Das Mädchen mit den Goldaugen (Originaltitel: La Fille aux yeux d’or) ist die dritte Erzählung der Trilogie Die Geschichte der Dreizehn innerhalb der Menschlichen Komödie von Honoré de Balzac. Der Text erschien erstmals im März 1834 und Mai 1835 in den Szenen aus dem Pariser Leben (Originaltitel: Scènes de la vie parisienne).Fritz-Georg Voigt: Nachwort. In: Honoré de Balzac: Geschichte der Dreizehn. Aufbau-Verlag, Berlin 1976. S. 455–466. Hier S. 460–461. Kurzbeschreibung Ein gelangweilter Flaneur begegnet bei seinen Spaziergängen wiederholt einer schönen jungen Frau, dem „Mädchen mit den goldenen Augen“. Für ihn ist die Eroberung dieser Frau nur eine weitere Herausforderung. Er forscht ihr nach, will sie verführen und wird nun seinerseits zu deren Objekt sexueller Begierde. Für eine Affäre gibt sie ihm zwölf Tage Zeit und stellt die Bedingung, dass er sich als Frau verkleiden muss. Er fühlt sich gedemütigt, zumal sie ihm beim Liebesspiel deutlich macht, dass sie nur eine Frau begehrt. Mit Hilfe des Geheimbunds der Dreizehn plant er seine Rache. Als er die Rache jedoch umsetzen will, findet er sie erstochen vor.
Inhalt Der müßiggängerische Schürzenjäger und „Adonis“Honoré de Balzac: Das Mädchen mit den Goldaugen. In: Geschichte der Dreizehn. Aufbau-Verlag, Berlin 1976. S. 167–351. Hier S. 374. Henri de Marsay spaziert wiederholt im Tuilerien-Park, um eine anonyme Schönheit wiederzusehen, trifft dabei auf seinen Freund Paul de Manerville, mit dem zusammen er die anonyme Schönheit verfolgt, die in Gesellschaft ihrer Anstandsdame gleichfalls im Park lustwandelt.Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 390. Als die anonyme Schönheit, bei der er sich um die geheimnisvoll-unnahbare Paquita Valdès handelt, mit ihrer Anstandsdame in ein Coupé steigt, winkt sie unbemerkt von ihrer Anstandsdame den beiden Verfolgern mit ihrem Taschentuch, „was Henri vor aller Augen bedeuten sollte: Folgen Sie mir“.Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 391. Henri verabschiedet sich von Paul, nimmt sich eine Droschke, um das Coupé zu verfolgen, bis jenes in ein Palais einfährt. Anschließend beauftragt Henri seinen Kammerdiener mit Erkundigungen, der daraufhin einen Briefträger besticht und die Sicherheitsmaßnahmen des Palais erläutert sowie einen von vielen aus London abgesendeten Briefen mit der Bemerkung „hier steht der Name Ihres Wildes“ ausgehändigt bekommt.Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 393–394. Da das Palais dem Marquis von San Real gehört, schließt Henri aus diesen Erkenntnissen, dass es sich bei Paquita, der Adressatin des Briefes, um die Geliebte des Marquis von San Real handeln müsse: „Nur ein alter spanischer Leichnam von achtzig Jahren ist fähig, solche Vorsichtsmaßnahmen zu treffen.“Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 396. Henri entwickelt den Plan, über den korrupten Briefträger an einen der an Paquita adressierten Briefe aus London zu gelangen, diesen zu öffnen, ein „Liebesbriefchen“ darin zu verstecken, den Londoner Brief erneut zu versiegeln und so Paquita unbemerkt eine Botschaft zukommen zu lassen.Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 401. Er ist gezwungen, diesen Plan umzusetzen, nachdem die Anstandsdame im Park „einen Blick zwischen dem ihrer Obhut anvertrauten Mädchen und Henri aufgefangen hatte“ und Paquita daher das Palais San Real nicht mehr verlassen darf.Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 403.
