mini|hochkant|Die Neue Synagoge in Berlin
Die Geschichte der Juden in Deutschland ist die einer seit mehr als 1700 Jahren im deutschen Sprachraum – wie in ganz Mitteleuropa – lebenden ethnischen und religiösen Minderheit.
Die sehr unterschiedlich dokumentierten Epochen dieser Geschichte wechselten zwischen Blütezeiten, in denen Toleranz gegenüber Juden herrschte, und Zeiten antijudaistischer Verfolgungen und antisemitischer Gewalt, die im 20. Jahrhundert zum Holocaust führte.
Zwischen 1990 und 2015 wuchs die Zahl der deutschen Juden dank Einwanderern aus Osteuropa und Israel an.Welcome to the Fastest-growing Jewish Community in the World: Germany, in: Haʾaretz vom 27. Januar 2012, abgerufen am 14. August 2018. Die größten jüdischen Gemeinden sind heute die in Berlin, München, Düsseldorf und Frankfurt am Main.
Das deutsche Judentum hat sowohl die Kultur der gesamten jüdischen Welt als auch die Deutschlands in starkem Maße beeinflusst. So entwickelte sich die noch heute verbreitete Bezeichnung für aschkenasische Juden während des 9. Jahrhunderts im Rheinland. Zu den bekanntesten Kulturschaffenden deutsch-jüdischer Herkunft zählen u. a. Albert Einstein, Else Lasker-Schüler, Heinrich Heine, Felix Mendelssohn Bartholdy, Hannah Arendt und Karl Marx.
Antike, Völkerwanderung und Frankenreich 200–1000 Juden lebten bereits in der Antike in der römischen Provinz Germania inferior.Nachum T. Gidal: Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik. Könemann, Köln 1997, ISBN 3-89508-540-5, S. 24 f. Für die Berufung in ein städtisches Amt waren hier Grundbesitz und ein ausreichendes Ansehen der Person Bedingungen. Doch auch wenn Juden diese erfüllten, blieb ihnen der Zugang zu öffentlichen Ämtern verwehrt. Ihre Religion war als religio licita (erlaubte Religion) anerkannt. Damit waren sie vom Kaiserkult und den Opfern an die römischen Staatsgötter befreit. Diese waren jedoch vorausgesetzt, um ein öffentliches Amt zu bekleiden.Tacitus, Historiae 5,5,4. Die Kaiser Septimius Severus und Caracalla ließen Juden mit einem Edikt (zwischen 198 und 211Das genaue Jahr des Erlasses ist nicht überliefert. Die Datierung ergibt sich aus dem Regierungsantritt des Caracalla als Mitkaiser 198 und dem Tod des Septimius Severus 211.) ausdrücklich zu den Ämtern zu und dispensierten sie von Pflichten, die gegen ihren Glauben verstoßen würden.Ulpian, Dig. 50,2,3,3: „Eis, qui Iudaicam superstitionem sequuntur, divi Severus et Antoninus honores adipisci permiserunt, sed et necessitates eis imposuerunt, qui superstitionem eorum non laederent.“ – „Denen, die dem jüdischen Aberglauben folgen, haben die vergöttlichten Severus und Antoninus gestattet, Ehrenämter zu übernehmen, aber sie haben ihnen auch alle Verpflichtungen auferlegt, die ihren (Aber)glauben nicht verletzen.“ – Corpus Iuris Civilis, Bd. 1: Institutiones, hrsg. v. Paulus Krueger. Digesta, hrsg. v. Theodor Mommsen, 5. Auflage, Weidmann, Berlin 1889 S. 844 (online). In der Spätantike verweigerte sich jedoch die römische Oberschicht zunehmend diesen kostspieligen Ämtern, sodass die römische Verwaltung in eine Krise geriet. So gilt das an den Kölner Stadtrat ergangene Dekret Kaiser Konstantins des Jahres 321, das auch Juden die Berufung in die curia erlaubte bzw. sie auch gegen ihren Willen in die Pflicht nahm,Werner Eck: Köln in römischer Zeit. Geschichte einer Stadt im Rahmen des Imperium Romanum. In: Hugo Stehkämper (Hrsg.): Geschichte der Stadt Köln in 13 Bänden. Bd. 1. Köln 2004, ISBN 3-7743-0357-6, S. 325. als frühester Beleg für die Existenz einer jüdischen Gemeinde in Köln. Das kaiserliche Dekret ist im Codex Theodosianus überliefert mit folgendem Wortlaut:
mini|Schacht der Kölner Mikwe, 8.–11. Jahrhundert
Ob es in den rheinischen Städten Köln, Trier, Mainz, Worms und Speyer durchgehend jüdische Siedlungen gab, ist ungewiss. Möglicherweise bestanden nach dem Abzug der Römer und der germanischen Landnahme einige jüdische Siedlungen weiter. Ihre rechtliche Stellung war während der römischen Zeit gesichert und Juden besaßen das volle Bürgerrecht.Hans-Jochen Gamm: Das Judentum. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1998, S. 81. Auf der germanischen Seite des Rheins und nördlich der Donau lebten dagegen keine Juden; zumindest sind sie in der Antike historisch nicht nachweisbar. Eine kontinuierliche Besiedlung begann wahrscheinlich erst in ottonischer Zeit.
