Die Risiko-Luftwaffe (auch: Risiko-Luftflotte, Risikoluftwaffe) war eine deutsche strategische Luftwaffen-Konzeption zwischen 1933 und 1937, die die Aufrüstung der Wehrmacht ermöglichen sollte.
Konzeption Entworfen wurde das Konzept im Mai 1933 vom Vorstandsmitglied der Lufthansa Robert Knauss, der es an das Konzept der Risikoflotte von Alfred von Tirpitz anlehnte. Knauss ging von der Prämisse aus, dass eine deutsche Großmachtstellung nur durch einen Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Polen zu erreichen sei. Im kritischen Zeitraum bis zur Erlangung des dafür notwendigen Rüstungsstandes sollten diese Mächte von Präventivschlägen gegen die deutsche Aufrüstung durch Erhöhung des Kriegsrisikos abgeschreckt werden. Knauss schlug hierzu die Schaffung einer Luftflotte als selbstständige Kriegswaffe von 390 viermotorigen Bombern sowie 10 Luftaufklärungsstaffeln vor, die Jagdwaffe sollte reine Unterstützungswaffe für Heer und Marine sein.Wilhelm Deist: Die Aufrüstung der Wehrmacht. In: Wilhelm Deist, Manfred Messerschmidt, Hans-Erich Volkmann, Wolfram Wette: Ursachen und Voraussetzungen des Zweiten Weltkriegs. Frankfurt am Main 1989, S. 566 ff. Knauss hielt eine solche Bomberflotte für durchaus imstande, eine Mobilmachung der Gegner durch Luftangriffe mit Gas-, Spreng- und Brandbomben auf die Hauptstädte zu lähmen, die feindlichen Luftstreitkräfte auf ihren Flugplätzen zu vernichten und die Rüstungsindustrie auszuschalten.Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg 1939–1945. Berlin 2004, S. 29. Daneben enthielt die Konzeption von Knauss auch die Forderung nach einer um einen des Gegners herbei zu führen.Maier: Der Aufbau der Luftwaffe und ihre strategisch-operative Konzeption. S. 292. Knauss empfahl ein viermotoriges Großflugzeug mit einer Eindringtiefe von 800 km und Bombenkapazität von 2000 kg Spreng-, Brand- und Gasbomben. Er hielt 200 solcher Flugzeuge schon für ausreichend die Angriffslust des Gegners zu dämpfen.Maier: Der Aufbau der Luftwaffe und ihre strategisch-operative Konzeption. S. 298. Dabei verfolgte er das Idealbild der perfekten Vereinigung von Mensch und Technik, die Flieger und ihre Flugzeuge sollten sich gegenseitig beseelen.Bernd Lemke: Luftschutz in Großbritannien und Deutschland 1923 bis 1939. München 2005, S. 148 f. Bereits 1927 beschäftigte sich die Reichswehr unter der Tarnbezeichnung „Gronabo“ mit dem Konzept eines Großnachtbombers.Karl-Heinz Völker: Die deutsche Luftwaffe. 1933–1939. Aufbau, Führung und Rüstung der Luftwaffe sowie die Entwicklung der deutschen Luftkriegstheorie. Stuttgart 1967, S. 28 f.
Das Rüstungsprogramm der Luftwaffe entsprach nur unvollkommen Knauss’ Vorstellungen: Weder wurde der von ihm gewünschte Einheitstyp eines schwerbewaffneten Bombers verwirklicht noch die Größenordnung erreicht. Jedoch folgte es in seinen Grundzügen der von Knauss entwickelten Idee der Risiko-Luftwaffe.Deist: Die Aufrüstung der Wehrmacht. S. 569 f.
Infolgedessen erhielt die Luftwaffe in Form der Risiko-Luftwaffe eine außenpolitische Konzeption, sie wurde als Faktor außenpolitischer Abschreckung eingesetzt.Karl-Heinz Ludwig: Strukturmerkmale nationalsozialistischer Aufrüstung. In: Friedrich Forstmeier, Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Wirtschaft und Rüstung am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Düsseldorf 1981, S. 55 ff. Nach Olaf Groehler war sie als gedacht.Olaf Groehler: Zum Aufbau und zur Entwicklung der faschistischen Luftwaffe bis zum Überfall auf die Sowjetunion. In: Erhard Moritz (Hrsg.): Das Fiasko der antisowjetischen Aggression. Berlin 1978, S. 389.
