mini|hochkant=1.8|Traditionelle Territorien der Nuu-chah-nulth und benachbarter Stämme.

mini|hochkant=1.8|Cape Flattery

Die Nuu-chah-nulth (Eigenname, Betonung auf chah), Nuučaan̓uł, auch Nootka oder Nutka (veraltete Fremdbezeichnung) sind Süd-WakashGeorge A. Miller: Wörter. Streifzüge durch die Psycholinguistik. Herausgegeben und aus dem Amerikanischen übersetzt von Joachim Grabowski und Christiane Fellbaum. Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg 1993; Lizenzausgabe: Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1995; 2. Auflage ebenda 1996, ISBN 3-86150-115-5, S. 40–41. sprechende Ureinwohner (First Nations) der Westküste Nordamerikas. Ihre Wohngebiete liegen an der Westküste der Vancouver-Insel und am Cape Flattery, der nordwestlichen Ecke des US-Bundesstaates Washington. Über 12.500 Menschen waren im Oktober 2016 entweder beim Indigenous and Northern Affairs Canada als Mitglieder der 15 Nuu-chah-nulth-Gruppen registriert (über 10.000) oder beim Bureau of Indian Affairs in den USA, wo als einzige Nuu-chah-nulth die Makah leben (ca. 2500).

Seit 1958 schlossen sich die Bands, wie diese Gruppen in Kanada genannt werdenEine Liste aller Bands, genauer gesagt ein Handbuch zur Klassifikation von Bands (Band Classification Manual) vom Mai 2005 von Indigenous and Northern Affairs Canada erhält man hier (PDF, 188 kB): ., zusammen und legten sich 1978 den Namen Nuu-chah-nulth zu. Bei der Selbstbezeichnung bestehen manche Gruppen auch auf dem Zusatz First Nation oder Tribe, wobei sich in Kanada die Bezeichnung First Nations für die 615 anerkannten ethnischen Gruppen des Landes durchgesetzt hat. Nuu-chah-nulth bedeutet „Alles (Volk oder Land) entlang der Berge und des Meeres“.

Die nördlichsten Bands der Nuu-chah-nulth sind die Kyuquot-Cheklesahht, wobei die Kyuquot um den Kyuquot Sound leben, südlich anschließend die Ehatteshaht und Nuchatlaht um das Esperanza Inlet sowie die Mowachaht-Muchalaht um den Nootka Sound. Um den Clayoquot Sound und Tofino leben heute die Bands der Hesquiaht, Ahousaht und Tla-o-qui-aht. Um den Barkley Sound und den Alberni Inlet leben Ucluelet, Tseshaht, Toquaht, Uchucklesaht und Hupacasath. Auf der Südseite des Barkley Sound, um Bamfield und landeinwärts sind es Huu-ay-aht, um den Nitinat Lake die Ditidaht (Nitinat), südlich davon die Pacheedaht. Dazu kommen die Makah im Staat Washington.

Name

Der lange gebräuchliche Name Nootka wurde den Einwohnern des Küstenstrichs zuerst von dem Entdecker James Cook gegeben. Dieser hatte sich offenbar im Nebel verirrt, als einige Nootka riefen: „nook-sitl“! („Ihr müsst um die Insel herumfahren!“). Doch Cook und seine Männer glaubten, es sei der Name der Insel. Bald bezog sich der Begriff Nootka auf alle Sprecher der Wakash-Sprache und umfasste die Nuu-chah-nulth-, Ditidaht (Nitinat) – und Makah-Stämme. Die Nuu-chah-nulth selbst haben bis ins 20. Jahrhundert keine Notwendigkeit gesehen, sich eine übergreifende Bezeichnung zuzulegen. Manche bevorzugen den Begriff Aht-Stämme, nach der Endsilbe, die alle diese Stämme bezeichnet, jedoch scheint sich Nuu-chah-nulth durchzusetzen. Gelegentlich erscheint die Bezeichnung Nuu-chah-nulth-aht.

