz darauf erscheint die Feldpolizei bei den Pionteks und sucht Birkner und Metzmacher, die sich nicht bei ihrer Einheit gemeldet haben. Valeska erklärt ihnen die Zusammenhänge und schickt sie zum Hotel. Bei der Durchsuchung des Geländes dringen die Soldaten auch ins Gartenhaus ein, wo sich Montag aus Angst vor einer Verhaftung erschießt (Kap. 30). Zuvor hat er seine Manuskripte im Garten vergraben (Kap. 24). Leo Maria erleidet wiederholt heftige Hustenanfälle mit Atemnot und blutiger Spucke, so dass Valeska seinen baldigen Tod befürchtet. Er spricht fiebrig in biblisch-endzeitlichen Formulierungen von Oberschlesien. Nach Empfang der Radionachricht über den Beginn des Krieges übergibt er seiner Frau als sein Vermächtnis für Josel einen schwarzen Stein mit einem eingravierten Kreuz und bittet sie, ihn allein zu lassen. Sie wartet auf den Priester.
Hauptpersonen
Familie Piontek Die katholischen Eltern Valeska und Leo Maria Piontek stehen in Spannung zu den nationalsozialistisch geprägten Kindern: Der 15-jährige Sohn Josef Leo (Josel) ist Mitglied der HJ und übt sich dort kriegsvorbereitend als Sanitäter und Luftschutzwart. Die fast 20-jährige Tochter Irma hat gerade ihr Arbeitsdienstjahr absolviert und sich weiter verpflichtet. Am ersten Tag der Romanhandlung heiratet sie nach einer Woche Bekanntschaft den in ihrem Haus einquartierten Gefreiten und Offiziersanwärter Heiko Birkner. Als Protest verweigert sie eine kirchliche Trauung und trägt im Standesamt und beim Festabend ihre Arbeitsdienst-Uniform. Dass sie stundenlang eingeschlossen in ihrem Zimmer sitzt, ist für ihre Mutter ein Zeichen ihrer Renitenz.Im zweiten Band der Tetralogie Septemberlicht erzählt Irma ihrer Mutter den wahren Grund ihrer überstürzten Heirat. Sie hat aus sexueller Neugier einen Gleiwitzer Sonderling verführt, der als Ehemann nicht in Frage kommt, und sie ist jetzt schwanger.
Häufiger Gast der Familie ist die mit Josel befreundete und mit ihm gleichaltrige Klavierschülerin seiner Mutter Ulla Ossadnik. Sie ist eine begabte Pianistin und bereits mit 14 Jahren eine brillante Chopin-Interpretin. Sie verehrt den polnischen Komponisten und wünscht sich eine Reise zu seinem Herz nach Warschau, die ihr Josel verspricht. Konkurrenz bekommt er durch seinen am ersten Handlungstag aus Breslau anreisenden Cousin Andreas Pilgrim, der als Halbwaise in die Familie seiner Tante aufgenommen wird.
Valeska und Leo Maria Piontek