Das Internierungslager Camp Polo Beyris in der Stadt Bayonne bestand von 1939 bis 1947 und diente zunächst der Unterbringung spanischer Bürgerkriegsflüchtlinge. Während der Deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg wurden hier Angehörige der französischen Kolonialtruppen interniert. Ihnen folgten nach der Befreiung Frankreichs Menschen, die der Kollaboration verdächtigt oder überführt worden waren. Letzte Bestimmung des Camp Polo Beyris war dann die Unterbringung gefangengenommener deutscher Soldaten. Nach John C. Guse war das Lager und seine zahlreichen Außenkommandos über Jahrzehnte hinweg ein in Frankreich vergessenes Internierungslager.John C. Guse: Polo Beyris: A Forgotten Internment Camp in France, 1939–47

Geschichte mini|Die Stadtquartiere von Bayonne Polo Beyris bildet heute zusammen mit Saint-Amand einen der sieben Bezirke der Stadt Bayonne. Wie der Name Polo Beyris schon andeutet, gab es in Beyris zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein etwa 8 Hektar großes privates Polofeld. Dieses wurde 1937 von der Stadt Bayonne erworben, um auf dem Gelände eine Schule und einen Sportplatz zu errichten. Diese Pläne kamen nicht mehr zur Ausführung.Collectif pour la Mémoire du Camp de Beyris: Le camp du Polo Beyris à Bayonne, Beiträge zu einer Konferenz des Vereins Partage et Culture en Aspe, März 2018 Dafür begann Anfang 1939 die sich über vier Phasen erstreckende Geschichte des Internierungslagers, die sich dadurch auszeichnete, dass sehr unterschiedliche Gruppen nacheinander und manchmal gleichzeitig im selben Lager interniert wurden. „Die Ankunft der einen folgte dicht auf die Abreise der anderen, wie in einem schlechten Theaterstück.“Claude Laharie, zitiert nach John C. Guse: Polo Beyris: A Forgotten Internment Camp in France, 1939–47

Lager für spanische Bürgerkriegsflüchtlinge, 1939 In einem verlassenen Militärkrankenhaus in Bayonne waren bereits seit Ende 1936 und verstärkt ab 1937 mehrere Hundert Flüchtlinge aus Spanien untergebracht. Nach dem sich abzeichnenden Sieg der Franco-Truppen verstärkte sich Ende 1938 der Zustrom republikanisch gesinnter Menschen über die Pyrenäen hinweg in den Süden Frankreichs. Diese Fluchtbewegung, die Retirada, erreichte ihren Höhepunkt in den ersten Monaten des Jahres 1939 und führte dazu, dass in Bayonne weitere Unterkunftsmöglichkeiten für die Flüchtlinge geschaffen werden mussten. Die Präfektur beschlagnahmte für diesen Zweck die Einrichtungen des Polo de Beyris.

Anfang September beherbergte das Zentrum 440 Flüchtlinge: 56 Männer, 183 Frauen und 201 Kinder. Das Lager bestand zu diesem Zeitpunkt aus fünf Reihen unbeheizter Gebäude, die von Zäunen oder hohen Brombeerhecken umgeben waren und von französischen Gendarmen bewacht wurden. Zwischen Februar und September 1939 starben im Lager 20 Menschen, darunter 18 Kinder.Jacques Pons: "Polo Beyris, un camp oublié à Bayonne"

Ende September 1939 wurde das "Centre d'hébergement du Polo" geschlossen; 260 Frauen und Kinder wurden zwangsweise an die spanische Grenze zurückgebracht. Nach Guse erklärte der Präfekt der unteren Pyrenäen am 2. Oktober, dass das Zentrum „vollständig evakuiert“ worden sei. Zusätzlich zu den 260 nach Spanien ausgelieferten Flüchtlingen seien weitere 16 ins Camp de Gurs geschickt worden. In einer anderen Quelle ist zudem die Rede davon, dass arbeitsfähige Männer in verschiedene Internierungslager verlegt und dann in Kompanien ausländischer Arbeiter zusammengefasst wurden, um die französischen Kriegsanstrengungen zu unterstützen.Jacky Tronel: Les 4 vies du camp de Polo-Beyris

Frontstalag 222, 1940–1944 Nach dem Waffenstillstand von Compiègne (1940), der die Niederlage Frankreichs nach dem Westfeldzug besiegelte, errichtete die deutsche Wehrmacht im besetzten Teil Frankreichs sogenannte Frontstalags zur Internierung der gefangen genommen französischen Soldaten. In sie wurden auch die aus den französischen Kolonien stammenden Soldaten gebracht, die zuvor nach Deutschland deportiert, ab September 1940 aber wieder zurück nach Frankreich verlegt worden waren. Ein Ort zu ihrer Unterbringung wurde der Frontstalag 222, der zunächst in Peyrehorade eingerichtet, dann aber dauerhaft in Bayonne etabliert wurde.Kriegsgefangenenlager: Liste

Am 27. August 1940 wurde das Camp Polo Beyris von den Deutschen beschlagnahmt und für seine künftige Verwendung kräftig erweitert.

