Adam Karrillon (* 12. Mai 1853 in Wald-Michelbach; † 14. September 1938 in Wiesbaden), Nachfahre einer Hugenottenfamilie, war ein deutscher Arzt und Schriftsteller, der durch Heimatromane aus dem Odenwald sowie Reiseerzählungen bekannt wurde. Er lebte lange Zeit in Weinheim an der Bergstraße, wo er 1923 Ehrenbürger wurde, und war im selben Jahr erster Träger des Georg-Büchner-Preises. Seine Ehefrau Bertha Laisé, auch Nachfahrin einer Hugenottenfamilie, ist in Ibersheim bei Worms geboren. Mit 107 Jahren war sie zeitweise die älteste Frau Deutschlands.
Leben
Jugend Adam Karrillon wurde 1853 als zehntes Kind des Dorfschulmeisters Franz Karl Karrillon (1808–1891), Nachfahre einer Hugenottenfamilie, und seiner Frau Eva Margarete geb. Bangert (1811–1863) in Wald-Michelbach geboren. Bei seiner Geburt lebten nur noch seine zwei älteren Schwestern Maria (* 1835) und Elisabeth (* 1847) sowie der geistig zurückgebliebene Bruder Nikolaus (* 1849) im Elternhaus. Drei Geschwister waren jung gestorben, die Brüder Karl (* 1839) und Jakob (* 1841) waren bereits als Lehrburschen ausgezogen und der älteste Bruder Heinrich (* 1834) war nach Amerika ausgewandert. Karl und Jakob folgten Heinrich später nach Amerika, nach dem Tod der Mutter 1863 ebenfalls Maria, Elisabeth und Nikolaus, so dass Adam 1864 bis 1867 das letzte verbliebene Kind im Haushalt des Vaters und dessen zweiter Frau Marie Kellermann (* 1825) war.
1867 verließ Adam Karrillon Wald-Michelbach, um das Gymnasium in Mainz zu besuchen. Hier tauschte er die Probleme mit der Stiefmutter, derentwegen die anderen drei Geschwister gar ausgewandert waren, mit den strengen Bestimmungen des an die Schule angeschlossenen Konvikts, von dem er 1872 verwiesen wurde, nachdem er in einem Aufsatz seinen weltlichen Wunsch nach Ausübung des Arztberufes geäußert hatte. Bis zum Abitur 1873 wohnte er in verschiedenen Privatquartieren.
Studium der Medizin Anschließend kehrte er kurz nach Wald-Michelbach zurück, begab sich dann auf eine Reise nach Bayern und Österreich und studierte zwischen 1873 und 1878 Medizin in Gießen, wo er 1874 Mitglied der Burschenschaft Alemannia Gießen wurde,Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 235. und Würzburg. Seinen Doktor machte er im Jahr 1879 in Freiburg. Bedingt durch die ärmlichen und kargen Verhältnisse in der Heimat hatte Karrillon schon als Kind einen Drang zu Reisen in die Ferne gehabt. Als junger Arzt in Freiburg versuchte er daher, als medizinischer Betreuer irgendeiner Expedition aufgenommen zu werden, doch seine Bemühungen waren vergeblich. Er bereitete sich dennoch mit Reitunterricht auf eine mögliche Expeditionsteilnahme vor.
Familie Während seiner ärztlichen Tätigkeit 1878 in Eich war Karrillon auch für Ibersheim, heute Worms-Ibersheim, zuständig. Dabei lernte er seine spätere Frau Bertha Laisé (* 27. September 1854 in Ibersheim; † 22. März 1962 in Weinheim) näher kennen, die er am 13. Oktober 1880 heiratete (kirchlich im Dom zu Worms, standesamtlich in Ibersheim). Für die wirtschaftliche Konsolidierung der Verhältnisse sorgte der reiche Schwiegervater Jean Laisé, V. (* 1828) und dessen Ehefrau Elisabeth Büttel (1829–1865). Bertha stammte aus einer großbäuerlichen mennonitischen Familie mit hugenottischem Ursprung und wird in Ibersheim mit einem Straßennamen geehrt. Mit ihr hatte Adam Karrillon zwei Kinder: Hans (* 13. Mai 1883; † 2. Juli 1915 in der Ostsee) und Ella (* 26. Juli 1881), die später mit Hans Eppelsheimer verheiratet war und eine Tochter Lilo hatte.
