Ernst Moritz Theodor Ziller ( oder ; * 22. Juni 1837 in Serkowitz, heute Radebeul; † 4. November 1923 in Athen) war ein deutsch-griechischer Architekt, Bauforscher und Archäologe, der fast ausschließlich in Griechenland gearbeitet hat. Mit über 500 privaten und öffentlichen Bauten zwischen 1870 und 1914 prägte Ziller die historistische Architektur des späten 19. Jahrhunderts in Griechenland nachhaltig. Das wohl einflussreichste Mitglied der ursprünglich sächsischen Baumeisterfamilie Ziller erwarb in späteren Jahren, im Zusammenhang mit seiner Heirat, die griechische Staatsangehörigkeit.

mini|hochkant|Ernst Ziller, um 1880

Den weitaus größten Teil seiner Bauten entwarf Ziller für Athen, das seit 1834 Hauptstadt des modernen Griechenlands war. Der Ausbau der zuvor nur rund 12.000 Einwohner zählenden Stadt zur rapide wachsenden, repräsentativen Hauptstadt war nach einem Plan von 1831 von Eduard Schaubert und Stamatios Kleanthis im Stil eines griechisch geprägten Klassizismus im Sinne ihres Lehrers Schinkel (von dem der Entwurf zu einem Palast auf der Akropolis stammte) begonnen worden.Athen und die Halbinsel Attika; Klassizistisches Athen; Stadtplanung Die dänischen Brüder Hans Christian und Theophil von Hansen setzten unter König Otto diese Arbeiten fort. Ziller verband deren griechischen Klassizismus mit Stilelementen einer norditalienischen Neorenaissance und – in seinen Kirchenbauten – byzantinischen Architekturelementen und prägte während der Regierungszeit König Georgs I. das Aussehen der Hauptstadt als moderne europäische Metropole mit repräsentativen öffentlichen Gebäuden und prächtigen Privathäusern. Das Nationale Hellenische Forschungszentrum bezeichnet dieses „eklektische Athen“ der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Klassizismus und norditalienischer Neorenaissance, ergänzt durch neuzeitliche Ideen aus Wien und Dresden, als das „Athen von Ziller“,Leonidas Kallivretakis: Athens in the 19th century: From regional town of the Ottoman Empire to capital of the Kingdom of Greece in dem er „das herrschaftliche Profil der späten griechischen bürgerlichen Gesellschaft am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts [bestimmte]“.

Das Werk von Ziller wurde erstmals 1942 von Hans Hermann Russack in seinem grundlegenden Buch Deutsche bauen in Athen gewürdigt. Der in Griechenland fast vergessene und in Deutschland kaum bekannte Architekt wurde 1973 von Dimitrios Papastamos zu seinem 50. Todestag durch dessen Versuch einer Monografie (Prospatheia Monographias) der Öffentlichkeit wieder ins Gedächtnis gebracht, basierend auf den von Zillers Tochter Josefine (Fifi) Dima-Ziller an die Nationalgalerie übergebenen Originalunterlagen. Insbesondere Maro Kardamitsi-Adami von der Nationalen Technischen Universität Athen würdigte dann Zillers Werk in Griechenland wieder in mehreren Veröffentlichungen. Eine Ausstellung von Entwürfen Zillers in der Nationalen Pinakothek Athen führte Ziller 2010 auch einem breiteren Publikum wieder ins Gedächtnis.

Erste Jahre mini|Geburtshaus in Radebeul, heute mit Vorbau statt der Dreifach-Fenster

Ernst Ziller wurde als ältestes von zehn Kindern in eine Baumeisterfamilie hineingeboren, als Sohn des Baumeisters Christian Gottlieb Ziller. Als er und sein ein Jahr jüngerer Bruder Moritz (1838–1895) auf dem Anwesen geboren wurden, gehörte es noch zur Serkowitzer Flur (heutige Adresse Augustusweg 4). Im Jahr 1839 wurde Oberlößnitz einschließlich des Ziller-Anwesens aus Serkowitz sowie dem benachbarten Alt-Radebeul ausgegründet, weswegen in manchen Quellen Ernst Zillers Geburtsort mit Oberlößnitz (oder Oberlössnitz) angegeben ist. Ernst bildete mit seinen Brüdern (vier von fünf Jungen ergriffen einen Bauberuf) bereits die dritte Generation Bauleute. Er und Moritz lernten zur gleichen Zeit auf den Baustellen des Vaters Baumeisterberufe: Ernst wurde Maurermeister und Moritz Zimmermeister. Den notwendigen theoretischen Unterricht erhielten sie vom Vater zu Hause, vor allem im Winter, wenn das Baugeschehen ruhte. Ernst besuchte zusätzlich von 1855 bis 1858 das Bauatelier der Akademie der Bildenden Künste zu Dresden (Semper-Nicolai-Schule), wo er für studentische Wettbewerbsarbeiten im zweiten Jahr eine bronzene und im dritten Jahr eine silberne Medaille erhielt.