Die Gefangenenbaracken boten jeweils Platz für 80 bis 100 Personen und verfügten über hölzerne Etagenbetten mit Strohauflagen. Die Belegung des Lagers begann im September oder Oktober 1940 mit 800 Gefangenen und erreichte im Januar 1944 mit 6.804 Gefangenen ihren Höchststand. Diese waren jedoch nicht alle im Hauptlager untergebracht, sondern auch in bis zu 20 Außen- oder Arbeitslagern, wo sie von der Organisation Todt beim Bau des Atlantikwalls eingesetzt wurden oder auch zur Arbeit in Munitionsdepots, bei Erd- und Forstarbeiten. Die Gefangenen kamen aus allen Teilen des französischen Reiches, mehrheitlich aber aus Nordafrika, und da wiederum vor allem aus Algerien.

Nach Guse war die Lebensmittelversorgung der Frontstalags im Südwesten die schlechteste in ganz Frankreich, und die Gefangenen litten entsprechend darunter – auch wenn sie in Bayonne Möglichkeiten zur Selbstversorgung besaßen und mit der Unterstützung durch die lokale Bevölkerung rechnen konnten. Es kam zu Krankheiten und Todesfällen, vor allem in Folge von Tuberkulose und auch durch Arbeitsunfälle oder als Folge gescheiterter Fluchtversuche. Insgesamt 150 Gefangene starben in der Krankenstation und den Krankenhäusern des Lagers, 40 von ihnen – nach einer anderen Quelle: 52 – wurden auf einem Friedhof in Anglet begraben, 102 auf dem Saint-Léon-Friedhof in Bayonne.

Am 22. August 1944 wurde der Frontstalag 222 in Beyris befreit und von allen Bewohnern geleert. Einige der Gefangenen kam in der Umgebung unter, doch „am 31. August 1944 wurden alle ehemaligen Gefangenen in der Lokalzeitung La Résistance Républicaine aufgefordert, sich in der Kaserne in Bayonne zu melden, da sie sonst wegen Desertion angeklagt würden. […] Einige Häftlinge wurden in ihrem ehemaligen Lager zu Wächtern, als es zur Aufnahme deutscher Kriegsgefangener umfunktioniert wurde.“„On August 31 an announcement in the locally printed newspaper, La Résistance Républicaine, ordered all former prisoners to report to the military barracks in Bayonne or face charges of desertion. […] Some prisoners became guards at their former camp when it was converted to hold German prisoners of war.“

Die Ära der Säuberungen, 1944–1945 Mit dem Abzug der Deutschen begannen die Verfolgungen jener Franzosen, die der Kollaboration mit den Besatzern verdächtigt wurden. Im Zuge der damit einhergehenden Säuberungen (épuration) wurden in der Region um Bayonne Hunderte mutmaßlicher oder tatsächlicher Kollaborateure und Schwarzmarkthändler festgenommen und an verschiedenen Orten inhaftiert: Zuerst im Maison Blanche in BiarritzDas Maison Blanche war ein Hotel in Biarritz, das während der Besatzung von den Deutschen als Gefängnis benutzt wurde. (Retours vers les Basses-Pyrénées) und im Château-NeufMinistère de la Culture: Château-Neuf. Die Seite enthält allerdings keine Hinweise auf die Verwendung der Anlage in der Kriegs- und Nachkriegszeit. oder in der Villa ChagrinDas Gefängnis von Bayonne wurde im lokalen Sprachgebrauch als Villa Chagrin oder auch als Villa of Sorrow bezeichnet. Der Bau des im Stadtteil Saint-Esprit gelegenen Komplexes begann 1879, aber erst 1891 wurde das Gefängnis in Betrieb genommen. Es wurde kurz nach der Besetzung Frankreichs im Juni 1940 von deutschen Streitkräften besetzt und zur Inhaftierung politischer Gefangener genutzt. (Frank Falla Archive: Channel Islander Imprisoned in Bayonne Prison: William Henry Symes) in Bayonne. Die Häftlinge dieser Anstalten wurden am 18. September 1944 in das wiedereröffnete Camp Polo Beyris verlegt. Genutzt wurde hierfür allerdings nur ein Teil des Lagerareals, und obwohl es weit weniger angeklagte Kollaborateure als koloniale Kriegsgefangene gab, änderte sich an den schlechten Zuständen im Lager wenig. Männer und Frauen wurden in getrennten Baracken untergebracht, die Stacheldrahtumzäunung bestand fort und ebenso die Bewachung von den fünf Wachtürmen aus.