Wohngebiet

Ihr traditionelles Wohngebiet umfasste hauptsächlich die gesamte Westküste der über 32.000 km² großen Vancouver-Insel, reichte aber über die Juan-de-Fuca-Straße hinaus bis zur Olympic-Halbinsel und in die Gegend nördlich von Seattle. Die äußersten Punkte dieses Siedlungsgebiets sind die Brooks-Halbinsel im Norden von Vancouver Island und Point no Point im US-Bundesstaat Washington im Süden, die etwa 300 km auseinanderliegen. Dabei divergiert das von den Stämmen beanspruchte Gebiet auf Vancouver Island, das sich z. T. überschneidet, stark von den seitens der kanadischen Regierung im 19. Jahrhundert übertragenen mehr als 170 Reservaten. Dazu kommt, dass meist nur noch jeder dritte Band-Angehörige im eigenen Reservat lebt, im Extremfall noch nicht einmal mehr jeder zehnte. So leben viele in den Städten auf Vancouver Island oder in anderen Städten British Columbias, vor allem in Vancouver. Zudem unterscheiden sich die Bands in ihrer Größe stark. Leben bei den Ahousaht noch über 660 Menschen im Reservat, so sind es bei den Toquaht gerade noch 8. Dementsprechend stark schwankt die Bevölkerungsverteilung bei den rund 2.800 Reservatsbewohnern. Außerdem leben viele Nicht-Indigene in den traditionellen Territorien und beanspruchen dort ebenfalls Rechte. Doch ist dies weniger kompliziert, da der bei weitem überwiegende Teil des Landes (als Crown Land) in der Hand der Regierung liegt. Mit den jüngsten Verhandlungen mit den Bands der Maa-nulth-Gruppe kündigt sich jedoch möglicherweise ein radikaler Wechsel an, der eine Reduzierung des beanspruchten Stammesgebiets, aber dafür eine Verzehnfachung der Reservatsgrößen zur Folge hat. Diese würden dann allerdings einen privaten Besitz darstellen, der auch veräußerlich wäre. Die Stammesgebiete hingegen sind unveräußerlich.

Das Klima ist durch starke, wechselnde Winde gekennzeichnet. Dennoch ist es ausgesprochen mild. Zudem bilden die hohen Berge eine Barriere, die das Gebiet vor den kalten Kontinentalwinden schützt. Sie halten andererseits die warmen, feuchten Winde vom Meer auf, sodass sie den meisten Regen in dieser Region abladen – mehr als 250 cm jährlich, in manchen Gebieten sogar weit über 600 cm. Daher befindet sich hier eines der größten Gemäßigten Regenwaldgebiete der Welt, dazu ein enormer Fischreichtum, vor allem Lachs. Der Regenwald, die zerklüfteten Fluss- und Seengebiete und die relative Abgeschlossenheit des Gebiets sowie die Hinwendung zum Pazifik prägen die Kultur der Nuu-chah-nulth sehr stark.

Gruppen der Nuu-chah-nulth

Die ursprüngliche Stärke des Stammes wird auf etwa 10.000 Personen geschätzt. Die Nuu-chah-nulth-Gruppe besteht in Kanada heute aus 15 Ethnien (in den USA kommen die Makah (Kwih-dich-chuh-aht / Qʷidiččaʔa·tx̌) hinzu), von denen sich 14 zum Nuu-chah-nulth Tribal Council (nur die Pacheedaht fehlen), einem Stammesrat, zusammengeschlossen haben und gemeinsam Vertragsverhandlungen mit der kanadischen Regierung führen:

Nr. Stamm 1. Ahousaht (7aaẖuus7atẖ / ʔaaḥuusʔatḥ) („Volk von ʔaaḥuus/7aaẖuus (Ahous)“ oder „Volk, das mit dem Rücken zum Land und zu den Bergen an einem Strand am offenen Meer lebt“) 2. Ditidaht (Diitiid7aa7tx / Diitiidʔaaʔtx̣) („Volk von Diitiidaʔ“ oder „Volk vom Jordan River“; früher: Nitinaht) 3. Ehatteshaht / Ehattesaht (Ehatisaht / ʔiiḥatisatḥ) (früher: Esperanza Inlet) 4. Hesquiaht (ḥiškʷiiʔatḥ / hishkwii7ath) („Volk des Geräusches, das durch das Essen von Heringseiern auf Aalgras entsteht“; früher: Hesquiat) 5. Hupacasath (Hupa¢asath) (früher: Opetchesaht / Opetchisaht) 6. Huu-ay-aht (früher: Ohiet / Ohiaht / Ohiat) 7. Kyuquot/Checleseht (Ka:'yu:'k't'h'/Che:k:tles7et'h') (früher: Kyuquot / Ky-Uk-Aht und Checkleset / Chaic-Cles-Aht / Checklusit) 8. Mowachaht-Muchalaht (Mowachaht/Muchalaht) (früher: Mowachaht / Moachaht / Mooacht-Act und Mutchalaht / Matchitlacht / Match-Itl-Aht) 9. Nuchatlaht (früher: Nooch-Ahtl-Aht / Nuchatlitz / Esperanza Inlet) 10. Tla-o-qui-aht (Tla7uukwi7ath / ƛaʔukʷaʔtx̣ ) („verschiedene Völker (Hausgruppen) von einem anderen Ort, d. h. von Tla-o-qui (heute Clayoqua) im Clayoquot Sound“ oder „Volk, das anders ist, als es einst [am Ursprungsort] war“; früher: Clayoquot / Clayuquot) 11. Toquaht (t̓ukʷaaʔatḥ / t̕uuk̓ʷaaʔatḥ) („Volk von Du Quah“ an der Mündung des Ucluelet Inlet) (früher: Toquart / Toqyaht) 12. Tseshaht / Tsisha?at (Sis sha ahtah / C`išaaʔatḥ) („Volk von Sis-shaa / C`išaa“ auf Benson Island; früher: Sheshat) 13. Uchucklesaht („Volk, dort innerhalb der Bucht“; früher: Howchukleset / Uchucklesit) 14. Ucluelet (Yu-cluth-aht / Yuułuʔiłʔatḥ) („Volk im geschützten Hafen“) 15. Pacheedaht (P’a:chi:da?-aht / Paačiidʔaaʔtx̣) („Volk der Gischt/des Meerschaums“ oder „Volk vom San Juan River“; früher: Pacheena / Pacheenaht)

