mini|Sophie Schaeppi: Selbstbildnis, 1882 Sophie Schaeppi (* 21. Juli 1852 in Winterthur; † 18. Februar 1921 in Zürich; bürgerlicher Name: Josephine Schäppi – In der Überschrift «Schäppi, Josephine Sophie» ist Sophie durch Kursivdruck hervorgehoben, was bei einem zweiten Vornamen nicht der Fall wäre. Sophie ist also als Rufname gemeint; der Taufname lautet Josephine.) war eine Schweizer Malerin, Zeichnerin, Illustratorin und Fayencemalerin mit Bürgerort Winterthur. Sie war zudem eine der wenigen Mitarbeiterinnen der Elsässer Keramikmanufaktur Théodore Deck und betrieb Studien zur Freilichtmalerei. Sie gehörte zu einer Gruppe von Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts, die heute als «Wegbereiterinnen» der Schweizer Kunst gesehen werden.
Leben mini|Sophie Schaeppi: Bildnis ihrer Schwester Luise, 1881 Sophie Schaeppi wurde als zweite Tochter von Johann Jakob Schäppi, damals Kolorist in der Kattundruckerei zur Arch, und Louise Leuzinger in Winterthur geboren. Dort wuchs sie in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Sie erhielt Zeichenunterricht bei August Corrodi an der höheren Stadtschule, zeitgleich Privatunterricht bei Jørgen Henrik Møller und am Technikum bei Anton Seder. 1871 nahm sie an einer Weiterbildung an einer privaten Damenakademie in der damaligen Kunstmetropole München teil. Nach deren Auflösung wechselte sie 1872 zu Joseph Flüggen.
Paris mini|Louise Catherine Breslau: Portrait des amies, 1881. Sophie Schaeppi (Mitte) und Louise Breslau (rechts), zusammen mit der Musikerin und Schauspielerin Maria Feller 1874 kehrte Sophie Schaeppi zunächst nach Winterthur zurück und arbeitete in Zürich im Atelier Zur Hornau von Rudolf Koller. Auf dessen Rat hin zog sie Ende 1874 nach Paris und lebte lange Jahre dort. Sie nahm als eine der ersten Frauen am Unterricht an der Académie Julian teil, die seit 1873 auch Frauen offenstand, und wurde Schülerin von Tony Robert-Fleury. Sie lernte die Atelierkollegin Marie Bashkirtseff kennen, in deren Tagebüchern Schaeppi wiederholt erwähnt wird. Mit Louise Catherine Breslau, mit der Sophie Schaeppi eine lebenslange Freundschaft verband und die diese Freundschaft in zwei Gemälden thematisierte, teilte sich Schaeppi in Paris das Atelier und die Wohnung. Weitere Lehrer waren der Naturalist Jules Bastien-Lepage, Jean-Léon Gérôme und Léon Bonnat. Eine Künstlerfreundschaft verband Schaeppi auch mit dem Bildhauer Jean-Joseph Carriès. Im Louvre kopierte sie alte Meister; ab 1886 unterrichtete sie Schüler.
Schaeppi hatte aber Mühe, sich finanziell über Wasser zu halten, und wurde oft von Selbstzweifeln geplagt. Dank Vermittlung durch Albert Anker fand sie schliesslich ein regelmässiges Einkommen in der Fayencemalerei, im Auftrag des Keramikproduzenten Théodore Deck. Dessen Tod im Jahr 1891 traf sie schwer.Jonas Keller: Wie eine lebensmüde Malerin Hoffnung in den Armen einer Baronin fand. In: tagesanzeiger.ch. 20. Januar 2026, abgerufen am 7. Juni 2026.
Rückkehr nach Winterthur 1893 kehrte Sophie Schaeppi nach Winterthur zurück, um sich als einzige unverheiratete Tochter nach dem Tod der Mutter um ihren alten Vater zu kümmern, der im Jahre 1907 starb. In Winterthur fühlte sie sich in ihrer künstlerischen Schaffenskraft eingeschränkt und litt unter neuralgischen Symptomen. Auch liessen ihre Augen die Fayencemalerei nicht mehr zu, und Existenzsorgen gehörten zu ihrem Alltag.
mini|Skizze für das Porträt der Baronin Elisabetha von Sulzer-Wart, 1894 Um Geld zu verdienen, unterrichtete sie Schülerinnen in Pleinairmalerei. Eine ihrer Auftraggeberinnen war die Baronin Elisabetha von Sulzer-Wart, die Schaeppi laut einem Tagebucheintrag aus dem Jahr 1894 «wie ein Sonnenstrahl» erschien. Während monatelanger Abwesenheit des Barons unterrichtete Schaeppi seine Gattin und malte ihr Porträt. «Ich hätte eher Lust, sie zu küssen und mich neben sie zu setzen und nichts zu tun, als ihr zuzuhören», notierte sie in ihr Tagebuch.Elisabeth Nigg-Schaeppi, François Guex (Hrsg.): Das Tagebuch der Malerin Sophie Schaeppi (1852–1921) (= Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur, Band 363). Chronos-Verlag, Zürich 2026, ISBN 978-3-0340-1827-2. Die Baronin erwiderte ihre Gefühle. Mehrere Jahre lang blieben die Künstlerin und die Adlige eng verbunden; jeden Sommer reisten sie gemeinsam nach Frankreich. Ab 1900 kühlte sich die Beziehung ab; Schaeppi fühlte sich von der Baronin als nicht ebenbürtig behandelt. Doch erst 1910 trafen sich die beiden zum letzten Mal.