Land- und Schiffsarzt Bis zum Jahr 1883 praktizierte Karrillon leidlich erfolglos in Rockenhausen und zog dann nach Weinheim, wohin zuvor bereits Vater und Stiefmutter gezogen waren. In Weinheim erwarb sich Karrillon dann schnell einen Ruf als guter Arzt. Er war sozial und beruflich in das Vereinsleben des Ortes eingebunden und lernte hier die Charakterköpfe und Wirtshäuser kennen, die für ihn die kommenden zwei Jahrzehnte ein gewohntes Umfeld bildeten und denen er später ein literarisches Denkmal setzen würde. Auch Karrillon selbst wird als trinkfreudiges „Original“ beschrieben, das gerne die Vormittage verschlief, nachmittags praktizierte und sich abends in der Enge der heimatlichen Gaststuben wohl fühlte, das es dennoch aber auch immer in die Ferne zog. 1885 führte ihn eine längere Reise nach Norddeutschland, 1891 reiste er gemeinsam mit seiner Frau und deren Cousine in die Schweiz und nach Norditalien. Spontan hielt er eine Episode auf der Schweizreise schriftlich fest und sandte diese einem Zeitungsverlag, der sie auch prompt abdruckte und ihm mit 20 Mark honorierte. Allerdings schlich sich beim Abdruck ein Druckfehler ein, und der eigentlich bestiegene Monte Prosa wurde fälschlicherweise als „Monte Rosa“ wiedergegeben, so dass Karrillon bei seiner Heimkehr als Aufschneider verspottet wurde und sich noch keine literarische Karriere des inzwischen knapp 40-jährigen abzeichnete.
Anfang 1891 übernahm Karrillon die medizinische Betreuung des Kneipp-Sanatoriums „Stahlbad“ in Weinheim, zog sich nach dessen Erfolg jedoch rasch wieder zurück, da er fürchtete, ansonsten seine eigene Praxis aus Zeitmangel aufgeben zu müssen. Im selben Jahr 1891 führte ihn eine Reise mit seiner Frau abermals in die Schweiz; ein verpasstes Treffen aufgrund eines Missverständnisses sollte jedoch den Anlass geben, dass Bertha ihren Mann künftig nicht mehr auf Reisen begleiten würde. Seine weiteren Reisen unternahm er mit Freunden oder als Schiffsarzt, zu seiner Frau hatte er häufig ein distanziertes Verhältnis.
Schriftsteller 1894 unternahm Karrillon eine ausgedehnte Reise, die zunächst zur Weltausstellung nach Antwerpen führte, von dort aus per Schiff weiter entlang der französischen, portugiesischen und spanischen Küste bis ins Mittelmeer nach Genua und von dort über die Schweiz zurück in die Heimat. Karrillon hielt die Erlebnisse dieser Reise detailliert und humorvoll fest und trug die Episoden später auf Mitgliederversammlungen von Weinheimer Vereinen vor. 1896 begab sich Karrillon auf eine Reise in den Nahen Osten und arbeitete seine Erlebnisse zunächst in drei Vorträgen auf, die er bis 1897 hielt und die 1898 als Buch unter dem Titel „Eine moderne Kreuzfahrt“ erschienen. Der Autor schildert seine Erlebnisse auf einfache, humorvolle, mitunter derbe Art. Karrillon erhielt durch dieses Werk Zuspruch durch Ludwig Büchner, ebenfalls Arzt und Autor und außerdem Bruder von Georg Büchner. Auch die Presse nahm die „Moderne Kreuzfahrt“ positiv auf, wenngleich die Debütveröffentlichung eines unbekannten Autors noch keinen Ruhm begründete.
1898 starben mehrere Vereinsfreunde Karrillons, außerdem hatte dieser durch eine spekulative Beteiligung an einer Malzfabrik einen Großteil seines Vermögens verloren. Nach der täglichen Arbeit als Arzt suchte Karrillon nun verstärkt abendliche Zuflucht im Verfassen von Novellen. In dieser Zeit begann die Arbeit an „Michael Hely“, einem biografischen Roman über einen Schreinergesellen aus Wald-Michelbach, der eine Zeit in der Fremdenlegion verbringt, sich zurück in der Heimat erfolglos als Sargtischler und Glöckner verdingt und sich letztlich das Leben nimmt. Trotz der traurigen Geschichte zeichnet er seine Figuren lebensfroh. Anfang Oktober 1899 sandte er das fertige Manuskript an den „Neuen Pfälzischen Kurier“ (die spätere „Pfälzische Rundschau“), die den Roman von Januar bis Mai 1900 als Fortsetzungsgeschichte im Feuilleton abdruckte. Die kurz darauf erfolgte, qualitativ schlechte erste Auflage des Buches gelangte aufgrund des Konkurses des Verlegers nicht in den Handel und wurde von Karrillon nach erfolglosen eigenen Vermarktungsversuchen – selbst Altpapierhändler wollten die Bücher nicht kaufen – als Brennstoff für ein Bismarck-Freudenfeuer auf dem Weinheimer Bubenstein zur Verfügung gestellt. Da die in einer Kiste abgepackten Bücher nicht verbrannten, sondern nur angekohlt zurückblieben, wurden sie von Weinheimer Buben im Ort verteilt und ein Exemplar gelangte in die Hände von Jenny Fröhlich (* 1864), Frau eines Aschaffenburger Hofrats und Arztes, die den renommierten Berliner Verleger Grote für das Buch gewinnen konnte und künftig Karrillons Lektorin sein würde. Nach einer vom Verlag eingeforderten Überarbeitung erschien das Buch im Juli 1904 erneut und wurde ein Erfolg, so dass bereits im September 1904 eine zweite Auflage nötig wurde. Gustav Frenssen und Hermann Hesse lobten das Buch nach seinem Erscheinen.
