Das Polyptychon für die Karmeliterkirche in Pisa bestand aus mind. 17 Tafeln, von denen heute 11 erhalten sind.Vgl. Rowley, Neville (Hrsg.): Donatello. Erfinder der Renaissance, Staatliche Museen zu Berlin, Berlin 2022, S. 158. Der Notar der Kirche, Giuliano di Colino degli Scarsi (1369–1456Rowley, Neville (Hrsg.): Donatello. Erfinder der Renaissance, Staatliche Museen zu Berlin, Berlin 2022, S. 158.), beauftragte den Maler Masaccio (1401–1428) für das Anfertigen der Tafelbilder am 19. Februar 1426.Vgl. Steinbart, Kurt: Masaccio, Schroll, Wien 1948, S. 30. Hierbei handelt es sich um die einzige dokumentarisch beglaubigte Schöpfung von Masaccio.Vgl. Steinbart, Kurt: Masaccio, Schroll, Wien 1948, S. 28. Bis Anfang 1427 arbeitete er an den Tafeln, wobei er seinen Auftrag nicht ganz selbst zu Ende brachte.

Alle Tafelbilder sind mit Tempera und vereinzelt mit Blattgold auf Pappelholz gefertigt. Der Altar hatte vermutlich eine Breite von 260 cm und eine Höhe von 300 cm.Vgl. Joannides, Paul: Masaccio and Masolino. A complete catalogue, Phaidon, London 1993, S. 382.

mini|278x278px|Mögliche Rekonstruktion des Polyptychon von Pisa

Geschichte Durch die erhaltene Buchführung des Notars Giuliano di Colino degli Scarsi über die Ausgaben der Kirche ist heute vieles über den Entstehungszeitraum des Altars bekannt.

Bereits am 29. November 1425 wurden erste Zahlungen an Pippo di Giovanni di Ghante in Höhe von 100 Florentinern für die Anfertigung eines Tabernakels und eines Altars getätigt.

Am 20. Februar 1426 erhielt Masaccio seinen ersten Lohn, nachdem er einen Tag zuvor den Auftrag erhalten hatte. Es ist notiert, dass Meister Antone Prior von Carmino und Bruder Bartholomeo d'Ulivieri von Florenz anwesend waren. Vermutlich verschafften diese auch bereits Ende 1425 Masaccio den Auftrag.

Am 24. Juli nahm der Florentiner Bildhauer Donatello (1386–1466) eine Zahlung im Namen Masaccios entgegen.Vgl. Joannides, Paul: Masaccio and Masolino. A complete catalogue, Phaidon, London 1993, S. 383.

Die Arbeiten schienen dem Notar nicht schnell genug vorangegangen zu sein, denn am 15. Oktober 1426 vereinbarte man, dass Masaccio an keinen weiteren Werken arbeiten dürfe außer an dem Altar. Ansonsten hätte er eine Strafe von 100 Florentinern zahlen müssen. Dies ist vermutlich Masaccios gleichzeitiger Arbeit in der Brancacci-Kapelle von Florenz geschuldet.Vgl. Steinbart, Kurt: Masaccio, Schroll, Wien 1948, S. 22. Um schneller voranzukommen, halfen ihm sein Bruder Scheggia und sein Lehrjunge Andrea di Giusto.

Am 26. Dezember 1426 erhielt Masaccio seine letzte Bezahlung. Zu diesem Zeitpunkt war die Predella vermutlich noch nicht vollendet. Die linke und mittlere Tafel der Predella wurden Anfang 1427 noch von Masaccio selbst gefertigt. Die rechte Tafel der Predella jedoch wurde wahrscheinlich aus Zeitmangel von seiner Werkstatt übernommen, sie wird heute Andrea di Giusto zugeschrieben.

Schon im 16. Jahrhundert wurde der Altar demontiert und die einzelnen erhaltenen Tafeln befinden sich derzeit in London, Berlin, Neapel, Pisa und Los Angeles.

Rekonstruktion (ursprünglicher Zustand) Die heutige Rekonstruktion des Altars beruht größtenteils auf einer Beschreibung von Vasari aus dem Jahr 1550 und einer nochmal detaillierteren in der zweiten Ausgabe der Vite aus 1568. Auch das vom Notar geführte Buch über die Kosten der Kirche war eine große Hilfe.

Der Altar befand sich in einer Kapelle des Querschiffes der Kirche. Links und rechts wurde der Altar von Säulen aus Carrara-Marmor flankiert, so dass der gesamte Altar ca. 260 cm breit war.Vgl. Joannides, Paul: Masaccio and Masolino. A complete catalogue, Phaidon, London 1993, S. 385. Nimmt man nur die bemalte Fläche könnte die Breite ca. 220 cm betragen haben. Einschließlich des Rahmens und möglicherweise einer Fiale auf der Spitze könnte die Höhe 300 cm betragen haben.