In ihrer freien Zeit widmete sich Schaeppi der Landschaftsmalerei und unternahm Studienreisen in die Bretagne und die Normandie. 1895 wurde sie Mitglied im Verein Künstlerhaus Zürich. Nach dem Verkauf ihres Elternhauses im Jahre 1918 musste Sophie Schaeppi Winterthur verlassen und wohnte bis zu ihrem Tod im Hotel Glockenhof in Zürich.
Sie starb nach kurzer Krankheit an einem Herzleiden und fand ihre letzte Ruhestätte auf dem Friedhof Rosenberg in Winterthur.
Werke (Auswahl) mini|hochkant|Un coin de mon jardin, 1882 Sophie Schaeppi malte vor allem Porträts, Stillleben, Landschaften und allegorische Figurenbilder. Ihr Werk ist von einer Stilvielfalt zwischen Tradition und Moderne geprägt. Neben realistischen, naturalistischen und impressionistischen Bildern sind auch dekorative Gemälde zu finden. Zudem illustrierte sie einige Bücher. So arbeitete sie 1890 mit dem Komponisten Hans Huber zusammen, dessen Kompositionen zu Gottfried Kellers Hadlaub sie illustrierte. Zwischen 1880 und 1893 fertigte sie ungefähr 300 Platten (Panneaux) und Teller in «Faïence Deck, grand feu». Ein Grossteil von Schaeppis Werk ist verschollen.
mini|hochkant|Stillleben mit Christrosen, Weidenkätzchen und Huflattich, 1884 mini|Elizabeth Castle, Jersey, 1897 mini|Frühling am Brühlberg in Winterthur, 1900 1874: Landschaft bei Berchtesgaden (Blick auf den Watzmann), PrivatbesitzEin im Sinne der Münchner Landschaftsmalerei komponiertes Gemälde mit nahezu symmetrischem Landschaftsaufbau. Mitte 1870er-Jahre: Mädchen mit rotem Haarband, Privatbesitz 1876: Männlicher Studienkopf, Privatbesitz 1876: Weiblicher Studienkopf, Kunsthaus Zürich 1877: Infantin Margarita, Kopie nach Diego Velazquez, Privatbesitz 1879: Ebbe in der Normandie (Veules-les-Roses), Privatbesitz Ende 1870er-Jahre: Blumenstilleben, Privatbesitz 1880: Studie eines Mannes, Kunst Museum Winterthur 1880: Portrait von Marie Bashkirtseff, Privatbesitz Um 1880: Stillleben mit Fruchtschale, Privatbesitz 1880er-Jahre: Fayence Jeanne d’Arc, Musée du Florival Guebwiller 1880er-Jahre: Fayence Wilhelm Tell, Musée du Florival Guebwiller 1881: Sophie Schaeppi, Privatbesitz 1881: Neisli – Portrait von Luise Ziegler-Schaeppi, Privatbesitz 1881: Le Printemps – Panneau décoratif, Privatbesitz 1882: Un coin de mon jardin, Kunst Museum Winterthur 1883: Blumenstilleben mit Fächer, Privatbesitz 1884: Stillleben mit Christrosen, Weidenkätzchen und Huflattich, Privatbesitz 1884: L’Automne – Panneau décoratif, Privatbesitz 1884: Fayenceteller Sibylle, Sturzenegger-Stiftung im Museum zu Allerheiligen Schaffhausen 1888/1889: Paravent, Privatbesitz 1895: Baronesse von Sulzer-Wart, Privatbesitz 1897: Jersey – Beleuchtungsstudie, Privatbesitz 1897: Jersey – Elizabeth Castle, Privatbesitz 1897: Glarisegg – Gegenlicht, Privatbesitz 1899: Etretat – Felsentor, Privatbesitz 1900: Frühling am Brühlberg in Winterthur, Privatbesitz 1901: Blühender Fliederbusch, Privatbesitz 1906: Herbstlicher Wald, Privatbesitz 1911: Zugersee – Blick nach Cham, Privatbesitz 1913: Glarisegg – Seeufer mit Schilf, Privatbesitz 1913: Seeufer bei Glarisegg, Privatbesitz 1914: Glarisegg am Untersee, Privatbesitz
Buchillustrationen mini|Titelbild, gestaltet wie eine Fayence-Platte; im Zentrum: Sophie (rechts) und ihre Schwester Luise Ziegler, die den Text gedichtet hatte Sophie Schaeppi, Luise Ziegler-Schäppi:Luise Ziegler war die Schwester von Sophie Schaeppi. Der Tante Sophie Bilderbuch / mit Versen von L. Z. / gezeichnet von Sophie Schaeppi. Moritz Kieschke, Winterthur 1885. (22 Blätter mit Bildern in Autotypie; Digitalisat: doi:10.3931/e-rara-13862) Paul Deléage: Haiti en 1886 / vu par un français. Illustrations par Sophie Schaeppi. E. Dentu, Paris 1887 (Digitalisat). Hans Huber: Hadlaub / nach Gottfried Keller / in Musik gesetzt von Hans Huber Op. 106 / illustrirt von Sophie Schaeppi. Arthur P. Schmidt, Boston/Leipzig 1891. (10 Charakterstücke für Pianoforte nach Gottfried Kellers Novelle Hadlaub; Digitalisat: doi:10.3931/e-rara-30643) Sophie Schaeppi: Der Tante Sophie ABC. Lichtdruckbilder nach Originalzeichnungen. Huber, Frauenfeld 1893. (25 Lichtdruckbilder)
