Als Darbringung im Tempel wird ein Gemälde bezeichnet, das dem Kölner Maler Stefan Lochner zugeschrieben wird. Es entstand ausweislich einer Inschrift auf dem Bild im Jahr 1447. Das Gemälde ist 138,7 × 124,3 cm groß und mit Ölfarben und Blattgold auf Eichenholzbrettern gemalt. Es zeigt eine im Lukasevangelium geschilderte Begebenheit, die Vorstellung des Jesuskindes im Tempel in Jerusalem und das Opfer von zwei Tauben zur rituellen Reinigung von Maria, seiner Mutter, 40 Tage nach der Geburt. Es handelt sich um ein ehemaliges Altarbild (Altarretabel) aus der früheren Deutschordenskirche in Köln. Man vermutet, dass es der Mittelteil eines Flügelaltars war, dessen Flügel aber verschollen sind. Es befindet sich heute im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. Die allgemein anerkannte Zuschreibung an Stefan Lochner beruht auf einer Reihe von malerischen Gemeinsamkeiten mit anderen Bildern von Lochner, vor allem dem Altar der Stadtpatrone.Julien Chapuis: Stefan Lochner. Image Making in Fifteenth-Century Cologne. Brepols, Turnhout, Belgien 2004, S. 18 f.; 21; 82. Das Bild wird dem Weichen Stil in Köln zugerechnet.Theo Jülich: "Nunc dimittis servum tuum Domine". Stefan Lochners Darbringung im Tempel von 1447 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. In: Kunst in Hessen und am Mittelrhein. 2017 / NF 10, Darmstadt 2018, S. 22.
Dargestellte Begebenheit und Kontext Zusammengefasst steht im Lukasevangelium : Nach der Geburt Jesu, als die vorgeschriebene Reinigung anstand, brachten Maria und Josef das Kind in den Tempel, um es dem Herrn darzustellen (vorzustellen). Auch wollten sie das im Gesetz vorgeschriebene Opfer von zwei Tauben darbringen. Im Tempel hielt sich ein alter Mann namens Simeon auf, der gerecht und fromm war. Er nahm das Kind in die Arme und pries Gott mit einem Lobgesang (Nunc dimittis), in dem es unter anderem heißt (in der damals im Westen verwendeten lateinischen Fassung, der Vulgata): +Vulgatawortnahe ÜbersetzungNunc dimittis servum tuum Domine secundum verbum tuum in pace quia viderunt oculi mei salutare tuum quod parasti ante faciem omnium populorum lumen ad revelationem gentium et gloriam plebis tuae IsrahelNun entlässt du, Herr, deinen Knecht, nach deinem Wort in Frieden. Denn meine Augen haben dein Heil gesehen, das du vor dem Angesicht aller Völker bereitet hast, ein Licht zur Offenbarung für die Nationen, und Herrlichkeit für dein Volk Israel Außerdem hielt sich im Tempel eine 84-jährige Witwe namens Hanna auf, die ebenfalls Gott pries und über das Kind zu allen sprach, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.
Die Darstellung bei Lukas entspricht in den Grundzügen zwei verschiedenen Bräuchen nach dem sogenannten jüdischen Gesetz, der Tora. Das eine war die rituelle Reinigung der Mutter, die bei einem Sohn 40 Tage nach der Geburt stattzufinden hatte, und zwar durch ein Reinigungsopfer. Das Opfer bestand für Menschen mit wenig Geld in der Opferung von zwei Tauben . Das andere war die Darbringung eines erstgeborenen Sohnes an den Priester als Stellvertreter Gottes, gefolgt von der Auslösung des Kindes aus der Hand des Priesters durch die Zahlung von fünf Silberschekeln , .dazu ausführlich Klaus Dorn, Exegese zu Lk 2, 22–40, perikopen.de abgerufen am 26. April 2023.
Die katholische Kirche feiert diese Begebenheit schon mindestens seit dem 5. Jh. n. Chr. mit einem Hochfest 40 Tage nach Weihnachten, also am 2. Februar, das Fest der Darstellung des Herrn. Das wird traditionell mit einer Segnung von Kerzen und einer Lichterprozession verbunden, anknüpfend an den Ausspruch des Simeon über das Licht für die Nationen, und heißt deswegen Lichtmess, oft auch Mariä Lichtmess.Theodor Maas-Ewerd, Art. Darstellung des Herrn, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 3, 3. Auflage, Freiburg 2006, Sp. 27–28.