Wie Juden nach der Völkerwanderungszeit in die Gebiete rechts des Rheins und nördlich der Donau gelangten, ist weitgehend unerforscht. Erst in den letzten Jahren wird das Material anhand des Zentralarchivs zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland untersucht. Für das Ostfrankenreich sind jüdische Gemeinden auf ehemals römischem Boden sicher nachweisbar. Ein bis heute erhaltenes jüdisches Bauwerk aus dieser Zeit ist die Kölner Mikwe, deren erste Bauphase auf das 8. Jahrhundert datiert wird. Der erste namentlich bekannte Jude ist der Großkaufmann Isaak am Hof Kaiser Karls des Großen,Arno Herzig: Jüdische Geschichte in Deutschland – Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 2. Auflage. C. H. Beck, München 2002, S. 24. den der Kaiser 797 bis 802 in einer Gesandtschaft nach Bagdad zum Kalifen Hārūn ar-Raschīd schickte und der einen Elefanten namens Abul Abbas von dort mitbrachte.
Von Ludwig dem Frommen sind um 825 gegebene Privilegien überliefert, die den Juden Vergünstigungen einräumten und unter anderem deren Aktivitäten im Sklavenhandel zwischen Böhmen und Spanien regelten. Als Gegner des Judentums, seiner Rechte und Rolle im Frankenreich positionierte sich Agobard, der Erzbischof von Lyon.
Mittelalter 1000–1520 Blütezeit im Frühmittelalter mini|Heinrich VII. mit Juden 1312 in Rom
Im 10. und 11. Jahrhundert stieg die Zahl der Juden stark an. Betrug sie im 10. Jahrhundert noch um 5000, hatte sie sich bis ins 11. Jahrhundert auf 20.000 vervierfacht. Im 10./11. Jahrhundert wanderten aus Italien und Südfrankreich jüdische Kaufleute in rheinische Städte ein. Die dortigen jüdischen Gemeinden erlebten ihre Blütezeit. Juden gingen Ende des 10. Jahrhunderts auch weiter ostwärts nach Magdeburg und Merseburg. Überall erhielten sie sehr günstige Privilegien durch die ottonischen und salischen Herrscher (z. B. Kaiser Heinrich IV.), die ihre Wirtschaftskraft nutzten. Das rheinisch-süddeutsche Gebiet hieß hebräisch Aschkenas, was bald ganz Deutschland (dt. Sprachraum) bezeichnete. In den SchUM-Städten Speyer, Worms, Mainz und in Regensburg wurden auf hohem Niveau jüdische Studien betrieben. Der Gelehrte Raschi (1040–1105) absolvierte sein Studium in Mainz und Worms, bevor er seine Lehrtätigkeit in Troyes aufnahm. Das bischöfliche Privileg für die in Speyer aufgenommenen Juden von 1084 übernahm 1090 Kaiser Heinrich IV. für Worms, und es wurde zum weiteren Vorbild: 1157 übertrug es Kaiser Friedrich I. auf weitere Fälle. Die ersten Synagogen entstanden in Köln 1012, Worms 1034 und Trier 1066, daneben standen bald Schul- und Lehrhäuser (Jeschiwa). Auch jüdische Friedhöfe wurden angelegt. Der älteste in situ erhaltene ist der Heilige Sand in Worms. Judenquartiere (Judengasse) wuchsen weniger aus Zwang als aus praktischen Gründen (Sabbatgebot, Mikwe). Unter Duldung der christlichen Obrigkeit entstand eine Selbstverwaltung (Kehillah), die sich um Steuern, Kultus und Schule kümmerte und Statuten erlassen durfte. Familien von jüdischen Kaufleuten knüpften Verbindungen bis nach Italien und weiter.
