mini|Titelseite der ersten Auflage von 1768, ohne Autorenname Die Briefe an eine deutsche Prinzessin – über verschiedene Gegenstände aus der Physik und Philosophie (französischer Titel: Lettres à une princesse d’Allemagne – sur divers sujets de physique et de philosophie) ist eine Briefsammlung bestehend aus 234 Briefen, die erstmals im Jahre 1768 auf Französisch und schon ein Jahr später auf Deutsch erschienen ist. Die Sammlung umfasst die Briefe, die Leonhard Euler zwischen 1760 und 1762 an die Prinzessin Friederike Charlotte von Brandenburg-Schwedt, die zweite Nichte Friedrichs II., adressiert hat. Die Schrift ist Eulers Versuch, die zu seiner Zeit aktuellen Bereiche der Physik und Philosophie pädagogisch auszuarbeiten und allgemeinverständlich vorzustellen. Zudem findet man hierin viele offene Bekenntnisse und Ansichten Eulers über die naturwissenschaftlichen Grundprobleme und über philosophische und theologische Fragen seiner Zeit.
Die Briefsammlung wird heute als ‹legendär› bezeichnet, denn ihr Erfolg ist in der Wissenschaftsgeschichte ‹beispiellos›.Erster Wortlaut aus: H.-H. v. Borzeskowski, R. Wahsner, Leonhard Euler (1707–1783) und Joseph Louis Lagrange (1736–1813). S. 232; in: K. v. Meÿenn (Hrsg.): Die grossen Physiker. Von Aristoteles bis Kelvin, Band 1. (Verlag C. H. Beck) München 1997.Zweiter Wortlaut aus: A. Speiser (1960), in der Neuausgabe der Briefe hrsg. v. Sexl, v. Meyenn (1986), S. XXI (s. u. Literatur: → Weitere Auflagen (deutsch)). Noch im 18. Jahrhundert wurden die Lettres in acht Sprachen übersetzt. Und noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts galten sie als das erfolgreichste Sachbuch über Naturwissenschaft.Nach D. Brewster (1833), s. u. Weitere Ausgaben, E343.G4: Preface S. 12.
Die Briefsammlung begründete mitunter das Genre der populären Wissenschaftsdarstellung. Sie machte Euler mit einem Schlag über die akademischen Fachkreise hinaus bekannt. Noch heute gelten die Briefe als ‹die erfolgreichste wissenschaftliche Popularisierung der Aufklärung›.Siehe dazu Fellmann (1995), S. 71; sowie Calinger (2016), in der hier angegebenen Literatur, S. 461.
Durch die freimütige englische Erstausgabe ist Eulers Briefsammlung in englischsprachigen Kulturkreisen bis heute als eine Einführung in die Naturwissenschaften für Mädchen und interessierte Frauen bekannt geworden.B. Clegg, Bücher, die die Welt veränderten. (Nach der englischen Erstausgabe Scientifica Historica. How the world’s science books chart the history of knowledge.) Bern 2020, S. 136.
Aus heutiger Sicht bilden die Lettres vor allem ein kulturhistorisches ‹Hauptdokument der Aufklärung›, das ein Urvertrauen in die Kraft der Bildung setzt.Siehe dazu Calinger (2015), in der hier angegebenen Literatur: S. 467.
Im Zusammenhang mit Eulers Lettres wird seit dem Erscheinen ihrer ersten Auflage kontrovers über den Rang Leonhard Eulers als Philosoph diskutiert.