Bildbeschreibung Fast alle oben genannten Elemente werden in dem Bild angesprochen. Es zeigt im Zentrum Maria und Simeon vor einem Altar. Simeon, der die Rolle des Tempelpriesters übernommen hat, hält das Jesuskind in seinen Händen und hat es auf dem Altartisch abgesetzt. Sie werden umrahmt von vier Gruppen von Figuren. Links hinter Maria stehen Josef und eine Gruppe von zehn Frauen, einige von ihnen mit Kerzen in den Händen. Rechts hinter Simeon steht eine Gruppe von neun Männern, darunter ein Deutschordensritter im weißen Umhang mit einem großen schwarzen Kreuz. Rechts unten vor dem Altar stehen zehn Kinder mit Kerzen in den Händen, der Größe nach aufgestellt, das kleinste in der Bildmitte.
mini|Stefan Lochner, Darbringung im Tempel, 1447, Detail (Gottvater und Engelchen) Über dem Altar schweben der segnende Gottvater, halbkreisförmig umringt von zahllosen Engelchen, und über den Himmel verteilt 16 erwachsene Engel, alle auf goldenem Grund. Zwei von ihnen halten hinter dem Altar ein festliches blaues Brokattuch, besetzt mit grünen Blättern und goldenen Vögeln. Der Brokatstoff soll auch auf zwei weiteren Gemälden der Zeit dargestellt sein und ein Altarvelum darstellen, mit dem Altäre zum Schutz vor unbefugten Blicken geschützt wurden.Theo Jülich: "Nunc dimittis servum tuum Domine". Stefan Lochners Darbringung im Tempel von 1447 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. In: Kunst in Hessen und am Mittelrhein. 2017 / NF 10, Darmstadt 2018, S. 16.
Maria Maria ist in ein üppig wallendes Überkleid (Stola) gehüllt, in tiefem Ultramarinblau die Außenseite, in zarterem Pastellblau die Innenseite. Die Falten sind wenig ausgeprägt, sondern eher wolkig gemalt – ein typisches Merkmal des Weichen Stils. Das Kleid bildet eine das ganze Bild dominierende Fläche. Seine Farbe tragen auch die erwachsenen Engel im Himmel. Man sieht Marias Körperhaltung nicht genau. Sie scheint mit dem linken Bein auf dem Altarsockel zu knien, das rechte Bein vielleicht noch ausgestreckt nach hinten. Jedenfalls reicht das Überkleid wie eine Schleppe weit nach hinten. Unter dem Überkleid trägt sie ein enganliegendes, hellgrünes, kragenloses Hemd, das mit dunkelblauen Ornamenten verziert ist. Das Überkleid bedeckt ihren Kopf nur zur Hälfte und lässt ihr hellbraunes, eng am Kopf anliegendes Haar sehen, über dem sie ein Diadem aus einer Doppelreihe von Perlen trägt, in der Mitte gekrönt von einem in großen Perlen gefassten Edelstein. Mit ihren hellblauen Augen blickt sie auf ihre beiden Hände, mit denen sie zwei blassbraune Tauben nach oben reicht, in einer Linie hin zu den Köpfen von Jesus und Simeon. Um das Haupt herum ist ein großer goldener Heiligenschein (Nimbus) gemalt, wie eine Goldschmiedearbeit verziert mit punzierten Ornamenten, die in einem zweiten Band von außen Schriftzeichen sind oder solchen ähnlich sehen.
Blau war damals nach Blattgold die teuerste Farbe, mit der deswegen besonders verehrungswürdige Personen dargestellt wurden. Am allerteuersten war das Ultramarin, das aus Lapislazuli hergestellt wurde. Das wurde hier unter anderem für die oberste Farbschicht bei Maria und den Engeln verwendet. Ein wenig günstiger war Azurit, das hier für die unteren Farbschichten und für alle graublauen oder pastellblauen Flächen verwendet wurde.Stephanie Hauschild: Dem Künstler auf der Spur. Neues von Stefan Lochners "Darbringung im Tempel" im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. In: Kunst in Hessen und am Mittelrhein. 2019 / NF 12, Darmstadt 2020, S. 35 f.
