Hermann Kalkoff (* 23. September 1876 in Freiburg im Breisgau; † 19. Oktober 1937 in Berlin) war ein liberaler deutscher Parteifunktionär, Publizist und Verleger.

Als Generalsekretär der Nationalliberalen Partei und als Vorstandsmitglied der Deutschen Demokratischen Partei war er im späten Kaiserreich und in der Weimarer Republik einflussreich. Er wirkte als politischer Organisations- und Kommunikationsmanager, Medienpolitiker der zweiten Reihe sowie als Aufsichtsrat, Vorstand und Geschäftsführer verschiedener Firmen.

Viele prominente Politiker des Kaiserreichs und der Weimarer Republik publizierten in Kalkoffs Verlagen. Zu seinen Gründungen gehören Buchhandlung der Nationalliberalen Partei, Reichsverlag Hermann Kalkoff, Zeitfragenverlag, Verlag für Bevölkerungsfragen, Demokratischer Verlag, Verlag Neuer Staat und Antiqua Verlag.

Kalkoff war persönlich Herausgeber der Zeitschriften Deutsche Stimmen, Nationalliberale Blätter, Wegweiser für das werktätige Volk und Das Demokratische Deutschland.

Leben Kalkoff stammte aus Baden. Über seine Herkunft, Jugend und Ausbildung, seine Ehe, Kinder und weiteren Familienverhältnisse ist nichts bekannt.

Sein jüngerer Bruder Otto Kalkoff (* 3. Dezember 1887 in Freiburg im Breisgau; † unbekannt), ein Experte für Werbung, war ebenfalls in Verlagen tätig. Die Brüder arbeiteten zeitweise zusammen (siehe unten).

Sein Schwiegersohn war der Flugpionier Antonius Raab, dessen Unternehmensgründung er finanziell unterstützte. Kalkoff wurde 1925 Gründungsteilhaber der Raab-Katzenstein-Flugzeugwerke GmbH (RaKa), Kassel-Bettenhausen.Falk Urlen. Antonius Raab - ein Mitbegründer der Kasseler Flugzeugindustrie. Erinnerungen im Netz, 2015-11-04 (abgerufen 2023-05-11) Antonius Raab. Raab fliegt : Erinnerungen eines Flugpioniers. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 1984, S. 69

Wirken im Kaiserreich

Parteimanager Von 1902 bis 1918 war Kalkoff Angestellter der Nationalliberalen Partei in der Ära des Partei- und Reichstagsfraktionsvorsitzenden Ernst Bassermann, der wie Kalkoff aus Baden stammte. Kalkoff stand Bassermann nahe.Klaus-Peter Reiss. Von Bassermann zu Stresemann : Die Sitzungen des nationalliberalen Zentralvorstandes 1912-1917. Droste, Düsseldorf, S. 152 Digitalisat Ab 1. November 1906 war Kalkoff stellvertretender Generalsekretär und Chef der Organisationsabteilung.Allgemeine Zeitung (München). 109. Jg., Nr. 485 1906-10-19, S. 2 Digitalisat

Die Partei hatte zwei, zeitweise drei Generalsekretäre, die sich im Zentralbüro in der Wilhelmstraße die Aufgaben teilten. Während nacheinander Paul Fuhrmann, Paul Breithaupt und Otto Hugo die politische Gremienführung und Außenvertretung übernahmen, war Kalkoff für das interne Management zuständig. Kalkoff leitete die Finanzen, betreute Spender und orchestrierte reichsweite Sammelkampagnen.Thomas Nipperdey. Die Organisation der deutschen Parteien vor 1918. Droste, Düsseldorf 1961, S. 151 Digitalisat

In Kalkoffs Amtszeit starteten die Nationalliberalen eine „erstaunliche Organisationsoffensive“ (Historiker Axel Grießmer) mit neuem Parteistatut (1905) und dem Ziel, aus der Honoratiorenpartei eine öffentlichkeitswirksame, mobilisierungsfähige Mitgliederpartei zu entwickeln und „dem modernen politischen Betrieb anzunähern“. 1907 entstand unter Kalkoffs Leitung das erste Organisationshandbuch der Partei, dem bis 1914 fünf weitere folgten. Das war ein Novum, denn es setzte die exakte Erfassung von Organisationseinheiten und Mitgliederstatistiken voraus und war deshalb eine wesentliche Leistung, die selbst die straff geführte SPD erst ein Jahr zuvor erreicht hatte.Axel Grießmer. Massenverbände und Massenparteien im wilhelminischen Reich : zum Wandel der Wahlkultur 1903–1912. Droste, Düsseldorf 2000, S. 293f.