Entstehungsgeschichte mini|Friederike Charlotte von Brandenburg-Schwedt, mit 14 Jahren (Punktierstich: G. A. Wolfgang, 1759) Von den Privatlektionen zur Korrespondenz Die eigentliche Briefsammlung ist bereits während Eulers Aufenthalt in Berlin entstanden, und damit schon acht Jahre vor ihrer ersten Veröffentlichung 1768. Dort war Euler bereits ein beschäftigter Direktor der mathematischen Abteilung der Preußischen Akademie der Wissenschaften unter der Leitung Friedrichs des Großen, als Euler mit Markgraf Friedrich Heinrich von Brandenburg-Schwedt Bekanntschaft machte. Dieser besuchte, vermutlich im Jahre 1755, zusammen mit seinen Töchtern Friederike CharlotteDie Namensbezeichnung ist nicht einheitlich, die Taufnamen sind verschieden überliefert: Gelegentlich wurde sie auch Sophie Friederike Charlotte Leopoldine genannt, so auch in mancher Sekundärliteratur; siehe dazu Fellmann (1995), im hier angeg. Literaturverz., S. 70 und 135, Anm. 192. und Louise Henriette, in Berlin das dort erworbene Prinzessinnenpalais, wo er Euler zu Abendmusiken einlud.in Musielak (2014), siehe Literatur hier, Seite 3; Calinger et al. (2019), in der Literatur hier, S. 2–6. Beide verstanden sich angeblich freundschaftlich gut, besonders wegen der gemeinsamen Leidenschaft für die Musik. Der Markgraf Heinrich Friedrich war nicht nur ein Freund der darstellenden Künste – er errichtete ein eigenes Theatergebäude mit Schauspielensemble –, sondern er galt auch gegenüber den Wissenschaften als aufgeschlossen und interessiert.Siehe dazu S. 488 in K. Reich (2008), in der hier genannten Literatur Er muss den persönlichen Kontakt zu Euler gesucht haben. Während eines dieser Zusammentreffen wurde Euler vom Vater offenbar gebeten, die ältere Tochter Friederike Charlotte in den Wissenschaften, vornehmlich Mathematik, zu unterweisen.Calinger et al. (2019), S. 2–6
Erwiesen ist, dass Euler diesen Freundschaftsdienst gerne angenommen hat. In der Berliner Residenz unterrichtete er Friederike, vermutlich sogar beide Töchter Friedrich Heinrichs, in Mathematik, und das mindestens in den Jahren 1759 und 1760 zu mehreren Gelegenheiten.Das bestätigen Nikolaus Fuß, Lobrede auf Herrn Leonhard Euler. Basel 1786; Seite 90 (n). Online: digitale sammlungen.de, sowie J. Stén (2021), in der hier gen. Literatur, S. 99. Gewisse Zweifel über die Regelmäßigkeit des Unterrichts werden in A. Speiser (1960), in der hier gen. Literatur, S. XXI, erwähnt. Außerdem ist einzelner Privatunterricht zu Eulers Besuchen in Magdeburg bekannt.Das geht aus Eulers Brief Nr. 47, E343 B, S. 164 hervor. Außerdem ist brieflich bekannt, dass Euler der Prinzessin und dem Vater einen Besuch in Magdeburg im Mai 1761 abstattete, also zur inhaltlichen Zäsur zwischen dem 132. und dem 133. Brief. Siehe dazu A. Speiser (1960), S. XLI; und Calinger (1975), S. 214. Dieser Freundschaftsdienst wie auch die Fortsetzung durch briefliche Unterweisung muss als eine weitere Provokation gegenüber Eulers Dienstherrn Friedrich II. an der Berliner Akademie verstanden werden, was das ohnehin angespannte Verhältnis der beiden weiter verschlechterte. Denn er bedeutete eine Beanspruchung Eulers neben seinen dienstlichen Pflichten an der Akademie, und das noch für den Cousin Friedrichs II., dem dieser bekanntermaßen wenig zugewandt war.Siehe Calinger et al. (2019), 2–2. In Calinger (1975), in der hier gen. Literatur, S. 214, wird vermutet, dass eine Fortsetzung des mathematischen Unterrichts der Prinzessinnen auch von Friedrichs Seite her untersagt und Eulers mathematisches Können allein für seine Dienste beansprucht wurde. mini|Leonhard Euler (Punktierstich: George J. Stodart)
Die Unterrichtung von jungen Schülern war für Euler in der Berliner Zeit eine angenehme Nebentätigkeit und zugleich ein Zusatzverdienst. Neu kam hinzu, dass es sich nunmehr um junge Schülerinnen handelte und dass die briefliche Fortsetzung auf breiterem nichtmathematischem Gebiet stattfinden sollte.Siehe Calinger (2016), in der hier gen. Literatur, S. 417 und 461.