Die Predella war mit einem roten Antependium geschmückt, auf dieses war der Heilige Julian abgebildet. Zudem bedeckte ein kolorierter Vorhang den Altar.

Der Altar stand in einer Kapelle, bei der es sich entweder um eine spätgotische Giebelkonstruktion handelte oder um eine innovativere Konstruktion, die Elemente aus der Renaissance aufwies.Vgl. Rowley, Neville (Hrsg.): Donatello. Erfinder der Renaissance, Staatliche Museen zu Berlin, Berlin 2022, S. 162.

Neben der Kreuzigungsszene im Zentrum des oberen Bereichs des Altars befanden sich links und rechts jeweils zwei Heilige von denen heute nur noch zwei erhalten sind. Aufgrund der Beleuchtung und Ansicht war die Tafel mit dem Heiligen Paulus vermutlich links und der Heilige Andreas rechts von der Kreuzigung platziert. Neben dem Marienbild im Zentrum fehlen ebenfalls vier Tafeln mit Heiligen. Eventuell stand links neben dem Marienbild Johannes der Täufer und außen der Heilige Petrus. Rechts wiederum der Heilige Julian und daneben der Heilige Nikolaus. Die Heiligen Petrus, Julian und Nikolaus sind zum einen die Namenspatrone der Familie des Auftraggebers, zum anderen erscheinen sie auch in der Predella (wie auch Johannes der Täufer), weshalb es nahe liegt, dass diese zentralen Tafeln Abbilder von ihnen waren.

Ganz außen befinden sich jeweils drei Heilige, wobei zwei der insgesamt sechs fehlen. Auf der linken Seite befinden sich von oben nach unten der Heilige Augustinus, eine Darstellung eines Karmeliters oder des Heiligen EliasVgl. Steinbart, Kurt: Masaccio, Schroll, Wien 1948, S. 31. und ganz unten der Heilige Hieronymus. Auf der rechten Seite ist lediglich die mittlere Tafel erhalten. Dieser stellt vermutlich ebenfalls einen Karmeliter dar.

Die drei Tafeln in der Predella sind vollständig erhalten. Links befindet sich die Kreuzigung des Apostels Petrus und die Enthauptung Johannes des Täufers, zentral die Anbetung der Könige und rechts der Elternmord des Heiligen Julian und die Jungfrauenlegende des Heiligen Nikolaus.

Die erhaltenen Tafeln

Maria mit Kind und vier Engeln mini|Masaccio: Maria mit Kind und vier Engeln 1426, Tempera auf Holz 135,5 × 73 cm, National Gallery, London Das Zentrum des Altars ist ein Marienbild. Die Tafel wurde wie die anderen auch mit Tempera und Blattgold auf eine Pappelholztafel gefertigt. Sie hat die Maße 135,5 × 73 cm und befindet sich aktuell in der National Gallery in London. Erworben wurde sie 1916 für 8000 £.

Der Großteil der Tafel wird von Maria eingenommen. In einem blauen Gewand sitzt sie auf einem steinernen Thron, welcher an ein antikes Gebäude erinnert. Mit ihrer linken Hand stützend schafft sie einen Sitzplatz auf ihrem Oberschenkel für das Jesuskind. Ihr Blick strahlt etwas ahnungsvoll, besorgtes aus.Vgl. Steinbart, Kurt: Masaccio, Schroll, Wien 1948, S. 32. Mit ihrer rechten Hand reicht sie dem nackten Jesuskind Weintrauben. Dieses greift nach ihnen während sich die Finger der anderen Hand im Mund befinden, als habe es bereits welche gegessen. Dies erzeugt einen unbekümmerten Eindruck. Die Trauben erinnern an den Wein, welcher bei der Eucharistie mit Brot zusammen getrunken wird, um an das Sterben Christi zu erinnern.

Durch geschicktes Schattieren schafft Masaccio, dass die Falten des Gewandes von Maria dreidimensional erscheinen. Er schafft die Illusion einer natürlichen Lichtquelle durch welche Maria und das Jesuskind lebendiger wirken und nochmal hervorgehoben werden. Es war ihm weniger daran gelegen, Maria schön, zierlich oder anmutig darzustellen, vielmehr wollte er ihr inneres Wesen zur Geltung bringen.Vgl. Fiocco, Giuseppe: Die toskanische Malerei im 15. Jahrhundert. Von Masaccio bis Botticelli, Deuticke, Wien 1941, S. 8.

Vier Engel begleiten die Szene. Zwei davon sitzen auf einer Stufe vor dem mit Wellenmustern versehenen Sockel, der an einen römischen Sarkophag erinnert. Auf diesem befindet sich der Thron. Mit Lauten in der Hand sind beide am Musizieren. Die anderen beiden Engel stehen seitlich hinter dem Thron. Dieser verdeckt auch einen Teil ihres Körpers. Betend schauen sie in Richtung des Jesuskindes. Sie sind deutlich kleiner als Maria, wodurch diese umso größer und monumentaler erscheint.