Ausstellungen (Auswahl) Ab 1876: unregelmässige Teilnahme an Turnus-Ausstellungen des Schweizer Kunstvereins 1878: Salon de Paris, Paris 1883: Schweizerische Landesausstellung Zürich 1884: Kunstausstellung in Basel 1889: Weltausstellung Paris 1890: Teilnahme an der ersten Nationalen Kunstausstellung 1900: Weltausstellung Paris 1921: Sophie Schaeppi-Gedächtnisausstellung im Gewerbemuseum Winterthur 2014: Home Grown im Kunst Museum Winterthur (vormals Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten) 29. August 2020 – 31. Januar 2021: Berufswunsch Malerin! – Elf Wegbereiterinnen der Schweizer Kunst aus 100 Jahren, Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen
Rezeption mini|Sophie Schaeppi in ihrem Atelier in Winterthur, fotografiert von Elisabetha von Sulzer-Wart, 1896 Der Kunstbetrieb wurde zu Schaeppis Zeit von Männern dominiert. Kunstakademien verwehrten Frauen bis in die 1920er Jahre den Zugang, und man unterstellte ihnen «mangelnde Begabung» und «angeborenen Dilettantismus». Lediglich zum Zeitvertreib durften die Frauen jener Zeit sich der Malerei widmen, sollten sich dann jedoch auf Porträts und Stillleben beschränken. Indem Sophie Schaeppi alleine ins Ausland ging, brach sie früh mit den Konventionen der traditionellen Geschlechterrolle.
Daniel Studer, Leiter des Historischen- und Völkerkundemuseums St. Gallen, recherchierte zu Schweizer Künstlerinnen, die bislang in gängigen Kunstlexika fehlten, deren Werke häufig bei den ehemaligen Auftraggebern verblieben und damit nicht in Museen ausgestellt wurden. Das Ergebnis zeigte eine Sammelausstellung des Historischen und Völkerkundemuseums (heute Kulturmuseum St. Gallen) 2020/2021 mit elf Wegbereiterinnen der Kunst, eine davon Sophie Schaeppi, für die in der Ausstellung ein eigener Raum eingerichtet wurde. Damit wurde ihr Werk erstmals in grösserem Umfang gezeigt und «ins richtige Licht gerückt».
Viola Priss stellte im St. Galler Tagblatt eine Gemeinsamkeit dieser Frauen heraus: «Dem Malen alles unterzuordnen, bedeutete für alle elf Künstlerinnen, kinderlos und, bis auf die St. Galler Künstlerin Maria Geroe-Tobler, unverheiratet zu bleiben. Häufig endete das Schaffen der Pionierinnen, weil sie ein männliches Familienmitglied pflegen mussten. Sofern irgendwie möglich, lebten sie allein, versuchten, unabhängig zu sein durch Auftragsmalerei oder Ausstellungen.» 1902 schrieb Sophie Schaeppi in ihr Tagebuch: «Meine Kunst ist mein Alles, meine Familie und meine Kinder.» Damit sprach sie laut Viola Priss für die Künstlerinnen dieser Zeit, die mit ihrem Wirken den Weg ebneten für die, die folgten.Anne-Catherine Krüger: «Die Verletzten schreien aus vollem Hals: ‹Es lebe die Schweiz!›» In: Tages-Anzeiger. 26. Juli 2014.
Literatur
Elisabeth Nigg-Schaeppi, François Guex (Hrsg.): Das Tagebuch der Malerin Sophie Schaeppi (1852–1921) (= Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur, Band 363). Chronos-Verlag, Zürich 2026, ISBN 978-3-0340-1827-2.
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Einzelnachweise
Anmerkungen
Kategorie:Maler (Winterthur) Kategorie:Schweizer Kategorie:Geboren 1852 Kategorie:Gestorben 1921 Kategorie:Frau