Ravanne, auch ravann, ravane, ist eine einfellige runde Rahmentrommel, die auf den östlich von Afrika im Indischen Ozean gelegenen Inseln Mauritius, Réunion, Rodrigues und auf den Seychellen (hier moutya genannt) im Tanzmusikstil Sega (Moutya) gespielt wird. Name und Form der mit beiden Händen geschlagenen ravanne lassen sich von Madagaskar über Sri Lanka (rabana) auf einen Kultureinfluss aus Südostasien zurückführen, wo rebana hauptsächlich in Malaysia und Indonesien eine Gruppe von zu islamischen Musikstilen gehörenden Rahmentrommeln bezeichnet.

Der Musikstil Sega mit seinen charakteristischen Musikinstrumenten, der Rahmentrommel und der Floßrassel maravanne, ist außerdem mit mutmaßlichen Vorläufern an der ostafrikanischen Küste verbunden. Von dort verschleppten europäische Kolonialisten schwarze Sklaven im 17. Jahrhundert auf die zuvor unbesiedelten Inseln, wo nach einigen Jahren von den Plantagen geflohene Sklaven (Maroons) den später Sega genannten Stil entwickelten. Der traditionelle Sega, auch sega ravanne oder sega tipik, gilt heute als Nationalkultur von Mauritius. mini|Rahmentrommel moutya auf den Seychellen

Herkunft und Verbreitung mini|Rahmentrommel rebana (auch kompang) der Malaiischen Halbinsel mit angenagelter Ziegenhaut. Bei Prozessionen, Hochzeiten und an islamischen Feiertagen gespieltJack Percival Baker Dobbs, Patricia Matusky: Kompang. In: Grove Music Online, 28. Mai 2015 Der malaiische Name rebana (auch rabana, rebano) steht für Rahmentrommeln, die in Indonesien und Malaysia vorwiegend zur Begleitung muslimischer Gesänge (hadrah, kasidah), Prozessionen und in den Ensembles einiger Theaterformen (zapin) verwendet werden. Seit dem Anfang des 1. Jahrtausends wurden die Malaiischen Inseln von der indischen Kultur beeinflusst, ab dem 13. Jahrhundert verbreitete sich von Indien kommend der Islam. Ihrem Namen und ihrer Form nach gelangten einige Musikinstrumente mit aus Indien kommenden Seefahrern und Händlern in dieser Zeit nach Südostasien.

Auf den ostindonesischen Molukken-Inseln heißt die Rahmentrommel ravana und in Sri Lanka rabana (). Sri Lanka ist auch die Heimat des mythischen Dämonenkönigs Ravana (රාවණා), der die alte indische Streichlaute ravanahattha („Hand des Ravana“) erfunden haben soll. Der Name ravani (Sanskrit ravana, „schreien“, „Geschrei [eines Esels]“) für ein mutmaßliches Streichinstrument wird erstmals in dem auf Sanskrit verfassten musiktheoretischen Werk Sangita Makaranda (wahrscheinlich 7.–9. Jahrhundert) erwähnt.Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instrument of India: Their History and Development. Munshiram Manoharlal Publishers, Neu-Delhi 1978, S. 167 Das von Südostasien bis zu den Maskarenen verbreitete Wortumfeld der Rahmentrommeln lässt sich nicht nur sprachlich mit der Schöpferfigur des Ravana verbinden.Vgl. Catherine Servan-Schreiber: Indian Folk Music and ‘Tropical Body Language’: The Case of Mauritian Chutney. In: South Asia Multidisciplinary Academic Journal, 2011, Absatz 8 Einer Volkserzählung in Sri Lanka zufolge übergab Pulastya, der Großvater von Ravana, das göttliche Wissen über das Trommelspiel an die Veddas, die Ureinwohner Sri Lankas, und diese gaben es an die Trommlerkaste Berava weiter. Berava ist von singhalesisch bera abgeleitet, der allgemeinen Bezeichnung für Trommeln auf der Insel.Jim Sykes: On the Sonic Materialization of Buddhist History: Drum Speech in Southern Sri Lanka. In: Analytical Approach to World Music Journal, Band 6, Nr. 2, 2018, S. 1–74, hier S. 56 Der Name ravanne für die Rahmentrommel in Mauritius soll vom tamilischen Wort für „Rahmentrommel“ iravanam abstammen,Music of the Indian Ocean: Instruments (Organology). Studenten der Stone Brook University, New York, unter Leitung von Andrew J. Eisenberg, 2009. „Iravanaum“ ist offenbar Falschschreibung. Übernommen in: Penda Choppy, 2021, S. 35 mit derselben Bedeutung und abgeleitet von Sanskrit ravana.Tamil Lexicon. Supplement. University of Madras, 1939, S. 127 Mit der Herleitung ravan von Tamil iravānam („Rahmentrommel“)P. Baker, V. Y. Hookoomsing: Diksyoner kreol morisyen: Dictionary of Mauritian Creole. l'Harmattan, Paris 1987, S. 271 wird der Rahmentrommel des Sega ein südindischer Ursprung zugeschrieben.Tejshree Auckle: Code-switching, language mixing and fused lects: Emerging trends in multilingual Mauritius. (Dissertation) Department of Linguistics, University of South Africa, 2015, S. 260, hier „iravanum“

