mini|Die Eiserne Jungfrau von Nürnberg im Mittelalterlichen Kriminalmuseum Rothenburg ob der Tauber Die Eiserne Jungfrau ist ein Gerät, das zur Folterung und Hinrichtung von Menschen benutzt worden sein soll. Es handelt sich um einen hölzernen oder metallenen Hohlkörper, meist in Frauengestalt, der mit nach innen stehenden Nägeln oder Dornen beschlagen war. In der Rechtspraxis des Mittelalters oder der Frühen Neuzeit wurden dergleichen Geräte nicht eingesetzt, es handelt sich um einen Geschichtsmythos.
Geschichte Trotz ihres Rufs als mittelalterliches Folterinstrument gibt es keine Hinweise auf die Existenz von Eisernen Jungfrauen vor dem frühen 19. Jahrhundert. Es gibt jedoch alte Berichte über den spartanischen Tyrannen Nabis, der ein ähnliches Gerät um 200 v. Chr. für Erpressung und Mord verwendet haben soll. Der abbasidische Wesir Ibn al-Zayyat soll eine ähnliche hölzerne, ofenähnliche Truhe mit Eisenspitzen zur Folter geschaffen haben, die ironischerweise während seiner eigenen Inhaftierung und Hinrichtung im Jahr 847 verwendet wurde. Das moderne Gerät, auf Deutsch als Eiserne Jungfrau bekannt, sieht einem ägyptischen Mumiensarkophag sehr ähnlich. Wolfgang Schild, Professor für Strafrecht, Strafrechtsgeschichte und Rechtsphilosophie an der Universität Bielefeld, hat dargelegt, dass angebliche Eiserne Jungfrauen aus Artefakten zusammengesetzt worden seien, die in Museen gefunden wurden, um spektakuläre Objekte für (kommerzielle) Ausstellungen zu schaffen. Mehrere Eiserne Jungfrauen aus dem 19. Jahrhundert sind in Museen auf der ganzen Welt ausgestellt, darunter im San Diego Museum of Man, im Meiji University Museum, im Schloss Kyburg und in mehreren Foltermuseen in Europa. Der Überlieferung nach soll es an folgenden Orten Eiserne Jungfrauen gegeben haben:
Ernst Mummenhoff sieht den Ursprung der Eisernen Jungfrau in einem Block, an dem Gefangene angekettet wurden und der als Jungfer bezeichnet wurde. Er beruft sich auf das Grosse vollständige Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste, in dem sich eine entsprechende Passage findet.Ernst Mummenhoff: Die Eiserne Jungfrau. In: Derselbe: Aufsätze und Vorträge zur Nürnberger Ortsgeschichte. Hrsg.: Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. E. Fromman & Sohn, Nürnberg 1931, S. 367–384, . Er führt die Legendenbildung um die Eiserne Jungfrau auf die Verborgenheit der Gefängnisse zurück, die den Raum dafür schafft, dass phantastische Geschichten entstehen:
Nürnberger Jungfrau Die berühmteste Eiserne Jungfrau, welche das Design popularisierte, stammte aus Nürnberg und wurde möglicherweise bereits 1802 ausgestellt. Das Original ging 1945 bei den alliierten Luftangriffen auf Nürnberg verloren. Eine Kopie des Originals wurde 1890 zusammen mit anderen Foltergeräten über J. Ichenhauser aus London an den Earl of Shrewsbury verkauft und nach ihrer Ausstellung auf der World’s Columbian Exposition in Chicago 1893 auf eine amerikanische Tournee mitgenommen. Dieses Exemplar wurde in den frühen 1960er Jahren versteigert und ist heute im Mittelalterlichen Kriminalmuseum Rothenburg ob der Tauber ausgestellt.
Nach der Überlieferung musste sich der Todeskandidat in die Figur stellen, worauf diese geschlossen wurde und sich die Spitzen in den Leib bohrten. Bei der sogenannten Nürnberger Eisernen Jungfrau sei die Leiche danach durch eine Öffnung im Boden in den darunter liegenden Fluss gefallen. Hier sollen die Überreste dann von den Fischen gefressen worden sein: „Sobald der Henker den Tritt davon berührt, so haut es mit breiten Hand-Säbeln ihn zu kleinen Stücken, welche die Fische in verborgenen Wassern verschlucken.“Ernst Mummenhoff: Das Fröschthor – Maxthor –, ein altes Thor. Fröschturm und „Eiserne Jungfrau“. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg. Band 13 (1899), S. 272–275, . Diese Hinrichtungsart habe Der Jungfernkuss geheißen und das gesamte Verfahren Das heimliche Gericht. Die Vorstellung basiert auf einer Nürnberger Chroniknachricht von 1533, die vom Altdorfer Professor Johann Philipp Siebenkees 1793 kolportiert wurde und im Kontext damaliger Vorstellungen mittelalterlicher Femegerichte steht. Laut Siebenkees Kolportage wurde das Verfahren erstmals am 14. August 1515 verwendet, um einen Münzfälscher hinzurichten. Aber Siebenkees schickte „eine augenzwinkernde Warnung“ hinterher: „Sollte vielleicht die ganze Sache eine Legende sein?“ Ernst Mummenhoff argumentiert insbesondere gegen das Fressen der sterblichen Überreste der Hingerichteten damit, dass der Fröschturm gar nicht an einem entsprechenden Gewässer mit Fischen gelegen habe.
