mini|Steinmetzzeichen in Frankreich an der Burg Coucy mini|Spanische Steinmetzzeichen in Samachona (Kantabrien) mini|Steinmetzzeichen aus England (Fountains Abbey) mini|Gipsabdrücke arabischer Steinmetzzeichen in der Mezquita-Catedral de Córdoba
Ein Steinmetzzeichen ist eine von der Antike bis in die frühe Neuzeit, mit zeitlichem Schwerpunkt im Mittelalter, übliche Markierung, die Steinmetzen auf ihrer Arbeit anbrachten. Die Steinmetzzeichen gehören, ebenso wie Meisterpunze, zu den Zeichen, mit denen Handwerker ein Objekt als ihr Werk kennzeichneten. Das Zunftzeichen steht für einen Berufszweig. An vielen alten Bauten, vor allem an Kirchen, sind heute noch die Steinmetzzeichen zu erkennen. Die Steinmetzzeichen sind für moderne Archäologen eine wichtige Orientierungshilfe. Sie lassen Rückschlüsse auf die Baugeschichte und die Organisation auf einer historischen Baustelle zu.
Allgemeines Die wahrscheinlichste Erklärung für Steinmetzzeichen ist, dass durch das Zeichen ein behauener Stein als das Werk eines bestimmten Steinmetzen (oder auch einer bestimmten Familie, Sippe oder Werkstatt) erkennbar war und dies die Abrechnung für die gelieferten Werksteine erleichterte. Eine Erklärung für den Zweck der Steinmetzzeichen anhand einer „Stapel-Theorie“, die von Karl Friederich stammt, ist bis heute in der Forschung gültig und die Bedeutung der Steinmetzzeichen wird im praktischen Bereich der Organisation der jeweiligen Baustelle selbst gesehen: „Der Steinmetz stapelte die gefertigten Quader in der Nähe seines Arbeitsplatzes auf und bei der Steinaufnahme am Zahltagsabschluß erhielten einzelne Steine, vielleicht die ganze oberste Schicht, das Zeichen.“Karl Friederich: Die Steinbearbeitung. 1932. Die heutige Steinmetzzeichenforschung stimmt überein, dass diese meist geometrischen, auch monogrammartigen Zeichen als Gütezeichen zu Abrechnungszwecken Verwendung fanden. Ein nicht geklärter Widerspruch verbleibt, denn an manchen Werksteinen sind mehrere Steinmetzzeichen angebracht.
Steinmetz- und Meisterzeichen mini|hochkant|Typisches gotisches Steinmetzzeichen an einem Profil
Werkmeister-, Baumeister- oder Meisterzeichen wurden an betonten Stellen in Wappenschilden oder an Baumeisterbildnissen selbst angebracht. Der Beginn der Entwicklung der Steinmetzzeichen wird als „Künstlersignatur“ bereits im 12. Jahrhundert angesehen: Funde an der Kathedrale von Lyon aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zeigen charakteristische Profile der Steinmetzen. Die erste bekannte „Künstlersignatur“ des Gislebertus taucht als Inschrift zwischen 1130 und 1140 am Westportal der Kathedrale von Autun auf. Meisterzeichen der Gotik sind teilweise von einem Wappenschild umschlossen.
Versatzzeichen bzw. Versetzzeichen Persönlich gebundene Steinmetzzeichen sind von ähnlich aussehenden, seit der Antike verwendeten „Versetz-“ oder „Versatzzeichen“, „Setzmarken“ oder „Versatzmarken“ und im Speziellen von den „Höhenschichtenzeichen“ zu unterscheiden. Diese erfüllten eine rein bautechnisch bedingte Aufgabe. Meist wurden sie aus Zahlen, Buchstaben und einfachsten geometrischen Formen gebildet, die mit der Reihenfolge beim Versetzen der Steine zu tun hatten und sich in Gestalt und Systematik grundlegend von den Steinmetzzeichen unterschieden. Der heutige Forschungsstand kann abschließend nicht klären, ob Steinmetzzeichen formal von Versatzzeichen zu unterscheiden sind und ob eine sichtbare oder im Steinverband verborgene Anbringung zu einer Unterscheidung beiträgt.