In Indien sind einige Rahmentrommeln mit und ohne Schellen bekannt, die aber abgesehen von der südindischen kanjira (mit Schellen) nur in regionalen Volksmusikstilen gespielt werden, darunter die daphri in Gujarat und die tammata in Südindien. Der ravanne am ähnlichsten ist die altehrwürdige parai (auch thappu) ohne Schellen und mit aufgeklebter Membran in Tamil Nadu.

Allgemein akzeptierten Ausbreitungstheorien zufolge gab es Ende des 1. Jahrtausends einen Kulturtransfer mit Seefahrern von Südostasien bis zur ostafrikanischen Küste. So lassen sich einige in beiden Regionen vorkommende Musikinstrumente mit ihren gemeinsamen Merkmalen erklären. Ein Beispiel sind Bambusröhrenzithern wie die sasando in Indonesien und die valiha in Madagaskar, die ansonsten in Afrika nicht vorkommen. Den Namen valiha leitet Curt Sachs (1938) von Sanskrit vadya („Musikinstrument“) her.Curt Sachs, 2020, S. 48f Als mulumbaJean-Paul und Marie-Célice Barallon: Mouloumpa – Tube Zither of Seychelles. The Creole Melting Pot, 11. Februar 2022 lebt die Bambusröhrenzither in ihrer Form unter der schwarzafrikanischen Bevölkerung auf den Seychellen weiter, wird aber hier als Trompete geblasen.Roger Blench, 2014, S. 681 Auch die Konstruktion der ost- und zentralafrikanischen Plattstabzithern wie der zeze verweist auf einen indonesischen Ursprung. Sie gelangten mutmaßlich über Sri Lanka auf einer nördlichen Route durch den Indischen Ozean zunächst an die ostafrikanische Küste und anschließend nach Madagaskar.Ulrich Wegner: Afrikanische Saiteninstrumente. (Veröffentlichungen des Museums für Völkerkunde Berlin. Neue Folge 41. Abteilung Musikethnologie V) Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1984, S. 32 Hinzu kommen linguistische Vergleiche, wonach das auf Madagaskar gesprochene Malagasy am nächsten mit einer malayo-polynesischen Sprache auf Borneo verwandt ist.Roger Blench: Evidence for the Indonesian origins of certain elements of African culture: A review, with special reference to the arguments of A. M. Jones. In: African Music, Band 6, Nr. 2, International Library of African Music, 1982, S. 81–93, hier S. 88