Aufbau Der Aufbau sollte 1936 abgeschlossen sein und in einer zweiten überlappenden Phase von 1936 bis 1938 sollten die Verbände erst mit inzwischen entwickelten modernen Flugzeugen ausgerüstet werden.Paul Deichmann: Der Chef im Hintergrund. Oldenburg 1979, S. 52. Zuerst wurden ein paar sogenannte „Risiko“-Staffeln geschaffen für Ausbildung und Schulung.Ernst Heinkel: Stürmisches Leben. Stuttgart o. J., S. 242. Der Aufbau der Risiko-Luftwaffe schritt relativ schnell voran. Die Flugzeugtypen entsprachen jedoch nicht dem neuesten Stand und die Qualität ließ auch zu wünschen übrig. Man verfuhr nach dem Grundsatz: Ludolf Herbst: Das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Frankfurt am Main 1996, S. 130 f. Den Kern der Risiko-Luftwaffe bildeten zu Behelfsbombenflugzeugen umgerüstete Ju-52, von denen 450 Stück gebaut wurden.Olaf Groehler: Geschichte des Luftkriegs. Berlin 1981, S. 139. Im Frühjahr 1935 umfasste die Luftwaffe 1.800 Maschinen.Hans-Joachim Braun: Britische und deutsche Luftrüstung in der Zwischenkriegszeit. In: Ernst Willi Hansen, Gerhard Schreiber, Bernd Wegner: Politischer Wandel, organisierte Gewalt und nationale Sicherheit. München 1995, S. 185.
Die industrielle Basis wurde in einer überraschend kurzen Zeit geschaffen.Deist: Die Aufrüstung der Wehrmacht. S. 576. In der Weimarer Republik subventionierte die Reichswehr die Flugzeugindustrie, mit dem Konzept einer Rüstung durch Modernisierung der Flugzeugindustrie, so wäre der Übergang zum Metallflugzeugbau ohne die Reichswehr unmöglich gewesen. Sie verlegte sich darauf, die Bedingungen zur Flugzeugherstellung so weit zu beeinflussen, dass sie im Ernstfall in der Lage gewesen wäre, aus dem Stand zur Produktion von Kriegsflugzeugen überzugehen. 1929 rechnete die Reichswehr im Ernstfall mit einer Kapazität von 9.000 Kriegsflugzeugen, während die Industrie in diesem Jahr insgesamt nur 350 Flugzeuge produzierte. Nach Lutz Budraß spricht vieles dafür, dass jegliches staatliches Engagement auf diesem Gebiet dem Zweck diente, insgeheim die Vorbereitungen für den Tag zu treffen, an dem eine neue Luftwaffe entstehen durfte.Lutz Budraß: Staatsnähe und Unsicherheit: Die deutsche Luftfahrtindustrie. In: Helmuth Trischler, Kai-Uwe Schrogl (Hrsg.): Ein Jahrhundert im Flug. Luft- und Raumfahrtforschung in Deutschland 1907–2007. Frankfurt am Main 2007, S. 169–171. 1928/29 wurden Luftrüstungsmaßnahmen generalstabsmäßig mit dem Vorhaben einer „Notstandsluftwaffe“ eingeleitet.Manfred Messerschmidt: Wege in den Zweiten Weltkrieg. In: Werner Röhr, Brigitte Berlekamp, Karl Heinz Roth: Der Krieg vor dem Krieg. Politik und Ökonomik der »friedlichen« Aggressionen Deutschlands 1938/39. Hamburg 2001, S. 146.
Am 20. Oktober 1933 rief Hermann Göring die Leiter der Flugzeugwerke, des Motorenbaus und die maßgeblichen Herren der Industrie zu einer Sitzung in Berlin zusammen. Göring wurde nach dem Zeugnis von Heinrich Koppenberg .Lotte Zumpe: Wirtschaft & Staat in Deutschland 1933 bis 1945. Berlin 1980, Band 3, S. 81. Laut Willi A. Boelcke mussten die Unternehmer hingegen erst mit Geld und guten Worten zum Aufrüstungskurs gebracht werden.Willi A. Boelcke: Stimulation und Verhalten von Unternehmern der deutschen Luftrüstungsindustrie während der Aufrüstungs- und Kriegsphase. In: Horst Boog (Hrsg.): Luftkriegführung im Zweiten Weltkrieg. Ein internationaler Vergleich. Herford 1993, S. 87. Für den Flugzeugkonstrukteur Ernst Heinkel war seine He 51, mit der die ersten Staffeln des Jagdgeschwaders „Richthofen“ ausgerüstet wurden, bereits . Dennoch empfand er, angesichts der als „Der fliegende Sarg“ bezeichneten Do 11 und der langsam dahin schleichenden Ju-52, mit praktisch nutzlosen Maschinengewehrnest an der Rumpfoberseite, ein für seine Flugzeuge, mit denen die Risiko-Luftflotte hauptsächlich ausgerüstet wurde.Heinkel: Stürmisches Leben. S. 241 ff. Laut Heinkel war das Grundprinzip des Chefs des Luftwaffen-Verwaltungsamtes Albert Kesselring: .Heinkel: Stürmisches Leben. S. 245. Die hektische und überschnelle Aufrüstung verursachte eine Preisinflation. In einer Besprechung mit Vertretern der Luftrüstungsindustrie am 16. Juni 1937 im Reichsluftfahrtministerium beklagte Göring, das ihn die militärische und politische Lage gezwungen habe die konzentrierte Aufrüstung vorzunehmen, die dazu führte, dass seines Erachtens .Boelcke: Stimulation und Verhalten von Unternehmern der deutschen Luftrüstungsindustrie. S. 91.