1834 war im Anzeiger für Kunde des deutschen Mittelalters von der Eisernen Jungfrau und dem Heimlichen Gericht zu lesen. In der Einleitung heißt es: „Jemand, der […] in Deutschland umhergewandert ist, um die Eiserne Jungfrau zu suchen, hat bisher zwar manche merkwürdige Spur, aber erst eine wirkliche solche Schildjungfrau gefunden“, womit die Nürnberger Eiserne Jungfrau gemeint ist. Weiterhin führt der Artikel den angeblichen ursprünglichen Standort der Eisernen Jungfrau in der Nähe des Bannerhauses aus.P. G.: Bitte. In: Hans von und zu Aufßes, Franz Joseph Mone (Hrsg.): Anzeiger für Kunde des deutschen Mittelalters. Band 3 (1834), Sp. 70, . Das Bannerhaus sei durch den Autor, welcher nicht aus Nürnberg stammt, wegen der Nähe des Fröschturms zum Paniersplatz als solches bezeichnet worden. Im weiteren Verlauf werden die unterirdischen Räumlichkeiten weiter geschildert. Schließlich wird der ehemalige Standort der Eisernen Jungfrau erwähnt, welche der Überlieferung nach zu dieser Zeit schon nicht mehr im Heimlichen Gericht stand, weshalb nur noch das Fallloch ausgemacht werden könne: Die Eiserne Jungfrau „scheine aber jetzt in dem Schloß Freistritz in der Steiermark zu stehen, wohin sie seit 20 Jahren erst mit anderem Nürnberger Zeughausgerät“ gekommen sei. Im Lexikoneintrag wird die Eiserne Jungfrau in aller Deutlichkeit beschrieben:
Mummenhoff stellt in seinem Artikel von 1931 die Echtheit der Eisernen Jungfrau infrage und zeigt auf, dass sie vermutlich als Touristenattraktion geschaffen wurde, um Geld zu erwirtschaften: Die „Jungfrauen“, die in Nürnberg aufgetaucht seien, seien „Fälschungen, erfunden von einem ingeniösen Kopf, der aufgrund der phantastischen Beschreibungen, die ihm vorlagen, eine solche des Gelderwerbs wegen konstruierte, dabei nicht ohne Grund auf die Leichtgläubigkeit des großen Publikums rechnend, das für das Geheimnisvolle und Grausige stets leicht zu haben ist.“
Im Jahr 1934 hatte sich bereits die Auffassung durchgesetzt, dass die Eiserne Jungfrau in ihrer überlieferten Form nicht zum Foltern oder Töten von Menschen verwendet werden konnte. So schreibt Kurt Pilz in seinem Führer durch die Kriminalistisch-Kulturhistorische Sammlung im Fünfeckigen Turm der Burg zu Nürnberg:
Auch stellt er fest, dass die Stacheln der Eisernen Jungfrau neueren Datums sind: „Die Gewinde der Stacheln sind außerdem neu und so fand man bald heraus, daß die Stacheln eine neuere Zutat aus der Mitte des 19. Jahrhunderts sind.“ Pilz schlussfolgert, dass es sich um einen „Schand- oder Strafmantel für Frauen und Mädchen“ handelte. Aufgrund der Provenienz, nach der die Eiserne Jungfrau bis zum Jahr 1820/21 „in der Rüstkammer des Schlosses Elbogen bei Karlsbad“ gestanden habe, nennt er die Eiserne Jungfrau „eine böhmische Arbeit […] die […] in der bömischen Justiz Verwendung fand.“ Von Schloss Elbogen sei sie nach Schloss Eisenstadt in Ungarn verkauft worden und schließlich von Georg Friedrich Geuder angekauft worden. Auf diesem Weg sei die Eiserne Jungfrau schließlich nach Nürnberg gelangt. Im Jahr 1857 wurden „die beiden Sammlungen der Folterkammer und des heimlichen Gerichts“, welche Georg Friedrich Geuder sein eigen nannte, erstmals genannt. Pilz stellt heraus, dass die Eiserne Jungfrau bereits im Fröschturm das wichtigste Objekt der Sammlung war: „den Mittelpunkt bildete die von ihm vor 1857 erworbene Eiserne Jungfrau und sie wurde dem Publikum als schauriges Mordinstrument, was sie aber nie war, gezeigt“. 