Kultur

Die Kultur der Nuu-chah-nulth, die zu den Nordwestküstenkulturen gezählt wird, reicht mindestens 4500 Jahre zurück. Nach dem Niedergang der letzten beiden Jahrhunderte (s. Geschichte) erholt sich nicht nur die Zahl der Nuu-chah-nulth, sondern auch einige Teilgebiete ihrer Kultur. Dabei sind bestimmte Bestandteile für das Fortleben ihrer Kultur unverzichtbar. Zu diesen zählt die natürliche Umgebung, in der kulturelle Praktiken und Werke entstehen und fortbestehen können. Sehr ausgeprägt ist bis heute die enge Verflechtung mit der (mythologischen) Vergangenheit und eine Betonung des Rituals, in dem alle kulturellen Äußerungen erst ihren Platz finden. So war Vieles gar nicht für jedermanns Augen bestimmt oder wurde nur zu bestimmten Ereignissen hervorgeholt. Daher sind ritualisierte Feierlichkeiten wie das Potlatch von großer Bedeutung, zumal sie die herausgehobene Bedeutung der traditionellen Häuptlinge und ihrer Verwandtschaft, aber auch ihre Verpflichtungen unterstreichen. Die Erziehung der Kinder übernahmen in weiten Teilen die Großeltern, deren gerade nicht in Gebrauch stehende Namen an die Enkel übergingen – es sei denn, sie ererbten die Namen der Eltern. Namen konnten jederzeit geändert werden, doch musste dazu ein Fest gegeben werden, bei dem der neue Name verkündet wurde. Verstarb jemand mit gleichem Namen, so musste der Name gewechselt werden.

Schon die ersten Begegnungen mit Europäern veränderten bestimmte Aspekte der Kultur. Sehr früh macht dabei der Hausbau schon äußerlich sichtbar, welche kulturellen und gesellschaftlichen Themen davon betroffen waren.

Haus und Verwandtschaft

Typisch für die Häuser, die seit mindestens 2.000 Jahren bis um 1890 gebaut wurden, ist die Mischung aus fester und flüchtiger Struktur.Ich folge hier im Wesentlichen Yvonne Marshall: The Changing Art and Architecture of Potlatch Houses at Yuquot, in: Alan L. Hoover (Hrsg.): Nuu-Chah-Nulth Voices. Histories, Objects & Journeys, Royal British Columbia Museum, Victoria 2000, 2. Aufl. 2002, 107–130. Eine Reihe zum Teil gewaltiger Ständer – eine Bauweise, die erst die riesigen Bäume des Regenwalds ermöglichten – bildete eine über sehr lange Zeiten genutzte Grundstruktur, zwischen denen Planken und Bretter ständige Umstrukturierungen des Innenraums erlaubten. Das hing aufs engste mit den Verwandtschaftsstrukturen zusammen, die es dem Einzelnen erlaubten, zu dieser oder jener Gruppe seiner Verwandten zu ziehen. So war es um 1803 für Maquinna, den Häuptling der Mowachaht, offenbar kein Problem, dass sein Sohn innerhalb seines Hauses zu dem britischen Gefangenen und Sklaven John R. Jewitt zog, für den derselbe Häuptling eine Frau ausgesucht hatte. Diese temporäre Platzierung innerhalb eines Hauses war von hohem symbolischem Wert und floss auch in Tänze, Gesang und Geschichten ein. Zugleich betonte sie die Nähe zu bestimmten Verwandten.

Obwohl bei Cooks Ankunft in der Nootka-Bucht am 29. März 1778 die Häuser keine äußerlichen Unterschiede aufwiesen, wurde das Haus des Häuptlings doch durch einen hohen Baum betont. Auch im Inneren waren nur wenige Werke „künstlerischen“ Charakters zu sehen, wenn man von den Kisten absieht, die in einem eigenwilligen, aber sehr praktischen Verfahren hergestellt wurden. Auffällig sind hingegen die gewaltigen Ständer, die beschnitzt, aber meistens verdeckt waren. Das hing damit zusammen, dass diese Pfähle nicht für sich wirksam waren, sondern nur in von bestimmten Personen durchgeführten Ritualen. In den Kisten dürften sich neben Handelsgütern vor allem Masken befunden haben, deren Bedeutung ebenfalls nur kontextuell war, die also innerhalb von Tänzen, Erzählungen und sonstigen Ritualen ihre magische und ihre Symbolkraft entfalteten. Zudem wurden so die Verhältnisse innerhalb der Gruppen dargestellt.

Erste Veränderungen