Ursprünglich sollte nach dem Konzept der Reichswehr die Erstausstattung der neuen deutschen Luftwaffe im Ausland beschafft werden, verbunden mit einem groß angelegten Technologietransfer, da die deutsche Luftfahrtindustrie technisch weit ins Hintertreffen geraten war. Tatsächlich wurden 1933 Motoren und Flugzeuge vor allem in den USA gekauft, so brachte Ernst Udet bei einer Reise im Jahr 1933 in die USA, zwei einmotorige Bombenflugzeuge »Hawk« der Firma Curtiss-Wright mit, die in der Industrie studiert wurden. Ende 1933 setzte sich die Konzeption von Erhard Milch durch, der zwar Anfangs auch auf Technologietransfer setzte, jedoch das Ziel verfolgte einen autarken deutschen Luftrüstungskomplex zu schaffen, und alles selbst zu machen, von Motoren bis hin zu Instrumenten. Damit wurde die Gefahr eines technologischen Embargos des Auslands, wenn die deutsche Politik aggressiv werden sollte, ausgeschaltet. In Milchs Konzept, das von der nationalistischen Idee einer deutschen Luftgeltung bestimmt war, war die Eskalation zu einem internationalen Wettrüsten und letztlich zum Krieg von Beginn an angelegt.Lutz Budraß: Die Mobilisierung von Forschung und Lehre in der deutschen Luftfahrtindustrie 1933-1945. In: Sören Flachowsky, Rüdiger Hachtmann, Florian Schmaltz (Hrsg.): Ressourcenmobilisierung. Wissenschaftspolitik und Forschungspraxis im NS-Herrschaftssystem. Göttingen 2016, S. 309 ff.
Beim Flugbenzin war man auf Import angewiesen und das Ausland hätte die Belieferung mit diesen wichtigen Stoff unterbinden können, wäre der zunächst geheime Aufbau der Luftwaffe erkannt worden. Daher richtete sich das Interesse des Reichsluftfahrtministeriums auf das Leuna-Benzin der I.G. Farben. Die Verbindung zwischen Staatssekretär Milch und Carl Krauch wurde durch Albert Vögler geknüpft. Krauch fertigte für Milch im September 1933 eine Denkschrift an, in der ein Vierjahresplan zur Ausweitung der Erzeugung von Leuna-Benzin vorgeschlagen wurde. Die Produktion sollte durch eine Kapitalinvestition von 400 Millionen Reichsmark von 500.000 t auf 1.800.000 t jährlich steigen. Der General Alfred von Vollard-Bockelberg sagte die Prüfung der Denkschrift und gemeinsames Vorgehen zu. Eine unmittelbare Auswirkung hatte die Denkschrift jedoch nicht. Erst ab 1935 konnten bedeutsame Erfolge auf dem Wege der Unabhängigkeit vom Ausland erreicht werden, als die Produktion von 50.000 t Flugbenzin bei einer Gesamtproduktion von 350.000 Jahrestonnen erreicht wurde. Der Bedarf der Luftwaffe betrug 1936 80.000 t.Wolfgang Birkenfeld: Der synthetische Treibstoff 1933–1945. Göttingen 1964, S. 61 ff.
Bluff Nach ihrer „Tarnzeit“ wurde ab 1935 die deutsche Luftwaffe mit einem phantastischen Nimbus der Stärke umgeben.Karl-Heinz Ludwig: Strukturmerkmale nationalsozialistischer Aufrüstung. S. 57. General Paul Deichmann, Referent in der Führungsabteilung der Luftwaffe, berichtet in seinen Erinnerungen:
Diese Rüstungspropaganda, die nicht erst im Zweiten Weltkrieg inauguriert wurde, sondern von vornherein zur politischen Strategie des Regimes gehörte, führte dazu, dass das internationale Schrifttum, welches die faschistische Aufrüstung anprangerte, um die Welt gegen Hitlers Kriegstreiberei zu mobilisieren, genau das Gegenteil erreichte. Dem Ausland erschien das Risiko schon zu groß.Karl-Heinz Ludwig: Strukturmerkmale nationalsozialistischer Aufrüstung. S. 57.
Nach Wilhelm Deist hatte die Risiko-Luftwaffe die größte politische Wirkung in England, und er spricht von einer . Am 30. Juli 1934 sprach Stanley Baldwin vor dem Unterhaus davon, dass angesichts der Entwicklung der Militärluftfahrt die Verteidigung nicht mehr an den Kreidefelsen von Dover, sondern am Rhein stattfinde.Deist: Die Aufrüstung der Wehrmacht. S. 570. Laut Deist hat sie ihre politische Aufgabe fraglos erfüllt.Wilhelm Deist: Militär, Staat und Gesellschaft. München 1991, S. 313.
Literatur