Zwischen 1900 und 1904 führten Karrillon drei Reisen nach Paris, Italien und nach Norwegen. Auf der Italienreise im September 1901 entstand der Gedichtband „Dichtergrüße aus der Ferne“. Von September 1904 bis Mai 1905 arbeitete Karrillon an einem weiteren Werk über den Odenwald und seine Bewohner: „Die Mühle zu Husterloh“ erschien im Frühjahr 1906 abermals bei Verleger Grote. Spätestens dieser zweite überregional beachtete Roman machte aus dem Arzt Adam Karrillon einen bekannten Schriftsteller, der vom Literatur-Redakteur des Berliner Tagblatts, Wilhelm Bornemann, in Weinheim besucht und anschließend im Tagblatt porträtiert wurde, womit auch Daten zu seiner Person und seinem Lebensstil an die breite Öffentlichkeit gelangten.
Der dritte Roman „O domina mea“, der in den Jahren 1907 bis 1909 entstand, lässt Karrillons Erfahrungen aus seiner Würzburger Studentenzeit sowie die ersten, anfänglich von Misserfolgen geprägten Jahre als junger Arzt einfließen. Der Roman stieß erneut auf positive Resonanz bei Kritikern und Publikum. Im Jahr der Veröffentlichung wurde Karrillon jedoch auch Opfer eines Betrugs, indem er einer älteren Patientin half, ein angeblich von ihrem verstorbenen Mann verfasstes Manuskript gegen Honorar in einer Literaturzeitschrift zu veröffentlichen. Das Manuskript stellte sich später als von einem 1891 veröffentlichten Werk der Autorin Babette von Bülow abgeschrieben heraus, war jedoch bereits als Karrillonsche Bearbeitung erschienen.
Der Erfolg seiner ersten drei Romane verschaffte Karrillon die Bekanntschaft mit Ernst von Wolzogen, Hermann Wette, Helene Christaller, Rudolf Herzog und anderen literarischen Zeitgenossen.
1909 unternahm Karrillon eine Reise nach Afrika, wobei er insbesondere seine Erlebnisse in Kamerun zum Gegenstand von Vorträgen machte, die er nach seiner Rückkehr in Darmstadt, Mannheim, Weinheim und anderswo hielt und die ihrerseits den Grundstock für das 1912 erschienene Buch „Im Lande unserer Urenkel“ bildeten. Das Buch sieht die deutschen Kolonien in Kamerun und Togo, wo er zudem den Offizier Hans Dominik kennengelernt und begleitet hatte, als Teil eines aufstrebenden deutschen Kolonialreichs. Im Buch verblüfft außerdem, dass sich der gebürtige Odenwälder Karrillon als „Schwabe“ betrachtet.
Im Jahr 1912 übergab Karrillon seine Arztpraxis an seinen Sohn Hans und wollte sich aus dem Beruf zurückziehen, um sich Reisen und Schreiben widmen zu können. 1913 erkrankte sein Schwiegersohn Hans Eppelsheimer und verstarb im Frühjahr 1914, was sich hemmend auf sein literarisches Werk und geplante Reisen auswirkte. 1914 erschien der Band „Bauerngeselchtes“, der bis 1910 zurückdatierende Gedichte und Geschichten enthielt. Die enthaltenen Dorfgeschichten sind derb-skurril, weswegen die Kritik das als zu realistisch empfundene Werk mitunter negativ bedachte.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges kehrte Adam Karrillon 1914 zur Arbeit zurück und wurde Lazarettdoktor. Bald nach dem Tod seines Sohnes Hans bei einem Marineeinsatz übernahm die Stadt Weinheim 1916 das Lazarett und Karrillon fand eine Stelle in einem Sanatorium in Schliersee, wo er den Roman „Adams Großvater“ vollendete, in dem er sowohl seinem Großvater als auch seinem gefallenen Sohn Hans ein literarisches Denkmal setzte.