Im 12. Jahrhundert betrieben Juden zunehmend das Kreditgeschäft als Folge des auf Christen beschränkten Zinsverbots. Auch sind jüdische Ackerbürger und Handwerker bekannt, die allerdings nicht in die christlichen Zünfte hineinkamen. Das Verhältnis der Juden zum Umfeld war entspannt, einzelne Schutzjuden oder ganze Gemeinden hatten Schutzbriefe des Königs, die allerdings meist nur nach erheblichen Gegenleistungen überwiegend finanzieller Art gewährt wurden und jederzeit und ohne Begründung zurückgenommen werden konnten.Henning Eichberg: Minderheit und Mehrheit. Lit Verlag, Berlin 2011, S. 14 f.
Verfolgungen und Entwicklung eines Sonderrechts mini|Judengasse (Trier) mit der Judenpforte; das Haus Nr. 2 (rechts, mit gotischen Bogenfenstern) ist das älteste erhaltene jüdische Haus in Deutschland, Keller von 1235, Fassade um 1311.
Dies änderte sich nach den Pogromen gegen jüdische Gemeinden, die während des Ersten Kreuzzugs ab 1096 unter Papst Urban II. stattfanden. Vor Beginn der Kreuzzugspogrome gab es im Reich nur wenig mehr als ein Dutzend jüdischer Gemeinden.Alfred Haverkamp: Siedlungs- und Migrationsgeschichte der Juden in den deutschen Altsiedellanden, S. 15. Die Juden in den rheinischen Städten fanden nur unzureichenden Schutz vor den Kreuzfahrern bei den bischöflichen Stadtherren wie dem Trierer Bischof Engelbert von Rothenburg. Viele zogen den Selbstmord der Zwangstaufe vor. Im 1. Mainzer Reichslandfrieden 1103 wurde Juden unter anderem das Recht, eine Waffe zu tragen, abgesprochen. Sie bildeten nun eine schutzbedürftige Gruppe im Personenstand minderen Rechts. Am Ende stand (zuerst 1236 nach dem Fuldaer Judenprozess) die Kammerknechtschaft, die die Juden geschlossen als unfreie Kammerknechte des Kaisers Friedrich II. definierte. Dies garantierte ihnen zwar Schutz von Leben und Eigentum sowie eine autonome Gerichtsbarkeit in innerjüdischen Angelegenheiten, auf der anderen Seite waren damit der Verlust von persönlicher Freiheit und eine Belastung mit Sondersteuern verbunden. So entstand ein Sonderrecht für eine begrenzte Minderheit. Die Einnahmen aus der Kammerknechtschaft vergab der Kaiser teilweise an Reichsfürsten oder Städte.
Juden lebten in dieser Zeit weniger vom Warenhandel als von kleineren Darlehensgeschäften, auch als Ärzte und Techniker. Sie durften christliche Bedienstete und sogar Sklaven halten. Süßkind von Trimberg gehörte als Jude zu den mittelhochdeutschen Minnesängern. Gleichzeitig radikalisierte sich die kirchliche Haltung gegenüber den Juden, was zum Beispiel im 4. Laterankonzil 1215 zum Ausdruck kam. Das Konzil schrieb eine Kennzeichnung von Juden vor (Judenhut/Gelber Fleck), was sich jedoch erst im 14./15. Jahrhundert durchsetzte, und verbot in der Folge der kirchlichen Reformbewegungen des 11. Jahrhunderts Christen die Zinsleihe. Der einflussreiche Franziskaner Berthold von Regensburg nahm die Vorstellung von den Juden als Gottesmörder in die Predigt auf. Der Schwabenspiegel um 1275 forderte bereits eine striktere Trennung im Alltag, die aber bis 1350 nicht üblich wurde. Ritualmordvorwürfe betrafen Juden erstmals 1234/1235 in Lauda und Fulda. Kaiser Friedrich II. bekämpfte die Legenden um Ritualmorde. Parallel kam der Vorwurf des Hostienfrevels auf. Der marodierende verarmte Ritter (?) Rintfleisch zerstörte deshalb 1298 über 140 Gemeinden im mittel- und süddeutschen Sprachraum. 1336–1339 zogen die Armlederbanden durch Franken und das Elsass und töteten 5000 Juden. In Colmar wurden alle umgebracht.
mini|links|Christliche und jüdische Scholasten beim Disput (Holzschnitt 1483)