Am 24. März 1910 entging Kalkoff einem „Revolverattentat“, das möglicherweise eher ein Schießunfall als ein politischer Anschlag war. Er reiste gemeinsam mit dem weiteren Generalsekretär Breithaupt und Richard Krüger vom Deutschen Bauernbund in einem Zug nach Berlin, als bei Biessellen (heute Biesal) vor Kalkoff ein Geschoss die Scheibe zerbrach, ihn mit Glassplittern überschüttete und in die Sitzpolster drang. Die drei Politiker blieben unverletzt.Revolverattentat auf einen D-Zug. In: Berliner Tageblatt Jg. 39 Nr. 156 1910-03-29, S. 5 Digitalisat

Im Juni 1912 wurde Kalkoff in eine Affäre in der Parteizentrale verwickelt. Schwerindustrielle Kreise waren mit der nach links tendierenden Oppositions- und Bündnispolitik Bassermanns nicht einverstanden und initiierten eine Abspaltung, den Altnationalliberalen Reichsverband. Dort sollte Kalkoffs bisheriger Kollege, Generalsekretär Paul Fuhrmann, die Geschäfte führen. Vor seinem Ausscheiden versuchte er, vertrauliche Spender- und Mitgliederdaten mitzunehmen, und wies Sekretärinnen der Parteigeschäftsstelle an, lange Namens- und Adresslisten zu kopieren. Kalkoff entdeckte und stoppte dies. Der Vorgang wurde öffentlich, und das Vertrauen der Spender und Mitglieder zur Parteizentrale wurde stark erschüttert. Kalkoff bestritt vor dem Vorstand allerdings, dass irgendwelche Listen in die Hände der Altliberalen gekommen seien.Klaus-Peter Reiss. Von Bassermann zu Stresemann : Die Sitzungen des nationalliberalen Zentralvorstandes 1912-1917. Droste, Düsseldorf, S. 155 Digitalisat Klaus-Peter Reiss. Von Bassermann zu Stresemann : Die Sitzungen des nationalliberalen Zentralvorstandes 1912-1917. Droste, Düsseldorf, S. 177 Digitalisat "Paul Fuhrmann" S. 298–305, hier 300–302. In: Johannes Fischart (Erich Dombrowski). Das alte und das neue System : die politischen Köpfe Deutschlands. Oesterheld & Co, Berlin 1919, S. 300ff Digitalisat

Anfänge als Verleger Mit der neuen Organisationsarbeit begann die Partei zugleich, „auf agitatorischer Ebene ihr bisheriges Phlegma abzustreifen“ (Historiker Axel Grießmer). Im Oktober 1906 wurde, bereits mit Blick auf die nächsten Reichstagswahlkämpfe, unter Kalkoffs Leitung als Parteiverlag die Schriftenvertriebsstelle der Nationalliberalen Partei gegründet.Axel Grießmer. Massenverbände und Massenparteien im wilhelminischen Reich : zum Wandel der Wahlkultur 1903–1912. Droste, Düsseldorf 2000, S. 293f.

Für das NLP-Zentralbüro gab Kalkoff die Wochenzeitschrift Deutsche Stimmen : Wochenblatt für die nationalliberale Partei heraus, die 1906 im Titel Nationalliberale Blätter : deutsche Stimmen aufging.Deutsche Stimmen : Wochenblatt für die nationalliberale Partei, ZDB-ID 515361-X 1911 kam als Pressedienst die Nationalliberale Correspondenz : offizielles Organ der Nationalliberalen Partei Deutschlands (NVLC) hinzu.Nationalliberale Correspondenz ZDB-ID 547910-1

Jahrzehntelang war die Berliner National-Zeitung die führende nationalliberale Tageszeitung. Das traditionsreiche Blatt fiel um 1900 im Wettbewerb mit den modernen Massenzeitungen jedoch stark zurück und wurde von der Partei stark subventioniert. In der Krise des Blattes übernahm Kalkoff 1906/07 bei der Nationalzeitung Gesellschaft mbH die Gesamtprokura, wurde also quasi Verlagsleiter.Deutscher Reichsanzeiger Nr. 106 1906-05-05 S. 13 DigitalisatDeutscher Reichsanzeiger Nr. 8 1907-01-10 S. 9 Digitalisat