mini|Einfellige parai, auch thappu, mit aufgeklebter Kalbshaut. Mit zwei Stöckchen gespielt. Tamil Nadu, Südindien Madagaskar wurde außer von Südostasien auch von der sich von Arabien entlang der ostafrikanischen Küste nach Süden ausbreitenden islamisch-arabischen Kultur beeinflusst. So gelangte die jemenitische Schalenhalslaute qanbus über die Komoren (gabusi) nach Madagaskar (kabosy) und die orientalische Rahmentrommel tar mit Schellenkranz steht namentlich mit der tari von Mayotte, der tar auf den Komoren und der thaara auf den Malediven in Verbindung. Die letztgenannten Rahmentrommeln besitzen jedoch keine Schellen.Fanie Précourt: Instruments de musique: Les membranophones de Mayotte. Phonothèque Historique de l'Océan Indien, 14. Februar 2023 In diese Gruppe der einfachen Handzargentrommeln gehört auch die amponga tapaka in Madagaskar. Ihre Membran aus Rindshaut oder Ziegenhaut ist verschnürt und (mit Holzstiften) am Rahmen angenagelt. Eine madegassische Tontrommel mit einem kegelförmigen, unten enger werdenden Rahmen vergleicht Curt Sachs (1938) mit einer 1904 beschriebenen Spielzeugtrommel von der Malaiischen Halbinsel.Curt Sachs, 2020, S. 27 (zuerst veröffentlicht als: Les Instruments de Musique de Madagascar, Paris 1938). Verweist auf: Henry Balfour: Report on a Collection of Musical Instruments from the Siamese Malay States and Perak. In: Fasciculi Malayenses Anthropological and Zoological results of an expedition to Perak and the Siamese Malay States, 1901–1902 undertaken by Nelson Annandale and Herbert C. Robinson. (Anthropology, Teil II, a) Published for the University Press of Liverpoole by Williams & Norgate, London 1894, S. 1–18, hier S. 4f, Tafel XX, Bild 4. Auf dem afrikanischen Festland südlich der Sahara sind nur vereinzelt regional Rahmentrommeln bekannt.Vgl. Heike Nixdorff: Zur Typologie und Geschichte der Rahmentrommeln. Kritische Betrachtungen zur traditionellen Instrumententerminologie. (Baessler-Archiv. Beiträge zur Völkerkunde. Neue Folge, Beiheft 7) Verlag von Dietrich Reimer, Berlin 1971, S. 120f In Mosambik sind die meisten Trommeln zylindrisch oder konisch mit einer aufgenagelten Membran. Die Rahmentrommel daira gehört dem arabischen Namen nach hauptsächlich zur islamischen Kultur im Norden Mosambiks.Andrew Tracey: Mozambique. 3. Instruments and instrumental music. (ii) Membranophones. In: Grove Music Online, 2001 Die aus der Karibik stammende und an der westafrikanischen Küste verbreitete quadratische Rahmentrommel gumbe steht als Symbol einer kreolischen Kultur mit der ravanne in Verbindung.Obwohl ein Begriff wie „kreolische Musik“ wenig brauchbar ist, werden Sega, Moutya und die verwandten Musikstile im Indischen Ozean mit kreolischen Musikstilen in der Karibik wie Soca (Trinidad und Tobago), Gwoka (Guadeloupe) und Bélé (Martinique) verglichen. Vgl. Marie-Christine Parent, 2021, S. 3f

Der frühe Transfer von Musikinstrumenten aus Südostasien auf dem Seeweg nach Afrika könnte nach Ansicht von Roger Blench (2014) außerdem in umgekehrter Richtung von Afrika bis nach Ostasien erfolgt sein. Es gilt als gesichert, dass zur Zeit der Tang-Dynastie (618–907) arabische Händler regelmäßig afrikanische Sklaven über Indien (heutige Siddi) bis nach China brachten. Chinesischen Quellen zufolge wurden Elfenbein, Rhinozeroshörner und Sklaven von der ostafrikanischen Küste eingeführt. Teilweise werden darin mythische Vorstellungen von Madagaskar wiedergegeben. Im 10. Jahrhundert sollen aus „Waq-Waq“ stammende Räuber und Händler mit Schiffen von Sumatra zu einer bisher nicht lokalisierbaren Insel vor der ostafrikanischen Küste gefahren sein. Seitdem gab es offenbar einen blühenden Sklavenhandel durch den Indischen Ozean bis nach Südost- und Ostasien.

Im 17. Jahrhundert traten europäische Händler und Kolonialisten als neuer Einflussfaktor im Indischen Ozean auf. Sie besetzten die Komoren, Réunion, Mauritius und die Seychellen, die bis auf die Komoren zuvor unbesiedelte Inseln waren. Hierzu brachten sie Sklaven aus Afrika mit, deren Nachfahren heute einen großen Teil der Bewohner bilden. Die Inseln wurden französische Kolonien, nur die Seychellen gingen 1814 in britischen Kolonialbesitz über. In der Musik der Seychellen hat sich von den Franzosen etwa der Contredanse aus dem 18. Jahrhundert erhalten. Einer der aus Afrika stammenden Einflüsse auf den Inseln ist der in der afrikanisch-arabischen Swahili-Gesellschaft entstandene Musikstil Taarab.Roger Blench, 2014, S. 695–697 Die ostafrikanische Kultur der Swahili stellt das Bindeglied zur arabischen Musik dar. So wird die orientalische Rahmentrommel tar in Lamu an der kenianischen Küste unter dem Namen twari (auch tari, Plural matwari) in der islamischen Musik verwendet.Malcolm Floyd: A Bibliographical Index of Kenyan Musical Instruments. In: The Galpin Society Journal, Band 58, Mai 2005, S. 132–159, hier S. 136 Die Membran der twari wird wie die ravanne mit beiden Händen geschlagen, aber beim Spiel anders gehalten.Alan Boyd: The musical instruments of Lamu. In: Kenya Past and Present, Nr. 9, 1978, S. 3–7, hier S. 4