Die Züge von Marias Gesicht und diejenigen aller anderen Figuren wirken leicht verschwommen. Mit dieser Unschärfe soll eine Aura der Heiligkeit des Geschehens vermittelt worden sein.Theo Jülich: "Nunc dimittis servum tuum Domine". Stefan Lochners Darbringung im Tempel von 1447 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. In: Kunst in Hessen und am Mittelrhein. 2017 / NF 10, Darmstadt 2018, S. 22. Marias Gesicht hat ein fast weißes Aussehen (Inkarnat), das hellste aller Figuren. Das Gesicht ist rund mit relativ niedrig stehenden Augen und einer hohen Stirn und wird bis auf Augen, Nase und einen kleinen Mund nicht modelliert, wohl der hellen Farbgebung wegen. Ihr Gesicht wirkt konzentriert, aber emotionslos, auch wie die aller anderen Figuren auf dem Bild. Es sieht, ebenso wie die Gesichter aller anderen Figuren einschließlich Gottvater und den Goldengeln auf dem Retabel, nicht idealisiert aus, sondern wie das eines real existierenden Menschen.
Jesus Das Jesuskind wird als gut genährter Säugling gezeigt, der allenfalls geringfügig älter als 40 Tage aussieht. Es hat goldgelockte Haare, um die herum ein Heiligenschein gemalt ist, demjenigen von Maria ähnlich, nur der Proportion entsprechend kleiner, allerdings ohne Schriftzeichenornamente. Der Säugling wirkt ruhig und entspannt, der rechte Arm locker hängend, und blickt wie seine Mutter und Simeon auf die beiden Tauben. Er sitzt auf einem großen graublauen Tuch, das fast bis zum Altarsockel hinunter fällt.
Simeon Simeon wird dargestellt als stehender älterer Mann mit einem schütteren grauen Bart. Von seinen Gliedmaßen sind nur die Hände zu sehen, mit denen er sanft das Kind hält, an der linken Hand ein Ring mit einem grünen Edelstein am Ringfinger und ein einfacher Goldring am kleinen Finger. Er trägt ein Pluviale in Purpurrot, der alten herrscherlichen Farbe. Das Pluviale bildet die zweite dominierende Farbfläche auf dem Bild, allerdings deutlich dem Blau Marias untergeordnet. Es ist reich verziert mit silbrig und golden schimmernden Ornamenten, gefasst von einer breiten goldenen Bordüre, die mit zwei Doppelreihen Perlen und in Gold gefassten bunten Edelsteinen besetzt ist. Auf dem Rücken hat es den zum Pluviale gehörenden Schild, der von einer Doppelreihe Perlen gesäumt wird. Das Pluviale wird als Schließe über der Brust von einem kopfgroßen kreisrunden goldenen Medaillon zusammengehalten, das ein Relief mit einem betenden Engel zeigt, umringt von 12 Edelsteinen, vielleicht eine Anspielung auf das Priestergewand des jüdischen Priesters, auf dem nach der Tora zwölf in Gold gefasste Karneolsteine befestigt sein sollen.Theo Jülich: "Nunc dimittis servum tuum Domine". Stefan Lochners Darbringung im Tempel von 1447 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. In: Kunst in Hessen und am Mittelrhein. 2017 / NF 10, Darmstadt 2018, S. 14.
mini|Stefan Lochner, Darbringung im Tempel, 1447, Detail (Mitraspitze) Simeon trägt unter dem Pluviale ein graublaues Untergewand, dass er auch auf den Altartisch ausgebreitet und darauf das Jesuskind gesetzt hat. Auf dem Kopf trägt er eine hermelingefütterte purpurrote Mitra, die mit Perlen und goldenen kalligrafischen Zeichen geschmückt ist und von einem goldenen, mit Perlen und Edelsteinen besetzten Band senkrecht geteilt wird. Die Mitra wird gekrönt von einem in Gold gefassten Rubin. In diesem Rubin spiegelt sich ein helles Fenster, das sich außerhalb des Bildes hinter dem Betrachter befinden muss. Damit wird der Raum des Betrachters, der als solcher auf dem Bild nicht dargestellt ist, mit einbezogen.Julien Chapuis: Stefan Lochner. Image Making in Fifteenth-Century Cologne. Brepols, Turnhout, Belgien 2004, S. 85.Theo Jülich: "Nunc dimittis servum tuum Domine". Stefan Lochners Darbringung im Tempel von 1447 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. In: Kunst in Hessen und am Mittelrhein. 2017 / NF 10, Darmstadt 2018, S. 15 f. Diese Methode könnte Lochner von Jan van Eyck übernommen haben, der zum Beispiel bei der Lucca-Madonna ein solches gespiegeltes Fenster auf die Wasserkaraffe auf dem Sims rechts in jenem Bild gemalt hatte; es wird allgemein gesagt, man dürfe im Stil der Malerei Lochners die Kenntnis altniederländischer Gemälde wie derjenigen der Gebrüder van Eyck voraussetzen.
Josef