Steinbruchmarken „Steinbruch-, Bruch- oder Lieferantenmarken“ wurden als „Herkunftszeichen der Steinbrüche“ verwendet. Die Abgrenzung von (echten) Steinmetzzeichen, die während des eigentlichen Bauprozesses angebracht wurden, ist in der Praxis oft schwierig. Markierungen auf Werksteinen der Antike werden häufig als solche Steinbruchmarken interpretiert. Die wissenschaftliche Debatte, ob zumindest ein Teil dieser Zeichen auch in der Antike bereits als Werkstättenmarkierungen (und damit den Steinmetzzeichen des mittelalterlichen Europa vergleichbar) anzusehen ist, dauert jedoch nach wie vor an. Ausgrabungen an alten Steinbrüchen zeigen, dass Quader sowohl in der Antike als auch im Mittelalter bereits am Steinbruch von professionellen Steinmetzen bearbeitet worden waren. Markierungen aus diesem halbfertigen Zustand der Blöcke wurden oft im Laufe späterer Bearbeitungsschritte weggemeißelt, können bei bestimmten Arbeitstechniken (zum Beispiel Bossenwerk) jedoch auch auf dem vermauerten Block erhalten bleiben.
Maurerzeichen In der Literatur begegnet man mitunter auch dem Begriff MaurerzeichenA. Schroeder: Hausmarken, Zierrat, Maurerzeichen und Schriftzüge in Eckartshausen (Teil 1). In: Büdinger Geschichtsblätter, Band 20, Büdingen, 2008, S. 233–241 sowie derselbe, Teil 2, in: Büdinger Geschichtsblätter, Band 23, Büdingen 2015, S. 261–275.Nopitzsch: Über die Maurer-Zeichen an der Kirche zu Wendelstein. In: Fünfzehnter Jahresbericht des historischen Vereins in Mittelfranken, Ansbach, 1846, S. 9–11.U. Behmann: Das geheimnisvolle Symbol. In: Deister- und Weserzeitung vom 5. Oktober 2013, Hameln 2013.K. Brandstätter: Schloß Goldrain und die Grafen Hendl, Bozen 2000, S. 146. (etwa Döderlein im 18. Jahrhundert bzgl. einiger Zeichen im Gewölbe der Burg Cadolzburg)H. Maßmann: Runensteine im Rezatkreise. In: Kunst-Blatt, 11. Jg., Nr. 55, vom 12. Juli 1831, Stuttgart 1831, S. 218–220.D. Burger: Die Cadolzburg: Dynastenburg der Hohenzollern und markgräflicher Amtssitz, Wissenschaftliche Beibände zum Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 2005, S. 157 (mit Abbildung der Steinmetz-, Steinhauer- bzw. Maurerzeichen): „Der Rektor der Weißenburger Lateinschule, Johann Alexander Döderlein, ein wahrer Universalgelehrter seiner Zeit, verfaßte ein ausführliches Gutachten, in dem er völlig zu Recht zu dem Schluß kam, »daß unsere Cadolsburgische Characteres keine Schrift einer gewissen Sprache, sondern blosse Zeichen und Marquen der Steinmetzen und Maurer exprimiren.«“, der sich nicht auf das Maurer-Zunftzeichen bezieht, sondern teils synonym für Steinmetzzeichen benutzt wird (wohl wegen einer früher weniger üblichen strikten Trennung der Termini „Steinmetz“ und „Maurer“)A. Demmin: Encyclopädie der Schriften-, Bilder- und Wappenkunde, Trachten, Geräthkunst, Gefässkunde, der bürgerlichen und kirchlichen Baukunst, Kriegsbaukunst und Schiffsbaukunst, Leipzig 1878, S. 86. und teils eine Abweichung beschreibt.C. G. Homeyer: Die Haus- und Hofmarken, Berlin 1870, S. 88, 282. Im Zusammenhang mit mittelalterlichen Backsteinbauten unterstellt bspw. Perlich (2007), dass ein genuines Maurerzeichen eine Übernahme von Traditionen der Steinmetze und des Werksteinbaus darstelle und analog zu einem Schlussstein ein Zeichen für die Beendigung eines Baus sein könnte.B. Perlich: Mittelalterlicher Backsteinbau, zur Frage nach der Herkunft der Backsteintechnik, Berliner Beiträge zur Bauforschung und Denkmalpflege, 5, Petersberg, 2007, S. 138 f., 151.