mini|links|Das Zuhause: Entwurf von Vater Ziller zu seinem Landhaus im Toskanastil (1834, fünf Jahre vor Sempers Villa Rosa)

Die beiden Brüder gingen nach LeipzigFriedbert Ficker; Gert Morzinek; Barbara Mazurek: Ernst Ziller – Ein sächsischer Architekt und Bauforscher in Griechenland; Die Familie Ziller. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg i. Allgäu 2003, S. 4. zu dem befreundeten Steinmetzmeister Einsiedeln und wollten von dort zusammen nach Berlin beziehungsweise Potsdam gehen, wo ihr Onkel Christian Heinrich wirkte. Auf Anraten Einsiedelns gingen sie jedoch 1858 in das „solidere“Friedbert Ficker; Gert Morzinek; Barbara Mazurek: Ernst Ziller – Ein sächsischer Architekt und Bauforscher in Griechenland; Die Familie Ziller. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg i. Allgäu 2003, S. 27. Wien. Moritz fand schnell Arbeit als Zimmermann, Ernst dagegen arbeitete als Zeichner im Büro des klassischen dänischen Architekten Theophil von Hansen. Bereits ein halbes Jahr später ging Hansen zur Vorbereitung seines Baus der Akademie von Athen nach Griechenland, derweil die beiden Brüder Ernst und Moritz in die Lößnitz zurückkehrten, um im Winter am Bauatelier der sächsischen Akademie der Bildenden Künste ihre Kenntnisse zu vertiefen.

Während Moritz in das väterliche Baumeistergeschäft in der Oberlößnitz eintrat, nahm Ernst erfolgreich an einem Architekturwettbewerb für eine Wohnbebauung in Tiflis teil. Am selben Tag, an dem ihm die russische Gesandtschaft in Dresden mitteilte, dass er zur Unterzeichnung des Vertrags für Tiflis vorsprechen solle, um anschließend dorthin zu gehen und seine Planung umzusetzen, erhielt er einen (im Archiv erhaltenen und auf den 20. September 1859 datierten)Stephan Spichty: Das Rathaus von Hermoupolis. Ein Reisebericht. Abschlussarbeit des NDS/gta 1995–1997. ETH Zürich, Institut für Geschichte und Theorie der Architektur, S. 45 (Brief dort abgedruckt). Brief Hansens aus Wien, der ihm ein vorteilhaftes Angebot machte, ohne jedoch vorerst Athen zu erwähnen. Ernst Ziller entschloss sich, statt des Bauprojekts in Tiflis Hansens Angebot anzunehmen, und fuhr mit geliehenem Geld nach Wien, „da sein Vater gerade nicht bei Kasse war“.Stephan Spichty: Das Rathaus von Hermoupolis. Ein Reisebericht. Abschlussarbeit des NDS/gta 1995–1997. ETH Zürich, Institut für Geschichte und Theorie der Architektur, S. 29.

Bauleiter und Rechnungsführer für Hansen mini|links|Athen, Blick von der Akropolis zum Lykabettus, um 1860, somit zu Beginn Zillers dortiger Tätigkeit mini|Athener Akademie Ziller hatte noch anderthalb Jahre in Wien zu tun, insbesondere als Zeichner an den Plänen für die Athener Akademie. Dann fuhren Hansen und Ziller 1861 gemeinsam nach Athen, wo Ziller für die nächsten 30 Jahre, mit kurzen Unterbrechungen, bis zum Tod Hansens dessen Vertreter vor Ort war. Beginnend mit dem 23. März 1861, kurz nach Hansens Abreise aus Athen, schrieb Ziller bis zum 7. September 1890 regelmäßig Briefe an Hansen, von denen 348 in Hansens Nachlass archiviert sind. Nicht nur über die Arbeiten für Hansen wurde dort berichtet, sondern später auch über Zillers eigene Arbeiten sowie auch über die Familie. Auch Hansen schickte immer wieder Skizzen, Pläne und Fotos seiner neuesten Projekte. Zillers Briefe der letzten Jahre benutzten dabei das vertrauliche „Du“ (beispielsweise in einer Korrespondenz über sein Lykabettos-Projekt 1882), die Besuchseinladung 1889 anlässlich der bevorstehenden Vermählung des griechischen Kronprinzen bezieht sogar die Familie mit ein.Stephan Spichty: Das Rathaus von Hermoupolis. Ein Reisebericht. Abschlussarbeit des NDS/gta 1995–1997. ETH Zürich, Institut für Geschichte und Theorie der Architektur, S. 35.

