mini|hochkant=1.5|Stallanlage im niedersächsischen „Schweinegürtel“
Intensive Tierhaltung, Intensivtierhaltung, Industrielle Tierhaltung oder Massentierhaltung, kurz auch Intensivhaltung, bezeichnet die technisierte Viehhaltung meist nur einer einzigen Tierart in ländlichen Großbetrieben mit nicht ausreichend verfügbaren landwirtschaftlichen Nutzflächen, um die benötigten Futtermittel selbst zu erzeugen. Das primäre Ziel ist dabei die größtmögliche Erhöhung des erwirtschafteten Ertrages. Die Intensive Tierhaltung einer größeren Anzahl von Tieren wird oft auch als Massentierhaltung bezeichnet.
Die intensive Tierhaltung unterscheidet sich von der extensiven und der artgerechten Haltung durch geringeren Flächenbedarf und stärkere Nutzung anderer Produktionsfaktoren. Systeme der Intensivtierhaltung sind insbesondere in Industrieländern verbreitet, verzeichnen jedoch hohe Wachstumsraten in einigen Entwicklungsländern. Mit der Intensivierung geht häufig eine Vergrößerung der durchschnittlichen Betriebsgröße einher.
Herausforderungen bei der intensiven Haltung bestehen insbesondere im Bereich von Tierwohl, Wasser- und Energieverbrauch und bei der Entsorgung der Tierausscheidungen. Durch Gülleausbringung besteht die Gefahr der Überdüngung und Grundwasserbelastung durch Nitrate sowie eine Geruchsbelästigung.
Der Tierschutz und die Problematik des Tierwohls, die Antibiotikaresistenzbildung und deren Einfluss auf die Humanmedizin sind seit langem Gegenstand von Diskussionen.
Definition International Gemäß verschiedener Richtlinien wie der 85/337/EWG über die Umweltverträglichkeitsprüfung bei bestimmten öffentlichen und privaten Projekten unterliegen auch landwirtschaftliche Betriebe einem umweltschutzrechtlichen Überprüfungs- und Genehmigungsverfahren. Als Grenzwerte nennt das deutsche Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung, mit der die EU-Richtlinie in nationales Recht übernommen wurde, bei Anlagen zur Intensivhaltung oder -aufzucht von Geflügel oder Schweinen als Grenzwert 40.000 Plätze für Geflügel, 3.000 Plätze für Mastschweine (über 30 kg), 900 Plätze für Sauen und bei intensiver Aquakultur eine Produktionskapazität von 1000 t Fisch oder Muscheln pro Jahr.Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung in der Fassung der Bekanntmachung vom 24. Februar 2010 (BGBl. I S. 94), das durch Artikel 10 des Gesetzes vom 25. Juli 2013 (BGBl. I S. 2749) geändert worden ist Zudem wird der Viehbesatz vom Gesetzgeber durch mehrere Vorschriften, wie etwa im Düngemittelgesetz und nachfolgenden Regelungen begrenzt. Der Anhang 1 zur Verordnung über genehmigungsbedürftige Anlagen enthält in Ziffer 7 ebenfalls Grenzwerte, ab denen eine besondere Genehmigung erforderlich ist.Anhang 1 der Vierten Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes. In: gesetze-im-internet.de
Deutsches Umweltrecht Das deutsche Umweltrecht liefert weitere Anhaltspunkte: Überschreitet der (geplante) Tierbestand in einem Betrieb der Tierhaltung einen bestimmten, vom Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVPG) vorgegebenen Schwellenwert, so entsteht eine Pflicht zu einer Umweltverträglichkeitsprüfung, wenn der Tierhalter seinen Betrieb vergrößern oder an einem neuen Standort Ställe bauen will. Betriebe, die den Schwellenwert überschreiten, gelten als „große gewerbliche Tierhaltungsanlagen“.Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: . Pressemitteilung Nr. 119 vom 25. April 2013.
§ 3b des UVPG (UVP-Pflicht aufgrund Art, Größe und Leistung der Vorhaben) bestimmt in Absatz 1: Die Verpflichtung zur Durchführung einer Umweltverträglichkeitsprüfung besteht für ein in der Anlage 1 aufgeführtes Vorhaben, wenn die zur Bestimmung seiner Art genannten Merkmale vorliegen. Sofern Größen- oder Leistungswerte angegeben sind, ist eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchzuführen, wenn die Werte erreicht oder überschritten werden.§ 3b UVPG. In: gesetze-im-internet.de Eine UVP (standortbezogene Vorprüfung) entfällt u. a. dann, wenn in einem Betrieb nicht mehr als 15.000 Hennen in Intensivhaltung, 30.000 Junghennen, 30.000 Stück Mastgeflügel in Intensivhaltung, 600 Rinder, 500 Kälber, 1.500 Schweine, 560 Zuchtsauen einschließlich dazugehöriger Ferkel oder 4.500 Ferkel gehalten bzw. aufgezogen werden.