Antike Steinmetzzeichen Ägyptische Steinmetzzeichen Die ältesten Steinmetzzeichen finden sich in Ägypten. Besonders gut dokumentiert sind dabei die Zeichen an verschiedenen Pyramiden und Tempeln in Abusir. Am Sonnenheiligtum des Userkaf werden diese Zeichen vor allem als Teammarken interpretiert,Gerhard Haeny: Die Steinbruch- und Baumarken. In: Elmar Edel, Das Sonnenheiligtum des Königs Userkaf Bd. 2, Kairo 1969, S. 23–47. an den Pyramidenkomplexen des Sahure sowie des Neferirkare hingegen eher mit einer administrativen Qualitätskontrolle in Verbindung gebracht.Ludwig Borchardt: Das Grabdenkmal des Königs Sa'ḥu-Reʿ Bd. 1, Leipzig 1910, S. 86–91.Ludwig Borchardt: Das Grabdenkmal des Königs Nefer-Ir-Ke-Re, Leipzig 1909, S. 45–53. Sehr ähnliche Zeichen werden an der benachbarten Mastaba des Ptahschepses jedoch, entgegen den Auffassungen Borchardts, ebenfalls als Teammarken interpretiert.Miroslaw Verner: Baugraffiti der Ptahschepses-Mastaba, Abusir, Prag 1992, S. 171–172. Auch im ägyptischen Neuen Reich sind Steinmetzzeichen geläufig. Gut dokumentiert sind diese zum Beispiel an den Bankett- und Terrassenmauern des Tempels Thutmosis III. in Deir el Bahri. Da die Zeichen hier sowohl auf Sand- als auch Kalksteinblöcken vorkommen, scheidet eine Interpretation als Steinbruch- oder Liefermarken aus, vermutet wird auch hier eher ein System der Arbeitserfassung und Qualitätskontrolle.Jadwiga Lipińska: Deir el-Bahari Bd. 2 – The Temple of Tuthmosis III. Architecture, Warschau 1977, S. 25.
Die weitaus meisten Steinmetzzeichen in Ägypten stammen jedoch aus der ptolemäischen und römischen Zeit, gehen vermutlich auf hellenistische Vorbilder zurück und stehen kaum in der Tradition der Steinmetzzeichen der pharaonischen Epoche (s. u.).
Alter Orient In der mesopotamischen Architektur war die Verwendung von Steinblöcken selten. Weitaus häufiger wurden Lehmziegel verwendet, so dass hier eher Ziegelstempel und Pechmarken anstatt von Steinmetzzeichen anzutreffen sind. Zwischen beiden Kategorien von Markierungen besteht jedoch häufig ein formaler Zusammenhang.
Im persischen Reich waren Steinmetzzeichen dagegen verbreitet. Die frühesten Belege stammen aus der Zeit Kyros des Großen aus Pasargadae,David Stronach: Pasargadae. A Report on the Excavations Conducted by the British Institute of Persian Studies from 1961 to 1963, Oxford 1978. S. 21–23. und ähneln älteren Ziegelstempeln aus Ekbatana.Marcel Dieulafoy: L’Art Antique de la Perse. Première Partie: Monuments de la Vallée du Polvar-Roud, Paris 1884, S. 12 Fig. 13. Weitaus mehr Steinmetzzeichen sind aus dem Palast von Persepolis belegt.Carl Nylander: Mason’s marks in Persepolis – A Progress Report. In: Firouz Bagherzadeh (Hrsg.): Proceedings of the 2nd Annual Symposium on Archaeological Research in Iran, Teheran 1974, S. 216–222.
Phönizische Steinmetzzeichen sind aus Sidon,Rolf A. Stucky: Das Eschmun-Heiligtum von Sidon – Architektur und Inschriften, Basel 2005, S. 20. Baalbek und Damaskus bekannt. Die Belege aus Baalbek stammen jedoch sehr wahrscheinlich erst aus der römischen Epoche und finden sich am dortigen Bacchus-Tempel sowie den nahe gelegenen Steinbrüchen.Daniel Krencker, Theodor von Lüpke, Herrmann Winnefeld: Baalbek. Ergebnisse der Ausgrabungen und Untersuchungen in den Jahren 1898 bis 1905, Berlin/Leipzig 1923, S. 19 & S. 43.
Auch an mehreren alt-israelitischen Bauten wurden Steinmetzzeichen dokumentiert, vor allem in Hazor, Gezer und Dor. Diese Zeichen wurden von einigen Forschern aus der karischen Schrift hergeleitet,Norma Franklin: Mason’s Marks from the Ninth Century BCE Northern Kingdom of Israel. Evidence for the Nascent Carian Alphabet?, Kadmos. Zeitschrift für vor- und frühgriechische Epigraphik 40.2, 2001, S. 107–116. was jedoch zu einigen chronologischen Schwierigkeiten führen würde und in jüngerer Zeit in Zweifel gezogen wird.Tim Karberg: Die Steinmetzzeichen der Großen Anlage von Musawwarat es Sufra (Sudan) im interkulturellen Vergleich, Münster 2017, S. 342–343.
Steinmetzzeichen der griechischen und römischen Antike