1870 wurde die Sammlung schließlich getrennt und an zwei Standorten gezeigt. Das Heimliche Gericht mit der Eisernen Jungfrau blieb im Fröschturm, die sogenannte Folterkammer wurde im Burgamtsmannshaus auf der Nürnberger Burg untergebracht. Im Jahr 1877 mietete er den fünfeckigen Turm der Nürnberger Burg, in dem er ab 1878 seine Sammlung ausstellte. Hierzu war es nötig auch die Sammlung, die er zuvor im Fröschturm beim Maxtor untergebracht hatte, ebenfalls auf die Nürnberger Burg zu überführen. Der Überlieferung nach hatte sich im Fröschturm das Heimliche Gericht befunden, in welchem die Eiserne Jungfrau der Sage nach gestanden haben soll. Eine Sage, die möglicherweise von Geuder selbst erfunden wurde. „Es waren dies: die Eiserne Jungfrau, der Stock (= Spanischer Stock) und allerelei Werkzeug für Leibesstrafen und für die Folter“, welche Geuder bereits vor dem Umzug auf die Burg in seinem Besitz gehabt hatte. Die Eiserne Jungfrau war im Ersten Stock des fünfeckigen Turms ausgestellt, in der Abteilung der „Prangergeräte“. Dieser Bereich konnte nur durch eine Treppe, die eigens angebaut wurde, erreicht werden. Neben der Eisernen Jungfrau fanden sich hier unter anderem ein Pranger, verschiedene Schandmasken, der Spanische Stock und andere für Ehrenstrafen gebräuchliche Geräte und Gegenstände. Die Folter wurde nie in einem der Türme angewendet. Sie fand in den Lochgefängnissen der Stadt statt. Auch das Heimliche Gericht hat es in Nürnberg nie gegeben.
Die Inszenierung der Ausstellung in den Türmen hat also mit der historischen Realität nichts zu tun. Die einzige Nutzung ausgewählter Türme durch die Nürnberger Justiz bestand darin, dass sie als Gefängnisse dienten. In seiner ursprünglichen Funktion war der Fünfeckige Turm als Bergfried der Burggrafenburg konzipiert.Daniel Burger: Die Cadolzburg. Dynastenburg der Hohenzollern und markgräflicher Amtssitz (= Forschungen zu Burgen und Schlössern. Sonderband. Band 1; Wissenschaftliche Beibände zum Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums. Band 24). Hrsg.: Germanisches Nationalmuseum, G. Ulrich Großmann. Wartburg-Gesellschaft zur Erforschung von Burgrn und Schlössern e. V., Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg, Nürnberg 2005, ISBN 3-936688-05-2, S. 142.
Die erhaltenen Vorrichtungen sind wohl Umdeutungen frühneuzeitlicher Schandmäntel und wurden erst später mit Nägeln gespickt (oder mit Bajonetten napoleonischer Zeit wie beim Nürnberger Exemplar). Daher entfernte man bei der im Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber ausgestellten „Eisernen Jungfrau“ die enthaltenen Nägel wieder.
Da es sich bei der „Eisernen Jungfrau“ um eine Touristenattraktion handelte, wurden Postkarten mit ihrem Motiv in Nürnberg verkauft.Nürnberg, Kaiserburg, Eiserne Jungfrau in der Folterkammer (SP8847_c). In: objektkatalog.gnm.de, Germanisches Nationalmuseum, abgerufen am 26. Juni 2026.Nürnberg, Kaiserburg, Eiserne Jungfrau in der Folterkammer (SP8847_d). In: objektkatalog.gnm.de, Germanisches Nationalmuseum, abgerufen am 26. Juni 2026.Nürnberg, Kaiserburg, Eiserne Jungfrau in der Folterkammer (SP8847_f). In: objektkatalog.gnm.de, Germanisches Nationalmuseum, abgerufen am 26. Juni 2026.
„Apega“ des Königs Nabis mini|hochkant|Eiserne Jungfrau aus einer polnischen Enzyklopädie von 1902