Geschichte mini|Blick in einen modernisierten Laufstall (DDR, 1960) mit Vakuumfütterungsautomaten mini|Siloanlage in Thüringen, Deutschland Im Zuge der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert hat sich die Gesellschaft und Wirtschaft Europas grundlegend verändert. In der Landwirtschaft gab es einen enormen Produktivitätsanstieg und deutlich weniger Erwerbstätige. Optimierungen in der Rinder- und Schweinezucht führten zu einer beträchtlichen Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch und anderen Tierprodukten. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die Hauptphase der industriellen Landwirtschaft in Europa ein, die in den USA schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu spüren war. Auf der einen Seite handelt es sich dabei um einen tiefgreifenden Strukturwandel durch konsequente Nutzung des agrartechnischen Fortschritts. Andererseits ist der Prozess mit einer Vielzahl von Folgeproblemen behaftet, der mit Begriffen wie Agrarfabrik, Agribusiness oder Agrarindustrie assoziiert wird.Werner Rösener: Die Bauern in der europäischen Geschichte. C.H. Beck, 1993, ISBN 3-406-37652-5.
Verbreitung mini|Nordamerikanische Rinderhaltung in Form einer „concentrated animal feeding operation“ (CAFO) Intensive Systeme sind besonders in den OECD-Staaten, aber auch mit steigender Tendenz in Asien verbreitet. In Getreideimportregionen wie den Niederlanden oder Norddeutschland befinden sich intensive Tierhaltungsbetriebe meist in der Nähe von Seehäfen. In Getreideexportländern wie den USA wird die intensive Viehhaltung häufig in den Getreideanbauregionen betrieben (z. B. Schweine in Iowa, Rinder in Texas). In Entwicklungsländern mit schlecht entwickelter Infrastruktur befinden sich die Betriebe in der Nähe urbaner Zentren, da tierische Produkte hohen Anforderungen beim Transport unterliegen (Kühlung). Intensive Haltungssysteme finden sich auch in den GUS-Staaten (Milchvieh) und Nordafrika (Schafe).World Livestock Production Systems. Current status, issues and trends. (= FAO Animal Production and Health Paper. 127). 1995 (PDF). In: fao.org.
Im Durchschnitt der Jahre 2001 bis 2003 entstammen der Intensivtierhaltung nach Schätzung der FAO weltweit 6 % des produzierten Rindfleischs, 0,8 % des Schaffleischs, 55 % des Schweinefleischs, 72 % des Geflügelfleischs und 60 % der Eier. 6 % der Rinder und Büffel und 0,5 % der Schafe und Ziegen werden in landlosen Systemen gehalten. In der Kategorie der Entwicklungsländer werden 8 % der Rinder und Büffel und 0,6 % der Schafe und Ziegen intensiv gehalten. 0,6 % des produzierten Rindfleischs, 1 % des Schaffleischs, 47 % des Schweinefleischs, 64 % des Geflügelfleischs und 54 % der Eier kommen aus landlosen Produktionssystemen.G. Steinfeld, T. Wassenaar, S. Jutzi: Livestock production systems in developing countries: status, drivers, trends. In: Rev. sci. tech. Off. int. Epiz. Vol 25, Nr. 2, 2006, S. 505–516. (, PDF; 155 kB). "Die Nachfrage nach tierischen Erzeugnissen wird bis zum Jahr 2050 um 70 Prozent steigen" und "Die Viehwirtschaft verbessert die Lebensgrundlagen und schafft Wirtschaftswachstum und Einkommen in der ländlichen Wirtschaft", sind Aussagen von Helena Semedo, FAO Deputy Director-General, anlässlich der "Grünen Woche" 2014 in Berlin. Aufgrund der steigenden Nachfrage nach tierischen Produkten durch eine wachsende Weltbevölkerung müsse die Produktionsintensität weiter nachhaltig gesteigert werden, z. B. durch Nutzung alternativer Nebenprodukte.Harinder P.S. Makkar (Hrsg.): FAO: BIOFUEL CO-PRODUCTS AS LIVESTOCK FEED (PDF; 4,9 MB). In: fao.org, 2012
Intensive Wiederkäuerproduktionssysteme sind in erster Linie ein nordamerikanisches Phänomen, wenngleich sie weniger verbreitet auch in Teilen Europas und des Nahen Ostens auftreten. In Nordamerika werden die Produktionsstätten auch Feedlots genannt.