Das Motiv der musizierenden Engel ist möglicherweise von einem Relief des Bildhauers Donatello inspiriert.Vgl. Steinbart, Kurt: Masaccio, Schroll, Wien 1948, S. 33. Aufgrund der Buchführung des Notars wissen wir, dass Donatello mit Masaccio in Kontakt stand und die Arbeiten des jeweils anderen kannten. Bereits durch Vasaris Beschreibung der Tafel konnte von der kunsthistorischen Forschung eine motivische Abhängigkeit noch vor der Wiederentdeckung der Tafel 1906 ausgemacht werden.

Beachtenswert ist die räumliche Tiefe die Masaccio schafft. Beispielsweise durch den Heiligenschein des Christuskindes. Dieser ist so dargestellt, dass er sowohl nach vorne geht als auch einen Raum zwischen Jesus und seiner Mutter einnimmt. Durch diese räumliche Tiefe wirken die Personen noch realer. Der Thron und die Engel suggerieren ebenfalls Tiefe. Die Laute der Engel scheinen in den Raum hineingerichtet zu sein, so dass wir denken können der Raum, in dem sie sitzen, ist eine Erweiterung unseres eigenen.

Die Kreuzigung Im Zentrum des oberen Bereiches des Altars ist eine Kreuzigung dargestellt. Die Tafel hat die Maße 82 × 64,5 cm und befindet sich im Museo Nazionale di Capodimonte in Neapel. Sie ist mit Tempera und Blattgold auf Pappelholz gefertigt. 1901 wurde sie von Capodimonte als anonymer Florentiner erworben.

mini|Masaccio: Kreuzigung 1426, Tempera auf Holz 82 × 64,5 cm, Museo Nazionale di Capodimonte, Neapel

Sie zeigt den Gekreuzigten, dessen Kopf ohne Hals auf dem Schlüsselbein aufliegt und nach vorne neigt. Es handelt sich um eine Misslungene Verkürzung Masaccios, mit der er eigentlich beim Betrachter den Eindruck erzeugen wollte er würde Jesus von unten nach oben schauend betrachten.Vgl. Joannides, Paul: Masaccio and Masolino. A complete catalogue, Phaidon, London 1993, S. 170. Jedoch sieht man seinen Körper frontal.

Links steht Maria im Profil und blickt betend in Richtung ihres Sohnes. Ihre Monumentalität gleicht der des Heiligen Andreas auf der Tafel rechts neben der Kreuzigung. Johannes der Täufer, rechts im Bild, blickt schwerfällig und voller Trauer hinab. Seine Konturen und die Art wie er seine Hände hält gleichen dem Heiligen Paulus, welcher sich auf der Tafel links neben der Kreuzigung befindet.Vgl. Joannides, Paul: Masaccio and Masolino. A complete catalogue, Phaidon, London 1993, S. 389. Vor dem Kreuz kniet Maria Magdalena. Wir sehen nur ihren Rücken. Ihre Haare sind gelbblond und gleiten ihrem orangen Gewand hinab. Die Arme spreizt sie nach oben, so dass eine abweichende Form im Bild entsteht und so ein höheres Maß an Emotionalität erzeugt.

Heiliger Paulus und Heiliger Andreas Die Tafel des Heiligen Paulus befand sich links neben der Kreuzigung. Sie ist 61,5 × 34,5 cm groß und befindet sich aktuell im Museo Nazionale di San Matteo in Pisa.

Die Tafel des Heiligen Andreas befand sich rechts neben der Kreuzigung. Sie ist 52,4 × 32,7 cm groß und befindet sich aktuell im J. Paul Getty Museum in Malibu. 1979 wurde sie zu einem Preis von 2.000.000 $ erworben. Beide Tafeln sind mit Tempera und Gold auf Pappelholz gefertigt.

Der Heilige Paulus oder auch Paulus von Tarsus, ist mit seinen Attributen Schwert (in der rechten Hand) und Buch (in der linken) dargestellt. Sein Blick richtet sich in Richtung der Mitte des Altars zur Kreuzigung. Auf der rechten Seite der Tafel hat Masaccio mehr Platz gelassen, um Symmetrie zu vermeiden, diese würde Ruhe in die Darstellung bringen. Jedoch ist hier Bewegung der Grundgedanke. Die Drehung des Kopfes und die Art, wie auf der rechten Seite seines Gewands mehr Falten als auf der linken sind, heben diese Bewegung im Bild hervor.Vgl. Joannides, Paul: Masaccio and Masolino. A complete catalogue, Phaidon, London 1993, S. 388.