Um den Vertrieb zu stärken, wurde im November 1906 eine Verlags- und Sortimentsbuchhandlung gegründet, die sich im Buch- und Zeitschriftenmarkt von der Leipziger Buchgroßhändlerfirma F. Volckmar professionell vertreten ließ. Die NLP-Generalsekretäre Hermann Kalkoff und Paul Breithaupt wurden Ko-Geschäftsführer der Buchhandlung der Nationalliberalen Partei Gesellschaft mbH, als deren Gegenstand „Betrieb einer Verlags- und Sortimentsbuchhandlung zum Zwecke der Verbreitung der Grundsätze der Nationalliberalen Partei durch Bücher und Schriften“ eingetragen wurde.1906 Errichtung einer Verlags- und Sortimentsbuchhandlung. Geschäftsführer: Hermann Kalkoff. Die Vertretung in Leipzig übernahm F. Volckmar. In: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel Jg. 74, Nr. 3, 1907-01-04, S. 1 Anzeiger Handels-Register des Kgl. Amtsgerichts Berlin-Mitte (Abt. B) Eintrag No. 4228 Buchhandlung der Nationalliberalen Partei Gesellschaft mit beschränkter Haftung. In: Berliner Börsen-Zeitung, 1907-03-07 Abend-Ausgabe, Seite 15 Digitalisat Vorbild und Rivale war der 1890 gegründete Volksverein für das katholische Deutschland in Mönchengladbach, der für die Zentrumspartei erfolgreich Informations- und Bildungsarbeit auf volkstümlicher Basis leistete und Schriften in Millionenauflagen verbreitete.

Während sich die Schriftenvertriebsstelle auf klassische Parteiliteratur beschränkte (Handbücher, Fraktionsberichte, Parteiprogrammatik, Wahlkampfliteratur, Reden), sollte die Verlagsbuchhandlung möglichst volksnah ein breiteres politisches, staatsbürgerliches und volkswirtschaftliches Programm liberaler Autoren vertreiben.

Unter Kalkoffs Leitung stieg der Umsatz an Druckschriften, die Parteiuntergliederungen günstig bei der Zentrale kaufen konnten, von 7500 Mark 1905 auf 87.000 Mark drei Jahre später. Von 1908 bis 1915 wurden 6,337 Mio. Flugschriften, 1,384 Mio. Broschüren und Handbücher sowie 1,134 Mio. Exemplare der Wochenzeitung Deutsche Stimmen abgesetzt, so Kalkoff im Verlagsbericht Die nationalliberale Parteiliteratur 1906 bis 1916. Das Vertriebssystem fußte auf 2000 Parteivereinen mit 283.000 Mitgliedern. Der Gesamtumsatz habe 675.000 Mark, im Jahresdurchschnitt 75.000 Mark betragen.Thomas Nipperdey. Die Organisation der deutschen Parteien vor 1918. Droste, Düsseldorf 1961, S. Digitalisat Die Nationalliberale Partei und ihr Schrifttum. In: Kölnische Zeitung Nr. 489 1916-05-14 S. 10 Digitalisat

Bereits 1909 wurde deutlich, dass die Konstruktion einer Buchhandlung unternehmerisch nicht ausreichte. Kalkoff initiierte stattdessen die Überführung in ein neues, von ihm 1914 gegründetes und vollständig selbst kontrollierten Verlagsunternehmen: dem Reichsverlag Hermann Kalkoff.12/1914 Reichsverlag Hermann Kalkoff Spandauer Straße 12, Berlin_Zehlendorf. Anzeiger Handels-Register des Kgl. Amtsgerichts Berlin-Mitte (Abt. A). Eintrag No. 43073 Reichsverlag Hermann Kalkoff in Berlin-Zehlendorf. In: Berliner Börsen-zeitung Nr. 564 Abendausgabe, S. 13 III. Beilage 1914-12-02 Digitalisat Deutscher Reichsverlag Nr. 284 1914-12-03 S. 17 Digitalisat

Der Krieg brachte innenpolitisch den „Burgfrieden“, Wahlen und Parteienwettbewerb wurden ausgesetzt. Kalkoff steuerte die Publizistik nun verstärkt ins Volkstümliche. Viele Publikationen waren speziell dafür gedacht, als „Liebesgaben“ von Personen, Unternehmen und Vereinen zu den Soldaten ins Feld geschickt zu werden.

Während der Kriegsjahre war Kalkoff Herausgeber der Zeitschrift Wegweiser für das werktätige Volk.ZDB-ID 350142-5 ZDB-ID 2892817-9 als Digitalisate bei DNB einsehbar Sie erschien jeden Monat mit einer monothematischen Ausgabe. Neben aktuellen Aufsätzen, die sich vorrangig um Kriegsziele, Kriegsverlauf, Kriegswirtschaft und Kriegsfürsorge drehten, schrieben die Autoren historische Porträts (Bismarck, Tirpitz, Wilhelm II., Rudolf von Bennigsen, Emanuel Geibel, Götz von Berlichingen, Hermann Löns, deutsche Wirtschaftskapitäne). Der Greifswalder Professor Ludwig Bergsträsser, mit dem Kalkoff später eine Zeitschrift herausgab, steuerte ein auflagenstarkes Brevier bei, das dem Zeitungsleser das Verständnis außenpolitischer Zusammenhänge erleichtern sollte.Ludwig Bergsträsser. Grundbegriffe der auswärtigen Politik : eine Anleitung für den Zeitungsleser. Reichsverlag Hermann Kalkoff, Berlin 1917. Digitalisat