Camp Polo Beyris wurde jetzt offiziell als Konzentrationslager bezeichnet, was aber nach Guse „ein neutraler Begriff“ war, da Polo Beyris nie ein Lager war, dessen Häftlinge zur Deportation in Konzentrations- oder Vernichtungslager der Nazis bestimmt waren.

Das Camp diente in seiner neuen Funktion sowohl als VerwaltungsinternierungslagerDamit sind Personen gemeint, die aufgrund einer behördlichen Anordnung, jedoch ohne ein Gerichtsurteil interniert wurden., als auch als Triagezentrum bis zu einer Entscheidung über eine Überstellung der Lagerinsassen an die Justizbehörde, deren Entlassung in Hausarrest oder zur Haftfortsetzung im Lager Gurs. Bis zum 20. April 1945 waren dort 765 Zivilisten eingesperrt, von denen 259 nach Gurs überstellt wurden. Guse nennt leicht abweichende Zahlen, da aufgrund der ständigen Zu- und Abgänge exakte Zahlen nicht vorliegen, und geht davon aus, dass mindestens 800 Angeklagte die Tore von Polo Beyris passiert haben. Nach Jacques Pons gehörten dazu auch etwa 15 Bürgermeister aus dem (französischen) Baskenland.

Lager für deutsche Kriegsgefangene, 1944–1947 Im November 1944 trafen im Polo Beyris die ersten deutschen Kriegsgefangenen ein. Sie waren im August 1944 gefangen genommen und zunächst in Gurs festgehalten worden. Da sich zu dieser Zeit im Polo Beyris noch die mutmaßlichen oder tatsächlichen Kollaborateure aufhielten, wurde das Lager in zwei separate Teile aufgeteilt. Nach dem 20. April 1945, dem Tag des Abzugs der der Kollaboration beschuldigten Franzosen, wurde das komplette Camp für die Unterbringung der deutschen Kriegsgefangenen genutzt unt fortan unter der Bezeichnung Dépôt 189 geführt. Es war das einzige Kriegsgefangenenlager an der südlichen Atlantikküste. Pons berichtet von 8.600 deutsche Soldaten, die hier untergebracht gewesen seien. Wie sich diese Zahl entwickelte und zusammensetzte, lässt sich bei Guse nachverfolgen.

Die Kriegsgefangenen, zu denen auch ein Kontingent ehemaliger SS-Truppen gehörte, wurden außer im Camp Polo Beyris auch in einer Vielzahl von Außenarbeitslagern untergebracht. Damit sollte einerseits einer Überfüllung des Hauptlagers entgegengewirkt werden; andererseits ging es aber auch darum, dem akuten Arbeitskräftemangel in einem Land zu begegnen, das nach der Besetzung wieder aufgebaut werden sollte. Nach einer Quäker Erhebung existierten im November 1945 bereits 132 Außen-Arbeitskommandos, in denen – bei einer Gesamtbelegung von 3.775 MannSECOURS QUAKER – Délégation de Toulouse: Camp du POLO BEYRIS-BAYONNE – 68 % der Lager-Häftlinge eingesetzt waren. Im März 1946 war die Zahl der Außenkommandos auf 150 gestiegen und betraf nun 77 % der Lagerinsassen. Die Gefangenen mussten Kriegsschäden beheben und Strände, Dünen und Klippen von deutschen Minen räumen. Einen Eindruck von den Bedingungen in einem solchen Außenkommando vermitteln die Erinnerungen von Horst Fusshöller, der sich vom Polo Beyris aus freiwillig zum Minenräumdienst gemeldet hatte. Er wurde in Biarritz eingesetzt, und das entsprechende Außenkommando befand sich in Anglet.Horst Fusshöller: Erinnern ohne Groll

Nach Guse litten die Kriegsgefangenen vor allem unter der Lebensmittelknappheit und einem gravierenden Mangel an angemessener Kleidung. Hinzu kamen die ständigen Belästigungen durch Läuse und Flöhe, die oft nur durch den Einsatz von DDT abgemildert werden konnten.