Die Lettres (oder Briefe wie sie hier abkürzend genannt seien), die im April 1760 beginnen, wurden von Euler als eine Unterrichtsfortsetzung verstanden. Das geht bereits aus dem Anfang hervor:
Die Motivation zur breiteren Unterweisung in alle Naturwissenschaften durch Euler bestand offenbar darin, Friederike Charlotte für ihre Regentschaft als Äbtissin am Herforder Stift (ab 1765) vorzubereiten. Das war ein in damaliger Zeit üblicher Bildungsgang für adlige und wohlhabende Mädchen: Vor Friederike hatte etwa auch Prinzessin Elisabeth III. an demselben Stift brieflichen Unterricht von René Descartes erhalten.Musielak (2014), S. 2, 4 und 18; Calinger et al. (2019), im hier gen. Literaturverz., S. 2–4; Fellmann (1995), im hier gen. Literaturverz., S. 135. Dabei ist allerdings nicht gesichert, ob die Anfrage zur breiten Fortsetzung in allen Wissenschaften und durch regelmäßige Briefe von der damals 15-jährigen Friederike oder vom Markgrafen selbst kam.Erste Erwähnung in Condorcets Éloge de M. Euler (Erste Fassung). In: Histoire de l’Académie royale des sciences année 1783 avec les Mémoires, Paris 1786: S. 58. Dann neu bewertet in Calinger (1975), S. 214; in Fellmann (1995), S. 71, sowie in Calinger et al. (2019), Seite 2–6. Siehe auch Musielak (2014), S. 5. Das sprachliche und konzeptionelle Niveau der Lettres setzt hingegen eine reife Leserschaft voraus. Daher wird vermutet, dass der Markgraf aus seiner Tochter eine hochgebildete Dame zu machen wünschte, so wie es zuvor auch mit Elisabeth III. am selben Stift anvisiert wurde.Das vermutet A. Speiser (1960), Einleitung der Opera Omnia, in der hier genannten Literatur, S. XXV.
Der Siebenjährige Krieg (1756–1763), der um 1760 auch in Berlin-Brandenburg wütete, war entscheidender äußerer Umstand dafür, dass Eulers Lektionen nicht mehr regelmäßig und privat, sondern nur noch aus der Ferne in Briefform fortgesetzt werden konnten.Calinger et al. (2019), S. 2–7; Musielak (2014), S. 5. Der Aufwand für Euler, die Briefe zu schreiben, muss erheblich mehr als der einer Nebensächlichkeit gewesen sein. Es muss zudem Eulers vollstes Interesse geweckt haben. Immerhin war seine Produktivität in dieser Korrespondenz beachtlich, wenn man davon ausgeht, dass die Datierungen ihre Richtigkeit haben und berücksichtigt wird, dass Euler in dieser Zeit auch an anderen Werken geschrieben haben muss.So auch in Grigorian, Kirsanov (2007), S. 307, Anm. 1 bemerkt. Euler hat stetig und permanent seine 234 Briefe in dem Zeitraum von April 1760 bis Mai 1762 geschrieben: Es gibt keine Unterbrechung. Mit wenigen Schwankungen vergehen also im Mittel nur drei Tage zwischen den einzelnen Briefen.Laut Musielak (2014), im hier gen. Literaturverz., S. 4, hat Euler gleich mehrere Briefe an zwei festen Wochentagen (samstags und dienstags) verfasst.
Der längere Weg bis zur ersten Ausgabe Euler musste von Beginn an die Herausgabe der Briefe zu einem Gesamtwerk geplant haben. Man weiß heute, dass er bereits 1762 angefangen hat, seine eigenen Abschriften der Briefe zu editieren. Dafür spricht allein die Anonymisierung der Schrift, ein zu damaliger Zeit übliches Stilmittel, um jegliche Form von persönlicher Überheblichkeit zu vermeiden.Calinger et al. (2019), in der hier gen. Literatur, S. 2–1 und 2–9. Weder der Titel noch der Inhalt noch andere editorische Hinweise geben Auskunft über den Autor und die Adressatin.
Dass Friederike Charlotte hier als «eine Prinzessin aus Deutschland», so die wörtliche Übersetzung ins Deutsche, benannt wird, spricht ebenso für die stellvertretende Rolle, die sie für diesen Anlass der Schriftenreihe einnahm. Die Auswahl an ‚deutschen Prinzessinnen‘ blieb zur Zeit der Briefentstehung begrenzt auf Friederike Charlotte, ihre Schwester Louise Henriette sowie deren Cousine Friederike Dorothea Sophia,Siehe Calinger (2016), in der hier gen. Literatur, S. 417. so dass die Zueignung keinerlei Rolle spielte.
Die Sprachwahl auf das Französische ist für damalige Zeit durchaus gewöhnlich, insofern es sich auf dem europäischen Festland um die damals etablierte Briefsprache handelte. Latein hingegen galt im 18. Jahrhundert noch als die allgemeine Wissenschafts- und Literatursprache. Dennoch zeigt es, dass Euler, der durchaus auch viele förmlichere Briefe auf Latein verfasste, die Absicht zur Popularisierung dieser Schrift hegte.So die Bewertung in Calinger et al. (2019), S. 2–1 und 2–9.
Die originalen und an die Koadjutorin Friederike verschickten Briefe sind verschwunden. Vermutlich sind sie in den Umzugskisten auf dem Wege zurück nach Sankt Petersburg an die Petersburger Akademie 1766 verloren gegangen.