In dem „Liebesbriefchen“ legt Henri Paquita einen Plan für eine Rückantwort dar, den Paquita aber nicht umsetzt: Stattdessen taucht, während Henri und Paul in Henris Wohnung frühstücken, Paquitas Diener Christemio bei den beiden auf, zusammen mit einem bezahlten Dolmetscher.Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 404–405. Christemio fordert Henri auf, am Folgeabend bei einem bestimmten Café zu erscheinen: „Dort werdet Ihr einen Wagen sehen, in den Ihr einsteigt“.Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 407. Henri erscheint zu dem Termin, steigt in den Wagen. „Henri wurde so geschwind durch Paris getragen, seine Gedanken ließen ihn so wenig die Fähigkeit, den Straßen, durch die sie fuhren, Aufmerksamkeit zu schenken, daß ihm nicht klar wurde, wo der Wagen hielt.“Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 409. Christemio führt Henri ins Innere „einer feuchten, Übelkeit erregenden, lichtlosen Wohnung“, deren Salon Henri „an den Salon eines verrufenen Hauses erinnert: derselbe Anspruch auf Eleganz und dieselbe Ansammlung von geschmacklosen Dingen, von Staub und Schmutz.“ Dort trifft Henri Paquita „in einem aufreizenden Morgenmantel“,Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 410. aber auch deren Mutter, „die einzige Frau, auf die ich mich verlassen kann, obgleich sie mich bereits verkauft hat“, so Paquita.Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 413. In der Unterredung zwischen Paquita und Henri sagt Paquita, dass beide nur zwölf Tage „für uns“ hätten, in denen der Marquis und die Marquise von San Real abwesend seien. „Wie eine gleicherweise von Gewissensbissen wie von Leidenschaft bedrückte Frau schien Paquita von etwas in Anspruch genommen, das nicht er [=Henri de Marsay] war. Vielleicht trug sie im Herzen eine andere Liebe, die sie bald vergaß, bald sich zurückrief. […] De Marsays Bewunderung wurde zur heimlichen Raserei“, und er droht Paquita: „Wenn du nicht mir allein gehören solltest, werde ich dich töten!“Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 414. In seiner aufbrandenden Liebesraserei sagt Henri Paquita „tausend Unsinnigkeiten mit der Geschwindigkeit eines Sturzbaches“, und Paquita flüstert von ihm ungehört: „Es ist dieselbe Stimme! […] Und… dasselbe Feuer“.Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 416. Henri fordert von ihr, sie solle „heute abend mein“ sein, doch Paquita behauptet, sie habe ihrer daheim weilenden Anstandsdame zu wenig Betäubungsmittel verabreicht, könne daher nicht bleiben und Christemio würde Henri in zwei Tagen erneut vom Café abholen.
Als Henri zu dem Termin erscheint, muss er sich von Christemio die Augen verbinden lassen.Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 420. Der Sicht beraubt fährt Henri in einem Wagen davon, wird kurz vor dem Ziel nicht geführt, sondern getragen, landet in einem haremartig ausgekleideten Boudoir mit einem türkischen Diwan, indischem Musselin, und der „Teppich glich mit seinem Muster einem orientalischen Schal und ließ an die Poesien Persiens denken“.Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 422–423. Dort kniet Paquita „mit einem weißen Morgenmantel, mit nackten Füßen, mit Orangenblüten in ihrem schwarzen Haar, vor Henri, ihn anbetend wie den Gott dieses Tempels“.Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 423. Zweifach fragt sie ihn „Willst du mir gefallen?“,Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 425–426. er bejaht dieses. „Fröhlich holte Paquita aus einem der Möbel eine rote Samtrobe, in die sie de Marsay kleidete; dann setzte sie ihm eine Haube auf und wand ihm einen Schal um.“Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 427. Nach dieser Travestie kommt es zum Geschlechtsverkehr. „Aber seltsam! Wenn das Mädchen mit den Goldaugen auch Jungfrau war, unschuldig war sie gewiß nicht.“ Nach dem Sex kehrt Henri in sein altes Leben zurück, doch besitzt er als ein Mann, „der sich mit Lust übersättigt hat, eine Neigung zum Vergessen, eine gewisse Undankbarkeit“,Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 428. ist ermattet durch das Glück und „dieser köstlichen Melancholie des Körpers hingegeben“,Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 429. verschwindet tagelang auch aus dem Blickfeld seines Freundes Paul.Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 431. Dann aber kommt ihm aufgrund der merkwürdigen Umstände des Sexualakts der Gedanke, nicht er habe Paquita als Sexualobjekt genutzt, sondern sie ihn: „Wenn seine Vermutungen zutrafen, war er im Innersten seines Wesens gröblich beleidigt worden. Schon allein der Verdacht versetzte ihn in Wut, er brach in das Gebrüll eines Tigers aus“, was Paul sehr verwundert, woraufhin Henri fragt: „Was willst du? Die Wollust führt zur Grausamkeit. Warum? Ich weiß es nicht und bin auch nicht neugierig genug, den Grund dafür zu suchen.“Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 425.