Produktionstrends mini|Intensive Mast von Hybridhühnern in Florida zur Geflügelfleischproduktion Starke Flächen- und Arbeitsproduktivitätszuwächse kennzeichnen die Entwicklung von intensiven Tierhaltungssystemen. Von 1961 bis 2000 ist die globale Fleischproduktion um mehr als 350 % und die Milchproduktion um knapp 175 % gestiegen, während sich die Weide- und Futterbauflächen nur um ca. 30 % bzw. 100 % ausgedehnt haben. In der EU-15 ist der Flächenverbrauch bei starkem Produktionsanstieg zurückgegangen.
In den letzten Jahrzehnten wurden die traditionellen ballaststoff- und energiereichen Fütterungsweisen zugunsten von eiweißreichen verdrängt. 2004 wurden weltweit 690 Millionen Tonnen Getreide (34 % der Welternte) und 18 Millionen Tonnen Ölsaaten (hauptsächlich Soja) an Tiere verfüttert. Hinzu kommen 295 Millionen Tonnen eiweißreiche Verarbeitungsnebenprodukte wie Kleie, Ölkuchen und Fischmehl. Zusatzstoffe werden vermehrt verwendet, um höhere Futterverwertungsraten zu erreichen.
Zwischen 1990 und 2006 hat sich im Amazonasgebiet die Fläche für den Sojaanbau vervierfacht. Verstärkt wird mehr Fläche für den Getreideanbau gerodet. Obwohl die Landwirtschaft in Mato Grosso intensiviert wird, schreitet die Umwandlung von Waldfläche in Futtermittelanbaufläche voran. Hauptabnehmer für den Sojaexport aus Brasilien sind die EU und China, um heimisches Geflügel und Schweine mit Futter zu versorgen. Soziale und ökologische Schäden durch die Futtermittelproduktion führen zur Verarmung der unterentwickelten Erzeugerländer.
Die Monogastrierproduktion wird durch die Intensivierung der Fütterung im Vergleich zur Wiederkäuerproduktion begünstigt, weil Schweine und Geflügel diese Futtermittel besser verwerten. Insbesondere in der Geflügelhaltung können hohe Wachstumsraten und die niedrigen Stückkosten, hauptsächlich aufgrund der effizienten Futterverwertung, erzielt werden. Der Einsatz von Getreide in der Wiederkäuerfütterung ist begrenzt auf Länder mit einem niedrigen Verhältnis von Getreide- zu Fleischpreisen. In vielen Entwicklungsländern mit Getreidedefiziten ist das nicht profitabel. Die FAO schätzt, dass sich die Monogastrierhaltung zukünftig stärker ausweiten wird als die Wiederkäuerhaltung.
Die Ursache für die Verschiebungen in der Fütterung liegen erstens in dem seit den 1950er Jahren zu beobachtenden stetigen Rückgang der Getreidepreise. Diese Entwicklung ist wiederum auf eine Intensivierung der Getreideproduktion zurückzuführen, vor allem im Bereich Pflanzenzüchtung, Bewässerungsmanagement, Düngemittel und Mechanisierung.
Der Trend zur Intensivierung ist gegenwärtig am deutlichsten in Asien zu verzeichnen, wo Land knapp und Arbeit relativ billig ist. Dies begünstigte unter anderem kleinere Intensivbetriebe. Verbesserter Kapitalzugang ermöglicht Investitionen in Maschinen, Ställe und Produktionsfaktoren wie verbesserte Rassen, konzentrierte Futtermittel sowie Arzneimittel. In Subsahara-Afrika hat sich intensive Milchviehhaltung in Stadtnähe entwickelt. In Lateinamerika kam es im Zuge verstärkter Urbanisierung und wirtschaftlicher Erholung in den 1990er Jahren zur Intensivierung der Geflügelproduktion und Milchviehhaltung. Die Zahl großer und vertikal integrierter, intensiver Geflügel- und Schweinefleischbetriebe hat in Entwicklungsländern signifikant zugenommen, insbesondere in Ostasien und Lateinamerika.
Beschreibung mini|Ein Melkkarussell gestaltet das Melken von Milchkühen effizienter. mini|Hausschweine in Kastenständen mit Fütterungsautomatik mini|Zucht von Lachsen in Aquakultur bei den Färöern