Ziller hatte Schwierigkeiten mit dem Baufortschritt, was jedoch nicht nur an der andersartigen Kultur und Sprache auf der Baustelle lag, sondern auch an den sich immer wieder verzögernden, obwohl zugesagten Finanzierungstranchen des Finanziers Baron Simon Georg von Sina. Nach der Revolte des griechischen Volkes und der Abdankung König Ottos stellte Baron von Sina 1864 seine Zahlungen „zunächst“ gänzlich ein, womit der Bau der Akademie „auf unbestimmte Zeit“ gestoppt werden musste, da der stiftende Baron von Sina als ehemaliger Gesandter König Ottos dessen Vertreibung übelnahm.

mini|Das Zappeion 2006 mini|Nationalbibliothek

Ziller nutzte die Zeit, reiste 1864 studienhalber durch Italien und vertiefte sich in Neapel („Museum Borbonico“), Rom (wo er den Petersdom mit der Dresdner Frauenkirche verglich), Florenz, Mantua und Verona neben dem Altertum insbesondere in die italienische Renaissance. Im Jahr 1865 war er zurück in Hansens Büro in Wien, wo er nicht nur an weiteren Plänen für die Athener Akademie arbeitete, sondern auch eigene Entwürfe verfertigte. So entstand während dieser Zeit unter anderem unaufgefordert ein Entwurf im byzantinischen Stil für eine Kirche in seiner Lößnitz-Heimat, der dort jedoch verworfen wurde und dem erst 25 Jahre später der Kirchenbau der Lutherkirche folgte. Auch studierte er an der Akademie der bildenden Künste Wien und schloss mit einem Diplom ab. In dieser Zeit bis 1868 führten ihn Studienreisen nach Berlin und Dresden, wo er insbesondere die Werke von Karl Friedrich Schinkel und Gottfried Semper studierte.

mini|links|Nationalbibliothek zur Bauzeit, 1895

Erst 1868 konnte Ziller nach Athen zurückkehren, um die Akademie fertigzubauen, da deren Weiterfinanzierung gesichert war. Zugleich siedelte er sich dort an und betreute während der folgenden mehr als zwanzig Jahre alle Bauvorhaben Hansens. Die Akademie wurde 1885 fertig. Hinzu kamen das Ausstellungsgebäude Zappeion (Grundsteinlegung 1874, Einweihung 1888) und die Nationalbibliothek (Grundsteinlegung 1888, Bezug durch die Bibliothekssammlung 1903). Innerhalb kurzer Zeit erwarb er sich dort ein hohes Ansehen als einer der bedeutendsten klassizistischen Architekten in Griechenland. In der öffentlichen Wahrnehmung trat Hansen so weit in den Hintergrund, dass Ziller während einer Audienz vom neuen König Georg gefragt wurde, ob die Pläne zu den Neubauten alle von ihm seien. Die Anstellung als Hansens Bauleiter ermöglichte Ziller, auf einer gesicherten finanziellen Basis durch sein monatliches Einkommen über eigene Projekte und Ideen nachzudenken. In einem Brief Zillers an Hansen etwa 20 Jahre später fasste er diese für ihn einzigartige Möglichkeit zusammen und bedankte sich bei Hansen.

Hansen, Zillers langjähriger Auftraggeber und freundschaftlich verbundener Mentor, starb 1891.

Bauforscher und klassischer Archäologe Kurvaturen mini|links|Der Parthenon im 19. Jahrhundert mini|Metopen-Triglyphen-Fries und linke Ecke des Ostgiebels, Parthenon mini|hochkant|Ernst Ziller: „Polychromische Studie fuer den Mittelbau“