Aufgebracht gegen Paquita geht Henri zum nächsten Rendezvous, lässt sich wieder die Augen verbinden, wieder fahren, konzentriert „seine Aufmerksamkeit und seinen Verstand darauf, zu erraten, durch welche Straßen der Wagen fuhr“, ist überzeugt, dass man ihn zum Palais San Real fährt, wo man Henri wie gehabt in Paquitas Boudoir trägt: Paquita nimmt Henri die Binde ab, „bleich und verändert“,Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 436–437. weil Todesgefahr drohe und sie beide Paris verlassen müssten, doch Henri will nicht: „Ich bin nicht frei, ich bin durch Eid an das Geschick von Menschen gebunden, die mir ergeben sind, so wie ich ihnen.“Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 438. Dennoch zeigt sich Henri durch Paquita gerührt: „Die Hoffnung, endlich das Idealwesen zu besitzen, […] entzückte de Marsay, der zum erstenmal nach langer Zeit sein Herz erschloß. Seine Nerven entspannten sich, seine Kälte zerschmolz im Dunstkreis dieser glühenden Seele, seine schneidenden Doktrinen verflogen“.Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 441. Doch inmitten eines weiteren Sexualakts kommt es für Henri zu einem „Dolchstoß in sein zum erstenmal gedemütigtes Herz. Paquita, die in kraftvoll emporgehoben hatte, wie um ihn zu betrachten, hatte ausgerufen: ‘Oh! Mariquita!‘“ Aufgrund dieses Wortes (spanisch u. a. für einen weibischen Mann) und der beim vorherigen Rendezvous vorgenommenen Travestie brüllt Henri, nun wisse er, „woran er noch zweifeln wollte“:Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 444. Henri fühlt sich „von dem süßesten Triumph entthront […], der seine männliche Eitelkeit je erhöht hatte. Die Hoffnung, die Liebe und überhaupt alle Gefühle hatten sich bei ihm übersteigert, alles in seinem Herzen und in seinem Geist hatte geflammt; dann waren diese Flammen, entzündet, um sein Leben zu erhellen, durch einen kalten Wind ausgeblasen worden.“Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 446. Henri möchte Paquita mit seiner Krawatte erdrosseln, doch Paquita kann nach Christemio läuten, der sich auf Henri wirft, was Henri nicht nur aufgrund von Christemios körperlicher Überlegenheit duldet: „Überdies hatte er trotz seiner zornigen Aufwallung bereits überlegt, daß es nicht klug wäre, sich der Gerichtsbarkeit auszusetzen, indem er dieses Mädchen unversehens tötete, ohne den Mord auf eine Weise vorbereitet zu haben, die ihm Straflosigkeit zusicherte.“Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 445.
Henri verlässt den Palais San Real, taucht unter, „ohne daß jemand zu erfahren vermochte, was er in dieser Zeit machte und an welchem Ort er sich aufhielt. Diese Zurückgezogenheit rettete ihn vor der Wut des Mulatten [=Christemio] und führte den Untergang jenes armen Geschöpfes [=Paquita] herbei, das seine ganze Hoffnung in ihn gesetzt hatte, den es liebte“Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 447. und der, „durch Eid an das Geschick von Menschen gebunden, die mir ergeben sind, so wie ich ihnen“, eines Nachts „gegen 11 Uhr“ am Palais San Real mit drei dieser Eidgenossen auftaucht, darunter deren Oberhaupt Ferragus.Balzac, Das Mädchen mit den Goldaugen, S. 447–448.